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Auto

Autogramm Mercedes AMG GLC 63

Auf die Plätze, fertig, schamlos!

Die deutschen Hersteller verdienen mit aufgemotzten SUV prächtig. Weil sie sich aber gleichzeitig auch vernünftig geben wollen, scheuen sie die totale Enthemmung. Jetzt lässt AMG mit dem GLC 63 jede Zurückhaltung fahren.

Daimler
Von
Dienstag, 28.11.2017   05:25 Uhr

Der erste Eindruck: Popeye nach einer frischen Portion Spinat.

Das sagt der Hersteller: Mit den sogenannten 43er-Modellen des GLC verdient Mercedes-Tuner AMG prächtig. Deren 367 PS starke Sechszylindermotoren sind mäßig und vor allem kostengünstig frisiert und können entsprechend billig angeboten werden. AMG-Produktmanager Tobias Hartmann freut sich trotzdem auf ein noch stärkeres Auto, mit dem er Konkurrenten wie dem Audi SQ5, dem Porsche Macan und dem neuen BMW X3 quasi den Fehdehandschuh hinwirft. "Als erster und einziger Hersteller bieten wir in dieser Klasse mit dem GLC 63 jetzt auch einen Achtzylinder an", sagt Hartmann. In der Produktmanager-Sprache geht es hier um eine "Competition" - die aus Hartmans Sicht vorläufig Mercedes-AMG für sich entschieden hat.

Das ist uns aufgefallen: Es fühlt sich etwas frivol an, wenn man im Mercedes AMG GLC 63 den Schlüssel ins Zündschloss steckt und dreht. Im Kombiinstrument zeigt sich in diesem Moment eine Grafik in Form des Autos, und dessen Scheinwerfer flackern kurz auf. Soll wohl so eine Art aufreizender Augenaufschlag sein.

Es passt jedenfalls zu diesem Auto. Kaum ein anderes AMG-Modell wirkt so lasziv und fast schon vulgär wie der neue, aufgemotzte SUV GLC 63. Die Limousinen, die anderen SUVs und selbst der Supersportwagen GT im AMG-Trimm wirken gegen ihn beinahe seriös.

Das gilt fürs Design mit den wuchtigen Kotflügeln, der aufgeworfenen Motorhaube und dem sogenannten Panamericana-Kühlergrill, und es gilt erst recht für den Sound des V8-Modells. Schon im normalen Betrieb bollert und blubbert es aus den vier Endrohren wie bei einem Hafenschlepper, und wenn man in eins der sportlichen Fahrprogramme wechselt oder die Schallklappen per Tastendruck öffnet, dann knallen die künstlichen Fehlzündungen wie Kanonenschläge in der Silvesternacht. Freunde hat man mit so einem Auto in der Nachbarschaft sicher keine.

Der GLC wird damit zu einer harten Probe für den guten Geschmack und zu einer Provokation. Aber genau das ist sein Kalkül. Blender gibt es in der Logik des GLC in dieser Klasse genug: Der Audi SQ5, bei dem selbst die Auspuff-Endrohre nur Fake sind, der BMW X3 M40i, dem die wahren Weihen der M GmbH verwehrt bleiben, und der Mercedes AMG GLC 43, der besser GLC 400 oder 450 hieße, weil ein V6 mit 367 PS allein eben noch keinen AMG macht.

Die etwas beschämende Wahrheit ist: Wer zu einem Werkstuner - pardon: zur Performance-Marke - eines Herstellers geht, der will nichts Dezentes, sondern einen auffälligen oder gar protzigen Auftritt. Der Mercedes AMG GLC 63 ist das blechgewordene Äquivalent zum volltätowierten, solariumsgebräunten Muckibuden-Oberkörper, der an warmen Tagen im knappen Muskelshirt ausgeführt wird. Ein Auto, nach dem sich alle umdrehen, selbst wenn sie danach den Kopf schütteln.

