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Auto

Bizarrer Prototyp Aurora Safety Car

Ganz sicher hässlich

Es lebe die Knautschzone! Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: das sicherste Auto der Welt.

Von Jürgen Pander
Mittwoch, 02.05.2018   04:38 Uhr

Gnade, Barmherzigkeit, Vergebung - derlei Wohltaten sind in der Autoindustrie unbekannt. Das musste auch Alfred Juliano erfahren, ein katholischer Priester aus Branford im US-Staat Connecticut, der in den Fünfzigerjahren praktisch im Alleingang das sicherste Auto der Welt entworfen, entwickelt und gebaut hatte. Zugleich war das Aurora Safety Car auch eines der unförmigsten Fahrzeuge aller Zeiten und ganz sicher auch jenes, dessen Premiere am dilettantischsten vorbereitet war.

Eigentlich wollte Alfred Juliano Autodesigner werden. Er studierte Kunst, bewarb sich in etlichen Designstudios, fand aber keinen Job. Also wechselte er das Fach und studierte Theologie. Zwar ging kurz nach seiner Weihe zum katholischen Priester doch noch ein Angebot von General Motors bei ihm ein, doch da wollte Juliano nicht mehr. Dennoch begann er, parallel zur Arbeit in seiner Gemeinde in Branford, seinen großen Traum als Autodesigner in Eigenregie zu verwirklichen.

Juliano hatte den Plan gefasst, das sicherste Auto der Welt zu entwickeln. Insgesamt vier Jahre zeichnete, konstruierte, schraubte, spachtelte und schliff er an seinem Werk, dem Aurora Safety Car. Als Basis diente ein Buick-Chassis, auf dem er einen Sperrholz-Rahmen errichtete und darüber eine Fiberglas-Karosserie formte. Es war ein gewaltiges Fahrzeug, das da in Julianos Werkstatt entstand: Knapp 5,50 Meter lang, mit Portaltüren, vier Einzelsitzen, einer Kunstharzkuppel über dem Innenraum und einer riesigen, mit Schaumstoff gefüllten - wie soll man das nennen - Unterlippe, die das Auto vor sich hertrug.

Bei einem Unfall sollten sich die Sitze nach hinten drehen

Die weiche Schaufel am Bug gehörte natürlich zu den speziellen Sicherheitsdetails des Wagens. Sie sollte bei Kollisionen Fußgänger sanft in die Höhe bugsieren und so vor schweren Verletzungen schützen. Als zusätzliche Knautschzone war im Vorbau auch noch das Ersatzrad untergebracht. Dazu gab es Sicherheitsgurte auf allen Plätzen, einen Überrollkäfig, Seitenaufprallschutz-Stangen in den Türen, eine abknickende Sicherheitslenksäule, ein gepolstertes Armaturenbrett und eine weit nach vorne ausgebeulte Windschutzscheibe, damit die Insassen nicht mit den Köpfen gegen die bruchsichere Kunstharz-Konstruktion knallten. Schließlich verfügten die Sitze nicht nur über für diese Zeit ungewöhnlich hohe Lehnen, sondern waren auch drehbar befestigt. Sie sollten sich im Falle einer nicht mehr vermeidbaren Kollision um 180 Grad nach hinten drehen, um die Insassen zu schützen.

Keine Frage, für 1957 waren das geradezu prophetische Innovationen. In diesem Jahr wurde das Auto nämlich fertig und Alfred Juliano wollte es endlich der Öffentlichkeit präsentieren, Mitte November auf der Auto-Show in New York. Die 140 Kilometer bis dorthin wollte er mit dem Prototyp zurücklegen. Woran er jedoch nicht gedacht hatte, war, zuvor eine Probefahrt mit dem Aurora Safety Car zu unternehmen.

Auf dem Weg zur Premiere blieb der Wagen fünfzehnmal liegen

Die Fahrt zur Ausstellung geriet zum Fiasko. Weil die alte Buick-Kraftstoffanlage in den vier Jahren Bauzeit des Konzeptautos ausgiebig verschlammt war, blieb der Wagen fünfzehnmal liegen. Juliano musste auf dem Weg sieben unterschiedliche Werkstätten aufsuchen, um sein Auto wieder flottzukriegen. Als er, nach neuneinhalb Stunden Fahrt, endlich in New York ankam, war die Messe praktisch gelesen. Ja, das Auto erregte zwar noch einiges Aufsehen, doch zugleich galt es vom ersten Moment an als unzuverlässig. Und obendrein als extrem teuer.

