26.05.2012
Tagebuch Allgäu-Orient-Rallye, Teil eins
Hallo, Schlagloch!
Von Paul-Janosch ErsingBeim Anblick der hastig zusammengezimmerten und sehr steilen Startrampe in Oberstaufen wurde uns doch etwas mulmig. Doch der Start zur Allgäu-Orient-Rally klappte, ohne dass die Minis mit der Stoßstange den Boden küssten. Die Stunden in der Werkstatt hatten sich ausgezahlt, die Höherlegung der Minis sofort bewährt. Die fünf Zentimeter mehr Bodenfreiheit ließen den englischen Klassiker zwar etwas hochbeinig daherkommen, erwiesen sich aber im weiteren Verlauf der Strecke als unverzichtbar.
Doch es sollte dauern, bevor es in unwegsames Gelände ging, erst mal mussten wir mit unserem PS-schwachen Trio (41 bis 53 PS) den Fernpass und den Brenner bezwingen. Landstraßen waren unser Revier, denn das Rallye-Reglement sah den Verzicht auf GPS-Navigation vor und verbot das Befahren von Autobahnen.
Es war eine gewöhnungsbedürftige Fahrt. Bergauf machte sich das - bereits auf das Allernötigste reduzierte - Gepäck bemerkbar, bergab bremste der zusätzliche Luftwiderstand der fest auf dem Dachgepäckträger verzurrten Alu-Transportbox. Nach einigen Stunden Fahrt waren Pilot und Begleiter dann aber darauf eingestellt, die Fahrt ans Kaspische Meer im gemütlichen Lkw-Tempo zu bestreiten.
Rekordgeschwindigkeit von 104 Km/h
Nur der schwarze Mini machte eine kleine Ausnahme: Als Einziger mit 53-PS-Einspritzermotor unterwegs, avancierte er auf einer gut ausgebauten kroatischen Schnellstraße zum teaminternen Rekordhalter. Der GPS-Tracker an Bord maß für einen Augenblick eine Spitzengeschwindigkeit von 104 km/h. Normalerweise ging es aber gemächlicher voran - je nach Straßenbeschaffenheit und Verkehrsaufkommen pendelte sich die Reisegeschwindigkeit zwischen 50 und 80 km/h ein.
Dank der vor dem Start montierten Sitzschienenverlängerungen saßen wir dabei komfortabler als befürchtet. Die aus den fünfziger Jahren stammende Karosseriekonstruktion mit dem dünnen Stahlblech ließ den Insassen auch nach rechts und links viel Bewegungsfreiheit. Gewiss, einen Unfall möchte man mit einem Mini lieber nicht erleben.
Anstelle von Airbags, ABS oder ESP hat der knuffige Kleinwagen allerdings ein unbezahlbares Extra an Bord, das die Sicherheit entscheidend erhöht: Er fällt anderen Verkehrsteilnehmern so sehr auf, dass er trotz seiner winzigen Abmessungen nicht übersehen wird. Wenn es so etwas wie einen Beschützerinstinkt für Automobile gibt - die Minis wecken ihn.
Jubelnde Menschen - sind wir gemeint?
Menschen am Straßenrand zückten ihre Handy-Kameras oder winkten aus überholenden Autos heraus. Anerkennende Gesten wie das unmissverständliche Daumen-hoch-Zeichen begleiteten uns über alle Grenzen hinweg und hoben die Stimmung. Drohte doch mal ein Krampf im Knie oder schmerzte der Rücken, wurde das Team-Mantra aufgesagt: "In einem BMW 5er Touring, einem Mercedes-Benz W124 oder einem VW Passat ist man zweifelsohne kommoder unterwegs, die Sympathiepunkte gehören den drei Minis."
Ljubljana, das erste Etappenziel, wurde am späten Abend erreicht. Technische Probleme gab es keine zu vermelden, dafür war das Team stehend K.o. Motor abstellen, Reisetasche schultern, Auto abschließen - und ab ins Bett. Der Kopf dröhnte, vor dem inneren Auge ging die Fahrt noch eine ganze Weile weiter. Am nächsten Morgen wachten alle viel zu früh auf, noch vor dem Klingeln des Weckers. Das war sie also, die berühmte Rallye-Aufregung.
