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Mobilität

Technologieschlacht in Le Mans

24 Stunden unter Strom

Von und
Freitag, 13.06.2014   15:33 Uhr
24 Stunden unter Strom

Ein Le Mans-Spezial von Michail Hengstenberg und Christoph Stockburger

Le Mans zählt zu den härtesten Rennen der Welt, und in diesem Jahr wird es noch härter. Audi, Porsche und Co. müssen mit komplexen Hybridantrieben fahren. Das Spezial zeigt die technischen Finessen.

Es gibt wenige Autorennen, die eine derartige Faszination ausüben, wie die 24 Stunden von Le Mans. Es ist keine Wettfahrt, sondern eine Schlacht. In Le Mans geht es nicht darum, ein paar schnelle Runden zu fahren. Es geht darum, durchzuhalten. 24 Stunden lang, Runde um Runde, ein Kraftakt für Mensch und Maschine.

Eine alte Autoschrauberweisheit sagt: "Was nicht da ist, kann auch nicht kaputtgehen". In Le Mans 2014 kann mehr kaputtgehen als je zuvor in der 91-jährigen Geschichte des Rennens. Es gibt ein neues Reglement, das bei den Herstellern einen Kreativitätsschub ausgelöst hat. Noch nie waren die Rennwagen technologisch so komplex.

Die internationale Motorsportbehörde hat 2014 für die Königsklasse der Langstreckenrenner nur zwei Vorgaben: Die LMP1H-Boliden der Werksteams dürfen einen festgelegten Energieverbrauch pro Runde nicht überschreiten - und müssen einen Hybrid-Antriebsstrang verwenden. Der Rest ist den Ingenieuren überlassen.

Hubraum, Leistung, Zylinderzahl - 2014 ist das alles egal

Im Vergleich zu den strikten Regularien der Vergangenheit, die die Bauart der Motoren bis in die Details vorschrieben, eine fast schon unerhörte Freiheit. Hubraum, Leistung, Zylinderzahl - alles egal. Was zählt, ist der Benzinverbrauch pro Runde - und der dazu passende Stromverbrauch.

Jedes LMP1-Fahrzeug ist mit einem sogenannten Fuel-Flow-Meter ausgestattet, das die Menge des strömenden Treibstoffs laufend zur Rennleitung meldet. Verbraucht ein Fahrzeug zu viel, hat der Fahrer in den zwei darauf folgenden Runden die Möglichkeit, dies durch entsprechenden Minderverbrauch wieder auszugleichen, ansonsten gibt es eine Stop-and-Go Strafe.

Es gibt nicht mehr nur eine Formel für den Sieg

Die Menge des pro Runde gestatteten Benzinverbrauchs steht in einem konkreten Verhältnis zur Menge des Stroms, der durch Energierückgewinnung gespeichert und auch wieder abgegeben werden darf. Mit welchem System die Energie zurückgewonnen und gespeichert wird, ist ebenfalls sehr flexibel geregelt. Die Hersteller müssen sich für eine von vier sogenannten Megajoule-Klassen entscheiden. Je höher der Anteil des verwendbaren Stroms pro Runde, desto geringer die erlaubte Benzindurchflussmenge.

LMP1H – Die neuen Regeln für 2014

Energieabgabe des Hybridsystems (Megajoule) 2 4 6 8
Fahrzeugmindestgewicht (kg) 870 870 870 870
Verbrauchslimit (Liter Benzin pro Runde) 4,80 4,65 4,50 4,42
Verbrauchslimit (Liter Diesel pro Runde) 3,93 3,81 3,68 3,56

Quelle: ACO

Das Ergebnis dieser Freiheit? Ein im Vergleich zum Vorjahr rund 30 Prozent niedrigerer Spritverbrauch. Und wohl noch nie gab es zwischen den großen Herstellern bei einem Le-Mans-Rennen so große Unterschiede zwischen den Fahrzeugen wie in diesem Jahr. Porsche, Audi, Toyota - jedes Team hat sowohl beim Verbrennungsmotor als auch bei dem elektrischen Teil des Antriebsstrangs eine ganz eigene Philosophie.

Ergänzt werden die drei Großen durch den Nissan ZEOD, der ebenfalls mit einem gewagten Konzept aus der Garage 56 für Experimentalfahrzeuge startet. Le Mans 2014, das ist nicht nur ein Autorennen - es ist auch der Aufbruch in ein neues, viel stärker technologiegetriebenes Motorsportzeitalter. Wie und womit die großen Teams diesen Aufbruch gestalten wollen, sehen Sie hier.

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