21.08.2008
VW Tiguan
Such den SUV
Von Jürgen PanderSeit knapp einem Jahr wird der VW Tiguan verkauft und die Erfolgsgeschichte ist imposant. Obwohl es im Feld der sogenannten Kompakt-SUV, also der Geländewagen mit rund 4,50 Metern Länge (der Tiguan misst 4,55 Meter), schon reichlich Auswahl gab, setzte sich der Spätstarter aus Wolfsburg auf Anhieb durch. Er wurde "Europas Allradauto des Jahres" und der meistverkaufte SUV in Deutschland. Allein im Juli wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg 3268 Modelle neu zugelassen. Für VW wird die Nachfrage fast schon zum Problem: Bei einigen Varianten, bestätigen Mitarbeiter, muss mit Lieferzeiten von bis zu einem Jahr gerechnet werden.
Während man solche Sachen liest, taucht normalerweise das Bild des dazugehörigen Autos vor dem inneren Auge auf. In diesem Fall könnte das anders sein. Denn der Tiguan ist ein Fahrzeug, das praktisch unerkannt an die Spitze der Beliebtheitsskala gelangt ist. Das Paradox dürfte schon einen Teil des Erfolgs erklären: Ein Großteil der Kundschaft will nämlich mit einem neuen Auto gar nicht groß auffallen, sondern einfach nur fahren. Und unauffällige Zuverlässigkeit ist eine Eigenschaft, die VW bei seinen Produkten seit jeher kultiviert.
Dabei wäre es falsch, die Optik des Tiguan als langweilig abzutun. Die Karosserie ist glatt und frei von Mätzchen - was sich über die Jahre als Vorteil herausstellen dürfte, denn vermutlich altert der Tiguan visuell sehr viel langsamer als viele seiner Konkurrenten. Und auch das Format, deutlich kleiner als der große VW-SUV Touareg, aber rundum stattlicher und aufrechter als ein Golf oder Golf Plus, sieht nach einem guten Kompromiss zwischen Vernunft und Statusgehabe aus.
In unserem Testwagen, ein Modell in der Ausstattung Track & Field, die für Menschen gedacht ist, die mit dem Auto tatsächlich auch unbefestigte Strecken unter die Räder nehmen wollen, steckte der mittlere der drei verfügbaren Benzinmotoren: der 2-Liter-Turbo mit 170 PS. Das klingt nach reichlich Schmalz unter der Haube, doch ganz so arg ist es gar nicht. Denn einerseits wiegt der Wagen leer schon 1,6 Tonnen, und andererseits scheint auch in der Sechsgang-Automatik (Aufpreis 1750 Euro) ein Teil des Drehmoments von maximal 280 Nm zu versickern.
Flott, agil und auch ganz schön durstig
Das heißt aber nun nicht, dass der Tiguan 2.0 TSI träge oder gar lahm wäre. Im Gegenteil. Das Auto fährt sich flott und agil und vor allem außergewöhnlich leise und entspannt. Bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn ist der Wagen einfach klasse. Am Berg und mit Beladung jedoch ist die Getriebesteuerung überfordert, und man muss in den manuellen Schaltmodus wechseln, um flüssig voranzukommen.
Flüssig ist ein gutes Stichwort, denn der Verbrauch ist die dunkle Seite des Tiguan. 9,9 Liter je 100 Kilometer gibt VW als Durchschnittswert an, der Bordcomputer errechnete nach unserem Testzeitraum ein Mittel von 10,6 Liter. Das ist reichlich Brennstoff, zumal in diesen Zeiten. Dass man mit dem vielen, teuren Benzin immerhin vier Räder bewegt, ist zwar ein Argument, aber nicht sonderlich überzeugend, denn den Allradantrieb braucht (fast) kein Mensch. Die einfachste Art Sprit zu sparen, wäre also, wenn VW das Modell endlich auch mit konventionellem Frontantrieb anböte. Das sei zwar geplant, räumt ein VW-Sprecher ein, doch aufgrund der aktuellen Nachfragesituation fühle man sich in dieser Hinsicht nicht unter Zeitdruck.
Der Ärger über den Verbrauch verraucht nach den Tankstopps allerdings rasch, wenn der Tiguan wieder in Fahrt kommt. Das liegt am schon erwähnten, sehr entspannten Fahrverhalten des Wagens, an seiner bemerkenswerten Lenkung und an den zahlreichen Details, die den Aufenthalt an Bord angenehm machen. Jedoch lässt sich VW viele Extras auch extra bezahlen. Die Zwei-Zonen-Klimaanlage zum Beispiel kostet 315 Euro Aufpreis, der Perleffekt- oder Metalliclack 500 Euro (nur zwei Farben - candy-weiß und indien-blau - sind aufpreisfrei) und dass Nebelscheinwerfer mit 155 Euro extra berechnet werden, ist eine Dreistigkeit, wo doch das Thema Sicherheit angeblich ganz weit oben auf der Werteskala steht.
Viele Kleinigkeiten kosten extra - selbst Nebelscheinwerfer
Prompt gab es bei unserem Testwagen statt der hinter lupenförmigen Glas plazierten Nebelscheinwerfer nur schwarze Plastikkappen. Dafür aber waren eine Lederausstattung (Aufpreis 2385 Euro) und eine Rückfahrkamera installiert (Bestandteil des Top-Pakets für 1195 Euro), damit man das gute Stück beim Rangieren nicht aus Versehen an die Wand fährt. Man braucht aber auch gar nicht mehr selbst einzuparken, denn den Tiguan gibt es auch mit Einparkhilfe (Aufpreis 685 Euro), die das Auto selbsttätig in Lücken manövriert, die von den Sensoren beim Vorbeifahren als ausreichend groß erkannt wurde.
Man kann sich also den "kleinen" SUV aus dem Hause VW stramm zurechtrüsten, und dann ist ein Preis von 50.000 Euro für das Auto durchaus möglich. Immerhin: Die lange Wartezeit auf Fahrzeuge mit Vollausstattung lässt den Interessenten noch etwas Zeit zum Sparen. Und zum Suchen nach Deutschlands meistverkauftem SUV im Alltagsverkehr - wo sich das Auto immer so gut versteckt.
