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Auto

Erste Testfahrt im Smart Vision EQ

Gib dir die Kugel

Mit dem Smart EQ stellte erstmals ein Hersteller von Premiumautos ein Robo-Taxi vor. In Tokio schickte Daimler den Zwerg auf Testfahrt - für die Insassen ein mitunter beängstigendes Erlebnis.

Daimler AG / Teymur Madjderey
Aus Tokio berichtet
Sonntag, 07.01.2018   07:39 Uhr

Yashuhiro Yamashita schaut neugierig nach dem eigenwilligen Gefährt, das vor einem seiner Häuser parkt. Der Stararchitekt aus Tokio hat sich durch sogenannten Micro Homes einen Namen gemacht, luxuriöse Immobilien auf kleinster Fläche. Das Auto, über das der Japaner sich wundert, gehört zu Daimlers Tochter Smart und sieht aus wie eine Mischung aus Waschmaschine und Kaugummi-Automat auf Rädern.

Nach der Premiere des sogenannten Vision EQ Fortwo im September tourt Smart durch Tokio, um Menschen wie Yamashita ihre Vision vom Stadtverkehr der Zukunft zu zeigen. In der japanische Millionenmetropole besitzen heute schon die wenigsten Menschen ein Auto. Mit steigender Einwohnerzahl dürfte sich dieser Trend noch verstärken. Daimler sieht darin trotzdem eine Chance fürs Unternehmen.

Foto: Grünweg

Der 2,69 Meter kurze Zweisitzer surrt als Robo-Taxi führerlos dorthin, wo gerade jemand ein Fahrzeug benötigt, selbst aber keines besitzt. Und das werden immer mehr, sagt Produktmanager Rouven Remp: Schon heute zähle Car2Go 2, der Carsharingdienst von Daimler, sechs Millionen Kunden weltweit. Alle 1,4 Sekunden werde über den Service ein Auto gemietet. "Aktuelle Studien sagen voraus, dass sich die weltweite Anzahl von Carsharing-Nutzern bis 2025 auf 36,7 Millionen verfünffachen wird".

Im Smart EQ gibt es keinerlei Möglichkeit mehr zum Eingriff

Die Idee vom Robo-Taxi ist freilich nicht neu: Uber hat sich gemeinsam mit Volvo bei ersten Testfahrten schon viel Ärger eingehandelt, Ford will bis 2021 in den USA mit einer riesigen Flotte starten, VW hat dafür den etwas unförmigenSedric enthüllt. Das amerikanische Start-up-Unternehmen Local Motors testet autonome Kleinbusse auf diversen privaten Arealen in den USA und der französische Kleinserienhersteller Navya hat ebenfalls eine Handvoll Shuttle auf den Straßen.

Mit dem Smart wirft jetzt zum ersten Mal ein Premiumhersteller seinen Hut in den Ring. Galt bei Daimler genau wie bei Audi oder BWM bislang eher der Ansatz, autonomes Fahren als Luxus zu positionieren, wird Autonomie nun dank massentauglichem Kleinwagen zu einer Art Allgemeingut: "Solche Robo-Taxen können unsere Städte lebenswerter machen und den Verkehrskollaps vermeiden oder zumindest deutlich hinauszögern," sagt Smart-Chefin Annette Winkler. Analysten geben ihr recht. Nicht umsonst prognostiziert zum Beispiel Goldman Sachs bis zum Jahr 2030 für autonome Flotten ein weltweites Geschäftsvolumen von 220 Milliarden Dollar.

Zwar können Fahrer einer S-Klasse oder eines neuen Audi A8 schon heute dank vieler Assistenzsysteme mehr oder minder lange die Hände in den Schoß legen, doch der Schritt zu einem vollautonomen Auto ist noch groß. Im Smart EQ gibt es keinerlei Möglichkeit mehr zum Eingriff. Keine Pedale, kein Lenkrad, nicht mal einen Knopf mit "Notaus" finden Passagiere im kargen Cockpit.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Smart - mit unserem 360-Grad-Foto:

Stattdessen sitzt man in einer gläsernen Kugel und lässt sich chauffieren - mitten durchs echte Leben - und das ist leider nicht immer so ruhig wie in den morgendlichen Nebenstraßen vor Yamashitas Micro Home. Ja, der Smart ist kuschelig mit seinem weißen Sofa, auf das man durch die drehenden Glastüren rutscht, nachdem man es zur Not mit dem integrierten Desinfektionsspray gereinigt hat. Auf einem riesigen Bildschirm, der das Cockpit ersetzt, können die Passagiere surfen oder Filme schauen. Auch das Smartphone oder Tablet muss bei der Fahrt nicht mehr aus der Hand gelegt werden, wenn der Autopilot das Kommando hat. Wer sich über Gesellschaft freut, bekommt einen Mitfahrer angeboten. Schließlich will Smart mit dem EQ nicht nur das Car- sondern gleich auch das Ridesharing neu erfinden. Unbekannte werden mit einer Art Dating-App zumindest für Teilstrecken zusammengebracht. Falls es dabei funkt, lässt sich die Mittelarmlehne elektrisch versenken und die transparente Glaskapsel mit Videoeinspielungen verdunkeln.

Vor 2025 wird das Konzept vom Smart EQ nicht umgesetzt werden

Doch so viel Smart auch für das Wohlbefinden an Bord tut, bleibt zumindest bei der ersten Fahrt in den frühen Morgenstunden ein eigenwilliges Gefühl der Machtlosigkeit. Schon wenn der EQ mit dem Elektroantrieb aus dem konventionellen Smart ED automatisch und ohne Vorwarnung ziemlich flott anfährt, rutscht einem kurz das Herz in die Hose. Fährt er um die Kurve, ist man zumindest ein bisschen irritiert, und bis man sich an die unvermittelten Bremsungen gewöhnt hat, dauert es ein paar Ampelphasen. Zwar hat man auch in einem normalen Taxi keinen Einfluss auf den Fahrstil und fühlt sich damit auch nicht immer wohl. Doch irgendwie wirkt das alles vorhersehbarer und buchstäblich gewöhnlicher als die Reise mit dem Roboterauto. Daran ändert auch der Ingenieur nichts, der die Fahrt von außen mit der Fernsteuerung begleitet und die autonome Testfahrt streng genommen nur simuliert.

Zwar sind die Entwickler mittlerweile guter Dinge, dass ein selbstfahrendes Auto auch den Stadtverkehr von Tokio mit all seinen Unwägbarkeiten bewältigen kann, doch aktuell benötigt es noch einen Wagen von der Größe der V-Klasse, um die ganze Technik unterzubringen. Deshalb muss Architekt Yamashita wohl gegen seine Prinzipien noch ein paar Jahre lang Platz verschwenden und Garagen bauen, bis der Smart tatsächlich in rauen Mengen durch Tokio surren wird. "Vor 2025 wird das wohl nichts werden", so Smart-Chefin Winkler.

insgesamt 29 Beiträge
tagenbaren 07.01.2018
1. Wie soll das funktionieren?
Lt. Wikipedia (Quellen jeweils car2go selbst) waren (Stand 1.Mai 2017) in 26*Innenstädten in acht Ländern über 2,4 Millionen (in D: 670.000) Nutzer registriert. Jetzt sollen es bereits 6 Millionen sein, die alle 1,4 Sekunden [...]
Lt. Wikipedia (Quellen jeweils car2go selbst) waren (Stand 1.Mai 2017) in 26*Innenstädten in acht Ländern über 2,4 Millionen (in D: 670.000) Nutzer registriert. Jetzt sollen es bereits 6 Millionen sein, die alle 1,4 Sekunden ein Auto bei car2go mieten? Das bedeutet, dass durchschnittlich JEDER Nutzer JEDEN Tag 3,75mal diesen Service nutzt. Wer soll das glauben?
michael1998 07.01.2018
2. @tagenbaren Statistik
Habe die Zahlen nicht weiter überprüft, vielleicht hat Daimler ein Unternehmen gekauft oder es gab weitere Zusammenschlüsse... die 1,4 Sekunden sind eventuell auf die Haupttageszeit gerechnet :-/ ... traue keine Statistik... [...]
Habe die Zahlen nicht weiter überprüft, vielleicht hat Daimler ein Unternehmen gekauft oder es gab weitere Zusammenschlüsse... die 1,4 Sekunden sind eventuell auf die Haupttageszeit gerechnet :-/ ... traue keine Statistik... naja!
GEZ_Hasser 07.01.2018
3. @tagenbaren
@1 Das wären doch nur 54000 Aufrufe in 24 Stunden. Wie kommt man dann auf 3,75 Nutzer pro Tag?
@1 Das wären doch nur 54000 Aufrufe in 24 Stunden. Wie kommt man dann auf 3,75 Nutzer pro Tag?
Hannes.Miller 07.01.2018
4.
@Tagenbaren Ein Tag 86.400 Sekunden Das entspricht rund 61.700 Anwendungen am Tag, 22.500.000 Anwendungen im Jahr, Bedeutet das jeder der 6.000.000 Kunden 3.75 mal im Jahr ein Car2go mietet. Das ist meiner Ansicht nach [...]
@Tagenbaren Ein Tag 86.400 Sekunden Das entspricht rund 61.700 Anwendungen am Tag, 22.500.000 Anwendungen im Jahr, Bedeutet das jeder der 6.000.000 Kunden 3.75 mal im Jahr ein Car2go mietet. Das ist meiner Ansicht nach sehr plausibel und hat tatsächlich noch Potenzial nach oben :)
Wolfvon Drebnitz 07.01.2018
5. selten so gelacht...
ich lach mich kaputt - das ist so eine typische Präsentation wie ich sie von VW und Co. schon oft gesehen habe. Reine PR - soll in 7 Jahren kommen - Woooh - ich bin beeindruckt. Wird nie kommen - genauso wenig wie all die anderen [...]
ich lach mich kaputt - das ist so eine typische Präsentation wie ich sie von VW und Co. schon oft gesehen habe. Reine PR - soll in 7 Jahren kommen - Woooh - ich bin beeindruckt. Wird nie kommen - genauso wenig wie all die anderen Showcars die auf der IAA mit viel Tamtam vorgestellt wurden. Googeln Sie mal nach Videos von Tesla - da sehen sie wie ein Auto mit normaler Geschwindigkeit auf einem großen Parkareal fährt, sich selbst ein Platz sucht und dann einparkt - das ist eindrucksvoll - aber doch nicht dieses blaue LED-Kügelchen.

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