Apropos nackt: Bei Autos dieser Couleur geht es natürlich auch um nackte Zahlen. Hier sind sie: Schon in der Grundversion kommt der Wagen auf 476 PS Leistung und 650 Nm Drehmoment, im GLS 63 S wartet er sogar mit 510 PS und 700 Nm auf. Damit hat der Wagen Schub wie eine Dampframme, beschleunigt in 3,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit begrenzt AMG bei diesem Auto auf besonderen Wunsch erst bei 280 km/h und sticht so die 250 km/h limitierten Konkurrenten von Audi und BMW sowie den Porsche Macan aus, der mit 272 km/h bislang der schnellste Typ in dieser Klasse war.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Mercedes-GLC63 AMG - mit unserem 360-Grad-Foto:

Doch je schmaler die Straßen und je enger die Kurven, desto mehr muss der Fahrer im Mercedes AMG GLC 63 anpacken. So beeindruckend die Bremsleistung ist: Wenn zwei Tonnen Fahrzeuggewicht gen Kurvenrand drängen und man einen Meter über der Straße sitzt, braucht man viel Vertrauen in den Allradantrieb, das elektronische Hinterachsperrdifferential, die elektronischen Regelsysteme und die Haftkraft der 295er-Reifen.

Das muss man wissen: Der GLC 63 AMG ist das einzige SUV in dieser Größenordnung mit einem V8-Motor - und entsprechend teuer. Das seit diesem Herbst lieferbare Grundmodell kostet mindestens 82.705 Euro und liegt damit fast 20.000 Euro über dem GLC 43, sowie auch 18.000 Euro über dem SQ5 und 16.000 Euro über dem neuen X3 M. Und damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Denn für den GLC 63 S verlangt AMG mindestens 90.967 Euro, und wer statt des konventionellen SUVs das noch provokantere GLC Coupé bestellt, muss mindestens 86.335 oder 94.605 Euro einkalkulieren.

Das werden wir nicht vergessen: Den Kickdown bei der Ausfahrt aus dem Kreisverkehr im Race-Modus und den Moment, als das Heck plötzlich querstand. Das machte sich das Dickschiff plötzlich doch ganz leicht und fühlte sich wie ein Sportwagen an: Mit ein, zwei beherzten Lenkbewegungen war der Trumm wieder eingefangen.

