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Radel verpflichtet

Die richtige Schaltung fürs Gravelbike

Ich leg' ein paar Zähne zu

Getty Images / LOOK

Gravelbike (Symbolfoto)

Von
Samstag, 30.12.2017   09:42 Uhr

Den Rahmen für mein neues Gravelbike habe ich, jetzt fehlen mir noch die passenden Komponenten. Die schwierigste Frage stellte ich mir zuerst: Welche Schaltung soll es werden?

Wenn man ein Rad selber aufbaut, kann man viele wunderbare Stunden mit der Suche nach den richtigen Komponenten verbringen: Lenker, Sattel, Vorbau, Sattelstütze, alles muss sorgfältig ausgewählt werden. Doch eine Entscheidung ist wichtiger als alle anderen: Wie will ich schalten? Während man andere Teile leicht austauschen und untereinander kombinieren kann, legt man sich mit der Wahl der Schaltung fest und ist an ein System gebunden. Auch die Wahl der Laufräder hängt davon ab, weil die Hinterradnabe zur Schaltung passen muss.

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Kleines Schaltungslexikon

Nabenschaltung
In der Hinterradnabe eingebaute Schaltung. Die Getriebeteile sind in der Nabe untergebracht und daher vor Verschleiß gut geschützt. Nabenschaltungen sind in der Regel schwerer als Kettenschaltungen und haben einen geringeren Übersetzungsbereich.
Tretlagerschaltung
Spezialfall der Nabenschaltung, bei der das Getriebe im Tretlager untergebracht ist.
Kettenschaltung
Bei der Kettenschaltung wird die Übersetzung verändert, in dem die Kette über verschiedene Zahnräder am Hinterrad oder an der Kurbel geführt wird. Bei Profi-Rennen wie der Tour de France sind nur Kettenschaltungen zugelassen.
Kurbel
Die beiden mit einer Achse verbundenen Arme, an denen die Pedale befestigt sind. Zur Kurbel werden auch die Kettenblätter gezählt.
Kettenblatt
Die vorderen Zahnräder am Fahrrad, über die die Kette läuft. Es gibt Kurbeln mit einem, zwei oder drei Kettenblättern.
Kompaktkurbel
Bezeichnet am Rennrad eine Kurbel mit zwei Kettenblättern mit 50 und 34 Zähnen. Vor allem bei Hobbyfahrern beliebt, weil sie kleinere Übersetzungen für Bergfahrten erlaubt.
Rennkurbel
Profis fahren in der Regel eine Kurbel mit Kettenblätter mit 39 und 53 Zähnen, die im Flachen höhere Geschwindigkeiten erlaubt. Bei Hobbyfahrern auch spöttisch als Heldenkurbel bezeichnet. Eine Mountainbike-Kurbel hat je nach Einsatzzweck nur 24 bis 34 Zähne
Umwerfer
Bewegt die Kette zwischen den vorderen Kettenblättern hin und her.
Ritzel
Die hinteren Zahnräder. Es gibt Fahrräder mit nur einem Ritzel, die so genannten Singlespeeds. Moderne Rennräder haben 10 oder 11 Ritzel, manche Mountainbikes sogar 12. Das größte gebräuchliche Ritzel am Rennrad hat 32 Zähne, am Mountainbike gibt es bis zu 46 Zähne. Je mehr Zähne, desto bergtauglicher das Ritzel.
Schaltwerk
Schaltet die Kette zwischen den einzelnen Ritzeln hin und her. Für große Ritzel sind spezielle, längere Schaltwerke nötig.

Ich hatte mir vorgenommen, mein Gravelbike Mason Bokeh mit einer Gangschaltung auszustatten, die einen sehr großen Übersetzungsbereich hat. An meinem Rennrad habe ich eine Sram-Force-Schaltung mit Kompaktkurbel, das heißt, ich fahre vorne zwei Kettenblätter mit 50 und 34 Zähnen. Hinten habe ich elf Ritzel, das kleinste hat elf, das größte 32 Zähne. Damit ist man auf der Straße für fast alle Gegebenheiten gut gerüstet, auch in den Bergen. Weil es im Gelände aber häufig steiler zugeht, wollte ich noch kleinere Gänge haben, ohne Abstriche bei den großen Übersetzungen machen zu müssen.

Naben- oder Kettenschaltung?

Eine Grundsatzentscheidung lautet immer: Naben- oder Kettenschaltung? Die Rohloff Speedhub, eine der besten Nabenschaltungen, wird zunehmend auch an Gravelbikes verbaut. Für mich kam sie nicht in Frage, weil sie mit ihren 14 Gängen zwar einen großen Übersetzungsbereich abdeckt, aber für mich nicht groß genug ist. Außerdem ist die Rohloff schwer und ohnehin nicht für Rennradlenker konzipiert. Man muss entweder einen Drehschaltgriff montieren oder einen relativ neuen Adapter, die Gebla-Rohbox, die auch mit modernen Brems-Schalt-Griffen funktioniert. Ich habe allerdings beim Bremsen oder Schalten noch keine Adapter-Lösung ausprobiert, die mich wirklich überzeugt hat.

