30.07.2012
BMW C evolution
Leise Zukunftsahnung
Aus Biggin Hill berichtet Jochen VorfelderVon der Tower Bridge in London sind es nur rund 32 Kilometer bis nach Biggin Hill in der Grafschaft Kent. Doch an einem normalen Werktag braucht der britische Autofahrer für diese Strecke über zwei Stunden. Auch vor den Toren der Stadt, im sogenannten Garten Englands, sind die Straßen oft verstopft. Den Autoherstellern macht der Stillstand Sorgen: Wer legt sich in diesen Gegenden noch einen Pkw zu, wenn er damit sowieso kaum vorwärts kommt?
Bei BMW hat man sich angesichts der Herausforderungen der urbanen Mobilität gefragt, ob vier Räder manchmal vielleicht zwei zu viel sind. Die Antwort darauf parkt nun in Biggin Hill. Sie sieht schnittig aus, schimmert in Neongrün und Weiß - und ist fahrbereit. Die Entwickler aus Bayern haben an diesem Tag zu einer Probefahrt mit dem C evolution geladen. Der Roller mit Elektromotor soll 2014 auf dem Markt kommen und in Sachen Komfort und Leistung mit den Schwestermodellen C 600 und C 650 GT mithalten.
"Der evolution hat Wums", verspricht Christian Ebner, technischer Projektentwickler bei BMW, bevor die E-Scooter zur Testfahrt gestartet werden. Doch dann wird es zunächst einmal ganz leise. Die ersten Meter auf dem C evolution sind irritierend, weil sie in einer Art akustischem Tarnkappen-Modus zurückgelegt werden.
Natürlich fällt das Motorenknattern bei dem Elektroantrieb flach, aber selbst auf eine rasselnde Kette haben die BMW-Entwickler verzichtet. Stattdessen läuft der Roller mit einem ruhigen Riemen und auf Feelgreen-Reifen des Herstellers Metzeler, die auf niedrigen Rollwiderstand und Energieverbrauch getrimmt wurden. Dann pfeift aber schon der Fahrtwind, denn der Elektromotor gibt seinen vollen Vortrieb aus dem Stand ab. Die Beschleunigung hat ihren Reiz - beim Ampelstart würde der Strom-Prototyp den C 600-Roller locker hinter sich lassen.
Gleiche Technik für Roller und Auto
Dafür ist die Höchstgeschwindigkeit bei 120 km/h abgeriegelt und die Fahrt mit der rund 265 Kilo schweren Maschine nach spätestens 100 Kilometern vorerst beendet. So lange wird Energie aus dem luftgekühlte Batterieblock geliefert, der mit einem Lithium-Ionen-Akku und einer Speicherkapazität von acht Kilowattstunden ausgestattet ist. Das reicht, finden die Entwickler: "Der C evolution ist ein Fahrzeug für Berufspendler, sie sollen damit in die Stadt rein und wieder raus kommen oder kurze Ausflüge unternehmen können", sagt Christian Ebner.
Die Akkutechnik teilt sich der Roller mit dem Elektrokleinwagen BMW i3, dessen Markteinführung bereits im nächsten Jahr geplant ist. Dass es noch bis 2014 dauern soll, ehe es das Zweirad zu kaufen gibt, verwundert nach den ersten Fahrkilometern: Der grün-weiße Stromer schlängelt sich artig über die verwinkelten englischen Landstraßen und ist kinderleicht zu dirigieren. Auch Fahrwerk und Bremsen wirken beim ersten Eindruck serienreif. Von den Schwachpunkten anderer E-Bikes - der ruckeligen Kraftabgabe bei langsamer Fahrt und der teigigen Reaktion bei voller Kraft voraus - ist beim C evolution kaum etwas zu spüren.
Worauf wartet BMW also noch? Hinter dem Zeitplan stecke das Konzern-Konzept "Neue Städtische Mobilität", erklärt Stephan Schaller, der seit kurzem Chef der Motorradsparte von BMW ist. Laut Plan soll dem E-Mobil i3 der Vortritt gewährt werden, dann der C evolution folgen und schließlich der Elektrosportwagen i8 auf den Markt kommen. "Abgesehen davon braucht jeder Hersteller etwa 18 Monate Vorlaufzeit für Einkauf und Fertigung, bevor ein Prototyp in Stückzahl vom Band läuft", sagt Schaller.
Vielleicht sollen Kaufinteressenten des E-Rollers auch noch darauf hoffen dürfen, dass die Zeit für sie spielt. Sollten die Akkus nämlich in größerer Stückzahl produziert werden, könnten die Kosten sinken. Denn noch verschweigt BMW, wie teuer der Roller genau wird. Aber der vergleichbare C 650 GT kostet unterm Strich über 12.000 Euro - und diesen Preis wird das elektrifizierte Zukunftsmodell wohl nicht unterbieten.

