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Auto

Fiat 500 mit Elektromotor

Gnom auf Strom

Der Fiat 500 eines Berliner Unternehmers wird zum Schrecken von Sportwagenfahrern - dank Elektroantrieb. Dabei gäbe es den E-Cinquecento ohne Porsche gar nicht.

Stephan Reising
Von
Dienstag, 14.11.2017   12:12 Uhr

Es ist ein seltsam schönes Bild, das sich da am Bahnhof zeigt. Ein klassischer Fiat 500 parkt am Berliner-Südkreuz an einer Ladestation für Elektroautos. Ein Modell von 1969 an einer neuerrichteten Stromsäule. Vergangenheit und Zukunft - durch ein Kabel verbunden.

"Der Akku ist fast voll", sagt Frank Hasenleder zufrieden. Er ist der Besitzer des zum Elektroauto umgebauten Cinquecento, auf dessen Flanke "e-classic" steht. Im Prinzip ist der 500er ein New Oldtimer - ein Klassiker mit komplett neuer Technik. Davon gibt es zunehmend mehr auf Deutschlands Straßen.

Hasenleder steigt ins Auto, bittet auf den Beifahrersitz und startet den Wagen. Wie bei einem Porsche sitzt das Zündschloss links neben dem Lenkrad. Er dreht am Schlüssel, und dann? Nur Stille - und der Lärm der anderen. Abrollgeräusche von parkplatzsuchenden SUV, nagelnde Diesel und hochdrehende Benziner. Alltagsdröhnen der Blechkarawane, die durch Berlin zieht. Zum Ausparken stellt Hasenleder einen Regler im Armaturenbrett auf "R" wie Rückwärtsgang und tritt sachte das Gaspedal.

Stephan Reising

Frank Hasenleder am Steuer seines Fiat 500 e-classic

Die Fahrfreude in einem elektrischen Fiat 500 - eine neue Welt

Mit einem gewaltigen Satz setzt sich der e-classic in Bewegung. "Das war am Anfang noch viel heftiger", gesteht Hasenleder. Sein Fiat 500 profitiert besonders von den Vorteilen eines E-Autos - sofortiges Drehmoment bei 570 Kilo Leichtgewicht. Er berichtet von Ampelspurts mit Porsche-Fahrern, die angesichts der Antrittsstärke des Kleinwagens verdutzt aus dem Seitenfenster glotzten. Die Fahrfreude in einem elektrischen Fiat 500 - eine neue Welt.

Hasenleder erfährt sie regelmäßig. Dabei hatte er sein neues Spielmobil ursprünglich anders geplant. Ein 500er galt gesetzt, aus Nostalgie: Im Alter von sechs Jahren sei er zum ersten Mal Auto gefahren - auf dem Schoß seiner Mutter, in einem Cinquecento, durch den Grunewald. Bei seinem Revival - 40 Jahre später - sollten zunächst auch klassische Pferdestärken zum Einsatz kommen, sogar möglichst viele davon. Hasenleder liebäugelte mit einem Abarth-Verschnitt. Abarth heißen bei Fiat Modelle des hauseigenen Tuners mit besonders viel Wumms. Doch dann kam alles anders:

"Ich las in den Medien vom Cayenne-Zulassungsverbotstopp", erzählt Hasenleder. Eine Nachricht, die sein Projekt zum Kippen brachte und aus dem geplanten Abarth einen E-Barth werden ließ - E wie Elektro. Zwar hat sein Fiat 500 nur wenig mit dem protzigen SUV zu tun, in dem in bestimmten Dieselmodellen eine Betrugssoftware verbaut war - doch der Berliner Unternehmer sah darin einen Wink: "Die Verbrennertechnik hat bald ausgedient", glaubt er. Hasenleder fühlte sich geläutert.

Noch am selben Tag kontaktierte der Unternehmer seinen Mechaniker per SMS, den er für den PS-starken Aufbau des 500er gewonnen hatte. "Kennst du dich mit Elektrik aus?", habe in der Nachricht gestanden, erzählt Marc Eberhardt, der mit seiner Berliner Werkstatt zu den Lancia Fulvia Spezialisten in Deutschland gehört. E-Autos? Da musste Eberhardt erst einmal in sich hineinhorchen. In seiner Freizeit nimmt er an historischen Motorrennen teil - ein Hobby, das bestimmt wird durch Benzin und Öl. E-Autos passen bei vielen seiner Oldie-Freunde nicht ins Weltbild.

Schlussendlich willigte Eberhardt ein. Zwar gebe es Autos, die er nie zum E-Modell umrüsten würde - einen Ferrari, zum Beispiel oder einen Alfa. "Denen den Motor zu entnehmen, gleicht einer Amputation". Aber für einen Fiat 500 sei das Batteriekonzept eine gute Alternative zu einem Zweizylinder-Benziner, der weder toll klingt noch besonders viel Fahrspaß versprüht, sagt er. "Der E-Motor steht dem 500er gut".

Die Teilebeschaffung für die Umrüstung gestaltet sich schwierig

Unmittelbar nach dem Entschluss, das Projekt E-Barth gemeinsam zu meistern, begann Eberhardt damit, spezifische Teile selbst zu entwerfen - beispielsweise eine Adapterplatte, die Motor und Getriebe verbindet. Gleichzeitig schaute sich Hasenleder im Internet nach einem Teilelieferanten um. In Bayern wurde er fündig. Auf einer Anhöhe lagen in der Garage eines Spezialisten gebrauchte Hightech-Akkus, gestapelt wie bei anderen Menschen Schuhkartons. Die beiden Berliner Unternehmer kauften nicht nur zwei Speicher mit insgesamt 10,6 kWh, sondern alle für ein E-System benötigten Komponenten - einschließlich eines Motors von Mahle.

