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Auto

Bildband "Cars New York City, 1974-1976"

"Autos gehen mir am Arsch vorbei"

Mitte der Siebzigerjahre zog Fotograf Langdon Clay mit seiner Kamera durch New York und schaffte das scheinbar Unmögliche: einzigartig schöne Fotos von Autos zu machen - obwohl die ihn eigentlich nicht interessierten.

2016 Langdon Clay
Ein Interview von
Donnerstag, 09.03.2017   05:03 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Clay, jedes Motiv in Ihrem Buch zeigt ein Auto im New York der Jahre 1974 bis 1976. Wie war die Stadt in den Siebzigerjahren?

Landon Clay: Ich kam 1971 nach New York, war Mitte zwanzig, ein junger Fotograf. Mein Geld verdiente ich als Maler, ich strich Wohnungen. New York war damals sehr günstig - für 165 Dollar im Monat bekamst du eine großzügige Wohnung. Deswegen zog die Stadt Leute mit künstlerischen Ambitionen an. Klar, auf der politischen Ebene war das ein Desaster: New York war pleite, ein Menetekel innerhalb der USA. Aber für die jungen Leute war das Leben dort ein Traum, es gab wenige Polizisten, es gab wenig Regeln, man lebte frei.

SPIEGEL ONLINE: Interessierten Sie sich für Autos?

Clay: Nein. Und sie gehen mir immer noch am Arsch vorbei. Gut, die Autos aus meinem Buch habe ich über die Jahre liebgewonnen, aber der Rest interessiert mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Kaum vorstellbar, wenn man sich Ihre Bilder anschaut. Wie kann jemand, der Autos nicht liebt, diese so liebevoll in Szene setzen?

Clay: Tja, gute Frage. Ich hatte lediglich eine ausgeprägte Faszination für die Gesamtkomposition.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Clay: Ich bin einfach durch die Straßen gestreunt, mit meiner Kamera und meinem Stativ. Anfangs habe ich noch in einem sehr viel größeren Winkel fotografiert, teils den ganzen Straßenzug. Dann habe ich gemerkt, dass ich dichter heran muss. Ich habe nur noch ein Auto ins Bild gesetzt und dem Hintergrund viel größere Bedeutung beigemessen. Der Hintergrund sollte sein wie bei einem Renaissance-Gemälde, er ist genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger als das Auto im Vordergrund. Autos sind nur ein Symbol. Es ging um das Zusammenspiel. Und na ja, wenn du das anderthalb Jahre machst, dieses Zusammenspiel suchst, dann springt es dir irgendwann auch ins Auge.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, Autos nachts zu fotografieren?

Clay: Meine Freunde und ich lebten in New York nicht mehr als zehn Blocks voneinander entfernt. Meist trafen wir uns dann bei irgendjemandem in der Wohnung. Eines Abends entdeckte ich auf dem Rückweg nach Hause ein Auto am Straßenrand. Es war verbeult, auf dem Beifahrersitz lagen Reifen. Irgendetwas daran faszinierte mich. Ich wollte dem nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Clay: Dann hat mir die Stadt New York einen Riesengefallen getan. Damals wurden die Straßenlaternen umgerüstet. Ich vermute, aus Sicherheitsgründen. Auf jeden Fall wurde auf sogenannte Natriumdampflampen umgestellt, die ein fast schon monochromes, orange-gelbes Licht erzeugten. Vorher waren die Nächte in New York in kaltem Grün erleuchtet, mit den neuen Laternen wurde das Licht warm und an manchen Stellen so hell, dass ich für meine Fotos keine zusätzliche Beleuchtung brauchte. Die Kombination aus dem Licht und dem Kodachrome-Film, den ich verwendete, war einzigartig. Teils sahen die Bilder aus, als seien sie bei Tage entstanden, so hell, so gestochen scharf waren die Farben. Ich brauchte nichts als meine Kamera, ein Stativ und eine Belichtungszeit von 40 Sekunden - fertig war das einzigartige Motiv.

Fotostrecke

Bildband "Cars New York City, 1974-1976": Die Macht der Nacht

SPIEGEL ONLINE: Das war alles?

Clay: Nein, ich habe mit der Autoserie auch deshalb angefangen, weil ich ein Mädchen beeindrucken wollte. Ich wollte Ihr eine Kette zum Geburtstag schenken, mit lauter kleinen, eingegossenen Fotos. Und dann sah ich die Bilder und dachte mir: Damit machst du weiter. Und das tat ich.

SPIEGEL ONLINE: Das Auto, das alles ausgelöst hat - was war das Besondere daran?

