16.07.2012
Alfa Spider gegen Audi-Cabrio
Es kann nur einen geben
Von Michael KrögerMein Sohn ist schuld. Wir hatten auf einem Ausflug in meinem Alfa Spider die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres genossen und lagen nun müde im Bett, seine kleine Hand massierte mein Ohr. Wenn dieser stille, zärtliche Moment gekommen ist, dauert es gewöhnlich nur noch Sekunden, bis er in die Nacht abtaucht. "Papa", sagte er plötzlich, und seine Stimme klang gar nicht nach Einschlafen. "Können wir nicht hinten noch einen Sitz für Mama einbauen?"
Hinten - das ist die schmale Ablage zwischen Verdeck und Sitzen meines Alfa Romeo. Ein Spider 2000, Baujahr 1978, schwarz, und über mehrere Jahre hinweg mit Hingabe und viel Geld wieder aufgebaut. Platz ist dort allenfalls für eine Handtasche oder einen Rucksack. An einen Sitzplatz ist jedenfalls nicht zu denken.
"Geht leider nicht, find' ich auch sehr schade", sagte ich deshalb in der Hoffnung, dass sich das Thema damit wieder erledigt. Doch es ist ein bisschen wie in dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider": Eine Bemerkung, die den Kern des Problems berührt, lässt sich nicht mehr so einfach vom Tisch wischen. Tatsächlich war der Ausflug nur möglich, weil die Mutter des kleinen Frischluftfanatikers dienstlichen Verpflichtungen nachging und wir den Tag zu zweit verbrachten. Wären wir zu dritt gewesen, wäre der Spider in der Garage geblieben.
Da steht er eigentlich nur noch, seit mein Filius auf der Welt ist. Die Fahrleistung summierte sich in den letzten sieben Jahren auf insgesamt allenfalls 3.500 Kilometer. Das Oldtimer-Hobby reduziert sich vor diesem Hintergrund schlicht auf das gute Gefühl, solch ein Auto zu besitzen. Ein Gefühl, das allein für Versicherung, Pflege und eine trockene Garage sehr viel Geld kostet. Dieser Einsicht kann sich am Ende auch ein gusseiserner Alfisto nicht verschließen.
Der Audi spielt in einer anderen Liga
Doch welches Auto könnte als Alternative in Frage kommen? Unter den Klassikern stehen eigentlich nur ein Peugeot 504 oder ein Saab 900 zur Verfügung, die in einer ähnlichen Preisklasse antreten, oder ein VW-Käfer - aber dann auch wieder nicht.
Also raus aus der Welt der H-Kennzeichen. Schnell kommen 3er BMW, Mercedes CLK und Audi A4 in die engere Auswahl, die als Siebenjährige um die 13.000 Euro kosten. Jedes dieser Autos hat seine eigene Ausstrahlung, die des A4 passt am besten zu uns. Da traf es sich gut, dass Audi der Redaktion von SPIEGEL ONLINE für einige Tage den Nachfolger namens A5 Cabrio zur Verfügung gestellt hatte.
Vergleichstest in der Praxis muss die Entscheidung bringen
Natürlich spielt der Testwagen, so wie er da auf der Straße steht, in einer anderen Liga: Ein Drei-Liter-Diesel sorgt mit 245 PS und 500 Nm Drehmoment für Vortrieb über alle vier Räder. Klimaanlage, Nackenheizung und allerlei elektronische Assistenten vom Abstands- und Regensensor bis zum Toter-Winkel-Radar sorgen für Wohl und Sicherheit der Passagiere.
Das dick gefütterte Verdeck spannt sich geradezu licht auch über den Köpfen der Hinterbänkler und dämmt die Fahrgeräusche so wirksam, dass die teure Stereoanlage (Bang & Olufsen) ihr ganzes Talent ausspielen kann. Ein gebrauchter A4 hätte natürlich einen schwächeren Motor und weniger Schnickschnack an Bord, aber er würde sich ähnlich anfühlen.
