Schrift:
Ansicht Home:
Auto

Designer von High-End-Seifenkisten

"Frauen sind die besseren Seifenkistenpiloten"

Früher arbeitete Stefan Seiffert für große Autokonzerne, heute kümmert sich der Designer nur noch um Herzensangelegenheiten. Zum Beispiel um die Entwicklung der schnellsten Seifenkiste Deutschlands.

Foto: SPIEGEL ONLINE
Von
Mittwoch, 15.11.2017   04:42 Uhr

Stefan Seiffert hatte seinen Anteil an der Automobilgeschichte: Als Designer war er an der Entstehung des Smart mitbeteiligt. Sein jüngstes Projekt ist aber noch kürzer, kleiner und leichter als das Minimobil von Mercedes, außerdem hat es weder einen Verbrennungsmotor noch einen Elektroantrieb. Stefan Seiffert hat eine Seifenkiste entwickelt.

Seine Seifenkiste ist allerdings anders als andere Kisten.

Schlichte Formen sind eher nicht Seifferts Sache. Wenn man sein Studio in Hamburg-Wilhelmsburg betritt, fällt (neben dem '69er Lotus Europa, der mitten im Raum parkt) sofort ein Stuhl ins Auge, der wie ein High Heel aussieht. Außerdem steht das Modell eines langen, geschwungenen Waschbeckens auf seinem Schreibtisch. "Ein Auftrag von einer Frau mit 180 Zentimeter langem Haar. Sie möchte die Haare in dem Becken der Länge nach waschen können".

Die Seifenkiste, ein Erwachsenenspielzeug mit halsbrecherischer Ausstrahlung, passt gut in die Reihe dieser kunstvoll gestalteten Kuriositäten. Seiffert hat sie nicht für sich gebaut, er fährt keine Rennen. Sie ist für Profis. Seine Konstruktion sollte man deswegen nicht mit einem dieser drolligen Bretterverschläge auf Rädern vergleichen, die lustig aussehen, aber laienhaft gemacht sind. Er misst sich an den Kisten des Deutschen Seifenkisten Derby (DSKD) - und gestaltet diese trotz enger Vorgaben völlig um.

SPIEGEL ONLINE

Die Kisten erfüllen das strenge Reglement des offiziellen Seifenkistenverbands

Das DSKD ist der selbsternannte "Dachverband für motorlosen Rennsport" und Veranstalter der offiziellen Meisterschaft im Seifenkistenrennen. Wer hier auf der Rampe an den Start gehen will, muss strenge Regeln befolgen.

"Für einen Designer bietet sich bei den Kisten im Grunde nur in einem Punkt Spielraum", sagt Seiffert. "Bei der Aerodynamik."

Die Unterschiede zwischen seinem Entwurf und herkömmlichen Seifenkisten sind auch für Laien sofort zu erkennen: Während bei letzteren das Heck schmal zuläuft, hat Seifferts Konstruktion ein sogenanntes Kammheck, das hinten abrupt endet und abgeflacht ist. Die Bezeichnung geht auf Wunibald Kamm, einen Vordenker des aerodynamischen Fahrzeugdesigns, zurück. "Durch die scharfe Abrisskante gibt es weniger Verwirbelungen", sagt Seiffert.

Außerdem hat der Designer am Kopfbereich der Kiste ein Windleitsystem entwickelt. Zwei Einbuchtungen links und rechts neben dem Einstieg sollen verhindern, dass sich der Wind in der Seifenkiste verfängt. Auch die Haifischnase und die taillierte Form an den Seiten sind Abweichungen zu den eher bauchigen Standardkisten. "Das ist von Vorteil, weil die Luftströmung länger anliegt", sagt Seiffert.

Fotostrecke

Profi-Seifenkiste: Ab geht die Kiste

In der "Elite XL Ü18"-Klasse des DSKD - das ist die Erwachsenenkategorie - muss die Seifenkiste exakt 235 Zentimeter lang sein und an bestimmten Stellen einen Mindestumfang aufweisen. Völlig untypisch für Rennsport: Auf Leichtbau kommt es bei Seifenkisten nicht an, weil mehr Gewicht bei der Bergabfahrt von Vorteil ist. Kiste inklusive Fahrer dürfen jedoch nicht mehr als 140 Kilo auf die Waage bringen.

Gleiche Technik für alle

Beim ehrenamtlich geführten DSKD, dessen "Organisationszentrale" sich in Klüsserath an der Mosel befindet, legt man Wert auf Tradition. Die erlaubte Technik geht auf Bestimmungen aus den Zwanzigerjahren zurück: Gestoppt wird die Kiste mittels einer Stempelbremse. Sie kommt in der Regel nicht zum Einsatz, weil die Strecken keine scharfen Kurven haben und das Gefälle nur so steil sein darf, dass man nicht schneller als 60 km/h fährt. Gesteuert wird über eine Lenksäule auf der Vorderachse, die durch ein Drahtseil mit dem Lenker verbunden ist. Achsen, Räder, Lenkung und Bremse sind vom Verband genormt, das Einheits-Set kostet 400 Euro.

