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Auto

Kompaktes Lastenrad für Großstädter

Gutes Rad ist teuer

Lastenräder sind zwar praktisch, die meisten aber sehr sperrig. Einige Hersteller entwickeln deshalb jetzt kompakte Cargobikes - so wie das Berliner Start-up Sblocs.

Margret Hucko
Von
Donnerstag, 18.05.2017   11:31 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Marcus Dittberner und Matti Cartsburg haben ein Fahrrad entwickelt, das durch eine normale Türe passt. Das klingt zunächst nicht besonders spektakulär, aber die beiden macht es stolz. Denn ihre Entwicklung ist kein Rennrad oder Trekkingbike, sondern ein Lastenrad mit drei Rädern. Und während bei anderen drei- oder vierrädrigen Lastenrädern die Spurbreite mehr als 90 Zentimeter misst, ist sie bei ihrer Erfindung kaum breiter als der Lenker eines Mountainbikes.

Kompakte Cargobikes wie das Sblocs e_kurier - so lautet der Name von Dittberners und Cartsburgs Fahrrad - waren bis vor Kurzem kaum erhältlich. Mittlerweile wird das Angebot aber immer größer: Neben dem Sblocs, das im Oktober serienreif sein soll, gibt es Lastenräder wie das Muli, nach Angaben des Herstellers ein Hybrid aus Kompaktrad und Cargobike, oder das Veleon, "entwickelt für volle Straßen und enge Fahrradwege", wie es auf e-lastenrad.de heißt.

Die neuen Kompaktmodelle sind deshalb so interessant, weil mit ihnen das Lastenrad neu gedacht wird: Kam es den Herstellern bisher darauf an, dass man mit den Cargobikes möglichst viele und schwere Gegenstände oder gleich einen halben Kinderhort transportieren kann, zielen die neuen auf Lieferdienste und Großstädter mit einem Kind, die kein eigenes Fahrradhäuschen besitzen und ihr Gefährt in der Wohnung oder am Laternenmast parken müssen.

Dittberner und Cartsburg bedienen mit ihrem Lasten-Pedelec außerdem gleich zwei Trends der Fahrradbranche: Mittlerweile haben nach Verbandsangabe 15 Prozent aller verkauften Fahrräder einen E-Motor. Zudem steigt die Zahl der Cargobikes. Geht es nach dem Willen umweltbewusster Politiker, sollen diese einen Beitrag zur Verkehrswende leisten. Im besten Fall ersetzt ein Fahrrad ein Auto. Städte wie München fördern die Anschaffung eines Lastenrads sogar schon mit einer Prämie von bis zu 2000 Euro. Das hilft der Branche und weckt bei einigen Fahrradfreaks den Unternehmergeist - so wie bei Dittberner und Cartsburg.

Das Sblocs hat ein beachtliches Gepäckabteil

Die kompakte Größe ihres Fahrrads hat gleich mehrere Vorteile: Die Proportionen wirken stimmiger als bei großen Lastenrädern, die oft aussehen wie aus zwei Bikes zusammengebastelt. Außerdem fährt sich das Sblocs leichter als größere Cargobikes mit drei Rädern. Dabei hilft natürlich der 250 Watt starke E-Motor von Brose. Zwar soll es das Sblocs auch ohne elektrische Unterstützung geben, und damit rund 1000 Euro billiger als die angedachten 4400 Euro. Doch wer ein Leergewicht von rund 30 Kilo plus Gepäck und seine eigenen Pfunde mit Spaß bewegen will, kommt an dieser Investition kaum vorbei. Man muss sich aber nicht gleich beim Kauf entscheiden: Das Basis-Sblocs soll sich nachträglich aufrüsten lassen.

Im Video: Eine Fahrt mit dem Sblocs durch Berlin:

Foto: Ben Renner

Mit drei Fahrstufen Cruise, Tour und Sport lässt sich die Trethilfe aus dem Akku gut dosieren. Dabei summt der Motor so leise, dass man ihn glatt vergisst und man sich ungemein sportlich vorkommt. Radfahren geht in die Beine? Die Zeiten scheinen vorbei - zumindest beim Sblocs e_kurier.

Dabei lastet dem Rad mit der abschließbaren, massiven Holzkiste, die aussieht wie eine Luxuswickelkommode, ein gehöriges Päckchen auf der Vorderachse. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie schwer man in die Pedale tritt, wenn die vom Hersteller angegebene maximale Kapazität von 40 Kilo ausgeschöpft ist. Das entspricht knapp zwei Zementsäcken aus dem Baumarkt, die in dem 120 Liter fassenden Kofferraum Platz finden. Der ist von seinem Volumen fast so groß wie der eines Porsche 911 (145 Liter). Nur mit dem kleinen Unterschied, dass der Sblocs-Fahrer sein Gepäckabteil einfach mitnehmen kann. Vier Schrauben halten die Kiste am Rad fest und können bei Bedarf gelöst werden.

Was beim Sblocs derzeit noch stört, ist der vergleichweise große Kraftaufwand beim Lenken. Die Gründer wollen aber nachbessern. "Wir werden noch einmal mit Lenkungsdämpfern experimentieren", sagt Dittberner. Diese hatten sie zuvor ausgebaut, denn das Rad soll möglichst simpel konstruiert sein, damit Kunden es notfalls selbst reparieren können. Grundsätzlich ein guter Ansatz, aber eben schlecht fürs Handling. Rasche Ausweichmanöver sind da schwierig - erst recht mit Kindern an Bord. Je schneller das Sblocs wird, desto stabiler läuft es jedoch.

Mit drei Rädern fast so sportlich wie ein Bullit

Cartsburg und Dittberner war es wichtig, dass das Sblocs flott fährt. "Wir sind alle Sportler", sagt Cartsburg. Auch deshalb besitzt das Lastenrad an der Vorderachse eine ausgeklügelte mechanische Neigetechnik, die es dem Fahrer erlaubt, sich schwungvoll in die Kurven zu schmeißen. Keine Frage, das Sblocs kann sich mit schnellen einspurigen Lastenfahrrädern wie dem Bullit messen, die gerne von Kurierfahrern bewegt werden. Der Fahrer nimmt dementsprechend eine leicht gebeugte Haltung auf dem Sattel ein.

An einer Kinderausstattung für die Box arbeiten die Gründer noch. Künftig soll das Gepäckabteil mit einer Vorrichtung für Babyschalen und Isofix-Halterung ausgestattet werden. Größere Kinder können die Abdeckung der Holzkiste als Rückenlehne nutzen.

Sblocs

Die Sblocs-Gründer Dittberner (links) und Cartsburg

Cartsburg und Dittberner kommen wie viele Start-up-Gründer in der Fahrradszene durch ihre Leidenschaft zum neuen Unternehmen - und weniger, weil ihre Biografien den Wechsel in die Fahrradindustrie nahelegen. Dittberner, 53 Jahre alt, ist Designer mit eigener Agentur für Gestaltung, sein 30-jährige Neffe Cartsburg studierter Agrarökonom.

Die Idee, ein eigenes Rad zu bauen, reifte bei einer einjährigen Europatour von Dittberner - eine Auszeit, die er sich nach einer schwierigen Beziehung gönnte, erzählt er. Seine Route führte auch über den Jakobsweg. Während der Pilgertour suchte er nach neuen Aufgaben. Auf einem Zettel notierte er Dinge, die er im Leben noch erreichen wollte. Ganz oben auf der Liste: "Beruflich noch einmal etwas Neues machen". Fahrräder bauen! Sein Neffe, zwar im Job gut angekommen, wünschte sich aber schon während des Studiums, ein eigenes Unternehmen zu gründen - Sblocs war geboren. Der Name für das Unternehmen wiederum fiel Dittberner auf einer weiteren Tour ein, auf der Motta Sblocs, einem kleinen Vorgipfel in den Bündner Alpen.

Dass es gefühlt mittlerweile mehr Fahrrad-Start-ups gibt als Berge, liegt an den vergleichsweise überschaubaren Investitionskosten. In die Entwicklung des Sblocs flossen laut Dittberner bisher etwa 100.000 Euro. Bis zur Serienreife rechnete er mit einem Aufwand von weiteren 100.000 Euro. Zum Vergleich: Wer in der Autoindustrie mitspielen will, muss für die Entwicklung eines Modells einen hohen dreistelligen Millionenbetrag hinlegen.