Rohloff

Rohloff Speedhub

Derzeit sind Schaltungen mit nur einem Kettenblatt vorne sehr beliebt. Bei Mountainbikes sind sie weit verbreitet, aber auch an Gravelbikes und Rennrädern sieht man sie immer häufiger. Der Vorteil ist, dass man nur noch hinten schalten muss. Das mühsame Einstellen des Umwerfers entfällt, weil die Kette vorne auf einem Blatt bleibt. Außerdem spart man Gewicht. Allerdings ist, ähnlich wie bei der Rohloff, der Übersetzungsbereich nicht so groß wie bei einer Schaltung mit zwei oder drei Kettenblättern.

Es gibt im Netz zahlreiche Seiten, die ausrechnen, auf welche Übersetzungen man mit allen denkbaren Ritzel-Kettenblatt-Kombinationen kommt. Am besten ist der Ritzelrechner von Dirk Feeken. Er ist kinderleicht zu bedienen, man kann seine aktuelle Schaltung mit allen möglichen Alternativen vergleichen. Auch Laufradgröße, Trittfrequenz und andere Parameter kann man bei Bedarf einstellen. Ich habe schon Stunden damit zugebracht.

Schalthebel aus Amerika

Mir war schnell klar, dass für mich eine Kettenschaltung mit zwei Kettenblättern vorne und elf Ritzeln hinten, wie ich sie am Rennrad fahre, die beste Lösung ist. Damit hat man eine breite Übersetzung, aber trotzdem noch relativ kleine Sprünge zwischen den einzelnen Gängen. Nur waren mir die kleinen Gänge der üblichen Rennradschaltungen nicht klein und die großen Gänge der Mountainbike-Schaltungen nicht groß genug. Eine Kombination aus einer Rennradkurbel vorne und einem Mountainbikeschaltwerk hinten wäre ideal.

Doch moderne Rennradschalthebel passen nicht zu MTB-Schaltwerken. Die Übersetzung ist eine andere. Früher war das anders, aber mit der immer weiter um sich greifenden Spezialisierung ist es schwieriger geworden, Komponenten zu kombinieren - selbst wenn sie von gleichen Herstellern stammen. Es gibt zwar auch hierfür mittlerweile einen Adapter, durch den man das Schaltkabel laufen lassen kann. Aber, wie gesagt, von solchen Zwischenlösungen halte ich nicht viel.

Dann stieß ich auf die Schalthebel der amerikanischen Firma Gevenalle. Die funktionieren wie herkömmliche Rahmenschalter, die auf Rennradbremshebeln montiert werden. Die Optik ist Geschmackssache, mir gefällt sie. Doch wichtiger war mir die Frage, ob sie gut funktionieren.

Gevenalle EU

Schalthebel Gevenalle GX2

Der Rahmenbauer Michael Monk, der Gevenalle in Deutschland vertreibt, war sehr entgegenkommend und vermittelte mir einen Kunden in Berlin, dessen Rad ich probefahren durfte. Ich war sofort überzeugt. Die Hebel lassen sich leicht bedienen. Sie arbeiten sehr präzise. Man kann problemlos sechs, sieben oder acht Gänge auf einmal herunterschalten, was sehr praktisch im Gelände ist. Außerdem ist das System ganz einfach konstruiert und stabil und vergleichsweise preiswert.

Natürlich gibt es nicht nur Vorteile: Moderne integrierte Schalt-und-Bremshebel sind etwas komfortabler. Außerdem kann man die Gevenalle-Hebel nicht schalten, wenn man mit den Händen am Unterlenker fährt. Das mache ich ohnehin selten. Für mich überwogen also die Vorteile.

Wie das glänzt!

Die Schalter sind auf Tektro-Bremshebeln für die hydraulische Scheibenbremse Hylex RS montiert. Sie lassen sich mit Shimano-Komponenten kombinieren. Ich entschied mich für eine Shimano-105-Kompaktkurbel und ein Deore-XT-Schaltwerk. Das größte Ritzel hat 40 Zähne. Wo das nicht mehr ausreicht, beginnt Mountainbike-Terrain.

SHIMANO EUROPE

Shimano Deore-XT-Schaltwerk

Als die glänzenden Hebel im Karton vor mir lagen, war ich mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben.

Jetzt beginnt der schwierigste Teil. Ich muss das Rad aufbauen.