Die Teilebeschaffung sei kompliziert, sagt Hasenleder. Denn Oldie-Liebhabern und Herstellern von Kleinserien stehen die üblichen Einkaufskanäle der Autoindustrie nicht zur Verfügung, einen echten Aftermarket für E-Autos gibt es noch nicht. Viele der Bausätze, die gehandelt werden, kommen von technisch versierten Nerds, die wenig bis nichts von Marketing oder Vertrieb verstehen. Bei Außenstehenden bleibe oftmals der Eindruck von fortgeschrittenen Bastelbuden.

Stephan Reising

Batterie unter der Haube des Fiat 500

Innerhalb von sechs Wochen baute Eberhardt den Fiat auf. Von dem alten 500er blieben nur die Achsschwingen, das Fenster und das Heckschloss übrig - "Sonst sind alle Teile neu", so der Mechaniker. Er öffnet vorsichtig den Heckdeckel und zeigt auf den etwa 40 Kilo schweren und 20-PS-starken E-Motor. Vorne im Bug arbeiten in einer silbernen Metallkiste die Batteriezellen. Alle relevanten Daten - wie Ladezustand oder Temperatur - werden via Bluetooth aufs Handy übertragen. Insgesamt soll die gespeicherte Energie für 100 bis 150 Kilometer reichen.

Aus dem E-Barth wurde der e-classic

Den TÜV hat der Wagen schon geschafft, alle Arbeitsschritte wurden mit Bildern dokumentiert. Aus dem Projekt E-Barth wurde das Modell e-classic - auch um Streitigkeiten mit Fiat wegen einer zu großen Namensnähe zu vermeiden. Künftig soll der e-classic sogar in Kleinserie gehen. Zwar gibt es bereits mittelständische Unternehmen, die Klassiker zum E-Auto umrüsten - in Deutschland aber nur eine Handvoll bei steigender Nachfrage.

Das hat seinen Preis. Für den e-classic liegt der - "jetzt bitte Anschnallen", warnt Hasenleder - "bei etwa 50.000 Euro". Für einen alten 500er viel Geld. Für ein E-Auto? Zurzeit fast noch normal.

insgesamt 68 Beiträge
smartphone 14.11.2017
1. zu teuer
Das geht wesentlich billiger . Im Grunde braucht man nur einen Gabelstaplermotor mit 20 PS die Elektronic ist dito Großserie das ist alle für weit unter 9000 Euro zu machen EIn wenig Rumgooglen nach fiat500 elektro etc [...]
Das geht wesentlich billiger . Im Grunde braucht man nur einen Gabelstaplermotor mit 20 PS die Elektronic ist dito Großserie das ist alle für weit unter 9000 Euro zu machen EIn wenig Rumgooglen nach fiat500 elektro etc hilft schnell weiter . Ansonsten ist das Konzept genau das, was die Autohersteller mit Ihren LieferwagenGOLF und SUV völlig aus den Augen verloren haben . Dinosaurier sind ausgestorben......
Sixpack, Joe 14.11.2017
2. Weltblick?
Es wäre jetzt angemessen gewesen wenn man im Artikel gezeigt hätte das die Officine Ruggenti in Mailand das schon länger machen. Und auch mit voller digitaler Ausstattung.
Es wäre jetzt angemessen gewesen wenn man im Artikel gezeigt hätte das die Officine Ruggenti in Mailand das schon länger machen. Und auch mit voller digitaler Ausstattung.
ecdora 14.11.2017
3. Also, derzeit kostet ein Renault Zoe mit Prämie ca. 17.000 Euronen.
Reichweite ca. 400 km. Steuer 0 Euro, Versicherung 150 Euro p.a. Unser hat jetzt 30.000 km und wir sind sehr zufrieden.
Reichweite ca. 400 km. Steuer 0 Euro, Versicherung 150 Euro p.a. Unser hat jetzt 30.000 km und wir sind sehr zufrieden.
Freier.Buerger 14.11.2017
4. 50.000 für ein ´69er
Shelby, Camaro, Charger... mit Big Block ist m.E. deutlich besser angelegt.
Shelby, Camaro, Charger... mit Big Block ist m.E. deutlich besser angelegt.
Illya_Kuryakin 14.11.2017
5. Die Zoe, bitte schön...
Es heißt DIE Zoe. Wie nur wenige andere Autos (la DS, die Celica, die Corvette) ist auch die Zoe weiblich. :-) Und Frau Hucko: 10,6kWh, bitte schön! KilowattSTUNDEN. Das ist die richtige Einheit für Batteriekapazität. Sie [...]
Zitat von ecdoraReichweite ca. 400 km. Steuer 0 Euro, Versicherung 150 Euro p.a. Unser hat jetzt 30.000 km und wir sind sehr zufrieden.
Es heißt DIE Zoe. Wie nur wenige andere Autos (la DS, die Celica, die Corvette) ist auch die Zoe weiblich. :-) Und Frau Hucko: 10,6kWh, bitte schön! KilowattSTUNDEN. Das ist die richtige Einheit für Batteriekapazität. Sie tanken ja auch nicht 30 Quadratmeter Benzin. So... genug Nitpickerei heute :-)

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