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Auto

Luca di Montezemolo

Ferrari für immer

Er ist genauso alt wie die Marke Ferrari und hat fast 30 Jahre in Maranello gearbeitet: Luca di Montezemolo über den Mythos eines Autoherstellers - und wie er Gianni Agnelli und Enzo Ferrari zum Weinen brachte.

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Ein Interview von
Dienstag, 03.10.2017   14:33 Uhr

Das Büro von Luca Cordero di Montezemolo liegt in einer ruhigen Straße in Rom, unweit der Villa Borghese. Sein Name steht nicht am Klingelschild. In Deutschland kennt man Montezemolo vor allem von RTL, dem Formel-1-Sender. Man sah ihn dort jeden zweiten Sonntag. Wenn er neben Michael Schumacher auftauchte, hatte er meistens einen Pokal in der Hand.

Diana, seine Assistentin, führt ins Konferenzzimmer. Herr Montezemolo bitte um Verzeihung, er werde sich etwas verspäten. Sie schließt die Schiebetür. Das Konferenzzimmer: Die Wand zur Rechten ist bedeckt von einer riesigen Fotografie. Ein Canyon, blauer Himmel, eine staubige Straße führt in Richtung Abgrund. Zur Linken eine Bücherwand. Werke über Mode, Jachten, viele Architekturbücher, Frank Lloyd Wright, Bildbände von Richard Avedon, Bücher über die Beatles und über Martin Scorsese, ein Buch über 60 Jahre Ferrari, ein Buch über 50 Jahre Ferrari, Winston Churchills Kriegsreden in fünf Bänden, die Geschichte des Risorgimento in sieben Bänden.

Luca di Montezemolo war mehr als zwei Jahrzehnte das Gesicht der sagenumwobensten Automarke der Welt: Ferrari. Davon wird hier gleich die Rede sein. Er war aber auch, unter anderem, Generaldirektor des Traditionsgetränkeherstellers Cinzano, Verwaltungsratsmitglied der Edelschuhmarke Tod's und der Bankengruppe Unicredit, Präsident des italienischen Industrieverbandes, der Fiat Group und der italienischen Vereinigung der Zeitungsverleger. Der ehemalige Regierungschef Silvio Berlusconi bot ihm einen Ministerposten an und er war Generaldirektor des Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Er ist adlig, sein Onkel ein Kardinal.

Viele Italiener vergöttern Montezemolo für seine Verdienste um Ferrari. Was hat diese Verehrung aus ihm gemacht? Vergleichbar prominente Figuren benehmen sich irgendwann so, als seien sie tatsächlich Götter.

Die Schiebetür des Konferenzraums öffnet sich wie ein Theatervorhang, Montezemolo tritt herein. Die ersten Worte aus seinem Mund: Eine Entschuldigung für die Verspätung, er bedauere das sehr.

Das dunkelblaue Jackett wird er während des Interviews nicht ablegen. Die neue Mode der sogenannten Entscheider, dieser betont legere Silicon-Valley-Style: Hält man sofort für Quatsch, wenn man ihm gegenübersteht. Er kommt aus dem Piemont. Seine Haare sind grau, aber er trägt noch immer den Schnitt wie mit Mitte Zwanzig. Er kann das, er ist das menschgewordene Einstecktuch.

Gleichzeitig ist er erstaunlich unprätentiös. Seit seiner Ankunft zum Interview sind gerade ein paar Minuten vergangen, da klingelt Montezemolos Smartphone. Er schaut kurz drauf. "Das ist der Verkehrsminister". Dann schüttelt er den Kopf und reicht Diana das Handy. "Da gehe ich jetzt nicht ran". Er hat einen Gast, der eh schon warten musste, das ist jetzt seine Verpflichtung. Wer dazwischenfunkt, muss sich gedulden. Selbst wenn es der Verkehrsminister ist.

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Montezemolo im Konferenzzimmer seines Büros in Rom

SPIEGEL ONLINE: Die Legende, dass Enzo Ferrari Sie persönlich rekrutiert hat: Stimmt sie?

Montezemolo: Ja. Ich war Anfang der Siebzigerjahre als Gast in eine Radiosendung eingeladen, es ging um Motorsport. Ich war damals erfolgreicher Rallyepilot und gerade mal 19 Jahre alt. In der Sendung konnten sich Hörer zu Wort melden. Ein Anrufer verteufelte Autorennen: Sie seien elitär, gefährlich und schlecht für die Umwelt.

