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03.12.2012
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Rennwagen im Eigenbau

Von Null auf Traum in 6000 Stunden

Von
imago

Von so was träumen Autofans: In einer Garage fand Marc Dürscheidt Karosserieteile eines BMW M1. Was aussah wie Sperrmüll, waren Überreste eines Rennwagens aus Le Mans. Jetzt baut der Feinmechaniker die Legende nach. Niete für Niete, Blech für Blech. Protokoll eines irrsinnigen Projekts.

Marc Dürscheidt hatte diesen Traum vor Augen: er am Steuer eines BMW M1, dieser Supersportwagen-Legende aus den achtziger Jahren, einst das schnellste Auto Deutschlands. Sechsstellige Summen werden für diesen Klassiker gezahlt, und deshalb schien der Traum für den heute 28-Jährigen unerreichbar. Bis sich an einem Juni-Tag vor zwei Jahren ein Garagentor in München für ihn öffnete - und dahinter ein Schatz zum Vorschein kam.

Dürscheidt war einer Ebay-Annonce gefolgt. "Eigentlich hatte ich nach einem M1-Modellauto gesucht", sagt er. Was er fand, war weitaus mehr. Ein Privatmann bot die Karosserie eines M1 an. Dürscheidt wurde neugierig, er vereinbarte einen Termin. Treffpunkt war eine Garage. Dort öffnete ihm ein Hausmeister das Tor und deutete auf ein paar Kunststoffteile, die sich neben einer alten Waschmaschine stapelten: "Das muss weg."

Was wie Sperrmüll aussah waren in Wahrheit die Überreste eines längst vergessenen Kapitels der BMW-Motorsportgeschichte: 1980 schickten die Bayern beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans fünf Teams mit verschiedenen Autos an den Start. Mit dabei war ein M1 mit der Startnummer 82, den BMW von der britischen Sportwagenschmiede March Engineering hatte modifizieren lassen.

Die Zusammenarbeit verlief nicht gerade glorreich - nach 38 Runden, mehreren Reifenpannen und einem Unfall auf der Mulsanne-Geraden war das Rennen für den March-M1 beendet.

Jahrzehntealte Beweisfotos

Dürscheidt weiß bis heute nicht, wie die Teile, genaugenommen die Front- und Heckverkleidung, dazu das Mittelteil und zwei Türen, aus Le Mans neben die Waschmaschine geraten waren, aber damals drückte er dem Hausmeister dafür 2000 Euro in Hand und verfrachtete sie in seinen Wohnort Odelzhausen. Was er da wirklich gekauft hatte, fand er erst einige Tage später heraus.

"Dass die Karosserie von einem Le-Mans-Rennwagen stammt, stellte ich erst fest, als ich die Teile an einigen Stellen abzuschleifen begann. Darunter kam die Original-Lackierung zum Vorschein", erzählt Dürscheidt. "Nach Hunderten Stunden Google-Suche habe ich Bilder von dem Auto in Le Mans gefunden. Darauf ist zu sehen, wie ein Halter der Frontverkleidung herunterbaumelt. Der Schaden wurde in der Box provisorisch behoben - genau an dieser Stelle sind noch die Löcher für die Schrauben."

"Wusste nicht, worauf ich mich da einlasse"

Fortan waren die fünf Kunststoffteile die Hülle für Dürscheidts Traum. Er setzte sich ein Ziel: Das Chassis nachzubauen, mit eigenen Händen, "so originalgetreu wie möglich".

"Ehrlich gesagt wusste ich nicht, worauf ich mich da einlasse", meint er. Der Wagen war im Auftrag von BMW von der britischen Rennwagenschmiede March Engineering entwickelt worden, und dieses Unternehmen existiert schon seit einigen Jahren nicht mehr - und damit auch keine Konstruktionszeichnungen.

Erst als er sein Projekt in einem Internetforum öffentlich machte, kam er auf eine heiße Spur. "Die Leute aus dem Forum schickten mir alte Zeitschriftenartikel und Fotos über den March M1", erzählt Dürscheidt.

Am hilfreichsten war aber ein Besuch in der Museumsgarage von BMW Classic. "Auf eine Anfrage von mir hin lud mich der damalige Motorsportleiter nach München ein", sagt er. Dort steht ein Ausstellungsstück des March M1. Dürscheidt durfte das Chassis abmessen und knipste mehr als 200 Bilder. Ein befreundeter Ingenieur erstellte dann für ihn CAD-Zeichnungen der Teile.