Doch auch Sblocs greift auf Automobil-Know-how zurück - nicht nur beim Brose-Motor, einem großen Automobilzulieferer, der wie Bosch Antriebe fürs Fahrrad baut. Auch der Alu-Rahmen wird bei einem BMW-Zulieferer gefertigt. Weil die beiden Zulieferer der entscheidenden Komponenten in der deutschen Hauptstadt sitzen, trägt das Sbloc e_kurier schon vor dem offiziellen Start ein spezielles Gütesiegel: Made in Berlin.

Zusammengefasst: Sblocs ist ein Fahrrad-Start-up aus Berlin, das im Oktober ein kompaktes Cargobike mit E-Motor auf den Markt bringen will. Damit stößt das junge Unternehmen in eine Lücke. Bisher waren Lastenräder eher Lkw statt kompakt. Das ändert sich gerade - auch dank politischer Förderung, die zwar noch zaghaft ist und der Not, alternative Verkehrskonzepte für Großstädte zu entwickeln.

insgesamt 75 Beiträge
hausfeen heute, 12:01 Uhr
1. Ein Lastenrad ohne Pedelec ist Quatsch.
Ohne e-Unterstützung klappt es nur bei jungen, durchtrainierten Menschen, bei leerer Kiste, exakt planer Straße oder bergab. Natürliche Kundenselektion also. 200.000 € Investionskosten - da frage ich mich, wohin das Geld [...]
Ohne e-Unterstützung klappt es nur bei jungen, durchtrainierten Menschen, bei leerer Kiste, exakt planer Straße oder bergab. Natürliche Kundenselektion also. 200.000 € Investionskosten - da frage ich mich, wohin das Geld ging. Da haben schon welche eine goldene Nase verdient, ohne dass das Teil Umsätze gemacht hat. Für 2000 jedenfalls schweißt mir mein Haus- und Hoffahrradhändler das Ding nach meinem Wünschen zusammen und für 1000 mehr mit E-Antrieb. Es gibt übrigens einen Lastenanhänger mit eingebautem e-Antrieb zur Schubunterstützung. Passt an jedes Fahrrad.
razmataz heute, 18:08 Uhr
2.
Ich bin das Rad gerade bei der Velo in Hamburg gefahren: ein sehr cooles Fahrgefühl. Auf gerader Strecke merkt man noch keinen großen Unterschied zu anderen Lastenrädern, aber als es in die Kurve ging standen alle anderen – [...]
Ich bin das Rad gerade bei der Velo in Hamburg gefahren: ein sehr cooles Fahrgefühl. Auf gerader Strecke merkt man noch keinen großen Unterschied zu anderen Lastenrädern, aber als es in die Kurve ging standen alle anderen – mit dem Rad von Sblocs ging es hingegen um die Kurve wie mit meinem Singlespeed. Bin gespannt, wann sie in Serie gehen!
schgucke 23.09.2017
3. Super Sache
bei einem Urlaub nach Belgien und den Niederlanden war ich vor allem damit beschäftigt, die unterschiedlichen Lastfahrräder zu inspizieren und war echt begeistert über die Vielfalt. einziges Problem: wohin damit, wenn man nicht [...]
bei einem Urlaub nach Belgien und den Niederlanden war ich vor allem damit beschäftigt, die unterschiedlichen Lastfahrräder zu inspizieren und war echt begeistert über die Vielfalt. einziges Problem: wohin damit, wenn man nicht fährt. Diebstahl, Vandalismus, Wetter, überhaupt ein Stellplatz: alles nicht so einfach. ansonsten im Alltag ein vollständiger Autoersatz.
schlaueralsschlau heute, 18:12 Uhr
4.
Gütesiegel "Made in Berlin". Mutig sich so ein Ding zu kaufen. :D Die Kosten bis zur Serienfertigung finde ich doch sehr hoch.
Gütesiegel "Made in Berlin". Mutig sich so ein Ding zu kaufen. :D Die Kosten bis zur Serienfertigung finde ich doch sehr hoch.
denkpanzer heute, 18:13 Uhr
5. Cool
Das sieht doch recht gut aus. Nette Idee mit der Neigetechnik. Sicher nicht billig, aber eine Auto ist neu immer noch deutlich teurer und in der Stadt ist es deutlich unpraktischer. Wünsche den Jungs viel Erfolg.
Das sieht doch recht gut aus. Nette Idee mit der Neigetechnik. Sicher nicht billig, aber eine Auto ist neu immer noch deutlich teurer und in der Stadt ist es deutlich unpraktischer. Wünsche den Jungs viel Erfolg.

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