Gibt es Luftwiderstandswerte, anhand derer sich die Vorteile von Seifferts Entwicklung belegen lassen? "Im Windkanal war ich damit nicht", sagt er. Dafür überzeugte sie auf der Rennpiste: Beim Finalrennen des DSKD kam sie erstmals zum Einsatz, der Pilot fuhr darin gleich auf die vorderen Plätze. Der Erfolg machte Seifferts Kiste in den einschlägigen Kreisen berühmt: Für die nächste Saison hat Ex-Europameister Julian van Loo aus Belgien ein Exemplar in Auftrag gegeben. Das Modell aus Glasfaserkunststoff (GFK) mit Karbonverstärkungen kostet ab 2300 Euro, reine Gfk-Kisten gibt es für 1900 Euro.

Fotostrecke

Profi-Seifenkiste: Ab geht die Kiste

Dass er im Seifenkisten-Geschäft gelandet ist, bezeichnet Stefan Seiffert als "absoluten Glücksfall". Ein Produktionsteam des Privatsenders "Vox" hatte bei ihm angefragt, ob er für eine Sendung eine Kiste bauen könne. Nach Ende der Dreharbeiten verfolgte der Designer das Projekt einfach weiter. Als nächstes plant er preiswerte Modelle für die Teilnehmer der Jugend-Klassements. Das Problem dabei: Der Szene mangelt es an Nachwuchsfahrern.

USA-Trips und Großsponsoring: Die goldene Ära der Seifenkisten

Vor allem in den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren war das noch anders. Mit dem Autohersteller Opel gab es einen Hauptsponsor, der die Teilnehmer mit Bau-Sets versorgte. Rennsiegern winkten mehrwöchige Reisen in die USA. Dort fand das All-American Soap Box Derby statt. Aufnahmen von damals zeigen Besuchermengen wie bei Formel-1-Rennen.

AP

All-American Soap Box Derby in Akron, Ohio, 1941: Seifenkistenrennen vor 55.000 Zuschauern

Seiffert glaubt die Gründe für das Abflauen zu kennen: "Im Vergleich zu anderen Rennsportarten sind Seifenkistenrennen eher unspektakulär, außerdem haben viele Jugendliche in den vergangenen Jahrzehnten die Lust an der Bastelei am Wagen verloren". Gerade auf letzteres komme es aber an: "Die erfolgreichen Fahrer tüfteln lange an der Feinjustierung der Achsenaufhängung und der Seilzuglenkung."

Warum Frauen besser fahren

Der Designer ist trotzdem zuversichtlich, dass Seifenkisten eine Renaissance erleben. "Das Konzept der Kisten ist einfach zeitgemäß. Sie verursachen weder Lärm noch Abgase. Politisch korrekter geht's nicht." Für eine Revitalisierung sprechen noch weitere Trends: Mit der Lust aufs Basteln am eigenen Fahrrad haben Hipster längst eine breite Masse angesteckt, in jeder mittelgroßen Stadt werden Mikrobrauereien und Kaffeeröstereien gegründet. Retro ist cool, Handwerk wieder hip - und die Seifenkiste hat beides zu bieten.

Die Faszination würde sich längst nicht nur auf Jungs beschränken, ist sich Seiffert sicher. Er hat nämlich eine Beobachtung gemacht: "Frauen sind die besseren Seifenkistenpiloten."

Der Grund dafür sei einfach. Bei den Rennen gehe es darum, die Straße genau zu "lesen", das heißt, Wölbungen für mehr Schwung auszunutzen oder Kanaldeckel zu umfahren. "Die weiblichen Teilnehmer kapieren das sofort", sagt Seiffert. "Männer ballern dagegen einfach die Strecke runter."