Korrektur: In einer früheren Version wurde die Tretlagerschaltung als Spezialfall der Kettenschaltung beschrieben.

insgesamt 47 Beiträge
Weis 30.12.2017
1.
Die Gevenalle GX2 Schalthebel sehen den alten Daumenschalthebeln der späten Achtziger/frühen Neunziger der Suntour Komponentengruppe XC Pro wirklich sehr ähnlich, ja fast identisch. Das war eh die beste Mountainbike Gruppe, [...]
Die Gevenalle GX2 Schalthebel sehen den alten Daumenschalthebeln der späten Achtziger/frühen Neunziger der Suntour Komponentengruppe XC Pro wirklich sehr ähnlich, ja fast identisch. Das war eh die beste Mountainbike Gruppe, besser als das 08/15 Shimano Gedöns.
Weis 30.12.2017
2.
Die Gevenalle GX2 Schalthebel haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit den alten Suntour XC Pro Daumenschalthebeln der späten Achtziger. Die waren damals schon die Referenzklasse. Besser als das, so oft verkaufte 08/15 Shimano [...]
Die Gevenalle GX2 Schalthebel haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit den alten Suntour XC Pro Daumenschalthebeln der späten Achtziger. Die waren damals schon die Referenzklasse. Besser als das, so oft verkaufte 08/15 Shimano Gedöns. Selbst heute sind die noch besser. Desshalb wahrscheinlich die Reinkarnation durch Gevenalle GX2.
Papazaca 30.12.2017
3.
Ich fahre kein Gravelbike sondern Mountainbikes. Mir ist beim lesen des Artikels nicht sofort klar geworden, welchen Schaltungsbereich unser Autor abdecken will? Hinten 11-40 und vorne 50, 34? Was auch immer hier im Forum erzählt [...]
Ich fahre kein Gravelbike sondern Mountainbikes. Mir ist beim lesen des Artikels nicht sofort klar geworden, welchen Schaltungsbereich unser Autor abdecken will? Hinten 11-40 und vorne 50, 34? Was auch immer hier im Forum erzählt wird: Wenn man viel fährt und auch woanders unterwegs ist, sollte man am besten Fabrikate aussuchen, die es am ehesten überall gibt, um sie leicht zu reparieren. Und das ist nun mal Shimano und SRAM, ob man sie liebt oder nicht. Und eine andere Wahrheit ist: Je mehr Gänge das Ritzel hat, um so schmaler wird die Kette, um so größer ist der Kettenverbrauch. Von den Preisen für die Riesenritzel ganz zu schweigen. Es geht also auch ums Geld (Stichwort Rohloff, die zwar gut ist aber eben sauteuer). Ein wichtiger Punkt fehlt also offensichtlich: Wer viel fährt muß oft den Antrieb (Kette, Ritzen, Ketterblätter) erneuern. Kosten sind also auch ein wichtiger Punkt, Herr Neukirch, oder sehe ich das falsch?
Konstruktor 30.12.2017
4.
Der Schaltbereich der Rohloff Speedhub von 1:5 soll nicht reichen? Das wundert mich einigermaßen. Ich fahre sie nicht an einem Gravel-Bike, sondern seit einigen Jahren an einem Tourenrad, aber ich nutze selbst unter engen [...]
Der Schaltbereich der Rohloff Speedhub von 1:5 soll nicht reichen? Das wundert mich einigermaßen. Ich fahre sie nicht an einem Gravel-Bike, sondern seit einigen Jahren an einem Tourenrad, aber ich nutze selbst unter engen Bedingungen zum Rangieren und im Gelände kaum je die unteren 4 Gänge (normaler Anfahr-Gang ist 7), kann aber trotzdem auf der Straße gut schnell fahren. (Für größere Ketten-Übersetzungen gibt es keinen passenden komplett geschlossenen Kettenschutz mehr, deshalb hatte ich die bisher noch nicht weiter verlängert.) Wie groß ist denn der Schaltbereich der jetzt gewählten Schaltung?
wildspitz1 30.12.2017
5. Alternative Übersetzungslösung um wenig Geld
Ich fahre u.a auf meinem Gravelbike/Adventurebike (Kinesis Tripster ATR I) eine mechanische Ultegra Schaltung (10fach) mit Übersetzung 50/34 vorne und 11-40 hinten. Das kleine Teil "RoadLink" von Wolftooth machts [...]
Ich fahre u.a auf meinem Gravelbike/Adventurebike (Kinesis Tripster ATR I) eine mechanische Ultegra Schaltung (10fach) mit Übersetzung 50/34 vorne und 11-40 hinten. Das kleine Teil "RoadLink" von Wolftooth machts möglich! Durch dieses Teil wird das Schaltwerk so weit tiefer gesetzt, dass hinten ein 40-er Ritzel problemlos funktioniert. Sogar ein 42 Ritzel ist möglich mit einem längeren Schräubchen zur Entfernungseinstellung des Schaltwerkröllchens. Der Schaltkomfort ist meines Erachtens sehr gut. Perfekte Übersetzung, geringe Kosten, Shimano-tauglich. Bin begeistert von dieser Lösung - aber auch Ihre Beiträge finde ich interessant, informativ und lesenswert.

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