26.12.2012
Der richtige Reifen für den Oldtimer
Neue Gummis für Opa
Von Heiko HauptDie gute Nachricht zuerst: Es wird kein Auto wegen Gummimangel endgültig zum Standmodell. Allerdings gibt es Fälle, in denen der Wagen auf Felgen in einem anderen Format und damit auch auf andere Reifengrößen umgerüstet werden muss - und das kann durchaus kompliziert werden. Außerdem gibt es viele mittlerweile veraltete Reifenmodelle nicht bei jedem Händler, sie müssen bei Spezialanbietern geordert werden, sind deswegen nicht selten doppelt so teuer wie Reifen für aktuelle Fahrzeuge. Und manchmal sogar noch teurer.
Der Grund dafür liegt vor allem in der Tatsache, dass sich nicht nur das Format, sondern auch die Grundkonstruktion von Autoreifen über die Jahrzehnte verändert hat. In der Anfangszeit der motorisierten Fortbewegung zog man Wulstreifen auf - benannt nach einem Wulst, der regelrecht in der Felge einhakt wurde. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhundertes erschien dann der Diagonalreifen. Der ließ sich einfacher montieren, galt als deutlich pannensicherer und verdankt seinen Namen diagonal eingearbeiteten Polyestereinlagen. Wie beim Fahrrad verhinderte zunächst ein Schlauch die Luft am Entweichen - erst in den fünfziger Jahren gab es eine Weiterentwicklung, durch die man auf den Schlauch verzichten konnte.
Die heute üblichen Radialreifen erfand der Hersteller Michelin 1946. Sie werden meist auch Stahlgürtelreifen genannt. Ihr Merkmal sind die quer zur Laufrichtung - also radial - eingearbeiteten Karkassenfäden. Die Konstruktion erhöht die Fahrsicherheit und ermöglichte auch die mittlerweile nicht mehr wegzudenkenden Niederquerschnittsreifen. Trotz aller Vorzüge löste der Radialreifen erst in den siebziger Jahren endgültig die Vorgänger ab.
Neben der Grundkonstruktion haben sich über die Jahre auch die genutzten Maße geändert. Entsprechend ist es manchmal kaum mehr möglich, einen modernen Radialreifen auf eine Felge zu ziehen, die ursprünglich die Heimat eines Diagonalreifens war. Und natürlich fertigen die Hersteller nicht jeden alten Reifen noch Jahrzehnte nach - für ein paar hundert Kunden auf der Welt.
Manchmal hilft nur Umrüstung
Bei dem Spezialanbieter Münchner Oldtimer Reifen (MOR) hingegen finden sich sogar nachgefertigte Reifen für Automobile ab dem Baujahr 1888. Dort bekommen sogar mehr als hundert Jahre alte Schnauferl noch neue Sohlen.
Manchmal kann die Suche nach passendem Ersatz aber auch Besitzer eines ehemals weit verbreiteten Youngtimers in den Wahnsinn treiben. So berichtet Reifenfachmann Raffaele Angelillo von MOR, dass es für einige Versionen des Ford Capri keinen Reifennachschub mehr gibt. Das gilt vor allem für Ausführungen mit besonders breiten Reifen auf 13-Zoll-Felgen. "Diese Autos müssen dann auf 15 Zoll umgerüstet werden." Was das originale Erscheinungsbild deutlich verändert.
Beim Fachhändler Möller Reifenservice kennt man ebenfalls Problemfälle. Dazu zählen laut Waldemar Zitzer einige Porsche oder auch der legendäre Adenauer-Mercedes. Der rollte demnach ursprünglich auf Diagonalreifen, die bis zu einem Tempo von 180 zugelassen waren - muss nun aber mangels Nachschub auf Radialreifen umgerüstet werden. Als weitere Problemfälle gelten spezielle Hochleistungsreifen der Vergangenheit. Schließlich ist nicht jedes Reifenmodell von jedem Hersteller angeboten worden, und nicht jeder Reifenhersteller kümmert sich wirklich um den nötigen Nachschub.
Eines der Unternehmen, die auf die Versorgung von Oldtimern Wert legen ist Michelin. "Wir legen von Zeit zu Zeit bestimmte Reifentypen bis zurück in die zwanziger Jahre neu auf", erklärt Michelin-Sprecher Michael Küster. "Aber man kann nicht permanent alle Reifen der Vergangenheit nachfertigen." Dazu ist auf der einen Seite die Zahl der Reifenmodelle zu groß, die Nachfrage dagegen zu klein. Also gibt es mal den einen Reifen in Neuauflage, mal einen anderen.
Hoher Aufwand und geringen Stückzahl führen zudem zu Preisen, die auch bei einstigen Alltagsautos überraschend hoch ausfallen können. Laut Raffaele Angelillo kann ein neuer alter Reifen durchaus 400 Euro kosten. Selbst wer schonend mit dem Reifen umgeht und das Profil nur in homöopathischen Dosen abradiert, kommt nicht ewig um einen Neukauf herum: Gerade bei Klassikerreifen ist der Verschleiß nämlich nicht das eigentliche Problem. Vielmehr altern Reifen, werden brüchig und hart - so sehr, dass bei einer Hauptuntersuchung die Plakette auch wegen uralter und brettharter Pneus verweigert werden kann.