Hoffen auf Hilfe aus den USA

Alles weitere ist nun Fleißarbeit, die Dürscheidt direkt an seinen Arbeitsplatz erledigt. "Ich bin Feinmechaniker und darf die Fräs- und Drehmaschinen in unserem Betrieb für mein Hobby benutzen", sagt er. Der Chef hat gegen das Projekt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Er hat sogar schon einige Teile persönlich für den M1 des Angestellten gefertigt.

Um das meiste kümmert Dürscheidt sich aber persönlich. Das gesamte Monocoque hat er geschweißt und genietet, die Felgen ausgefräst und die Achsträger gefertigt. Ein Motor steht auch schon in der Werkstatt, er stammt aus einem BMW M 635i und bringt es auf rund 280 PS.

Der March M1 ging in Le Mans mit einem 470-PS-Aggregat an den Start. Dürscheidt will seinen Motor auf mehr als 400 PS auftunen, muss dabei aber Kompromisse eingehen: Aus Kostengründen verzichtet er auf eine mechanische Benzineinspritzung und verwendet stattdessen ein elektronisches System.

Erst reif fürs Museum, dann für die Rennstrecke

Wenn der Mechaniker von seinem Projekt erzählt, klingt er so unaufgeregt, als würde er ein Modellauto zusammenschrauben. "Diese Rennwagen sind im Grunde einfach gestrickt und wurden Anfang der Achtziger so gefertigt, wie ich das jetzt mache - mit einem kleinen Team von Entwicklern."

Das soll allerdings nicht heißen, dass sich der March M1 mal eben aus dem Boden stampfen lässt - rund 3000 Arbeitsstunden hat Dürscheidt nach eigenen Angaben schon investiert. Und seiner Schätzung nach wird er noch weitere 3000 Stunden in der Werkstatt verbringen. Der vordere Teil des Wagens ist fertig, auch eine passgenaue Sitzschale hat er schon für sich aufgeschäumt. "Jetzt geht es an den hinteren Teil mit Tankanlage, Motor, Getriebe und Hinterachse."

Wann ist für ihn der Traum verwirklicht? "Da gibt es zwei Stufen", sagt Dürscheidt. "Als Erstes soll er auf vier Reifen stehen und sozusagen reif fürs Museum sein. Und anschließend will ich ihn fahrbereit machen." Eine Straßenzulassung kommt für ihn nicht in Frage, höchstens bei historischen Rennen würde er den M1 in Bewegung setzen.

Die drei Löcher in der Karosserie wird Marc Dürscheidt übrigens nicht ausmerzen. Wie die Narben bei einem Menschen erzählen sie beim March M1 eine Geschichte. Der erste Teil wurde vor 30 Jahren auf der Rennstrecke von Le Mans geschrieben - der zweite ist gerade in der Entstehung, in einer Werkstatt in Odelzhausen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
1. !!!!!!!!!!!!
TheDevil’sAdvocate 03.12.2012
Mein voller Respekt vor einer solchen Aufgabe!
Mein voller Respekt vor einer solchen Aufgabe!
2. Und, Herr Stockburger?
kerckhofs 03.12.2012
Ziemlich piefige Kiste und so viele Knöpfe im Cockpit, stimmt's?
Ziemlich piefige Kiste und so viele Knöpfe im Cockpit, stimmt's?
3. Geil-o-Mat!
walter_e._kurtz 03.12.2012
Respekt und viel Glück! Ich habe nur ein einziges Mal einen M1 auf der Straße gesehen, ein abgefahrener Rennkeil. Sehr, sehr beeindruckende Geschichte diese Fundes und seines Aufbereiters ;-)
Respekt und viel Glück! Ich habe nur ein einziges Mal einen M1 auf der Straße gesehen, ein abgefahrener Rennkeil. Sehr, sehr beeindruckende Geschichte diese Fundes und seines Aufbereiters ;-)
4. Tja, Deutsche Sprache, schwere Sprache
Hyperboraeer 03.12.2012
Gemeint war natürlich: Niet für Niet, Blech für Blech. Nieten gibt´s auf dem Hamburger Dom, das sind die sog. Fehllose!
Gemeint war natürlich: Niet für Niet, Blech für Blech. Nieten gibt´s auf dem Hamburger Dom, das sind die sog. Fehllose!
5. Mist!
hahahans 03.12.2012
Den "Niet für Niet"-Hinweis wollte ich auch gerade schreiben. Bin wohl zu spät dran. Na denn, noch einen schönen Abend allseits!
Den "Niet für Niet"-Hinweis wollte ich auch gerade schreiben. Bin wohl zu spät dran. Na denn, noch einen schönen Abend allseits!

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