30.04.2012
Alfa Romeo Giulietta TCT
Schnell geschaltet
Von Jürgen PanderFahrer eines Alfa Romeo sind es gewohnt, dass ihr Auto bewundert wird. Junge Mütter, die man bislang nur auf Kita-Elternabenden wirklich emotional erlebt hatte, stehen vor dem Auto und sagen: "Wie geil sieht der denn aus". Junge Väter sind weniger direkt, geben aber durch interessierte Nachfragen zu Technik und Preis des Wagens ihren Respekt zum Ausdruck.
Kein Wunder - die Italiener haben auch bei der Neuauflage der Giulietta gezeigt, warum sie in Sachen Design noch immer der Platzhirsch sind. Schon das seitlich befestige Nummernschild wirkt lässig wie beim seligen James Dean die Filterlose im Mundwinkel.
Wenn in knapp einem halben Jahr VW den neuen Golf vorstellt, wird auch die siebte Generation des Kompaktwagens garantiert wieder grundsolide sein - und komplett unspektakulär aussehen. Es wird ein Auto ohne Allüren sein. Ein Wagen, nach dem kein Mensch sich umdreht.
Alfa Romeos neue DNA
Warum wir das erzählen? Weil in der Autobranche schon seit langem Gerüchte kursieren, dass sich die Wolfsburger Alfa Romeo am liebsten einverleiben würden. Und wenn man die Giulietta sieht, weiß man auch warum.
Hingucker waren Autos von Alfa Romeo schon immer. Doch inzwischen ist auch die Technik absolut up to Date. Für den Alfa Giulietta gibt es jetzt beispielsweise ein Doppelkupplungsgetriebe. TCT (Twin Clutch Technology) heißt die Sechsgang-Automatik bei den Italienern, für die 23 Patente angemeldet wurden. Es ist wie in anderen Autos mit Doppelkupplungsgetriebe auch: die Gangwechsel sind kaum noch spürbar, die Zugkraft beim Beschleunigen reißt praktisch nicht mehr ab.
Außer dem tollen Fahrgefühl hat das neue Zahnräderwerk noch ein paar andere Vorteile. Es wiegt 81 Kilogramm und ist damit um zehn Kilo leichter als eine herkömmliche Wandlerautomatik. Und es ist sparsamer als ein Schaltgetriebe. Im Kombination mit dem 170-PS-Benziner (verfügbar ist das TCT außerdem mit dem 170-PS-Diesel) liegt der Durchschnittsverbrauch um 0,6 Liter niedriger als beim Modell mit Sechsgang-Schaltgetriebe. Eine Start-Stopp-Automatik ist serienmäßig an Bord.
"Macchina" klingt wie Macho - ein Zufall?
Ebenso serienmäßig ist die Fahrdynamikregelung namens DNA. Die Buchstaben stehen für "Dynamic", "Natural" und "All Weather". Im Normalfall ist der N-Modus aktiv; über eine Taste auf der Mittelkonsole kann der Wagen allerdings verschärft ("D") oder entschleunigt ("A") werden.
Grob gesagt funktioniert das so: Wird der Schalter auf "D" gestellt, also der Dynamic-Modus gewählt, verändern sich die elektronischen Kennfelder der Motor-, Getriebe- und Lenkungssteuerung sowie die des elektronischen Stabilitätsprogramms ESP.
Man sitzt nach wie vor im gleichen Auto, tritt aufs gleiche Gaspedal und hat das gleiche Lenkrad in der Hand, doch auf einmal benimmt sich der Wagen wie ein Halbstarker auf dem Discoparkplatz: er brabbelt lauter als nötig, bewegt sich zackiger, spannt sozusagen die Bizeps an. Aus dem Alfa Giulietta wird eine "macchina". Dass das nach Macho klingt, kann kein Zufall sein.
Unbedingt erwähnen muss man aber auch, dass nur im Dynamic-Modus das Gefühl aufkommt, in einem Kompaktwagen mit 170 PS zu sitzen. Bleibt man nach dem Starten des Motors im Standardprogramm "N", also in der Normalstellung für Fahrwerk, Motor, Getriebe und Lenkung, ist der Wagen zwar immer noch ein absolut ausreichend motorisiertes Alltagsauto, doch vom Biss und von der Rasanz, die das Äußere verspricht, kommt kaum etwas bei den Insassen an.
Das ist umso enttäuschender, als auch der offiziell angegebene Durchschnittsverbrauch von 5,2 Liter offensichtlich unerreichbar ist. Nach unseren Testfahrten im Stadt- und im Landstraßenverkehr meldete der Bordcomputer einen Durchschnittswert von 8,8 Liter. Vielleicht ist das 1,4-Liter-Multiair-Aggregat doch ein wenig überfordert, alles zugleich sein zu müssen: Sportmotor, Sparmotor, Idealmotor. Vor zwei Jahren, das soll nicht verschwiegen werden, wurde die Maschine zur "Engine of the Year" gewählt, doch unser Mitarbeiter des Monats wird sie nicht.
Einfach gut - die Linien des Alfa Giulietta
Für diese Schwächen wird man eben mit dem Äußeren des Autos entschädigt. Die Linienführung ist elegant, Details wie Scheinwerfer, Außenspiegelgehäuse oder die versteckten Griffe der Fondtüren und die Kofferraumentriegelung per Fingerdruck aufs Alfa-Logo passen zur cool-souveränen Ausstrahlung des Wagens. Der Alfa Giulietta ist die automobile Entsprechung zum Espressopäuschen auf der Piazza mit ins Haar zurückgeschobener Sonnenbrille.
Die Italiener wissen das natürlich, und verlangen daher für den hier beschriebenen Wagen mit 170 PS, Benzinmotor und Doppelkupplungsgetriebe mindestens 26.000 Euro. Das sind exakt 1000 Euro mehr als man für den VW Golf mit 160-PS-Benziner und Siebengang-DSG hinblättern müsste. Ist das nun der Preis für gelungenes Design? Oder bringt es für Alfa eh nichts, sich am Marktführer zu orientieren? Vom Giulietta wurden im ersten Quartal 2012 gut 1500 Exemplare in Deutschland neu zugelassen, vom VW Golf mehr als vierzig Mal so viele. Dass VW angeblich an Alfa interessiert ist, wird logischerweise nicht an den Stückzahlen liegen.

