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Auto-Design

Du bist ganz schön gleich im Gesicht

Frontpartien von Autos sind das Markengesicht: Auf einen Blick soll hier der BMW vom Mercedes unterschieden werden können. Das funktioniert - doch einige Hersteller übertreiben es mit der Uniformität.

PANDER
Von Jürgen Pander
Mittwoch, 11.05.2016   08:14 Uhr

Auch für Autos galt einmal der Designgrundsatz "Form follows function", weshalb zum Beispiel Sportwagen flach und schnittig, Limousinen breit und erhaben, Geländewagen eckig und rustikal aussahen. Das ist schon längst hinfällig. Besonders krass fällt die Uniformität auf, wenn man sich moderne Autos von vorne anschaut. Die unterschiedlichen Modelle einer Marke sind nur noch von Kennern zu unterscheiden. Nur in Ausnahmefällen lässt sich beim Blick auf die Frontpartie noch sagen, um welche Art von Auto es sich handelt. Denn speziell für die Frontansicht gilt heutzutage "Form follows Marketingdoktrin".

"Das Markengesicht wird vor allem von unternehmenspolitischen Überrlegungen geprägt, weniger von gestalterischen", sagt Lutz Fügener, Professor für Automobildesign an der Hochschule Pforzheim. Der Grund für die Vereinheitlichung aller Frontansichten einer Marke, eben das Markengesicht, sei die Angst vor Veränderung.

Das Marketing habe die Macht übernommen, sagt Fügener mit Blick auf zaghafte Designveränderungen. "Wenn sich etwas gut verkauft, wird am großen Ganzen nicht mehr gerüttelt, dann dürfen sich höchstens noch Details verändern - und das müssen dann meist die Zulieferer erledigen, also etwa die Lieferanten der Scheinwerfer."

Besonders an der Front wird das deutlich. Genauer: am Kühlergrill. Die Form des Lufteinlasses scheint bei vielen Marken seit Jahren unantastbar. "Der Kühlergrill ist ein Politikum bei vielen Herstellern", sagt Fügener. Er findet das schade: "Die Kunden sind ja nicht doof, die Autos müssten sich nicht so ähnlich sehen, wie es aktuell der Fall ist."

Beispiel Audi

Besonders auffällig wird das am Beispiel Audi. Bei den Autos der Ingolstädter wirkt der Kühlergrill wie ein Eingang zu einer Höhle, eingerahmt von schmalen Scheinwerfern mit zackigen Tagfahrlichtleisten. Mittig darin ist das Markenlogo angebracht, die vier Ringe. Ob das gut oder misslungen aussieht, darum geht an dieser Stelle nicht. Fest steht, dass das eben bei jedem Modell so aussieht. Ob A1 oder A8, Q3 oder TT: Von vorn betrachtet sind diese Audis kaum auseinanderzuhalten. Sie sehen aus wie unterschiedlich dicke Scheiben derselben Wurst.

Audi

Grafische Darstellung des Singe Frame von Audi

Der Designchef von Audi, Marc Lichte, sieht das naturgemäß anders. Seit 2004 der damals neue Audi A6 (Baureihe C6) debütierte, ist der sogenannte Single Frame Kühlergrill, die mächtige Kühlluftöffnung über die gesamte Höhe der Fahrzeugfront, das beherrschende Element des Markengesichts. "Das war damals ein ganz wichtiger Schritt, denn seitdem ist Audi mit seinem Gesicht auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern", sagt Lichte. "Der Single Frame polarisiert. Charakterstark ist er in jedem Fall."

Künstlich jung gehalten

Da mag man Lichte nicht widersprechen. Allerdings veränderten die Audi-Designer die Frontpartie seither nur noch in Nuancen. Einmal Single Frame, immer Single Frame? Lichte verteidigt die scheinbare Ideenlosigkeit: Es dauere nun mal mehrere Jahre, so der 45-Jährige, ehe ein Markengesicht sich im Bewusstsein der Kunden einprägt. Dazu muss ein einheitliches Design erst einmal in allen Baureihen etabliert und weltweit im Handel sein. Außerdem verschaffe ein langlebiges Design den Autos auch höhere Restwerte: Verändert sich das Nachfolgemodell kaum, wirken die Vorgänger nicht so alt.

