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Radel verpflichtet

Fahrrad-Blog

Der tägliche Straßenkampf

Ralf Neukirch

Platz da - oder nicht?

Von
Donnerstag, 22.12.2016   05:15 Uhr

Mehr Radwege und Fahrradgaragen werden nichts an der Überzeugung mancher Autofahrer ändern, dass die Straße ihnen allein gehört. Ausgerechnet US-Städte machen vor, was man dagegen tun kann.

In der vergangenen Woche ist es mir wieder passiert: Ich fuhr mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit die Onkel-Tom-Straße hinunter, eine morgens stark befahrene Allee durch den Berliner Grunewald. Plötzlich hupte hinter mir ein Transporter, beim Überholen zeigte der Fahrer wild gestikulierend auf den Bürgersteig. Dann scherte er so dicht vor mir wieder ein, dass ich scharf bremsen musste. Das war vermutlich als erzieherische Maßnahme gedacht.

Ähnliches erlebe ich nahezu jeden Tag. Der fragliche Bürgersteig war einmal ein Radweg. Manchmal benutze ich ihn noch, aber im Herbst ist mir das zu gefährlich. Auf den nassen Blättern rutscht man leicht. Außerdem sieht man die Schlaglöcher schlecht. Das Radwegschild auf der Onkel-Tom-Straße wurde schon vor Jahren abmontiert. Das bedeutet, dass ich auf der Straße fahren darf. Zumindest aus Sicht des Gesetzgebers. Viele Autofahrer sind da anderer Meinung.

Ich musste an diesen Vorfall denken, als ich mir den Koalitionsvertrag durchlas, den SPD, Grüne und Linke in Berlin geschlossen haben. Dort sind viele Projekte vereinbart, die das Radfahren in der Stadt angenehmer und sicherer machen sollen. Mehr Fahrradwege, neue Abbiegeregelungen, Fahrradgaragen an S-Bahnen. Aber das alles wird ein grundsätzliches Problem nicht lösen: Viele Autofahrer haben noch immer nicht akzeptiert, dass Fahrradfahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind.

Es gab gute Grunde dafür, dass das Verkehrsministerium vor einigen Jahren die Benutzungspflicht für viele Radwege aufgehoben hat. Das Fahren auf der Straße ist vielerorts sicherer. Außerdem ist die Fahrt über Berliner Radwege ein Parcoursritt zwischen Schlaglöchern und Baumwurzeln, der allenfalls mit vollgefederten Mountainbikes Spaß macht. Eine spürbare Minderheit von Autofahrern ist trotzdem der Meinung, Fahrradfahrer hätten auf der Straße nichts zu suchen.

Das heißt nicht, dass diese Autofahrer ihrerseits die Radspuren respektieren würden. In Berlin wurden in den vergangenen Jahren viele Radwege, die auf dem Bürgersteig meist zwischen parkenden Autos und Fußgängerweg verliefen, durch sogenannte Schutzstreifen für Radfahrer ersetzt. Das sind eigene Spuren, die durch eine gestrichelte Linie von der Fahrbahn abgesetzt sind. Viele Autofahrer sehen darin eine willkommene Möglichkeit, ihr Auto zu parken. So stören sie wenigstens den fließenden Verkehr nicht.

In den USA wird das Parken auf Radwegen richtig teuer

Den Fahrstreifen auf der Paulsborner Straße, die auf meinem Arbeitsweg liegt, kann ich morgens selten in voller Länge nutzen. Mal versperrt ein Lastwagen, der Lebensmittel für einen Supermarkt anliefert, den Weg, mal ist es ein Pkw, dessen Fahrer schnell ein paar Hemden aus der Reinigung holt. Das ist gefährlich, weil ich mich dann in den Autoverkehr einfädeln muss. Was ich auf der Paulsborner Straße noch nie gesehen habe, ist ein Polizist, der die Falschparker aufgeschrieben hätte.

Im vergangenen Jahr habe ich ein halbes Jahr in Chicago verbracht. Die Stadt hat einiges für Radfahrer getan, es gibt auf vielen Straßen Fahrradstreifen. Eine Sache fiel mir auf: Die Autofahrer nahmen viel mehr Rücksicht auf Radler. Auf den Fahrradstreifen parkte niemand.

Amerikanische Autofahrer sind meiner Erfahrung nach nicht per se höflicher als deutsche. Ich glaube, dass ihr defensives Verhalten einen ganz einfachen Grund hat: Wer einen Fahrradfahrer anfährt und verletzt, für den kann es richtig teuer werden. Und das gleiche gilt das Parken auf Fahrradwegen.

Ich halte nichts von den zum Teil absurd hohen Summen, die im amerikanischen Recht als Strafe oder Schadenesrsatz üblich sind. Aber offensichtlich ist es so, dass Strafen bisweilen durchaus abschreckende Wirkung haben. Im Berliner Bezirk Wedding hat vor zwei Jahren ein Lastwagenfahrer, der laut Sachverständigengutachten über eine bereits vier Sekunden lang rote Ampel gefahren ist, einen Radfahrer getötet.

Er musste 5250 Euro Strafe zahlen. Den Führerschein durfte er behalten. "Sie sind Berufsfahrer und darauf angewiesen", urteilte die Richterin lapidar. So wird das jedenfalls nichts mit dem rücksichtsvolleren Fahren.

