12.03.2010
Ducati Multistrada 1200 S
Schweizer Offiziersmesser aus Italien
Von Jochen VorfelderDucati teilt das Los aller kleineren Motorrad-Hersteller: Ein echter Loser, völlig am Käufer vorbei gebaut, kann eine Firma tief in die roten Zahlen stürzen. Darum braucht man gelegentlich einen echten Gewinner. Der neue Hoffnungsträger des Kultherstellers aus Bolognas Vorort Borge Panigale heißt Multistrada 1200 S. Zwei Jahre Hirnschmalz haben die Ducati-Ingenieure investiert; 110 Prototypen wurden dabei verschlissen. Jetzt sind die Ambitionen hoch geschraubt: Die weltweit erste 4-in-1-Maschine - ein Sportler mit der typischen Ducati-DNA, der zugleich ein guter und bequemer Tourer ist, in der Stadt leicht fahrbar sein soll, und auch als Enduro noch eine gute Figur macht. Also eine Eier legende Wollmilchsau - damit will man dem Platzhirsch in diesem lukrativen Segment, der BMW R 1200 GS, den Kampf ansagen.
Ducatis Marketing-Direktor Diego Sgorbati wiegelt sofort ab: "Die neue Maschine ist kein fauler Kompromiss. Kein glatt gebügeltes Allerlei, sondern eine echte Ducati: ein Kraftpaket mit Charakter; vital, agil, wendig. Aber eben auch geeignet für Fernfahrten mit zwei Leuten, und ein Fahrzeug, das man auf Knopfdruck zum Sportgerät für Schotter und Feldwege macht." Wie das gehen soll? Mit jeder Menge Hightech. Die 2010er Multistrada ist voll gepackt mit Elektronik: mit der Traktionskontrolle DTC, mit einem komplexen Ride-by-Wire-System, mit der digitalen Steuerung der Federelemente und natürlich ABS. Selbst der Zündschlüssel kommuniziert per Funk aus der Tasche des Fahrers im Umkreis von zwei Metern.
Schiere Power auf Befehl der Stellmotoren
Trotz aller Elektronik: Alle fünf Ingredienzen, die aus einem Motorrad eine Ducati machen, sind bei der Multi 1200 S vorhanden - unverkennbar italienischer Stil, der klassische 90-Grad-V-Motor, die desmodromische Ventilsteuerung, der Trellis-Gitterrohrrahmen und der Sound. Das Design mit dem unten liegenden Schalldämpfer, der knappen Tourenverkleidung und der Rabenschnabel-Frontpartie, die das Zyklopengesicht der alten Multistrada ersetzt, wirkt recht modern.
Das Aggregat stammt aus dem Superbike 1198. 150 PS leistet der Zweizylinder-Dampfkessel in der etwas zivileren Multistrada-Version, bei der ein verändertes Ventilzusammenspiel für niedrigeren Verbrauch und Durchzug im unteren Drehzahlbereich sorgt.
Richtig neumodisch wird es erst im digitalen Cockpit und am linken Lenkerende, wo die elektronischen Helfer angesteuert werden. Voraussetzung für das versprochene 4-in-1-Krad ist das Ride-by-Wire-System. Der Gas-Impuls wird nicht mehr direkt per Bowdenzug an die Einspritzanlage, sondern an eine elektronische Steuereinheit weitergegeben, die wiederum die Drosselklappen per Stellmotoren justiert.
Aus dieser Elektronikeinheit werden auch die Fahrmodi Sport, Touring, Urban und Enduro und die entsprechenden Motor-Mappings abgerufen: Für den Einsatz im Stadtverkehr und im Gelände wird dabei die maximale Leistung der Multistrada von 150 auf 100 PS reduziert. In der Praxis lässt sich das System nach etwas Übung auch während der Fahrt leicht bedienen.