Clay: Gute Frage. Ich kann es nicht genau sagen. Wie so oft, wenn du eine künstlerische Eingebung hast. Ich hatte nur irgendwie das Gefühl: In verlassenen Autos verbirgt sich eine ganz eigene Welt.

SPIEGEL ONLINE: Auf den wenigsten Bildern in Ihrem Buch sind Menschen zu sehen. Und doch scheint, es, als erzählten die Autos mit ihren Beulen, ihren Bandagen aus Tape, von ihren Besitzern. Ist es das?

Clay: Vielleicht. Es sind kaum Menschen zu sehen und doch sind sie präsent.

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Steidl, 132 Seiten, 85 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wären solche Fotos heute auch noch möglich?

Clay: Ich habe kurz nach der Veröffentlichung des Buches ein paar der alten Schauplätze besucht und mir genau die gleiche Frage gestellt. Ich habe auch Fotos gemacht von den Autos, die dort standen. Die sind so langweilig! Ich sage das aus der Perspektive eines Renaissance-Malers, der Hintergrund und Vordergrund miteinander vermählen will. Wenn der Vordergrund langweilig ist, gibt es kein Bild. Die Autos von heute sind vom Pragmatismus gezeichnet. Die Energieeffizienz gibt die Form vor. Deswegen sehen die Autos auch alle gleich aus, egal von welchem Hersteller. Ich weiß, es muss so sein. Und doch stellt sich beim Blick auf die Bilder von damals das Gefühl ein: Da waren wir noch frei. Die Designer konnten sich noch austoben und mussten nicht lauter Anforderungen erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als ob das die Botschaft Ihres Buches wäre.

Clay: Eigentlich nicht. Andererseits: Wenn du vier Jahre lang herumrennst und nachts Fotos von Autos machst und irgendwann wird daraus ein Buch, dann ist die Botschaft wohl: Schuster, bleib bei deinen Leisten, bleib beharrlich, verfolge dein Ziel, mach, was du willst und die Welt wird davon schon Notiz nehmen!

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie denn heute zum Auto?

Clay: Ich persönlich hoffe, dass das Zeitalter des Verbrennungsmotors bald vorbei ist. Gleichzeitig glaube ich, dass es noch lange dauern wird, bis es so weit kommt. Warum? Ich lebe inzwischen auf dem Land. Wenn ich etwas einkaufen will, muss ich mit dem Auto fahren, hin und zurück zum Supermarkt sind es rund 60 Kilometer. Meine Tochter hat sich vor ein paar Tagen ein Elektroauto gekauft, aber ihr Weg zur Arbeit beträgt nur 45 Kilometer, und sie kann dort aufladen. Ich bin gespannt, wie sich das Auto in ihrem Alltag bewährt. Ich glaube, dass Elektroautos die Zukunft sind, aber die USA sind noch nicht so weit.

SPIEGEL ONLINE: Was fahren Sie für ein Auto?

Clay: Einen Volvo von 2002. Ich liebe ihn. Allerdings fängt er langsam an, zu schwächeln. Zuletzt hatte er Probleme mit der Lenkung, das Ersatzteil hat 1500 Dollar gekostet. Und aus irgendeinem Grund bin ich auch für die Reparaturen an den Autos meiner Kinder zuständig. Ich habe drei.… Wenn ich es mir recht überlege, hasse ich Autos (lacht). Nur die Autos in meinem Buch, die werde ich ewig lieben.