SPIEGEL ONLINE: Was antworteten Sie?

Montezemolo: Dass Motorsport wichtig für die Entwicklung von Straßenfahrzeugen ist und außerdem viele Piloten aus einfachen Verhältnissen stammen. Ich widersprach dem Anrufer energisch. Enzo Ferrari hörte die Sendung. Er ließ sich beim Sender durchstellen und erkundigte sich nach meinem Namen. "Wer ist dieser Junge mit dem Mumm?" Dann erhielt ich eine Einladung von ihm. Er wollte mich in Maranello sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief das Gespräch?

Montezemolo: Er beklagte die chaotischen Zustände in seinem Formel-1-Rennstall. Seit mehr als zehn Jahren hatte die Scuderia Ferrari keinen Titel mehr geholt. Ich sollte die Truppe neu organisieren. Im Sommer 1973 wurde ich persönlicher Assistent von Enzo Ferrari, kurz darauf ernannte er mich zum Teamchef des Rennstalls.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren erst 25. Wie setzten Sie sich als Neuankömmling gegen die Platzhirsche durch?

Montezemolo: Ich hatte die volle Unterstützung des Unternehmensgründers, das war hilfreich. Ich merkte schnell, dass es keine klare Rollenverteilung gab. Die Techniker waren begabt, aber eigenwillig. Also stattete ich sie mit den entsprechenden Mitteln aus und sagte, dass sie sich voll auf die Konstruktion eines erfolgreichen Wagens konzentrieren können. Um die Fahrer kümmerte ich mich. Als die Zuständigkeiten geklärt waren, engagierte ich einen neuen Piloten: Niki Lauda. Ein Jahr später, 1975, wurden wir Weltmeister.

Milestone Media / imago

Von links nach rechts: Enzo Ferrari, Luca di Montezemolo und Niki Lauda (die Aufnahme entstand Mitte der Siebzigerjahre)

SPIEGEL ONLINE: Was lernten Sie in dieser Zeit von Enzo Ferrari?

Montezemolo: Nach Niederlagen zusammenhalten und nach Erfolgen die Ansprüche nach oben schrauben! Wenn man am Sonntag gewinnt, muss man am Montag wieder trainieren, und zwar umso härter. Später verkörperte Michael Schumacher diese Denkweise wie kein Zweiter.

SPIEGEL ONLINE: Enzo Ferrari galt als ein Chef zum Fürchten. Im Unternehmen sollen ihn Angestellte "il Drago" genannt haben, den Drachen.

Montezemolo: Ich weiß. Aber ich empfinde ihm gegenüber ein tiefe Dankbarkeit. Ich habe viel von ihm gelernt, und er hat sich um mich gekümmert, als ich alleine in Maranello war. Er nahm mich oft mit zum Mittagessen in kleine Restaurants, vor meiner Hochzeit 1976 gab er mir sogar ein paar Ratschläge für die Ehe. Ja, er war sehr hart. Seine ganze Leidenschaft galt nun mal den Autos, der Fabrik und den Leuten, die dort arbeiteten. Ein paar Macken hatte er auch.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Montezemolo: Er benutzte zeit seines Lebens nie einen Lift und stieg in kein Flugzeug.

Ferrari

Enzo Ferrari

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Weltmeistertitel 1977 wechselten Sie ins Verlagsgeschäft und kurz darauf zu Fiat. 1991 kehrten Sie als Präsident zu Ferrari zurück. Wie war die Situation damals?

Montezemolo: Die Marke steckte in Schwierigkeiten, aus drei Gründen: Erstens war der Fiat-Konzern falsch mit seinem Tochterunternehmen umgegangen. Man hatte nicht verstanden, dass Ferrari kein normaler Autohersteller ist. Ferrari ist eine Mischung aus Luxusmarke und Technologieunternehmen. Alle wichtigen Komponenten werden in Maranello hergestellt, der Motor, das Getriebe, das Chassis. Fiat hatte gute Ingenieure für Autos wie den Panda. Aber für einen Ferrari? Da fehlten die richtigen Leute. Wenn dir dein Bein schmerzt, gehst du ja nicht zum Zahnarzt. Zweiter Grund: Im Rennstall waren die Machtverhältnisse nicht geklärt - als ich mich bei meiner Rückkehr 1991 nach dem Chefdesigner erkundigte, meldeten sich drei verschiedene Männer. Grund drei: Enzo Ferrari war 1988 gestorben, und in den letzten Jahren seines Lebens hatte niemand in seinem Umfeld die Veränderungen in der Formel 1 verstanden. Die Rennwagen waren Flugzeugen ähnlicher als Serienautos: Elektronik, Aerodynamik und Leichtbaumaterial spielten nun eine wichtige Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Enzo Ferrari wird das Zitat zugeschrieben, Aerodynamik sei etwas für Leute, die nichts von Motorenbau verstehen.

