17.02.2012
Fahrbericht Aprilia Dorsoduro 1200 ATC
Unvernunft hat einen Rahmen
Von Jochen VorfelderAuf der Autobahn bei mehr als 180 Sachen lassen sich die nagenden Zweifel nicht verhehlen. War die Entscheidung, sich auf die Dorsoduro zu setzen, wirklich eine gute? Auch bei einer schlichten Fahrt durch Regen fragt man sich auf jedem Meter: Was tue ich hier?
Die Sitzhaltung ist auf der Aprilia wie bei allen Supermotos vorgegeben: Extrem aufrecht hängt man hinter einem fast einen Meter breiten Lenker. Die Verkleidung vor dem winzigen digitalen Instrumentarium der Maschine hat die Größe eines Frühstücksbrettchens. Jeder noch so marginale Windstoß verwandelt den Fahrer deswegen in ein Spinnaker-Segel.
Dabei hätte einen der Name des Bikes schon warnen müssen: Dorsoduro bedeutet übersetzt nämlich "harter Rücken". Die schmale Schaumstoffbank, auf der man hockt, federt wie die langen Gabelbeine und das hintere Federbein kaum eine Unebenheit, kaum eine Bodenrille weg. Rückmeldung ist alles; Komfort nichts. Jeder Fahrbahnflicken wird exakt an die Po-Sensorik weitergemeldet und empört gespeichert.
Ein Motorrad auf Benzin-Entzug
Es tröstet, dass die Marschetappen nicht allzu lang werden, weil man sich mit der Dorsoduro von Zapfsäule zu Zapfsäule hangeln muss. Der Plastiktank sieht zwar voluminös aus, fasst aber nur 15 Liter und der Motor schluckt bei zügiger Fahrt locker über 11 Liter auf 100 Kilometer. Weit kommt man also nicht - und man muss sich überwinden, zum nächsten Ritt zu starten.
Doch wer wie ich die große Dorsoduro mit 1200 Kubik und 130 PS - es gibt auch eine kleinere 750 Kubik-Schwester - auf Autobahn oder Langstrecke bar jeder Wetterbeobachtung missbraucht, ist selbst schuld, wenn es richtig weh tut. Das Revier der Sommer-Zweitmaschine für Soloausflüge sind Landstraßen; je enger, desto besser. Dafür sind das Fahrzeug und das Fahrwerk gebaut; dort fegt die Dorsoduro entfesselt durch die Kurven.
Bei Beschleunigung aus der Schräglage, bei schnellem Gas, das wie ein Feuerstoß wirkt, fängt man schnell an, das Motorrad zu schätzen. Und den Motor trotz seiner offensichtlich unheilbaren Abhängigkeit von der Droge Superbenzin richtig zu lieben. Die gern als Vergleich herangezogene Ducati Hypermotard wirkt gegen die Aprilia geradezu zivilisiert und schwachbrüstig.
Hitsingle für Bikerohren
Den wassergekühlte V-Twin mit den 1200 Kubik, 130 PS und einem Drehmoment von 115 Nm hat Aprilia speziell für die Dorsoduro entwickelt. Der Motor braucht kaum Drehzahl, um bärenstark zu sein. Schon unter 3000 Umdrehungen schiebt das Motorrad gnadenlos nach vorne. Vertont wird das Spektakel mit einem aggressiven Rasseln aus dem Motorblock und einem lustvollen Grollen aus dem unter dem Sitz verbauten Auspuff; breites Grinsen und hemmungsloser Adrenalinausstoß beim Fahrer sind so garantiert.
Da ist es gut für Hinterrad-Drift-Anfänger wie mich, dass die Dorsoduro mit der elektronischen Traktionskontrolle und den drei Fahr-Modi Sport (besonders ruppig), Touring (immer noch kräftig) und Rain (etwas sinnfrei) geliefert wird. Das gibt gefühlte und reale Sicherheit, ebenso wie das ABS, welches mit seiner sportlichen Auslegung Stoppies mit fliegendem Hinterrad und beißender Bremsanlage zulässt. Wheelies, die Standard-Disziplin von Supermoto-Fahrern, sind allerdings nur bei abgeschalteter Traktionskontrolle zu kreieren.
Letzten Herbst habe ich mich auf der Motorradmesse Eicma in Mailand mit einem Aprilia-Mann über deren neues Geschoss unterhalten. "Die Zwölfhunderter ist eine Maschine von Technikern für Extremisten", sagte er. "Auf Wirtschaftlichkeit hat da Gott sei Dank niemand geschaut. Die große Dorsoduro sollte einfach nur geil und böse sein." Wie wahr. Wie schön.