insgesamt 22 Beiträge
reflexxion 09.03.2017
1. wie kann ein Mann meiner Generation sagen er hasst Autos?
Da ist der Interviewer wohl einem geistigen Trittbrettfahrer auf den Leim gegangen. Ich kann mir kaum vorstellen das ein Mann meines Alters, also Anfang der 50er geboren, Autos hasst und dann aber einen Bildband mit den Autos der [...]
Da ist der Interviewer wohl einem geistigen Trittbrettfahrer auf den Leim gegangen. Ich kann mir kaum vorstellen das ein Mann meines Alters, also Anfang der 50er geboren, Autos hasst und dann aber einen Bildband mit den Autos der 70er in den USA (hier New York) veröffentlicht. Da will sich einer an einen Trend anhängen, der gerade in ist - aber bei ihm eben unglaubwürdig. Er verrät sich an mehreren Stellen bei seinen Antworten. Er findet aktuelle Autos langweilig, das finde ich auch - deshalb fahre ich auch Autos die schon über 10 Jahre alt sind (wie er ja auch). Also ich in den USA gelebt habe in den 90ern hatte ich auch einen Volvo 940 Turbo, das klingt jetzt sportlicher als er war. Der hatte eine üble 3-Gang Automatik mit Overdrive, was eine Art 4. Gang war. Ich hatte das Auto 8 Jahre und über 110.000 km umgerechnet, denn er hatte natürlich einen Meilentacho. Dank des Benzin-Turbo mit 165 PS hat er etwa 13-17 Liter auf 100km verbraucht und da ich ihn mit nach Deutschland nahm und hier die meisten Meilen gefahren bin wurde das zum Ende hin sehr teuer. Wenn er also den hohen Verbrauch von Autos in den USA anprangern würde dann könnte ich das nachvollziehen, aber Autos an sich schlecht finden, das geht gar nicht. Die zweite noch absurdere Aussage bei ihm ist aber das er 60km zum nächsten Supermarkt fahren muss. Als Autogegner würde er da nicht wohnen denn öffentlichen Nahverkehr sucht man in den USA ja oft vergeblich - zumindest auf dem Land. Statt einer relativ teuren Reparatur hätte er einfach einen anderen älteren Gebrauchtwagen kaufen sollen, denn bei Volvo sind Ersatzteile leider sauteuer, das war auch in den 90er Jahrfen schon so. Ein alter GM oder Ford Truck (also Pickup-Lieferwagen) ist in den USA das Massenauto schlechthin und deshalb sicher günstiger im Unterhalt - vor allem auch bei der Versicherung. Noch was zu seinen Fotos, die faszinieren mich gar nicht, als Laie habe ich da bessere in New York gemacht - und in London, Paris und Rom auch. Wenn ich da an den Lamborghini Miura S aus London 1973 denke, traumhaft schön....
sametime 09.03.2017
2.
Dieses ewige Gejammer, dass die Autos heute alle gleich aussehen und das es früher anders war. War es nicht. Es gab immer wieder Zeiten der Gleichförmigkeit, die 30er Jahre sind ein gutes Beispiel. Gerade in der Autoindustrie [...]
Dieses ewige Gejammer, dass die Autos heute alle gleich aussehen und das es früher anders war. War es nicht. Es gab immer wieder Zeiten der Gleichförmigkeit, die 30er Jahre sind ein gutes Beispiel. Gerade in der Autoindustrie guckt einer vom anderen ab, das war schon immer so. Teilweise sind es ja auch Lizensnachbauten oder Kooperationen. So ist zum Beispiel der BMW Dixi ein Lizenzbau des Austin 7. Das beste Beispiel für gnadenloses Kopieren war die Heckflosse, nach der eine ganze Autogeneration benannt wurde, so oft wurde sie kopiert. Den berühmten Hofmeister-Knick von BMW findet man immer noch bei vielen anderen Automarken wieder. Was sich gut verkauft, wird gebaut. Und wenn die Leute langweilige Autos haben wollen, dann kaufen sie diese und Exoten haben dann keine Chance. Gegen das Argument, dass die Autos heute nur stromlinienförmig sind und auf Verbrauch getrimmt sind, spricht doch der SUV-Boom.
zeisig 09.03.2017
3. Sagenhaft !
Einmalige, wunderschöne Fotos. Wenn man die als Druck in Großformat bekommen kann, hänge ich mir eines davon in die Wohnung.
Einmalige, wunderschöne Fotos. Wenn man die als Druck in Großformat bekommen kann, hänge ich mir eines davon in die Wohnung.
Analog 09.03.2017
4. Geht es auch eine Nummer kleiner?
"...schaffte das scheinbar Unmögliche: einzigartig schöne Fotos von Autos zu machen - obwohl die ihn eigentlich ..." Einzigartige Fotos gehen anders! Sehen vom Bildaufbau fast alle gleich aus, anderes Modell, andere [...]
"...schaffte das scheinbar Unmögliche: einzigartig schöne Fotos von Autos zu machen - obwohl die ihn eigentlich ..." Einzigartige Fotos gehen anders! Sehen vom Bildaufbau fast alle gleich aus, anderes Modell, andere Leuchtreklame im Hintergrund, Autos bei Nacht, und?
josho 09.03.2017
5. Den Modellen....
....der fünfziger Jahre können sie aus meiner Sicht nicht einmal im Ansatz das Wasser reichen! Aber das hängt wahrscheinlich mit mir zusammen.
....der fünfziger Jahre können sie aus meiner Sicht nicht einmal im Ansatz das Wasser reichen! Aber das hängt wahrscheinlich mit mir zusammen.

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