Montezemolo: Mit Getriebe und Motor kannte man sich bei Ferrari aus. Das Problem war, dass Italien keine traditionelle Luftfahrtindustrie hat. Anders als in Frankreich oder Großbritannien gab es keine Spezialisten aus Unternehmen und keine Nachwuchskräfte von Universitäten. Aber nicht nur der Formel-1-Rennstall von Ferrari hatte Probleme, auch die Abteilung für Straßenautos. Die Nachfrage war gesunken.

SPIEGEL ONLINE: Was stimmte den nicht an den Autos?

Montezemolo: Es waren altmodische Sportwagen. Man kam schlecht rein und konnte kaum aussteigen, sie boten keinen Komfort und waren extrem hart abgestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Um welche Modelle ging es da?

Montezemolo: Ich bat Niki Lauda, einen Ferrari 348 von 1989 zu testen. Anschließend sagte er, der Wagen mache komische Geräusche und fahre sich rucklig.

SPIEGEL ONLINE: Was änderten Sie nach Ihrem Start?

Montezemolo: Wir führten unter anderem Automatikgetriebe bei den Straßenautos ein, entwickelten 2+2-Sitzer mit mehr Platz, und wir bauten Autos sowohl mit Mittel- als auch mit Heck- und Frontmotor. Die Farbenpalette erweiterten wir ebenfalls. Rot ist schön, aber die Kunden wollten ein bisschen Abwechslung. "Verschiedene Ferraris für verschiedene Ferraristi" - so lautete der Slogan unserer Strategie.

Montezemolo gilt als Retter von Ferrari. Man kann auch sagen: Er hat Italiens Nationalheiligtum erst vor dem Untergang bewahrt und dann in eine goldene Ära geführt. Der Absatz verdreifachte sich während seiner Amtszeit, die Gewinnmarge kletterte auf mehr als 18 Prozent - ein Rekordwert in der Automobilbranche. Kennen Sie das gute Gefühl, wenn man vom Chef ein Lob kriegt? Fiat-Patriarch und Ferrari-Besitzer Gianni Agnelli schenkte Montezemolo zur Hochzeit einen eigens für ihn angefertigten Ferrari. Montezemolo selbst sieht sich nicht als "klassischen Geschäftsführer", eher als Mischung aus "Entrepreneur, Organisator und Manager". Ferrari habe er geführt, "als wäre es mein eigenes Unternehmen".

Fotostrecke

Fotostrecke: Die Ferrari-Modelle der Ära Montezemolo

SPIEGEL ONLINE: Was machten Sie mit der Motorsportabteilung?

Montezemolo: Ab Mitte der Neunzigerjahre engagierte ich neue Leute: Jean Todt als Teamchef, Ross Brawn als Technischen Direktor. Und natürlich Michael Schumacher. Zwischen 1999 und 2004 holten wir fünf Fahrer- und sechs Konstrukteurstitel. An den ersten Gesamtsieg im Jahr 2000 erinnere ich mich noch genau.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie.

Montezemolo: Das Saisonfinale war in Japan. Während der letzte Runde klingelte mein Telefon: Gianni Agnelli war dran. Ich glaube, er weinte. Es war fast wie 1975.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn 1975?

Montezemolo: Als wir damals nach zwölf Jahren ohne Titel die Weltmeisterschaft gewannen, überbrachte ich Enzo Ferrari persönlich die Botschaft von unserem Sieg. Ich rief ihn aus einem Renntruck heraus an. Ferrari war ein harter Typ. Aber als er hörte, dass wir Weltmeister sind, da weinte er. Da bin ich mir jedenfalls ziemlich sicher.

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Montezemolo mit Rubens Barrichello, Jean Todt und Michael Schumacher bei einer Pressekonferenz 2004.

