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Auto

Jaguar F-Type

Hurra, es ist ein Prolet!

Feine englische Art? Up yours! Jaguar hat ein großartiges Auto gebaut, das sich endlich mal die andere Hälfte der britischen Gesellschaft zum Vorbild nimmt: Der F-Type ist so laut, eng und aggressiv wie ein Pub voller Hooligans.

Jaguar
Von
Dienstag, 08.10.2013   07:12 Uhr

In meiner Oberschulklasse hatte ich so einen Mitschüler, wie ihn wahrscheinlich jeder kennt: Arztsohn, Bratschenspieler, Klassenbester trotz einer Vier in Sport. Als es dann in die Pubertät ging, fing dieser Arztsohn plötzlich an zu saufen und schlechte Noten zu schreiben. Als wolle er allen zeigen: Nein, ich bin nicht das verwöhnte Muttersöhnchen, für das ihr mich alle haltet.

So ähnlich ist es auch mit dem F-Type. Jahrzehntelang galten Coupés und Cabriolets von Jaguar als verspielte Chippendale-Kommödchen, vortrefflich geeignet, um in Bel Air von Boutique zu Boutique zu rollen oder auf irgendwelchen Kiesauffahrten herumzustehen. Aber einen echten, kompromisslosen Sportwagen hat Jaguar seit dem legendären E-Type nicht mehr in Serie gebaut - und dessen Produktionsende liegt auch schon fast 40 Jahre zurück.

Mehr Franz Ferdinand als Queen Mum

Mit seinen beiden Limousinen-Baureihen XF und XJ hat Jaguar es bereits geschafft, die altenglische Behäbigkeit hinter sich zu lassen. Ihr Innenraum verströmt eine moderne Eleganz, die zwar immer noch britisch wirkt. Aber immerhin erinnern XF und XJ eher an Franz Ferdinand als an Queen Mum.

Beim F-Type geht Jaguar noch einen Schritt weiter. Das Auto sollte auf keinen Fall als bratschespielender Oberschicht-Schnösel enden - und ist darüber gleich zum rüpelhaften Hooligan geraten: Laut, anstrengend und jederzeit zum Zuschlagen bereit. Wurzelholz fürs Armaturenbrett gibt es beim F-Type nicht einmal als Sonderausstattung. Dafür aber serienmäßig einen Schalter, mit dem sich das Motorengeheul beim Anlassen zwischen den Stufen "puh, ganz schön laut" und "boah, unfassbar laut" dosieren lässt.

Möglichst unauffällig versuche ich den F-Type aus meiner Hamburger Jugendstil-Wohnstraße (Zweitstimmenanteil der Grünen: 15,6 Prozent) zu bugsieren. Angesichts des unablässigen Auspuffgebells und Motorengeknurres fühle ich mich dabei etwa so sozial integriert, als führte ich einen Pitbull an der Leine über den Kinderspielplatz.

Ja, dieses Auto ist sehr laut - und sehr breit. Mit 1,93 Meter ohne Außenspiegel misst es satte 30 Zentimeter mehr als der E-Type, bei etwa vergleichbarer Länge. Selbst ein aktueller Porsche 911 ist noch rund zwölf Zentimeter schmaler. Auf engen Innenstadtstraßen wirft der F-Type bei jedem entgegenkommenden Müllwagen zwei Fragen auf: Passt das noch? Und wie kann ein Auto, das außen so breit ist, innendrin bloß so eng wirken? Bei zurückgefahrenem Vordersitz lässt sich hinter den Sportsitzen nicht einmal mehr eine Jacke aufhängen. Die Mittelkonsole vom Format einer taktischen Nuklearwaffe verbietet jeden Gedanken daran, Beifahrer oder Beifahrerin den Oberschenkel zu tätscheln. Das Handschuhfach trägt seinen Namen zu Recht - mehr als der Name vermuten lässt, passt auch nicht rein.