insgesamt 8 Beiträge
skade 15.11.2017
1.
ist das bei Spiegel jetzt immer so, das zu jedem Thema das nichts mit Gender oder Sex zu tun hat, daraus sofort ein Frauenthema zu machen und betonen das Frauen natürlich besser sind. Btw. ich habe mir mal die Ergebnislisten von [...]
ist das bei Spiegel jetzt immer so, das zu jedem Thema das nichts mit Gender oder Sex zu tun hat, daraus sofort ein Frauenthema zu machen und betonen das Frauen natürlich besser sind. Btw. ich habe mir mal die Ergebnislisten von dem Seifenkistenverband angeschaut. Schon schade das die Frauen ihre überlegene Fahrtechnik nicht für einen Sieg verwenden.
r_dawkins 15.11.2017
2. @skade
Die Aussage, dass Frauen die besseren Seifenkistenfahrer seien, stammt ja nicht vom Spiegel, sondern von dem im Artikel befragten Entwickler. Desweiteren wundere ich mich, dass Sie sich durch diese Aussage so in Ihrer männlichen [...]
Die Aussage, dass Frauen die besseren Seifenkistenfahrer seien, stammt ja nicht vom Spiegel, sondern von dem im Artikel befragten Entwickler. Desweiteren wundere ich mich, dass Sie sich durch diese Aussage so in Ihrer männlichen Seifenkisten-Autorität gestört sehen, um tatsächlich Zeit zu investieren, um dies durch Ergebnislisten des Seifenkistenverbands (bitte verlinken) zu wiederlegen. Tja Seifenkistenrennen - damit macht mann keine Scherze! :-)
roenga 15.11.2017
3.
Der Kommentar stört sich wie ich wohl eher an der Behauptung, dass Frauen die besseren Seifenkistenfahrer sind. Das müsste sich ja dann auch in der Anzahl der Siege/Platzierungen relativ zu Männer/Frauen Teilnehmerzahlen [...]
Zitat von r_dawkinsDie Aussage, dass Frauen die besseren Seifenkistenfahrer seien, stammt ja nicht vom Spiegel, sondern von dem im Artikel befragten Entwickler. Desweiteren wundere ich mich, dass Sie sich durch diese Aussage so in Ihrer männlichen Seifenkisten-Autorität gestört sehen, um tatsächlich Zeit zu investieren, um dies durch Ergebnislisten des Seifenkistenverbands (bitte verlinken) zu wiederlegen. Tja Seifenkistenrennen - damit macht mann keine Scherze! :-)
Der Kommentar stört sich wie ich wohl eher an der Behauptung, dass Frauen die besseren Seifenkistenfahrer sind. Das müsste sich ja dann auch in der Anzahl der Siege/Platzierungen relativ zu Männer/Frauen Teilnehmerzahlen ausdrücken. Dafür liefert aber weder SPON noch der Designer einen Beleg. Es ist außerdem auch ziemlich fragwürdig, Männern, die Seifenkistenrennen zu ihrem (relativ zeitaufwendigen) Hobby gemacht haben, pauschal zu unterstellen, sie wären schlicht zu faul oder zu blöd den Streckenverlauf zu lesen.
monolithos 15.11.2017
4.
Dennoch ist die Überschrift kontraproduktiv, weil man dahinter einen Artikel von Margarete Stokowski oder Sibylle Berg vermutet. Die in dem Artikel platzierten Werbepartner hätten aber sicher gern gehabt, wenn der Artikel [...]
Zitat von r_dawkinsDie Aussage, dass Frauen die besseren Seifenkistenfahrer seien, stammt ja nicht vom Spiegel, sondern von dem im Artikel befragten Entwickler. Desweiteren wundere ich mich, dass Sie sich durch diese Aussage so in Ihrer männlichen Seifenkisten-Autorität gestört sehen, um tatsächlich Zeit zu investieren, um dies durch Ergebnislisten des Seifenkistenverbands (bitte verlinken) zu wiederlegen. Tja Seifenkistenrennen - damit macht mann keine Scherze! :-)
Dennoch ist die Überschrift kontraproduktiv, weil man dahinter einen Artikel von Margarete Stokowski oder Sibylle Berg vermutet. Die in dem Artikel platzierten Werbepartner hätten aber sicher gern gehabt, wenn der Artikel auch gelesen wird. Mich hat diese Form von Mediensexismus jedenfalls davon abgehalten. Frauen können vieles besser als Männer und das ist auch gut so. Das ist aber nichts, womit man jedes Thema überziehen muss. Ich verstehe nicht, warum man in einer Gesellschaft, in der wir darauf Wert legen, jedem einzelnen Individuum gerecht zu werden, neuerdings alle Menschen in eine von zwei (nein, halt: Es sind jetzt drei) Schubladen packen muss, je nachdem, mit welchen Geschlechtsmerkmalen sie geboren wurden. MEINE Frau ist sicher keine bessere Seifenkistenfahrerin als ich und einen Bericht über DIE EINE Seifenkistenrennenweltmeisterin hätte ich gelesen.
denkpanzer 15.11.2017
5. Genderklickbaitüberschrift
Hipster die gerne am Rad basteln? Schaltung Einstellen am Fixie oder was?
Hipster die gerne am Rad basteln? Schaltung Einstellen am Fixie oder was?

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP