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Autogramm Toyota Yaris GRMN

Krawallschachtel!

Der Yaris ist der Inbegriff des Vernunftfahrzeugs: klein, sparsam, günstig. Doch jetzt hat Toyota eine Version auf die Räder gestellt, die das Gegenteil verkörpert, den Yaris GRMN - ein echter Knaller.

Toyota
Von
Mittwoch, 26.07.2017   14:20 Uhr

Der erste Eindruck: Giftzwerg!

Das sagt der Hersteller: Projektleiter Stijn Peeters weiß, dass man von Toyota zu allerletzt so ein Auto erwartet. Genau deshalb haben er und sein Team in den letzten zwei Jahren den Kleinwagen Yaris GRMN entwickelt, sagt er. Er dürfte auch noch einen anderen Grund geben: Nach 17 Jahren Abstinenz kehrte Toyota in der Saison 2017 in die World Rallye Championship zurück. Mit dem Yaris GRMN folgt sozusagen die zivile Ableitung des WRC-Rennautos.

"Um den Kleinwagen mit Emotionen aus dem Motorsport aufzuladen, haben wir dieses Auto als Brückenschlag zwischen dem WRC-Wagen und der Großserie gebaut", sagt Peeters mit Blick auf die Knallbüchse, die mit roten Dekorstreifen im düsteren Gesicht aussieht, als wolle sie Feuer spucken. Allerdings wird sich die Streuwirkung dieser Image-Granate in engen Grenzen halten, denn lediglich 400 Autos für ganz Europa werden gebaut.

Fotostrecke

Autogramm Toyota Yaris GRMN: Die Knallbüchse

Das ist uns aufgefallen: Bislang standen große Teile der Toyota-Produktpalette für Vernunft und den Segen des Spritsparens durch Hybridantrieb. Und selbst wenn sich die Designer mit Autos wie dem C-HR allmählich vom Spießer-Image emanzipieren, nimmt man Toyota den Kurswechsel bislang nicht so richtig ab.

Umso überraschender ist nun diese kleine Rennsemmel. Anders als der C-HR ist das Auto keine Kopfgeburt und keine wohlkalkulierte Provokation irgendwelcher Marketing-Strategen, sondern ein glaubwürdiges Kraftpaket. Das Kürzel GRMN setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben des Rennteams Gazoo Racing, das Toyotas sämtliche Rennaktivitäten von Le Mans bis zur WRC verantwortet und bei den Japanern ähnlich aufgestellt und angesehen ist wie die M GmbH bei BMW oder AMG bei Mercedes. MN steht für Masters of Nürburgring. Das ist jener erlauchte Kreis aus kaum einem Dutzend Werkstestfahrern, die sonst nur Supersportwagen wie den Lexus LFA bewegen.

Foto: Toyota

Sie kennen die Nordschleife wie ihre Westentasche, nennen die Grüne Hölle ihre Heimat und haben den Ringzwerg auf und um den Eifelkurs so abgestimmt, dass man mit den noch leicht getarnten Prototypen zumindest bei trockenem Wetter ungeheuer flott über den Asphalt fräsen kann. Das ist bei einem Fronttriebler mit rund 215 PS und knapp 250 Nm keine Selbstverständlichkeit.

Doch das neue Fahrwerk ist so firm, die Lenkung so spitz und die kleinen Breitreifen bauen so viel Grip auf, dass man selbst bei verschärfter Gangart nicht ständig von der ESP-Leuchte angeblitzt wird. Stattdessen knüppelt man den kurzen Schaltstummel durch die engen Gassen, lupft den Fuß immer nur ganz kurz und wundert sich, wie lebendig der sonst eher langweilige Yaris plötzlich wirkt. Und vor allem ist man dankbar dafür, dass Peeters und sein Team für das Sondermodell das griffigere Lenkrad des GT-86 und ein paar stramm geschnittene Sportsitze eingebaut haben.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Toyota Yaris GRMN - mit unserem 360-Grad-Foto:

Allerdings ist der Spaß schnell vorbei, wenn es auch nur ein bisschen feucht wird. Dann kommt der Yaris gehörig ins Schwimmen und der Fahrer noch mehr ins Schwitzen, wenn er versucht, diese wild gewordene Flipperkugel von Auto auf der Fahrbahn zu halten. Direkter übersetzte Lenkung hin und Sperrdifferential her - bei Nässe sucht sich der Kleinwagen einen eigenen Weg, rutscht beim Lenken unbeirrt über die Vorderachse dem äußeren Fahrbahnrand entgegen und reagiert auf heftige Richtungswechsel mit laszivem Hüftschwung, der schnell zur gefährlichen Pirouette werden kann.

Das muss man wissen: Wie ernst es Toyota mit dem Yaris GRMN ist, merkt man nicht zuletzt an der Wahl des Motors. Die Entwickler haben nicht einfach eines der Standardtriebwerke per Chip getunt, sondern ein Aggregat eingebaut, das es sonst in keinem anderen Toyota gibt. Jetzt steckt unter der kurzen Haube ein 1,8 Liter großer Vierzylinder, der von einem Kompressor aufgeladen wird und sonst nur bei der von Toyota belieferten Lotus Elise zum Einsatz kommt.

Diese Form der Aufladung hat Peeters, der bei der Abstimmung viel Hilfe von den Testfahrern und von den Entwicklern des Rennwagens bekommen hat, nicht ohne Grund gewählt. "Für einen Turbo hätten wir unter der Haube gar keinen Platz gehabt", sagt der Projektleiter und nennt den begrenzten Bauraum als eines der größten Probleme bei der Kraftkur. Nicht nur, weil es eng wurde für die Komponenten. "Sondern weil wir auch unsere liebe Mühe hatten, die Luft an den Lader und die Wärme wieder weg vom Motor zu bekommen." Die etwas größeren Nüstern trägt der grimmige Yaris GRMN deshalb nicht nur zur Show.

Der Rest des Umbaus dagegen war klassisches Tuninggeschäft, sagt Peeters und erzählt von strafferen Federn und Dämpfern, stärkeren Bremsen und dem Sperrdifferential für die Vorderachse. Was dem Projektleiter neben dem Luft- und Temperaturhaushalt des Yaris noch zu schaffen gemacht hat, war der äußerst knappe Zeitrahmen. Zwar sei die Entscheidung für den GRMN zusammen mit der Rückkehr in die WRC gefallen. "Doch hatten wir damit trotzdem nur zwei Jahre Entwicklungszeit", stöhnt Peeters. Und zumindest bis der eigentliche Rennwagen fertig war, konnte er dabei kaum auf große Hilfe der Gazoo-Spezialisten bauen. "Die hatten in dieser Zeit wahrlich anderes zu tun."

So ungewöhnlich das Auto, so unkonventionell ist auch das Vertriebskonzept. Denn die 400 Modelle kann man ausschließlich im Internet bestellen und muss dafür schon bei der Registrierung 1000 Euro auf ein Paypal-Konto einzahlen. Die restlichen 28.900 Euro werden dann binnen 90 Tagen fällig. Zwar soll die Auslieferung erst im Januar beginnen, doch die Website mit dem Bestellformular schaltet Toyota bereits am 27. Juli um 18 Uhr frei. "Dieser Termin ist bewusst gewählt", sagt Projektleiter Peeters. "Dann beginnt die erste Sonderprüfung beim WRC-Lauf in Finnland, und der Yaris WRC hat seinen nächsten Einsatz."

Das werden wir nicht vergessen: Ein paar Details haben Peeters und sein Team im Rausch des Rasens offenbar vergessen. Das Navigationssystem zum Beispiel ist so lahm, dass die Routenführung kaum hinterherkommt. Doch das darf man den Entwicklern wohl nicht übelnehmen, schließlich waren sie die mit dem Yaris GRNM meist auf der Nordschleife unterwegs - und da braucht man kein Navi.