Nach dem Interview wird Montezemolo dem Gast aus Deutschland noch Fotografien in seinem Arbeitszimmer zeigen: Er mit Michael Schumacher, Felipe Massa und Jean Todt auf einer Siegesfeier, alle tragen rote Perücken. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt ein Werk des deutschen Fotografen Andreas Gursky, es zeigt einen Formel-1-Ferrari beim Boxenstopp. Die Szene erinnert an Leonardo da Vincis "Das Abendmahl"; der Wagen beherrscht die Bildmitte wie Jesus, um ihn scharen sich Techniker wie die Jünger. Bei Ferrari sind Geschäft und Motorsport unzertrennlich. Die Bilanzen können noch so gut sein - wenn die Weltmeistertitel ausbleiben, wird man als Ferrari-Präsident angezählt.

SPIEGEL ONLINE: Niki Lauda sagte mal: "Wenn du bei Ferrari gewinnst, bist du der Größte. Wenn du verlierst, bist du der größte Idiot." Stimmen Sie ihm zu?

Montezemolo: Niki übertreibt manchmal. Ja, da gewinnst du ein Rennen und alle klopfen dir auf die Schulter und jubeln dir zu. Eine Woche später gibt's ein technisches Problem, und schon stehst du als Versager da. Das ist ein bisschen die italienische Mentalität.

Luca di Montezemolo räuspert sich.

Natürlich weiß er, wohin die Frage nach dem Lauda-Zitat führen soll. 2014 trat er bei Ferrari vom Präsidentenposten zurück. Als er das Unternehmen verließ, für das er 23 Jahre am Stück gearbeitet hatte, lagen sechs erfolglose Formel-1-Saisons hinter ihm. Fiat-Chef Sergio Marchione setzte Montezemolo nach jedem Rennen ohne Podestplatz stärker unter Druck. Nun führt Marchione Ferrari. Heikles Thema. Es folgt, ungefragt: Montezemolos Kommentar zu aktuellen Situation bei Ferrari.

Montezemolo: Ich möchte die aktuelle Situation bei Ferrari nicht kommentieren...

Kurze Pause.

Montezemolo: … ...aber das Ferrari von heute unterscheidet sich von meinem Ferrari. Die Marke ist jetzt an der Börse. Warum? Weil Fiat Schulden hatte. Ferrari war immer eine Art Bankautomat für Fiat. Verstehe ich ja, Fiat befand sich schließlich in einer Krise. Also: Wenn man den Börsenkurs von Ferrari steigern will, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man erhöht die Stückzahlen oder man erhöht die Preise. Größere Stückzahlen bedeuten mehr Gewinn - aber auch weniger Exklusivität. Bei Ferrari hat man sich dafür entschieden, die Stückzahlen zu erhöhen. Ich hätte es vorgezogen, weniger Autos zu verkaufen, aber dafür zu höheren Preisen. Aber ich habe ja nichts mehr zu entscheiden. Es ist bloß so: Die Autos von Ferrari müssen meiner Meinung nach wie schöne Frauen sein. Man sollte sie begehren. Man sollte auf sie warten müssen. Luxusmarken wie Ferrari brauchen sehr viel Aufmerksamkeit. Sie müssen beschützt werden, damit sie ihren Wert behalten. Entschuldigen Sie, ich habe Ihre Frage vergessen. Über was sprachen wir?

SPIEGEL ONLINE: Das Lauda-Zitat.

Montezemolo: Niki hat recht.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Ferrari werde ein SUV-Modell bauen. Was halten Sie davon?

Tiefes Ein- und Ausatmen durch die Nase. Montezemolo blickt kurz auf den Tisch, dann schaut er auf. Sein Blick bekommt etwas durchdringendes.

Montezemolo: Schauen Sie, ich bin kein Romantiker. Ich verkläre nicht die Vergangenheit.

Tiefes Ein- und Ausatmen.

Montezemolo: Ich bin der Ansicht, Ferrari sollte keine SUV bauen. Die Marke muss für extreme Performance stehen, für Schönheit und für ein außergewöhnliches Fahrgefühl. Maserati, Alfa Romeo, Jaguar: Diese Marken können von mir aus SUV bauen. Porsche kann SUV bauen. Aber Ferrari? Das ist doch etwas anderes. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe Porsche. Aber will man so in einem Ferrari fahren? Er setzt sich aufrecht hin und umklammert ein imaginäres Lenkrad. Das ist nicht Ferrari.