Also muss alles in den Kofferraum. Bei 150 Liter Volumen ist allerdings auch der schnell voll, zumal das Gepäckfächlein zerklüftet ist wie Cornwalls Küste. Keine Frage: Verglichen mit dem F-Type ist ein 911er ein durch und durch praktisches, alltagstaugliches Familienauto.

Die einzige Begrenzung ist der Mut des Fahrers

So, endlich die enge Autobahnauffahrt. Mal ausprobieren, ob die Fahreigenschaften des F-Type halten, was die Breite des Autos verspricht.

Sie halten es - und mehr als das. In dieser und allen weiteren Kurven, die wir fahren, gilt: Die einzige Begrenzung für das Tempo scheint der Mut des Fahrers zu sein. An diesem trockenen Spätsommertag gelingt es mir nicht ein einziges Mal, die Elektronik zum Eingreifen zu bewegen. Nicht nur die breite Spur, auch der extrem niedrige Schwerpunkt und die ausgeglichene Gewichtsverteilung auf Vorder- und Hinterachse machen sich bezahlt. Aber wahrscheinlich war ich auch einfach zu feige, um mich mit diesem Hooligan von einem Auto auf ein echtes Kräftemessen einzulassen.

Auf der freien Autobahn von Hamburg in Richtung Heide erzeugt der F-Type nur noch Glücksgefühle. Der 380 PS starke Sechszylindermotor der S-Version hat leichtes Spiel mit dem 1600 Kilo schweren Auto - dank an die Jaguar-Konstrukteure, die dem F-Type eine Vollaluminiumkarosserie verpasst haben. Ruckzuck geht es bis Tempo 200, danach etwas gemächlicher bis 260. Die Höchstgeschwindigkeit von 275 erreiche ich nicht ganz, weil ein vorwitziger Audi TT die Spur nicht freigibt.

Die Achtgang-Automatik von ZF schaltet weich. Wer Lust auf Daddelspielchen hat, kann jedereit auf die Schaltpaddel neben dem Lenkrad umsteigen. Und sei es nur, um sich von Zeit zu Zeit kindlich-naiv am Aufröhren des Motors beim Runterschalten zu erfreuen. Dazu zucken unsere Köpfe verzückt zum Takt der Bodenrillen, denn so etwas wie eine Federung im engeren Sinne scheint dieses Auto nicht zu besitzen. Eine gesunde Härte gehört halt nicht nur zum englischen Fußball.

Zurück nach Hamburg geht es dann in gemächlicherer Fahrt mit offenem Stoffverdeck, das in rekordverdächtigen 15 Sekunden im Kofferraum verschwindet, und das bei bis zu 50 Stundenkilometern. Dank der tiefen Sitzposition und des Windschotts bleibt es sogar bei mäßigem Autobahntempo schön ruhig im Cockpit.

Nichts auszusetzen? Doch. Die Klimautomatik des F-Type scheint mit einem Zufallsgenerator gekoppelt zu sein. Die mächtigen Lufthutzen auf dem Armaturenbett fahren nervös auf und zu und pusten nach Belieben eiskalte oder muffigwarme Luft in den Innenraum. Die Luftdüse werde mithilfe "komplexer Kontroll-Algorithmen" gesteuert, heißt es im Pressetext zum Fahrzeug. Offensichtlich haben sich die Jaguar-Ingenieure da aber verrechnet.

Apropos komplex: Bei der Betätigung des Navigationssystems mit Touchscreen fragt man sich wiederum, warum die Entschlüsselungsexperten von der NSA eigentlich nie zur Stelle sind, wenn man sie wirklich braucht.

Wieviel Identität braucht ein Sportwagen heute noch?

