08.11.2012
Dacia Lodgy
Billige Masche
Von Jürgen Pander"Preiskracher", das steht im Supermarkt auf den grellroten Pappsternen, die superbillige Schokolade oder Schweinenacken für 1,99 Euro das Kilogramm bewerben. Eigentlich müsste auch der Dacia Lodgy mit so einem Stern dekoriert werden, was natürlich kein Händler macht, denn das würde unseriös wirken. Korrekt wäre es trotzdem. Ein viereinhalb Meter langes Auto mit fünf Sitzplätzen, riesigem Laderaum, Servolenkung sowie ABS und ESP für 9990 Euro - das ist ein Preiskracher.
Bei unserem Testwagen handelte es sich allerdings nicht um das Einstiegsmodell mit dem 83 PS starken Benzinmotor, sondern um die Variante mit dem 1,5 Liter großen Vierzylinder-Diesel mit 90 PS im Ausstattungsniveau Ambiance. Zu dem gehören unter anderem elektrische Fensterheber an den vorderen Seitenscheiben, ein abschließbares Handschuhfach und eine Zentralverriegelung. Der Preis des Autos steigt damit auf 13.490 Euro, was natürlich nicht an den Extras, sondern vor allem dem Dieselmotor liegt. Das ist dann nicht mehr ganz so marktschreierisch, aber immer noch ziemlich billig.
Wie ist dieser Preis möglich? Weder wirkt der Lodgy klapprig noch fährt er schrullig. Im Gegenteil. Der Wagen tritt als unaufdringlicher Dienstleister auf, bewegt sich ohne Auffälligkeiten und kann all das, was man von einem Auto erwartet, wenn einem Autos eigentlich egal sind. Obwohl natürlich auch ein Dacia Lodgy ein automobiles Statement ist. Etwa so: Ich brauche ein großes Auto, aber ich bin nicht bereit, deswegen ein halbes Jahresgehalt zu investieren und auf das bunte Premium-Marketing-Karussell der etablierten Hersteller aufzuspringen.
Dacia-Kunden mögen es einfach
Wie also schafft es Dacia, den grundsoliden Lodgy so billig anzubieten? "Indem wir uns auf das Wesentliche konzentrieren", sagt Reinhard Zirpel, Kommunikations-Vorstand bei Renault in Deutschland. "Wir fragen die Kunden detailliert, ob sie zum Beispiel eine automatische Klimaanlage wollen, oder ob eine manuelle reicht; und Dacia-Kunden reicht eine manuelle."
Zirpel legt Wert darauf, dass Dacia bewusst den einfachen Weg wählt, und nicht, weil die Marke der Recyclinghof für abgelegte Renault-Komponenten ist. Der Dieselmotor in dem von uns gefahrenen Lodgy ist ein Beispiel dafür. Er ist topaktuell, rund 1,2 Millionen Exemplare des Aggregats wurde im vergangenen Jahr im spanischen Renault-Werk Valladolid gebaut; eingesetzt werden die Selbstzünder in den Renault-Modellen von Twingo bis Laguna, in den Autos des Allianzpartners Nissan, von Mercedes in der neuen A-Klasse - und eben von Dacia.
Ein kleiner Qualitätsschritt, aber ein riesiger Preissprung
Jürgen Pieper, Autoanalyst beim Bankhaus Metzler, sagt, dass Dacia vor allem beim Teileinkauf große Kostenvorteile erzielen kann. "Während Premiumhersteller die besten und teuersten Komponenten einkaufen, greift Dacia zu einfacheren Lösungen. Denen fehlen vielleicht nur ein paar Prozent zur Top-Qualität, aber sie sind um einen sehr viel größeren Prozentsatz billiger."
Weitere Spareffekte für Dacia ergeben sich laut Pieper aufgrund der geringeren Personalkosten in Rumänien, der niedrigeren Energiekosten dort und des kleineren Entwicklungsbudgets. "Die komplette Neuentwicklung eines Autos bei einem deutschen Hersteller kostet rund eine Milliarde Euro, bei Dacia vielleicht 200 Millionen Euro", sagt Pieper. Auch das schlägt sich natürlich im Verkaufspreis nieder.
Zieht man all dies in Betracht, wird deutlich, warum ein Dacia so viel billiger verkauft werden kann als zum Beispiel ähnlich große Fahrzeuge von Opel, VW oder Ford. Keine Frage, in denen steckt auch mehr Technik und Ausstattung drin. Aber umgekehrt gilt eben auch: Alles, was im Dacia steckt, ist nicht schlecht. Nur ist es eben weitaus weniger. Der Trick ist, dass man das im Alltag kaum bemerkt. Beispiel: Ob der Schalter für die Fensterheber in der jeweiligen Tür sitzt oder zentral in der Mittelkonsole, ist für den Kunden kein substantieller Unterschied. Für Dacias Geschäftsmodell schon: ein zentraler Schalter kostet deutlich weniger.
Weil die Dacia-Verantwortlichen genau wissen, dass die Kunden lieber Geld sparen als über die Individualisierung ihres Autos zu grübeln, gibt es nur wenig Variationsmöglichkeiten. Das fängt schon damit an, dass sämtliche Dacia-Modelle auf einer Plattform basieren. Und es führt dazu, dass für den Logdy lediglich sechs Lackfarben zur Wahl stehen; nur als Beispiel: beim VW Touran sind es elf, beim Ford S-Max zwölf.
Auf Wunsch gibt es ein Navigationsgerät im Sonderangebot
Als erstes Dacia-Modell überhaupt kann der Lodgy übrigens auch mit einem integrierten Navigationssystem bestellt werden - in unserem Testauto war es allerdings nicht installiert. Das Kombigerät in der Mittelkonsole mit 7 Zoll großem Touchscreen weist nicht nur den Weg, sondern verfügt auch eine Bluetooth-Schnittstelle für Audio-Streams, bietet USB- und Aux-Anschlüsse für externe Geräte und kann als Freisprechanlage genutzt werden. Wichtigstes Merkmal aber ist der Preis: 430 Euro. So billig bietet kein anderer Autohersteller ein Navigationsgerät ab Werk an.
"Renault hat bei Dacia ein komplett neues, geradezu radikales Geschäftsmodell umgesetzt", sagt Christoph Stürmer, Autoanalyst beim Beratungsunternehmen IHS. "Alles ist auf niedrigste Kosten und minimales Investment optimiert. Und man kann wohl davon ausgehen, dass pro Fahrzeug dennoch ein Gewinn von ungefähr 500 Euro gemacht wird." Dass nun auch VW daran arbeitet, eine Billigmarke an den Start zu bringen, verwundert daher nicht. Eher schon, warum es so lange gedauert hat, ehe Nachahmer die Dacia-Idee kopieren.