Hersteller: Toyota
Typ: Yaris GRMN
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Kompressor-Benziner
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.789 ccm
Leistung: 212 PS (156 kW)
Drehmoment: 245 Nm
Von 0 auf 100: 6,5 s
Höchstgeschw.: 230 km/h
Verbrauch (ECE): 7,5 Liter
CO2-Ausstoß: 170 g/km
Kofferraum: 286 Liter
Preis: 29.900 EUR
insgesamt 85 Beiträge
balkus65 26.07.2017
1. Na ja
" Krawallschachtel " mit 1135 Kg + Kraftstoff + Insassen mit 212 PS kann er zwar Krawall machen, doch der Vortrieb kann da nicht so recht mithalten...Toyota eben.
" Krawallschachtel " mit 1135 Kg + Kraftstoff + Insassen mit 212 PS kann er zwar Krawall machen, doch der Vortrieb kann da nicht so recht mithalten...Toyota eben.
wanniii 26.07.2017
2. Yaris GRMN
Da der Yaris ohne den toyotatypischen Hybrid dafür als Benziner u. Kompressor gebaut wird steht GRMN wohl auch für German (deutsch). Fehlt nur noch ein Rallyauto mit Dieselmotor!
Da der Yaris ohne den toyotatypischen Hybrid dafür als Benziner u. Kompressor gebaut wird steht GRMN wohl auch für German (deutsch). Fehlt nur noch ein Rallyauto mit Dieselmotor!
observerlbg 26.07.2017
3. Toyota zeigt, dass sie auch Spielzeuge können.
Und so spektakulär kommt die kleine Rennsemmel auch nicht daher. Nicht mal typischer "Reiskocher". Aber wenns Spaß macht ;-) Nutzen wir die paar Jahre noch, die uns "Verbrennerliebhaber" bleiben, bis uns nur [...]
Und so spektakulär kommt die kleine Rennsemmel auch nicht daher. Nicht mal typischer "Reiskocher". Aber wenns Spaß macht ;-) Nutzen wir die paar Jahre noch, die uns "Verbrennerliebhaber" bleiben, bis uns nur Elektrokisten begleiten, wahlweise mit dem Klang eines Accuschraubers oder der U-Bahn. GB will nun auch ab 2040 alle Verbrenner verbieten.
DerBlicker 26.07.2017
4. das versteh ich auch nicht
Der Yaris ist ein leichter Kleinwagen mit 212 PS, und dann hat er keine besseren Fahrleistungen als ein 1,6 Tonnen schwerer BMW X1 25d SUV mit 231 PS? Was ist nur mit den Toyota PS los? In jeder Leistungsklasse bietet Toyota [...]
Zitat von balkus65" Krawallschachtel " mit 1135 Kg + Kraftstoff + Insassen mit 212 PS kann er zwar Krawall machen, doch der Vortrieb kann da nicht so recht mithalten...Toyota eben.
Der Yaris ist ein leichter Kleinwagen mit 212 PS, und dann hat er keine besseren Fahrleistungen als ein 1,6 Tonnen schwerer BMW X1 25d SUV mit 231 PS? Was ist nur mit den Toyota PS los? In jeder Leistungsklasse bietet Toyota Fahrleistungen am unteren Ende. Das lässt nicht auf hohe Technikkompetenz schließen.
bullermännchen 26.07.2017
5. Überschrift
"Ein echter Knaller"? Genau diese verschobene Einstellung ist es die echte Innovation verhindert. Hauptsache PS, hauptsache laut, hauptsache das Hirn nicht einschalten! Die Überschrift hätte lauten müssen [...]
"Ein echter Knaller"? Genau diese verschobene Einstellung ist es die echte Innovation verhindert. Hauptsache PS, hauptsache laut, hauptsache das Hirn nicht einschalten! Die Überschrift hätte lauten müssen "Unvernunft pur!" oder "Wie blöd muss man denn sein?" Um welchen Faktor werden die 170gr CO2 überschritten? Nein, ist doch alles Mist. Die Evolution hat irgendwie gerade eine zu lange Pause gemacht, sonst wären KFZ-Journalisten, die solche mittelalterliche Ansichten vertreten, längst Darwins Opfer. Hirn einschalten?
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