In den Prototyp hatte Juliano rund 30.000 Dollar gesteckt. Der Großteil waren seine eigenen Ersparnisse, den Rest hatte er von Spendern aufgetrieben. Als Verkaufspreis hatte er 12.000 Dollar kalkuliert. Damit wäre das Aurora Safety Car damals das zweitteuerste Serienauto in den USA gewesen, gleich hinter dem Cadillac Eldorado Brougham. Juliano wollte den Wagen wahlweise mit Motoren von Chrysler, Lincoln oder Cadillac bestücken, ganz nach den Vorlieben der Kunden. Die aber blieben aus.

Fotostrecke

Aurora Safety Car: Verformte Sicherheit

Es gab keine einzige Bestellung. Auch eine Titelgeschichte auf dem Magazin "Mechanix Illustrated" änderte daran nichts. Das Auto war vermutlich so sicher wie kein anderes - für die Finanzierung galt dies keineswegs. Bald tauchten Gerüchte auf, dass Julianos Firma zahlungsunfähig sei. Später sagte er, dass vermutlich General Motors hinter den Attacken steckte, wobei der Konzern das stets bestritt. Jedenfalls musste er Insolvenz anmelden und kurz darauf wurde er auch noch exkommuniziert, weil er angeblich Spendengelder aus der Gemeinde veruntreut hatte.

Damit war das Aurora Safety Car endgültig Geschichte. Es ging an eine Werkstatt als Kompensation für noch offene Rechnungen. Irgendwann landete der Wagen, arg lädiert, im Hinterhof eines Karosseriebauers. Dort stöberte ihn der britische Auto-Enthusiast Andy Saunders auf, der 1993 von der bizarren Geschichte um das Aurora Safety Car gehört hatte. Da war dessen Erfinder Alfred Juliano bereits vier Jahre tot.

Saunders jedenfalls kaufte das, was von dem erstaunlichen Fahrzeug übrig war und machte sich daran, es zu rekonstruieren und zu restaurieren. Eine ungeheure Fleißarbeit, denn es gab nur wenige Fotos, kaum Beschreibungen und natürlich keinerlei Ersatzteile für dieses komplett in Heimarbeit entstandene Fahrzeug. Heute sieht das Aurora Safety Car wieder so aus wie 1957 und zählt zu den Ausstellungsstücken im National Motor Museum im südenglischen Beaulieu.

insgesamt 19 Beiträge
bloedel123 02.05.2018
1. Hässlich?
Mein Gott, war man damals verwöhnt. 25 Jahre später rissen die Kunden den Autoherstellern zeitlos garstige Klötze wie Golf I oder Mercedes 190 aus den Händen.
Mein Gott, war man damals verwöhnt. 25 Jahre später rissen die Kunden den Autoherstellern zeitlos garstige Klötze wie Golf I oder Mercedes 190 aus den Händen.
iFan 02.05.2018
2. Das Fahrzeug zeigt sehr schön ...
... die jahrzehntelang währende Arroganz der Autobauer, was das Thema Sicherheit anbelangt. Und bis zum heutigen Tag stellt ein handelsüblicher PKW eigentlich eine Beihilfe zum Mord dar (was sich nicht nur in der für jeden [...]
... die jahrzehntelang währende Arroganz der Autobauer, was das Thema Sicherheit anbelangt. Und bis zum heutigen Tag stellt ein handelsüblicher PKW eigentlich eine Beihilfe zum Mord dar (was sich nicht nur in der für jeden Laien damit erreichbaren Höchstgeschwindigkeit ausdrückt).
Andreas-Schindler 02.05.2018
3. Papp ein VW-Logo drauf
Und die Leute kaufen das Teil in Masse für 60.000+ Euro. Die Heutigen Autos aus Deutschland sehen kaum schrecklicher aus. Mit Modernen Material lässt sich manche Wölbung Entschärfen.
Und die Leute kaufen das Teil in Masse für 60.000+ Euro. Die Heutigen Autos aus Deutschland sehen kaum schrecklicher aus. Mit Modernen Material lässt sich manche Wölbung Entschärfen.
saggawurz 02.05.2018
4. colani
Der Designer war ja sogar Colani voraus
Der Designer war ja sogar Colani voraus
Analog 02.05.2018
5. OK, schon sehr ungewöhnlich.
Finde es trotzdem Gut, wenn Menschen mal quer Denken, das dann auch umsetzen... PS: von hinten ist der Wagen gelungen und viel schöner als viele neue Autos mit ihren schlecht integrierten dritten Bremsleuchten.
Finde es trotzdem Gut, wenn Menschen mal quer Denken, das dann auch umsetzen... PS: von hinten ist der Wagen gelungen und viel schöner als viele neue Autos mit ihren schlecht integrierten dritten Bremsleuchten.

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