Zurück in Hamburg genieße ich vom Balkon den Ausblick auf den am Straßenrand abgestellten F-Type, dessen stahlgrauer Lack allmählich ein Sprenkelmuster aus herabtrudelnden Blättern erhält. Aus dem nahen Park ziehen die Spaziergänger nach Hause, lauter brave Bürgerkinder mit schwarzen Plastikbrillen und neckischen Strickjäckchen, Fleisch von meinem Fleische. Und oh Wunder: Kaum einer der Männer schafft es, an diesem Auto vorüber zu gehen, ohne sich die Nase an der Scheibe platt zu drücken oder zumindest einen Moment andächtig stehen zu bleiben.

Tja, Jungs - einfach mal aufhören mit Bratschespielen!

insgesamt 51 Beiträge
sigi J 08.10.2013
1. Nachhaltig?
Mir erscheint das mit Alfa- und Maseratielementen zusammengewürfelte Design doch eher oberflächlich, ohne eigenen Charakter und kurzlebig. Jaguar zehrt noch von der Ford-Substanz. Die Marke kann aus eigenen Ressourcen nicht mehr [...]
Mir erscheint das mit Alfa- und Maseratielementen zusammengewürfelte Design doch eher oberflächlich, ohne eigenen Charakter und kurzlebig. Jaguar zehrt noch von der Ford-Substanz. Die Marke kann aus eigenen Ressourcen nicht mehr die Innovationkraft aufbringen, die sie zum Überleben braucht. Daran wird der F-Typ, so wie er daherkommt, nichts ändern.
freund-der-worte 08.10.2013
2. Hooligans – mit Automatikgetriebe?
Ein Auto mit Automatikgetriebe ist für mich grundsätzlich kein "echter Sportwagen"...
Zitat von sysopJaguarFeine englische Art? Up yours! Jaguar hat ein großartiges Auto gebaut, das sich endlich mal die andere Hälfte der britischen Gesellschaft zum Vorbild nimmt: Der F-Type ist so laut, eng und aggressiv wie ein Pub voller Hooligans. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/fahrbericht-jaguar-f-type-a-924739.html
Ein Auto mit Automatikgetriebe ist für mich grundsätzlich kein "echter Sportwagen"...
thelabskaus 08.10.2013
3. Vollaluminiumkarosserie?
Wahrscheinlich aus einem Block gefräst! Oder wie kommt man trotz Alu auf 1614 kg? Das kann Porsche deutlich besser, obwohl der 911 mit dem spartanischen Sportwagen von einst ja auch nichts mehr zu tun hat.
Wahrscheinlich aus einem Block gefräst! Oder wie kommt man trotz Alu auf 1614 kg? Das kann Porsche deutlich besser, obwohl der 911 mit dem spartanischen Sportwagen von einst ja auch nichts mehr zu tun hat.
saftschubse 08.10.2013
4. Wunderschöner Wagen
Kann man nicht anders sagen, bei dem könnte ich wirklich schwach werden, mal wieder ein Wagen, der den Ausdruck ästhetisch verdient
Kann man nicht anders sagen, bei dem könnte ich wirklich schwach werden, mal wieder ein Wagen, der den Ausdruck ästhetisch verdient
Uwe S. 08.10.2013
5. F-Type
Die gezeigten Fotos lassen da aber kein so irres Cabrio erkennen wie es der Artikel verspricht. Eher eine Mischung zwischen BMW, Mercedes und Porsche Kutschen.
Die gezeigten Fotos lassen da aber kein so irres Cabrio erkennen wie es der Artikel verspricht. Eher eine Mischung zwischen BMW, Mercedes und Porsche Kutschen.
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Fahrzeugschein

Hersteller: Jaguar
Typ: Jaguar F-Type S
Karosserie: Cabrio/Roadster
Motor: V6-Kompressor
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 2.995 ccm
Leistung: 380 PS (279 kW)
Drehmoment: 460 Nm
Von 0 auf 100: 4,9 s
Höchstgeschw.: 275 km/h
Verbrauch (ECE): 9,1 Liter
CO2-Ausstoß: 213 g/km
Preis: 71.344 EUR

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