Ein schnelles Frühstück später rollten die drei Minis in südlicher Richtung aus der slowenischen Hauptstadt. Der Grenzübertritt nach Kroatien war wesentlich unspektakulärer als das Panorama, das sich uns auf der wenig später beginnenden Küstenstraße bot. Über Hunderte Kilometer schmiegte sich rechter Hand die Adria an die steinigen Strände, die vorgelagerten Inseln begleiteten uns den ganzen Tag. Als die Dämmerung einsetzte, lag Split bereits hinter uns. Wir wollten weiter, das ausgerufene Tagesziel hieß Dubrovnik.
Falle in der Dunkelheit
Die verschachtelten Grenzverläufe des früheren Jugoslawiens hatten eine etwas kuriose Straßenführung zur Folge: Für einige Kilometer ging es durch das nächtliche Bosnien-Herzegowina. Plötzlich gab es einen lauten Schlag. Das kleine, nur 12 Zoll messende rechte Vorderrad verschwand kurzzeitig in einem tiefen Loch, glücklicherweise ohne bleibenden Schaden. Wir schalteten die Zusatzscheinwerfer ein, um weitere Fallen frühzeitig zu erkennen und umfahren zu können. Jeglicher Anflug von Müdigkeit war wie weggeblasen.
Dubrovnik, 40 Kilometer - das Straßenschild vermittelte die Hoffnung, gleich am Ziel zu sein. Doch die noch zu bewältigende Strecke, bei der mehrere Buchten umfahren werden mussten, wurde zu den längsten 40 Kilometern, die wir je gefahren waren. Erst eine gute Stunde später sahen wir die hell erleuchtete, von einer Stadtmauer umgebene Altstadt. Der von einigen Team-Mitgliedern angedachte Nachtspaziergang durch die Gassen wurde wegen akuten Schlafbedarfs abgesagt.
Überangebot an Tankstellen
Und um 6 Uhr in der Frühe war die Nacht wieder vorbei, es sollte an diesem Tag quer durch Montenegro bis nach Albanien gehen. Auf der Landkarte war die zurückzulegende Strecke überschaubar, wie reibungslos die anstehenden Grenzübertritte klappen würden, ließ sich aber nicht vorhersagen. Von Kroatien nach Montenegro dauerte die Prozedur keine Viertelstunde, auch der Übertritt nach Albanien gestaltete sich problemlos.
Bis zur Hauptstadt Tirana waren es nur etwas mehr als hundert Kilometer, die Vielfalt der Verkehrsteilnehmer - Eselskarren, Dreiräder, historische Lkw, nagelneue Luxus-Geländewagen - und der ständig wechselnde Straßenzustand ließen uns aber nur sehr langsam vorankommen. Beim Blick aus dem Fenster fielen zwei Dinge besonders auf: Halbfertig gebaute Häuser warteten auf ihre Vollendung, und alle paar Kilometer stand eine bunte Tankstelle in der Landschaft herum.
Der Versuch, dort bargeldlos zu zahlen, scheiterte jedoch. Wie gut, dass es außer den Tankstellenbetreibern Argenti, Alpet, Taci, Prendi, Jetoil, Start, Uldedaj oder Sterkaj auch noch die Wettbewerber Lezha, Klajdi, Marnikollaj, Ndoka, Eida, Eko oder Kastrati gab. Beim dritten Anlauf klappte die Bezahlung mit Magnetstreifen und Unterschrift.
Schlaglöcher, so groß wie Planschbecken
Kurz vor Tirana staute sich der Verkehr, ein Unfall auf der Gegenfahrbahn verzögerte die Weiterfahrt. Über die Funkgeräte verständigten wir uns darüber, das Nachtlager doch schon in der Hauptstadt aufzuschlagen - und nicht noch, wie eigentlich geplant, am 120 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Ohridsee. Nachtfahrten wollten wir vermeiden, zumal zwei anspruchsvolle Gebirgspässe zu überwinden waren.