Hersteller: Mercedes AMG
Typ: GLC 63 S
Karosserie: SUV
Motor: V8-Turbobenziner-Direkteinspritzer
Getriebe: Neungang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.982 ccm
Leistung: 510 PS (375 kW)
Drehmoment: 700 Nm
Von 0 auf 100: 3,8 s
Höchstgeschw.: 280 km/h
Verbrauch (ECE): 10,7 Liter
CO2-Ausstoß: 244 g/km
Kofferraum: 550 Liter
umgebaut: 1.600 Liter
Preis: 90.967 EUR
insgesamt 225 Beiträge
mazzmazz 28.11.2017
1. Ich hol mir mal...
...Chips und Bier. Das wird jetzt sicher lustig hier im Forum. Dieses Auto ist technsich schon interessant. Aber es bleibt ein peinlicher Klein-SUV mit halbseidener Attitüde. Als Coupé ist es nichts weiter als der getunte [...]
...Chips und Bier. Das wird jetzt sicher lustig hier im Forum. Dieses Auto ist technsich schon interessant. Aber es bleibt ein peinlicher Klein-SUV mit halbseidener Attitüde. Als Coupé ist es nichts weiter als der getunte Enkel des SsangYong Actyon, den in den 90ern jeder verlachte. Schade finde ich, dass es keine "sanften" V8 mit 300-380 PS ohne Tuning-Attitüde mehr von Mercedes gibt. Ein alter ML 500 war zwar innen billig, fuhr aber schön. Gesittet, kräftig, unaufgeregt. Wenn man heute V8 fahren möchte, muss man die Proll-Insignien abbestellen (Monstertruck-Räder, Spoiler) und abschalten (Klappenabgasanlage). Schade. Die Diskussion über Umwelt und Ressourcen muss man bei einem solchen Auto nicht stellen. Der Euro6-Benziner läuft selbst bei 15 L Stadtverbrauch noch sauberer als ein Caddy TDI.
esgehtdoch1974 28.11.2017
2. wann kommen wirklich Innovationen
Ich sehne den Tag herbei an dem Industrie wirklich innovative PKW vorstellt. Bei E-Fahrzeugen z.B. Reichweite 600 km oder Preis ? 25.000,-- oder zumindest verfügbare Neufahrzeuge. Und bei den Verbrennungsmotoren: 3 bis 4 l [...]
Ich sehne den Tag herbei an dem Industrie wirklich innovative PKW vorstellt. Bei E-Fahrzeugen z.B. Reichweite 600 km oder Preis ? 25.000,-- oder zumindest verfügbare Neufahrzeuge. Und bei den Verbrennungsmotoren: 3 bis 4 l Verbrauch oder zumindest Verbrauch wie angegeben. Das wäre mal nen SPON Meldung. Bin übrigens begeisteter Autofahrer und hoffe es zu bleiben.
C-Hochwald 28.11.2017
3. Früher war ich auch V8-Fan,
aber mittlererweile gilt meine Hochachtung an die Ingenieurskunst nicht mehr den PS-Boliden, die ein >2Tonnen Wagen noch sicher bis über 250km/h bewegen können. Würde Mercedes endlich mal den bereits für 2012, später für [...]
aber mittlererweile gilt meine Hochachtung an die Ingenieurskunst nicht mehr den PS-Boliden, die ein >2Tonnen Wagen noch sicher bis über 250km/h bewegen können. Würde Mercedes endlich mal den bereits für 2012, später für 2015 versprochenen Serien-Wasserstoffantrieb anbieten, mit der Alltagstauglichkeit eines Benzin- oder Dieselmotors, dann wäre es eine echte Innovation. Dieser Wagen ist aber wahrscheinlich einer der letzten Neuwagen seiner Art. Zugegebenermaßen keine allzu große Katastrophe, wenn man die zu erwartenden Verkaufszahlen betrachtet, aber eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Und für den Fall, daß im Forum jemand den Wasserstoffantrieb als unwirtschaftlich darstellt, wegen des schlechten Wirkungsgrades in der Energieumwandlungskette Ökostrom-Elektrolyseverfahren (Wasserstoffsynthese)-Brennstoffzelle (KFZ): Auch die Kohleverbrennung zur Erzeugung der elektrischen Energie hat nur einen bescheidenen Wirkungsgrad von 30-40%, je nach Alter des Kraftwerkes; und da ist der Brennstoff teuer, was bei Sonnen- und Windkraft kostenlos ist.
zesty 28.11.2017
4. Zu laut!
Leider hab ich mehrere 43er AMGs und andere prol-protz Autos in der Nachbarschaft. Es sei ihnen gegönnt. Leider meinen einge der Jungs, in der 30er Zone an der leichten Steigung vor meinem Haus, den Motor aufheulen lassen zu [...]
Leider hab ich mehrere 43er AMGs und andere prol-protz Autos in der Nachbarschaft. Es sei ihnen gegönnt. Leider meinen einge der Jungs, in der 30er Zone an der leichten Steigung vor meinem Haus, den Motor aufheulen lassen zu müssen. Ich zweifle dann immer am Verstand der Herren. Wie kamen sie zu ihrem Geld? Vermutlich mit der gleichen Rücksichtslosigkeit mit der sie durch das Wohngebiet dröhnen. Ich finde die Autos sind zu laut. Die Zulassungsbehörden handeln hier nicht zum Wohle aller.
ostseesegler 28.11.2017
5.
Sei es denen gegönnt, die so etwas haben möchten. Hier wimmelt es bestimmt gleich wieder von Kommentaren, dass so ein Auto gaaanz schlimm sei. Und zu viel verbraucht usw. Aber: Man muss es ja nicht kaufen. Wie man auch kein [...]
Sei es denen gegönnt, die so etwas haben möchten. Hier wimmelt es bestimmt gleich wieder von Kommentaren, dass so ein Auto gaaanz schlimm sei. Und zu viel verbraucht usw. Aber: Man muss es ja nicht kaufen. Wie man auch kein Einfamilienhaus kaufen muss, wo doch eine 30qm-Wohnung auch reichen würde. Und ein Hollandrad ist auch um Längen umweltfreundlicher als ein E-Bike.
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