Audis ewige Jugend langweilt allerdings auf Dauer. Das hat man in Ingolstadt offenbar erkannt. "Wir werden das Markengesicht natürlich nicht grundsätzlich in Frage stellen, aber wir wollen es progressiv weiterentwickeln", kündigt Lichte an. Die Modelle der A-, Q- und R-Baureihen von Audi sollen ebenso stärker voneinander abgegrenzt werden wie die Modelle gleicher Baureihen untereinander. Der Single Frame Kühlergrill soll in Höhe, Breite, Grundform und Struktur stärker variieren. Bei den Sportwagen etwa sind die vier Ringe bereits vom Kühlergrill auf die Haube gewandert.

Strikte Regeln für die Gestaltung des Autobugs gelten nicht nur bei Audi, sondern auch bei BMW, Mercedes, Volvo und vielen anderen. So soll ein Abstrahleffekt erzielt werden, was in Zeiten immer größerer Modellvielfalt durchaus nachvollziehbar ist. Nach dem Motto: Auch wenn das Automodell unbekannt ist, erkennt man immerhin, um welchen Hersteller es sich handelt.

Gegenbeispiel Fiat

Es gibt jedoch auch Marken, die pfeifen auf derartige Stereotype. Fiat beispielsweise widersetzt sich konsequent jedweder Vereinheitlichung: Da hat der Fiat 500 einen rundlichen Retro-Look, der Fiat Panda strahlt kantigen Pragmatismus aus, der Fiat Punto setzt auf Geschmeidigkeit und der neue Fiat Tipo auf mildes Selbstbewusstsein. Bei den Frontpartien huldigen die Italiener der Formenvielfalt.

"Fiat war als Autohersteller in seiner Geschichte schon alles, deshalb würde ein streng einheitliches Markengesicht gar nicht passen", sagt Alberto Dilillo, der neue Designchef des Autoherstellers aus Turin. Die Marke baute einst Luxus-, Renn- und Avantgardeautos, war keck, bieder, billig und rustikal, setzte auf neue Ideen (Panda, Multipla) alte Erfolgsrezepte (500) und fröhliche Unbekümmertheit (Spider, Barchetta).

Bedeutet das fürs Design nun totale Beliebigkeit? "Ich würde trotz der historischen Vielfalt von Fiat nicht von Inkohärenz sprechen. Wir nutzen in Zukunft einfach die Gelegenheit, unterschiedliche Charakteristika optisch herauszuarbeiten." Dilillo erklärt, er wolle bei künftigen Modellen wieder mehr darauf achten, dass "das große Erbe der Marke sichtbar wird und dass diese Retro-Anklänge auf einige bestimmte Designelemente der Frontpartie konzentriert werden."

Neue Vorgaben bringen Bewegung ins Design

Das klingt zwar vage - doch wenn bei Fiat die unterschiedlichen Modelle auf den ersten Blick eindeutig identifizierbar bleiben, ist es eine erfreuliche Prognose. Es gibt schon genug Marken mit streng durchdeklinierten Frontpartien. Und so lange die Formel erfolgreich wirkt und sich die Autos - wie bei Audi - gut verkaufen, wird das bestimmt auch so bleiben. Designprofessor Fügener sagt es so: "Erst wenn die Zahlen runtergehen, wächst bei den Unternehmen die Bereitschaft zur Veränderung."

Es gibt aber auch durchaus auch Druck von außen. Allein aufgrund der Fußgängerschutz-Bestimmungen wurden die Frontpartien zuletzt immer größer, um sogenannte Aufprallzonen zu schaffen. "Dadurch entstehen enorme Flächen, die von den Designern gestaltet werden müssen", sagt Fügener.