Kurz vor der albanischen Stadt Korçe wagten wir am nächsten Tag eine Abkürzung und bogen links auf eine Schotterpiste ab. Luftlinie bis zur griechischen Grenze: circa 45 Kilometer. Auf diesem Abschnitt wurden die drei Minis einem Extremtest unterzogen, vor lauter Schlaglöchern - teilweise mit Abmessungen eines Kinder-Planschbeckens - war die Fahrbahn kaum noch zu sehen.
Wenig später war die griechische Grenze passiert, wir waren wieder in der EU. Über Kastoria, Amyntaio und Edessa führte unser Weg nun an Thessaloniki vorbei nach Stavros. Mangels einer geeigneten Unterkunft fuhren wir die Halbinsel Chalkidiki weitere 15 Kilometer hinab und erlebten in Olympiada eine kleine Überraschung: Der Wirt des Hotel Germany sprach hervorragendes Deutsch und gewährte uns im Anschluss an ein typisch griechisches Abendessen einen Sonderpreis für drei Doppelzimmer.
Halbzeit in Istanbul
Die Sonne ging früh auf, der kleine Fischerort schlief noch. Nachdem die Alu-Boxen aufs Dach gehievt und die Ölstände kontrolliert waren, starteten wir durch. Tagesziel war Istanbul, Halbzeit der Rally. In der Hafenstadt Kavala sprachen uns zwei Mini-Enthusiasten an, sie seien Mitglieder des Mini-Clubs Thessaloniki. Als wir unser Sprüchlein aufsagten und erzählten, dass die Autos bisher pannenfrei unterwegs waren und in Baku gespendet werden sollen, schütteln sie ungläubig die Köpfe. Viel Glück, riefen sie uns hinterher.
Das Treffen mit den beiden griechischen Mini-Fans stimmte uns nachdenklich. Was würde in Aserbaidschan eigentlich mit den Autos passieren? Würden sie wirklich in gute Hände geraten und der Erlös tatsächlich einer wohltätigen Organisation zugutekommt? Wir überlegten, die drei englischen Youngtimer auf eigene Faust zu veräußern und den Erlös einer seriösen Hilfsorganisation zu spenden.
Ein Anruf beim Organisationskomitee bestärkte uns zusätzlich: Es sei bisher noch unklar, was mit den rund 300 Gebrauchtwagen in Aserbaidschan geschehen würde, man verhandle derzeit über einen Preis für das Gesamtpaket. Die Idee, unsere drei Minis separat zu verkaufen, fanden die Rallye-Veranstalter gut. Ein paar Tage später erfuhren wir, dass fahrendes Altmetall in Aserbaidschan gar keine Zulassung mehr erhält - offiziell wegen der Abgasnorm, inoffiziell, um den Import von Neufahrzeugen anzukurbeln. Wir lagen wohl richtig mit unserer Entscheidung, warum aber diese Tatsache nicht von den Organisatoren offen angesprochen wurde, blieb zunächst rätselhaft.
Von Alexandroupoli bis an die griechisch-türkische Grenze dauerte es nur eine halbe Stunde. Der Grenzübertritt gestaltete sich wie folgt: Passkontrolle am griechischen Zoll, griechische Flaggen, vier Meter Niemandsland, türkische Flaggen, Passkontrolle am türkischen Zoll.
Die Straßen in der Türkei waren in gutem Zustand und vor allem frei. Erst in Tekirdag wurde es etwas lebendiger. Als wir die ersten Ausläufer der Millionenmetropole Istanbul erreichten, begann das erwartete Verkehrschaos. Es war die Stunde der Minis, wir nutzten jede sich bietende Lücke und kämpften uns unermüdlich vorwärts. Um 20 Uhr Ortszeit sahen wir zum ersten Mal die sechs Minarette der Blauen Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee). In fünf Tagen im Mini vom Allgäu nach Istanbul - das beinahe Undenkbare war geschafft.
Den zweiten Teil des Rallyetagebuchs lesen Sie am Sonntag auf SPIEGEL ONLINE:
Den Vorbericht zur Allgäu-Orient-Rallye finden Sie hier.