Es geht jetzt nicht mehr nur um SUV, sondern ums Grundsätzliche.

Montezemolo: Ich möchte an dieser Stelle noch mal eins klarstellen: Meine Vision für Ferrari war immer der Blick nach vorn. Ich legte Wert auf Innovationen. Ich erinnere mich daran, wie Amazon-Gründer Jeff Bezos staunte, als er unser Werk in Maranello besuchte. Neben den Fließbändern wachsen Pflanzen! Der Windtunnel: Die Architektur stammt von Renzo Piano! Die ganze Anlage, das ganze Gelände wurde 1997 neu konzipiert und wie ein Dorf entworfen. Wir produzieren Energie aus regenerativen Quellen. In der Fabrik!

Er lässt die Hände mehrmals auf den Tisch fallen. Gerade so fest, dass man es hört, aber gleichzeitig so sachte, dass sein Wasserglas nicht wackelt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Montezemolo, warum haben Sie Ferrari verlassen?

Sergio Marchione ist Fiat-Boss und seit drei Jahren auch Herrscher über Ferrari. Er ist die Antithese zu Montezemolo: Der Adlige mit den eleganten Anzügen hielt stets an einer idealistischen Strategie fest, verknappte das Angebot an Ferraris sogar künstlich, um sie noch exklusiver zu machen; Marchiones Markenzeichen sind Pullover und eine pragmatische Unternehmensführung, den Firmensitz von Fiat verlegte er von Turin in die Niederlande. Durch die Übernahme von Chrysler rettete er Fiat aus der Krise, er pappte das ehrenwerte Wappen von Lancia an Durchschnittslimousinen des US-Herstellers. Traditionen scheren ihn deutlich weniger als wirtschaftlicher Erfolg. Er ist ein knallharter Manager, entsprechend führte er den Machtkampf gegen Montezemolo - und entschied ihn 2014 für sich.

Luca di Montezemolo sortiert sich kurz. Er drückt das Kreuz durch, faltet die Hände und senkt für einen Moment den Blick. Es wirkt, als schaue er jetzt auf Marchione herab. Der hat ihm mit Ferrari genommen, was ihm lieb und teuer war. Es war eine Fehde von epischer Tragik, und es wäre nur allzu verständlich, wenn Montezemolo auf die Frage nach dem Umständen seines Abgangs mit einem eruptiven Hassmonolog antworten würde. Doch nichts dergleichen geschieht. Nur eine winzige Bewegung verrät, wie aufgewühlt Montezemolo ist: Für einen kurzen Moment verzieht er Nasenspitze und den Mund, fast unmerklich. Es ist nur ein Zucken, aber in ihm liegt alle Verachtung, aller Schmerz der Welt.

Montezemolo: Jemand anders wollte Ferrari-Präsident werden. So einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: Was vermissen Sie am meisten, seit Sie nicht mehr bei Ferrari sind?

Montezemolo: Ich habe etwa 30 Jahre in verschiedenen Positionen dort gearbeitet. Mein halbes Leben lang, das halbe Ferrari-Leben lang. Ferrari ist - nach meiner Familie - das Bedeutendste in meinem Leben. Ich vermisse die Fabrik. Ich vermisse die Gespräche über neue Modelle, wohin der Motor kommt, wie viele Sitze das Auto kriegt, die Gespräche über die Karosserieformen, die ich mit den Leuten von Pininfarina und dem Designcenter führte. Darüber, wie man einen Ferrari baut, der sich von den anderen Modellen unterscheidet, aber sofort als Ferrari erkannt wird. Das vermisse ich: die stundenlangen Diskussionen mit den Mitarbeitern in Maranello.