In Berlin-Mitte gibt es seit einiger Zeit eine uniformierte Fahrradstaffel der Polizei. Sie nimmt einen großen Teil ihrer Bußgelder von Fahrradfahrern ein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch auf zwei Rädern gibt es genug rasende Rüpel, die nicht einsehen wollen, dass die Verkehrsregeln auch für sie gelten. Als Fußgänger rege ich mich selbst oft über solche Radfahrer auf.

insgesamt 233 Beiträge
jufo 22.12.2016
1. Ähnliche Erfahrungen mache ich auch
Die Fahrradwege in unserer Gegend laufen auf eine gemeinsame Nutzung des Gehwegs hinaus was für Radfahrer und Fußgänger gefährlich ist. Gerne lässt man Radfahrer nur auf einem Gehweg fahren, dafür dann in beiden [...]
Die Fahrradwege in unserer Gegend laufen auf eine gemeinsame Nutzung des Gehwegs hinaus was für Radfahrer und Fußgänger gefährlich ist. Gerne lässt man Radfahrer nur auf einem Gehweg fahren, dafür dann in beiden Richtungen.Autofahrer, die aus Nebenstraßen kommen achten nicht auf Radfahrer, die vermeintlich aus der falschen Richtung kommen, beinah Unfälle oder auch tatsächliche Unfälle sind häufig. Gerade alte Autofahrer reagieren dazu auch noch spät. Dazu die besagten Baumwurzeln. Fahrrad fahren ist unter diesen Umständen sehr gefährlich, die Kommune handelt hier grob fahrlässig. Die Aggression vieler Autofahrer ist Realität, auch untereinander. Meine präferierte Lösung sind aber nicht Bußgelder sondern Fahrverbote für Autos in Innenstädten. Autos brauchen zu viel Platz, verpesten die Luft und töten andere Verkehrsteilnehmer. Ich sehe nicht ein, dass das so sein muss.
kein Lemming 22.12.2016
2.
Bin regelmäßig sowohl mit Rad als auch mit dem Wagen unterwegs. In keiner Großstadt, muß ich dazu sagen, dennoch auf einer nicht nur für die Stadtm sondern auch Landkreisübergreifend wichtigen und vielbefahrenen [...]
Bin regelmäßig sowohl mit Rad als auch mit dem Wagen unterwegs. In keiner Großstadt, muß ich dazu sagen, dennoch auf einer nicht nur für die Stadtm sondern auch Landkreisübergreifend wichtigen und vielbefahrenen Verkehrsstraße. Doch weder kann ich mich als Autofahrerin über Radfahrer beklagen, noch als Radfahrerin über Kraftfahrer. Liegt ja vielleicht ja auch mit daran, daß ich beide Sichtweisen kenn und darum sowohl als Autofahrerin, noch als Radfahrerin nicht nur Rücksichtnahme und Verständnis fordere, sondern auch bereit bin, sie gegenüber anderen zu haben.
felisconcolor 22.12.2016
3.
Nicht schon wieder diese leidige Diskussion. Liebe Autofahrer UND liebe Radfahrer ihr seid ALLE Verkehrsteilnehmer. Also haltet euch an § 1 StVO dann klappt auch alles. Weiteres ist nur Heisse Luft Gelaber. § 1 Grundregeln [...]
Nicht schon wieder diese leidige Diskussion. Liebe Autofahrer UND liebe Radfahrer ihr seid ALLE Verkehrsteilnehmer. Also haltet euch an § 1 StVO dann klappt auch alles. Weiteres ist nur Heisse Luft Gelaber. § 1 Grundregeln (1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. (2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
quick_piet 22.12.2016
4. Gleiche Rechte ! JA !
Leider benutzt oder haben über die Hälfte der Radfahrer keine ordnungsgemäßen Fahrräder und fahren leider immer ohne Licht. Ich würde alle Fahrzeuge welche nicht den Vorschriften entsprechen, sofort einziehen und [...]
Leider benutzt oder haben über die Hälfte der Radfahrer keine ordnungsgemäßen Fahrräder und fahren leider immer ohne Licht. Ich würde alle Fahrzeuge welche nicht den Vorschriften entsprechen, sofort einziehen und unbrauchbar machen (Alles Fahrzeuge)
112211 22.12.2016
5.
Selbst wenn die Strafen hierzulande nicht so drakonisch wie in den USA sind: einfach öfter mal anzeigen. Wenn Kfz Fahrer im Prinzip damit rechnen können, dass sie ohne Konsequenzen zu spüren, regelmäßig in eklatanter [...]
Selbst wenn die Strafen hierzulande nicht so drakonisch wie in den USA sind: einfach öfter mal anzeigen. Wenn Kfz Fahrer im Prinzip damit rechnen können, dass sie ohne Konsequenzen zu spüren, regelmäßig in eklatanter Weise die StVO missachten, werden sie ihr Verhalten nicht ändern. Busspuren in den Innenstädten werden allzu oft als Zusatzspur missbraucht, Fahrradstreifen zugeparkt oder ebenfalls als Zusatzspur "genutzt". Hinzu kommen natürlich noch die allgegenwärtigen, unkonzentrierten Handynutzer, bei denen ebenfalls immer wieder zu beobachten ist, dass sie Fußgänger und Fahrradfahrer "übersehen". Es kostet nicht viel, solche Kfz Fahrer anzuzeigen, habe ich auch schon gemacht und werde es wieder tun. Zumindest bei besonders krassen Fahrern. Bezogen auf die Busspur-Benutzer würde ich am liebsten jedem dieser Fahrer die Zusatzgebühr hierfür gönnen (je nach Sachlage zwischen 15 und 85 €, ggf mit Punkt in Flensburg).
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