14.07.2012
Autogramm Lancia Flavia Cabrio
Sturmfrisur zum Discountpreis
Von Tom GrünwegDer erste Eindruck: Mit italienischer Automobilkultur hat das Lancia-Cabrio auf Basis des Chrysler 200 zwar nicht mehr viel zu tun. Aber Spaß bringt es trotzdem. Zumindest, solange die Kurven nicht zu eng, die Bodenwellen nicht zu hoch und die Steigungen nicht zu steil werden. Und mit fast fünf Metern Länge ist es tatsächlich groß genug für vier Erwachsene und deren kleines Gepäck.
Das sagt der Hersteller: Markenchef Saad Cheehad will mit dem Flavia die Begeisterung für das Dolce Vita neu entfachen und seine Kunden in die Traumwelt der Cinecitta - dem legendären Filmstudio in der Nähe Roms - entführen. Immerhin war der originale Flavia aus den Sechzigern in über 60 Kino-Produktionen unterwegs.
Genau so süß und unbeschwert wie das Leben in den Filmen von Marcello Mastroianni und Co. soll auch das Auto sein, sagt Cheehad. Nicht nur beim Fahren, sondern schon beim Kauf. Deswegen gibt es nur eine Motor- und eine Ausstattungsvariante, mehr als die Farben von Blech und Interieur muss man nicht wählen. Vielleicht gibt diese Unkompliziertheit der Marke in Deutschland ja Auftrieb - denn letztes Jahr verkaufte Lancia hierzulande gerade mal 1617 Autos.
Das ist uns aufgefallen: Wie entspannt und gemütlich man im Flavia über breite Boulevards und sanft geschwungene Landstraßen rollen kann. Dort macht der mit 2,4 Litern Hubraum groß geratene Vierzylinder eine ganz ordentliche Figur. Während es unter der Haube nur leise säuselt und das Fahrwerk auch grobe Asphalt-Scharten ausbügelt, flaniert man eher, als dass man fährt.
Doch wehe, man wechselt auf die Autobahn oder gar in die Berge. Bei schnellerer Gangart macht sich die Kehrseite des butterweichen Fahrwerks bemerkbar und der Motor wirkt überfordert. 170 PS, 220 Nm und eine träge Sechsstufen-Automatik sind zu wenig, wenn man 1,9 Tonnen voranwuchten muss.
Statt des rauschenden Fahrtwinds hört man dann vor allem das Jaulen hoher Drehzahlen, die 10,8 Sekunden bis Tempo 100 wollen nie vergehen, und wenn man bei 120 zum Überholen ansetzt, keimen leichte Zweifel an der Höchstgeschwindigkeit von 195 km/h auf. Wenn die überhaupt zu schaffen sind, dann nur mit viel Anlauf.
Auch an der Tankstelle macht der Vierzylinder keine sonderlich gute Figur. Schon auf dem Prüfstand verbraucht der betagte Motor aus der alten Allianz von Chrysler, Mitsubishi und Hyundai 9,4 Liter. Und am Ende unserer eher gemächlichen Testfahrt standen sogar 14,7 Liter Durchschnittsverbrauch auf dem Display.
Was noch auffällt, ist die wenig liebevolle Materialauswahl. Auf den ersten Blick sehen die hellen Ledersitze, die Chromrahmen im Cockpit und die Konsolen noch ganz nett aus. Aber sobald man das Interieur mal anfasst, manche Klappe öffnet oder in den Kofferraum schaut, lässt der Reiz deutlich nach.
Das muss man wissen: Italienisch ist am Lancia Flavia nicht viel mehr als der Name. Denn im Grunde ist das Cabrio ein Chrysler 200, bei dem lediglich die Markenlogos ausgetauscht und das Fahrwerk neu abgestimmt wurden. Er kommt in diesen Tagen in den Handel und kostet mindestens 36.900 Euro. Damit ist er das billigste Cabrio in dieser Klasse.
Autos wie der offene Audi A5, der 3er BMW mit faltbarem Stahldach oder der Volvo C70 sind allesamt ein paar Tausender teurer - und lange nicht so üppig ausgestattet: Denn Extras wie die Lederausstattung, das schlüssellose Zugangssystem, der Tempomat oder das Navigationssystem sind bei den Italienern Standard. Dafür gibt es bis auf den Tempomat keine Assistenzsysteme.
Anders als beim Chrysler 200 gibt es unter der Haube und am Himmel bei Lancia keine Wahl: Der 3,6 Liter große V6-Motor bleibt ebenso in Amerika wie die Variante mit versenkbarem Hardtop. Stattdessen gibt es bei uns nur ein elektrisch und per Fernbedienung öffnendes Stoffdach und einen 2,4 Liter großen Vierzylinder.
Das werden wir nicht vergessen: Wie lange einem die 28 Sekunden werden, bis sich das Dach ausschließlich bei stehendem Fahrzeug irgendwann mal aus dem Kofferraum gefaltet hat. Nördlich der Alpen muss man da beinahe Angst haben, dass der Sommer dann schon wieder vorbei ist.