Der Alfa kommt im direkten Vergleich ohnehin daher wie aus einer anderen Galaxie. Ein zweistufiger Kippschalter für den Scheibenwischer, einer für die Instrumentenbeleuchtung und einer für das durchaus wirksame Heizgebläse - mehr braucht er nicht. Der Blick auf das nackte Dreispeichen-Holzlenkrad verzaubert jedes Mal, doch im Zeitalter airbag-bewehrter Cockpits empfinden auch Enthusiasten selbst eine Stadtfahrt durchaus als Mutprobe. So ändern sich die Zeiten.
Unzulänglichkeiten als unverzichtbarer Bestandteil
Auch was das Fahrverhalten betrifft, prallen Welten aufeinander. Eckig und etwas bockig der Alfa, geschmeidig und wie auf Schienen der Audi. Die Fahrt mit geöffnetem Verdeck ist natürlich bei beiden Kandidaten die Paradedisziplin, wobei der Alfa den klar spektakuläreren Eindruck vermittelt als der Audi, der andererseits längere Distanzen ermöglicht.
Rein sachlich spricht damit alles für den Audi. Und trotzdem kommen mir beim Blick auf den Alfa immer wieder Zweifel. Erinnerungen werden wach - an Fahrten zu zweit durch die Weinberge der Pfalz, oder die romantische Suche nach einem kitschigen Sonnenuntergang in Südfrankreich, die in einem heftigen Gewitter endete.
Oder an den Italiener, dem wir auf einer Sommerreise durch Umbrien begegneten. Etwas wackelig auf seinen Stock gestützt, strich der alte Mann geradezu zärtlich über das Blech. "Che bella macchina", sagte er mit heiserer Stimme mehr zu sich. Und dann sah er uns mit leuchtenden Augen an und begann Fragen zu stellen, die schnell erkennen ließen, dass er sich sehr gut mit dem Spider auskannte.
Mein Sohn sieht die Sache dagegen aus einem ganz andern Blickwinkel. Für die entscheidende Probefahrt haben wir ihn als Juror ausgewählt, zum einen aus rein praktischen Gründen - ein Kindermädchen war so schnell nicht zu finden - zum anderen, weil er schließlich das Projekt Oldie gegen New-Generation-Cabrio angestoßen hat. Beide Autos mussten eine rund zweistündige Testrunde absolvieren - Stadt, Landstraße und auch ein Stück Autobahn.
Entscheidung toleriert von der schweigenden Mehrheit
Welches denn nun besser sei, wollte ich anschließend wissen. "Der Audi", war die spontane Antwort: "Weil bei dem das Dach so toll aufgeht", erklärte der Siebenjährige und fingerte schon wieder an dem zentralen Schalter für den Verdeckmechanismus. Mein Argument, ich könne das Dach des Alfa mit einer kurzen Über-Kopf-Bewegung nach hinten werfen, überzeugt ihn nicht. "Das sieht viel schöner aus, beim Audi, mit den Klappen, und so", sagt er.
"Und das Fahren? Wie fühlt sich das Fahren an?" Kurzes Nachdenken, auch kleine Menschen ringen mitunter um Worte, und diese Entscheidung ist schließlich gewichtig. "Der Audi", lautet erneut die Antwort. "Der ist leiser, da kann man so schön Lieder hören." Den Einwand, dass man bei geöffnetem Verdeck ohnehin nicht wirklich Musik hört, lässt er nicht gelten.
Möglich auch, dass er das gar nicht so genau beurteilen kann. Bei der schnellen Etappe hat er nämlich geschlafen - in beiden Autos und bei geöffnetem Verdeck. Diese Vorliebe teilt er übrigens mit seiner Mutter. Spätestens das sonore Rauschen auf der Autobahn versetzt beide unwillkürlich in Tiefschlaf. Am Ende habe ich die Entscheidung allein getroffen. Und da machte der Audi den entscheidenden Stich: Er hat genügend Platz für mich und meine Lieblingsmenschen. Auch wenn sie unsere Ausflüge regelmäßig verschlafen.

