27.06.2012
Museum Casa Enzo Ferrari
Besuch beim Commendatore
Aus Modena berichtet Tom GrünwegEingefleischten Ferraristi dürften zumindest irritiert sein, wenn sie hier eintreten. Das erste Auto, das man beim Besuch des neuen Museums "Casa Enzo Ferrari" in Modena zu sehen bekommt, ist weder Sport- noch Rennwagen. Und aus Italien kommt er auch nicht.
In der Ausstellung zu Ehren Enzo Ferraris begrüßt den Besucher ein De Dion-Bouton aus dem Jahre 1903. Solch ein Vehikel nannte Papa Ferrari sein Eigen, und sein Sohn Enzo, so heißt es, habe ihn bereits im zarten Alter von fünf Jahren täglich poliert. Dabei, so glauben Ferrarologen, schlug die Leidenschaft fürs Auto beim kleinen Enzo erste Wurzeln.
Der Oldtimer aus Frankreich ist nicht die einzige automobile Enttäuschung, die das Museum für PS-Afficionados bereithält. Denn wer in der Via Paolo Ferrari 85 auf haufenweise altes Blech hofft und die Geschichte der vielleicht berühmtesten Sportwagenmarke der Welt bestaunen will, ist im Grunde am falschen Ort. Das Museum nämlich widmet sich nicht der Scuderia Ferrari, sondern dem Menschen, der diese vor über 80 Jahren gründete.
Schrullig wie seine Autos
Die Ausstellung zeichnet das Bild eines leidenschaftlichen Mannes, der genauso mysteriös, schillernd und schrullig war, wie die von ihm begründete Automarke. Schon sein exaktes Geburtsdatum hat der am 14. August 1988 im Alter von 90 Jahren verstorbene "Commendatore" verschleiert und sich später mit dem schlechten Wetter herausgeredet, das einen pünktlichen Eintrag im Standesamt verhindert habe.
Verträge unterschrieb er grundsätzlich mit lila Tinte, weil die ihn an das Kopierpapier seines Vaters erinnerte. Und die Sonnenbrille, die er in späten Jahren nahezu durchgehend trug, sollte nicht nur seine empfindlichen Augen schützen. Sondern Ferrari wollte sich, so kann man es im Museum nachlesen, von niemandem in die Seele schauen lassen.
Der Platz für das Museum ist mit Bedacht gewählt. Der Rundgang beginnt in genau jenem Gebäude, in dem Enzo geboren wurde und in dem er bei seinem Vater das Schmiedehandwerk erlernte. Der war Metallbauer bei der italienischen Eisenbahn und brauchte deshalb Anschluss ans Gleis, auf dem auch heute noch die Züge vorbeirumpeln.
Spektakulärer Neubau in Form einer Motorhaube
Lange blieb Ferrari allerdings nicht in dem ockerfarbenen Haus. Um seine Begeisterung für Autorennen ausleben zu können, verkaufte er das Gebäude und steckte den Ertrag in seinen ersten Rennwagen. Damit legte Enzo Ferrari den Grundstein für eine Karriere, die ihn erst zum Werksfahrer bei Alfa Romeo und dann zu einem selbständigen Unternehmer machte.
Das allerdings passiert nicht mehr in Modena. Weil die Fabrikanlagen der mittlerweile wieder von Alfa gelösten "Scuderia Ferrari" während des Krieges 1943 zerstört wurden, zog der Rennstall nach Maranello und legt dort den Grundstein für eine Marke mit Weltruhm.
Auch der Besucher hält sich nur kurz in der alten Casa auf. Mit ein paar Schritten wechselt man aus dem Ziegelbau in eine moderne Halle, die wie ein gestrandetes Ufo auf der Industriebrache liegt. Gezeichnet vom tschechischen Stararchitekten Jan Kaplicky, wird der 18 Millionen Euro teure und rund 5000 Quadratmeter große Kuppelbau von einem Dach gekrönt, das nicht von ungefähr an die Motorhaube eines Ferrari-Rennwagens erinnert und genau so gelb lackiert ist wie das Stadtwappen von Modena und das Schild des Markenemblems, auf dem das legendäre springende Pferd abgebildet ist.
Unter der Kühlrippen-Konstruktion der Kuppel stehen einige wenige, aber dafür umso schönere Oldtimer, mit denen die Ausstellungsmacher die Ursprünge des Mythos Ferrari illustrieren. Und in den Vitrinen drumherum erfährt man Details über das Leben des Firmenchefs und den Landstrich, der nicht umsonst auch "terra di motori" genannt wird. Denn nirgends sind mehr Sport-, Renn- und Traumwagen gebaut worden als in der Region um Modena, in der noch heute neben Ferrari auch Lamborghini, Maserati und Pagani zu Hause sind.
Wer mehr Ferrari-Sportwagen sehen möchte, muss nach Maranello
Wer sich dem Mythos Enzo Ferrari nähern möchte, ist im Museum gut aufgehoben. Wem es dagegen um außergewöhnliche Autos geht, der ist hier falsch. Erst recht, wenn es die mit dem "Cavallino Rampante" sein sollen. Denn von den ohnehin kaum mehr als einem Dutzend Ausstellungsfahrzeugen in der Casa Ferrari stammen mehr als die Hälfte von anderen Marken. Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb sich die Firma Ferrari beim Bau des Museums für ihren Gründer dezent zurückhielt.
Wer in Ferrari-roten Vollgas-Träumen schwelgen möchte, dem empfiehlt sich der kurze Fußweg hinter das neue Museum. Denn dort wartet schon der Pendelbus ins 18 Kilometer entfernte Maranello, wo dann wieder die Pferdestärken und nicht die Person Enzo Ferrari im Vordergrund stehen.