An Platz mangelt es für neue Gestaltungsideen an der Frontpartie also nicht - eher an Mut.

insgesamt 138 Beiträge
iffelsine 11.05.2016
1. Das sind ja teils nur noch Fratzen !
Wir wollten uns eigentlich den MAZDA X3 bestellen, haben uns den aus der Nähe angesehen und von vorne ist das eine absolut häßliche Schnauze, die auch von innen teils die Straße abdeckt. Der kommt nicht mehr in Frage ! Die [...]
Wir wollten uns eigentlich den MAZDA X3 bestellen, haben uns den aus der Nähe angesehen und von vorne ist das eine absolut häßliche Schnauze, die auch von innen teils die Straße abdeckt. Der kommt nicht mehr in Frage ! Die neue KIA-Front sieht aus wie ein Maul eines ertrinkenden Fisches, AUDI schiebt ein riesiges Kissen vor sich her - bleibt nur noch BMW mit der vergleichsweise zierlichen Niere.
Blue and White 11.05.2016
2. Stimmt
Guter Artikel, weil er ein Thema aufgreift, dass bisher zu wenig diskutiert wird. Gerade im Premiumbereich sollen Autos doch auch emotionalisieren. Jedoch wirkt der Trend der untereinander sehr ähnlichen Modelle m.E. ermüdend [...]
Guter Artikel, weil er ein Thema aufgreift, dass bisher zu wenig diskutiert wird. Gerade im Premiumbereich sollen Autos doch auch emotionalisieren. Jedoch wirkt der Trend der untereinander sehr ähnlichen Modelle m.E. ermüdend und ernüchternd. Audi mag angefangen haben, aber Mercedes, BMW und Jaguar sind gefolgt und verlieren enorm an "Appeal". Das ist bedauerlich und ich zweifele, dass es langfristig wirklich erfolgreich ist. Wie fühlt sich der Käufer eines Mercedes CLS, wenn die Front fast identisch aussieht wie jene einer A-Klasse?
ptb29 11.05.2016
3. Thors Hammer
heißt Mjölnir.
heißt Mjölnir.
spon-leser_xy 11.05.2016
4. Alphatiere...
Ich weiß nicht welches dieser neuen Modelle auch für Frauen ansprechend sein soll. Nun sind Geschmäcker zwar verschieden aber das sieht doch alles wieder mal von Männern für Männer aus.. Schwer zu verstehen warum weiterhin [...]
Ich weiß nicht welches dieser neuen Modelle auch für Frauen ansprechend sein soll. Nun sind Geschmäcker zwar verschieden aber das sieht doch alles wieder mal von Männern für Männer aus.. Schwer zu verstehen warum weiterhin die weibliche Zielgruppe vernachlässigt wird, dadurch verlieren die Autofirmen unnötig Geld.
Banause_1971 11.05.2016
5. Leider muss ich dem Author zustimmen,
und das, obwohl ich ein treuer Audi-Fan bin. Allerdings weniger wegen des Designs, sondern wegen der Langlebigkeit und der guten Rostvorsorge bei älteren Modellen (Vollverzinkung). Da meine Audis älteren Baujahrs sind, erkennt [...]
und das, obwohl ich ein treuer Audi-Fan bin. Allerdings weniger wegen des Designs, sondern wegen der Langlebigkeit und der guten Rostvorsorge bei älteren Modellen (Vollverzinkung). Da meine Audis älteren Baujahrs sind, erkennt man sofort, um welche Modelle es sich handelt. Bei meinem A4 ist der Kühlergrill noch in der Motorhaube integriert und ist ein Teil des Gesamtdesigns. Er übernimmt nicht das Dasign. Der Wagen ist als A4 sofort zu erkennen. Ebenso ist es mit dem TT der ersten Baureihe, der damals eben wegen seines aussergewöhnlichen und nicht angepassten Designs gefeiert wurde. Zwar zeichnet sich hier schon ein größerer Kühlergrill ab und der Grill ist bereits Bestandteil der Frontschürze, aber auch hier dominiert er nicht. Die folgenden Modelle aller Varianten schreckten mich persönlich dann eher ab, weil ich nicht mehr weiß, ob ich nun einen A3, A1, A4, A5, A7 oder sonstwas aus irgendeinem Baujahr vor mir habe. Ferner ärgert mich die einheitliche Karosserieform, auf die sich nahezu alle Hersteller geeinigt haben. Sicher ist die Form dem Windkanal und dem Spritverbrauch geschuldet, aber als echtes Argument kann das nicht gelten in Zeiten, in denen immer mehr Leistung und immer höhere PS-Zahlen das Hauptverkaufsargument sind. Schade ums Design. Ich bezweifle, dass diese glattgeschliffenen Einheits-Audis irgendwann einmal liebgewonnene Oldtimer werden, die gehegt und gepflegt in einem Show-Room landen.

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