Hier zeigen wir Ihnen eine Auswahl an Ferrari-Modellen aus der 70-jährigen Geschichte des Sportwagenherstellers. Gefällt Ihnen der F 40 am besten, der Testarossa, oder doch der von Niki Lauda geschmähte 348? Sie können Ihren Favoriten küren - und so geht's: Klicken Sie auf das Modell, das Ihnen besser gefällt. Die Alternative verschwindet, ein neues Modell erscheint. Am Ende bleibt Ihr Lieblings-Ferrari übrig.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der bislang letzte Formel-1-Weltmeistertitel von Ferrari datiere aus dem Jahr 2004. Das ist falsch, Ferrari holte 2008 den Konstrukteurstitel.

insgesamt 17 Beiträge
giggs1999 03.10.2017
1. Tolles Interview...
..gute Fragen, ebensolche Antworten und die Beschreibung der Mimik, klasse. Und ich bin kein Motorsportanhänger.
..gute Fragen, ebensolche Antworten und die Beschreibung der Mimik, klasse. Und ich bin kein Motorsportanhänger.
RalfBukowski 03.10.2017
2. Luca di Montezemolo
...war für mich früher immer die Verkörperung von Ferrari, mehr noch als der Commendatore selbst (der eher wie ein Mythos wirkte). Marchione ist nur irgendein Manager, die öffentliche Wirkung ist nicht die einer wirklichen [...]
...war für mich früher immer die Verkörperung von Ferrari, mehr noch als der Commendatore selbst (der eher wie ein Mythos wirkte). Marchione ist nur irgendein Manager, die öffentliche Wirkung ist nicht die einer wirklichen Persönlichkeit. Bei ihm hat man nicht das Gefühl, dass er die Marke lebt. Aber was ganz anderes - Heckmotor? Welcher Ferrari hatte einen Heckmotor (also HINTER der Hinterachse)? Meines Wissens hatten alle Ferrari bisher den Motor vor der Hinterachse (Mittelmotor) bzw. vor dem Cockpit...
Referendumm 03.10.2017
3.
"bzw. vor dem Cockpit..." - nennt sich dann wohl Frontmotor. ;) Bin bzgl. des Abgangs von Luca di Montezemolo etwas zwiegespalten. Sicherlich hatte er seine Erfolge mit Ferrai gehabt, aber am letzten Chaos bzgl. [...]
Zitat von RalfBukowski...war für mich früher immer die Verkörperung von Ferrari, mehr noch als der Commendatore selbst (der eher wie ein Mythos wirkte). Marchione ist nur irgendein Manager, die öffentliche Wirkung ist nicht die einer wirklichen Persönlichkeit. Bei ihm hat man nicht das Gefühl, dass er die Marke lebt. Aber was ganz anderes - Heckmotor? Welcher Ferrari hatte einen Heckmotor (also HINTER der Hinterachse)? Meines Wissens hatten alle Ferrari bisher den Motor vor der Hinterachse (Mittelmotor) bzw. vor dem Cockpit...
"bzw. vor dem Cockpit..." - nennt sich dann wohl Frontmotor. ;) Bin bzgl. des Abgangs von Luca di Montezemolo etwas zwiegespalten. Sicherlich hatte er seine Erfolge mit Ferrai gehabt, aber am letzten Chaos bzgl. Ferrari und der F1, daran war er maßgeblich dran beteiligt. Aber ob Sergio Marchione der große Retter von Fiat ist, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Marchione hat auf jeden Fall kein Benzin im Blut und er wirkt eher wie ein Buchhalter als ein Topmanager. Mit dem Verkauf von Tafelsilber hält er den Fiat-Laden über Wasser, aber Fiat wird wohl der erste Auto-Großkonzern sein, der vom Markt verschwinden wird. Wann und ob Ferrari wieder beide F1-Titel gewinnt, steht ebenso in den Sternen. Wirklich dran glauben tue ich momentan eher nicht. Vor allem nicht mit Vettel, der zu viele Fehler macht, wenn es darauf ankommt.
maneater 03.10.2017
4. Klasse nicht Masse
Sehr gelungenes Interview, auch fuer Nicht -Ferrari Fahrer. Der Mann hat Stil und Passion und offenbar so viel Rueckrad, dass er nicht jeden Mode Quatsch mitmacht wie die unsaeglichen SUVs.
Sehr gelungenes Interview, auch fuer Nicht -Ferrari Fahrer. Der Mann hat Stil und Passion und offenbar so viel Rueckrad, dass er nicht jeden Mode Quatsch mitmacht wie die unsaeglichen SUVs.
hape2412 04.10.2017
5. Das so bezeichnete Foto
zeigt mit Sicherheit keinen Ferrari 360 Modena Spider, sondern einen 365 California Spider, der von 1965 - 1966 gebaut wurde.
zeigt mit Sicherheit keinen Ferrari 360 Modena Spider, sondern einen 365 California Spider, der von 1965 - 1966 gebaut wurde.

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