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Was man beim Onlineshopping von Fahrrädern beachten muss

Breadwinner Cycles
Von
Samstag, 25.11.2017   15:41 Uhr

Mein nächstes Fahrrad würde ein Gravelbike sein, soviel stand fest. Stellte sich nur noch die Frage, wo ich es kaufe: beim Händler oder im Internet?

Spätestens zum Winteranfang kommt von meiner Rennradgruppe die SMS, die ich fürchte: "Obacht, Querfeldein", heißt es. Dann beginnt der Teil der Saison, der nur noch selten über Asphalt und hauptsächlich durch Wald und Wiese führt. Ich hatte mich dafür entschieden, mir hierfür ein Gravelbike zu kaufen: ein Rennrad, das geländetauglich ist.

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Erste Frage: Wie sollte ich die saftige Ausgabe dafür rechtfertigen? Ganz einfach: Sich im Winter nicht zu bewegen, schadet der Gesundheit, was wiederum teure Folgen nach sich ziehen kann. Mir blieb also gar keine andere Wahl - wollte ich Geld sparen, musste ich mir ein neues Fahrrad kaufen. Problem gelöst.

Zweite Frage: Die Grundsatzfrage: Beim Fachhändler kaufen oder im Internetshop bestellen?

Für ein gut sortiertes Radgeschäft spricht einiges. Man kann sich die Räder ansehen, sich beraten lassen, vor allem aber: Man kann Probefahren. Um ein online bestelltes Rad ordnungsgemäß zusammenzubauen, bedarf es zudem eines Mindestmaßes an technischen Fertigkeiten. Man sollte nicht nur Pedale montieren, sondern auch den sogenannten Steuersatz einstellen können, also die Lagerung, über die Vorderradgabel und Fahrradrahmen miteinander verbunden sind.

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Versandhersteller: Rad per Kurier

Der Onlineversand hat aber auch Vorzüge - und vor allem Sparpotenzial. Die Räder deutscher Versandfirmen wie beispielsweise Canyon, Rose oder Radon haben ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Sie schneiden bei Tests fast immer exzellent ab, egal, ob es sich um Rennräder, Mountainbikes oder Trekkingräder handelt. Außerdem ist die Auswahl im Netz viel größer als beim Händler.

Pedale montieren und Steuersatz einstellen kann ich - daher war für mich klar, dass ich mein Gravelbike übers Internet bestellen würde.

Dritte Frage: Wie stellt man fest, ob man mit einem Rad vom Versandhändler zurechtkommt? Dazu muss man die richtige Rahmengröße wählen und sollte wissen, was Stack und Reach sind.

Die richtige Rahmengröße kann man anhand der Schrittlänge bestimmen. Um die Schrittlänge ohne fremde Hilfe herauszufinden, kann man ein Buch, einen Bleistift und ein Metermaß zur Hand nehmen. Man stellt sich ohne Schuhe, Socken und ohne Hose (Unterhose ist erlaubt) an eine Wand, klemmt sich das Buch senkrecht zwischen die Beine und führt es bis zum Schritt. Die Stelle, an der die Oberkante des Buchs die Wand trifft, markiert man und misst anschließend den Abstand vom Boden bis zu diesem Punkt.

Welche Schrittlänge zu welcher Rahmengröße führt, hängt vom Typ des Rades ab. Auf den Webseiten der meisten Hersteller wird diese Information angegeben. Ich liege bei Rennrädern zum Beispiel zwischen den Größen 56 und 58. Grundsätzlich wähle ich immer den größeren Rahmen, weil das mehr Komfort ermöglicht. Profis dagegen bevorzugen oft einen zu kleinen Rahmen mit einer relativ großen Sattelüberhöhung - dadurch fahren sie in extrem gebeugter Körperhaltung und haben somit weniger Luftwiderstand.

Ich bin allerdings schon viele Räder probegefahren, die zwar die richtige Größe hatten, die mir aber deutlich zu rennlastig und unbequem ausgelegt waren. Um wirklich die richtige Geometrie herauszufinden, haben sich mittlerweile zwei weitere Größen etabliert: Stack und Reach.

Stack ist ein Höhenmaß, es gibt den vertikale Abstand zwischen der Mitte des Tretlagers und der Oberkante des Steuerrohrs an. Reach dagegen bezieht sich auf die Länge des Rades und gibt den horizontalen Abstand zwischen Tretlagermitte und Steuerrohrkante an.

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Beide Maße kann man in der Regel auf den Webseiten der Hersteller finden. Um die Sitzposition auf dem Rad zu beurteilen, muss man Stack durch Reach teilen. Ein Wert von 1,45 bedeutet beispielsweise eine Wettkampfposition. Ab einem Quotienten von 1,55 spricht man von einer Komfortposition. Der für mich optimale Wert liegt ziemlich genau dazwischen.

Natürlich können Stack und Reach nur ein Hinweis darauf sein, ob der Rahmen wirklich der Richtige ist. Auch Steuerrohrwinkel, Gabel-Vorbiegung und Hinterbaulänge beeinflussen das Fahrverhalten. Andererseits gibt es verschiedene Variablen wie die Länge des Vorbaus, die Form des Lenkers und die Zahl der sogenannten Spacer zwischen Lenker und Steuerrohr, über die man das Rad anpassen kann.

Für mich erst einmal nur der Rahmen

Bei der Suche nach einem Gravelbike fiel meine Wahl auf das Modell Bokeh des britischen Herstellers Mason. Ich bestellte mir allerdings nur den Rahmen, weil ich mir das Rad selber zusammenstellen und aufbauen wollte. Das hatte ich ohne Anleitung noch nie gemacht, aber irgendwann muss man ja anfangen.

Für das Bokeh-Modell entschied ich mich, weil das Rad in allen Tests hervorragend abschneidet, der Rahmen großartig aussieht und von den Steckachsen bis zur Befestigungsmöglichkeit für eine dritte Trinkflasche alle Optionen bietet, die ich mir gewünscht habe. Der Stack/Reach-Quotient bei Rahmengröße 58 beträgt 1,49.

Als das Paket drei Wochen nach der Bestellung ankam, stellte ich fest, dass der hohe Preis von 1100 Pfund mit Blick auf die Verarbeitung gerechtfertigt war: Die Schweißnähte des Rahmens sind fein und regelmäßig, kein Vergleich zu den hässlichen Wülsten, die man an billigen Alu-Exemplaren findet. Der Lack hat Glanz und Tiefe, die feine Linierung gibt dem leuchtenden Orange einen Touch Eleganz.

Mason

Das Mason Bokeh in knalligem Orange

Den richtigen Rahmen habe ich nun also, jetzt muss ich noch die passenden Komponenten aussuchen. Das bedeutet stundenlange Recherche in den Untiefen von Internetforen, um in Debatten über die Vorteile bestimmter Kettenblatt-Ritzel-Kombinationen oder Profiltiefen von Reifen einzutauchen.

Ich freue mich schon sehr darauf.

insgesamt 96 Beiträge
barlog 25.11.2017
1. Frage
Wenn ich den Lenker eines Trekkingbikes gegen einen Rennlenker austausche, habe ich dann ein Gravelbike?
Wenn ich den Lenker eines Trekkingbikes gegen einen Rennlenker austausche, habe ich dann ein Gravelbike?
rainerwäscher 25.11.2017
2.
Mein Arzt sagt, für die Gesundheit kommt es nur auf die Menge des Schweißes an. Und dafür tut es auch ein billigen Kaufhausrad. Ein teures Rad ist da sogar kontraproduktiv. Je leichtgängiger desto teure desto weiter muss ich [...]
Mein Arzt sagt, für die Gesundheit kommt es nur auf die Menge des Schweißes an. Und dafür tut es auch ein billigen Kaufhausrad. Ein teures Rad ist da sogar kontraproduktiv. Je leichtgängiger desto teure desto weiter muss ich fahren, um das gleiche Ergebnis bei der Schweißproduktion zu erhalten.
spreepirat 25.11.2017
3.
Schöner Artikel. Ein Absatz sollte aber noch hinzugefügt werden: Der Versand. Habe mir ein Rad über Hermes zustellen lassen. Wird mit völlig unzulänglicher Verpackung und offensichtlich so sorgfältig wie Schrott [...]
Schöner Artikel. Ein Absatz sollte aber noch hinzugefügt werden: Der Versand. Habe mir ein Rad über Hermes zustellen lassen. Wird mit völlig unzulänglicher Verpackung und offensichtlich so sorgfältig wie Schrott transportiert. Resultat: Schaden 170 EUR.
buppert 25.11.2017
4. Hm...
Ich bestelle vieles online, aber es gibt ein paar Dinge, die ich vorher gerne ausprobieren, testen bzw. fühlen würde: Matratze, Couch, Brille (auch wenns für die Onlineshops Partner vor Ort gibt) und eben auch ein Fahrrad. [...]
Ich bestelle vieles online, aber es gibt ein paar Dinge, die ich vorher gerne ausprobieren, testen bzw. fühlen würde: Matratze, Couch, Brille (auch wenns für die Onlineshops Partner vor Ort gibt) und eben auch ein Fahrrad. Wenn man es sich zutraut, die entsprechende Rahmenhöhe u.ä. selbst zu bestimmen, ist das ja das eine, aber für mich gehört beim Radkauf nochn bissel mehr dazu. Ne Abholung oder Rücksendung für solch sperrige Gegenstände zu beantragen, wenn sie doch nichts taugen, ist mir zu aufwendig. Ich bin aber auch Laie, mein vor 4 Jahren beim Händler gekauftes Rad (ich hatte dort mehrere auf der Teststrecke im Laden ausprobiert) steht seit gut 3 Jahren unbenutzt im Keller... Hab nix an Radfahren.
tiger-li 25.11.2017
5. Man lernt nie aus
Ich bin immer wieder erstaunt! Wie „Experten“ den „Laien“ erklären wie wann zu seiner Größe findet! Danke! Sehr eindrucksvoll! Seit 20 Jahren versuche ich zu erklären dass die Schrittlänge (gemessen selber mit Stift und [...]
Ich bin immer wieder erstaunt! Wie „Experten“ den „Laien“ erklären wie wann zu seiner Größe findet! Danke! Sehr eindrucksvoll! Seit 20 Jahren versuche ich zu erklären dass die Schrittlänge (gemessen selber mit Stift und Buch) absolut nix aussagt welche Rahmengrösse man braucht, sondern die Arm/Oberkörper länge.... Deshalb geh ich auch zum Arzt wenn ich krank bin und frag mich das Internet....

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