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Auto

Mit dem E-Auto durch die USA

Elektrische Enttäuschung

Mit einem Elektroauto quer durch zehn US-Bundesstaaten, trotz mickriger Reichweite? Ja, das geht - dank Plug-in-Hybrid. Der Langstrecken-Trip offenbart aber auch die Schwächen des Konzepts.

Tom Grünweg
Von
Dienstag, 13.02.2018   04:38 Uhr

Amerika ist das Land der langen Strecken. Rein mit dem Tempomaten, und dann endlos dahinbrummeln mit rund hundert Stundenkilometern. Oder gleich den Flieger nehmen. Aber ein Elektroauto bemühen, bei den geringen Reichweiten der heutigen Akkus? Auf keinen Fall. Höchstens mit einem Plug-in-Hybriden könnte man es mal versuchen.

Das zumindest war mein Versuchsaufbau für eine Fahrt vor wenigen Wochen nach der Elektronikmesse CES in Las Vegas zur Motorshow in Detroit. Knapp 3000 Meilen fast von Küste zu Küste, in einem Mini Countryman Cooper S E.

Ein harter Alltagstest für eine Technologie, die uns von der Industrie als das Beste aus zwei Welten verkauft wird: In der Front werkelt im Falle des Mini ein 1,5 Liter großer Dreizylinder mit 136 PS und treibt die Vorderräder an, an der Hinterachse eine E-Maschine vom 65 kW, gespeist von einem Lithium-Ionen-Akku von 7,6 kWh. Allrad dank zwei Antriebsarten heißt das Konzept, das auch winterlichen Fahrten ihren Schrecken nehmen soll. Ob das gelingt - um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hatte ich bei meiner Tour genügend Zeit.

Meile 00, Flughafenparkplatz, Los Angeles, Kalifornien: Der Erstkontakt mit dem Mini in Amerika ändert die Perspektive. Während der Countryman in Europa dem Markennamen Mini Hohn spricht, wirkt er mit seinen 4,30 Metern Länge in Los Angeles tatsächlich winzig zwischen all den großen Limousinen und Full-Size-SUV auf dem Parkplatz. Bei dem Versucht, zwei große Rimowa in den Kofferraum und ein bisschen Kleinkram auf den Rücksitz zu packen, übrigens erst recht. Viel Platz für die Tasche mit Ladekabel für den Akku des Mini bleibt da nicht.

Meile 132, Barstow, Kalifornien: Von wegen "It never rains in California". Es schüttet, und wie immer bei schlechtem Wetter kommt der Verkehr auf den Freeways rund um Los Angeles zum Erliegen. Drei Stunden lang geht es deshalb nur im Stop-and-go-Verkehr vorwärts. Dem Mini kommt das entgegen: Stau zeigt die Stärke des Hybriden. Der Akku scheint schier ewig zu halten, so oft surrt der E-Motor und treibt den Countryman alleine an.

Meile 246, Primm, Nevada: Nein, leider hält der Akku nicht ewig. Und der Tank bedauerlicherweise auch nicht. Im Gegenteil. Weil BMW dem Mini nicht einmal 40 Liter Tankvolumen gönnt, ist dieser überraschend schnell leer und zwingt uns auf dem Weg nach Las Vegas zum ersten von vielen, sehr vielen Boxenstopps. Dass die Gallone "Regular"-Benzin auf dieser Reise meist deutlich unter drei Dollar kostet und dass man mehr für die Snacks zahlt als für den Sprit, ist da nur ein kleiner Trost. Erst recht in Gegenden, wo einem bei einer kumulierten Reichweite von rund 240 Meilen öfter mal bange wird, ob man innerhalb dieses Limits wieder eine Tankstelle findet.

Meile 289, Las Vegas, Nevada: Beim Valet-Service zuckt angesichts des Plug-in-Hybriden niemand mit der Wimper. Ob man den Wagen während das Parkens aufladen könne? "For sure", sagt der junge Parkwächter und beweist, dass die Stromer in Sin-City mittlerweile Standard sind.

Fotostrecke

Mit dem Plug-in-Mini quer durch die USA: Lass stecken

Meile 710; Salt Lake City, Utah: Eine Halbtagesreise weiter sieht das ein bisschen anders aus. Nicht nur die Dichte teurer Importfahrzeuge wird auf dem Weg nach Nordosten immer geringer. Sondern auch die Zahl der in Kalifornien und Nevada noch allgegenwärtigen Tesla nimmt spürbar ab. Und mit ihr die Verfügbarkeit von Ladesäulen. Im Hotel jedenfalls gibt es keine Möglichkeit, den Mini ans Netz zu hängen. Und bei minus zehn Grad spät nachts noch mal ein paar Blocks vom Laden nach Hause laufen? Ach, dann soll halt der Benziner ein bisschen höher drehen.

Meile 989, Jackson Hole, Wyoming: In Skiorten betrachtet man den Klimawandel offenbar genauer als anderswo. Deshalb sieht man in Jackson Hole in den Rocky Mountains nicht nur plötzlich wieder Elektroautos, sondern mitten auf dem Dorfplatz steht vor den Torbögen aus Elchgeweihen auch eine Ladesäule, aus der der Strom obendrein noch kostenlos fließt. Einziger Haken: Mehr als drei Stunden Ladezeit für theoretisch 42 und praktisch keine 20 Kilometer elektrischer Reichweite - bei mehr als zehn Stunden Fahrzeit am Tag ergibt das nun wirklich keinen Sinn. So gut ist das Chili im Million Dollar Cowboy Saloon jetzt auch wieder nicht.

Meile 1116, West Yellowstone, Montana: Hätten wir doch nur eine längere Pause gemacht und tatsächlich vollgeladen. Dann müssten wir jetzt nicht so zittern: Wer sich bei einem Plug-in-Hybriden wie dem Mini auf den Allradantrieb durch die elektrische Hinterachse verlässt, der ist im dicksten Winter schnell verlassen. Auf der Straße liegt mehr als knöcheltief der Schnee, und selbst die im E-Safe-Mode zusammengesparte, volle Akkuladung reicht bei diesen Bedingungen für kaum mehr als zehn Kilometer. Dumm nur, dass die Passstraßen deutlich länger sind und man danach ordentlich ins Schlingern kommt, wenn nur noch die Vorderachse die Arbeit macht. Hybridabtrieb als Allradersatz - im Winter und im Gebirge ist das zumindest bei Konstruktionen wie von Mini und von den Franzosen propagiert, keine gute Idee.

Meile 1345, Billings, Montana: Für Schneefall ist es zu kalt und für Eis auf der Straße auch. Wenn das Thermometer selbst tagsüber nicht über minus zwölf Grad klettert, gibt es keinen Niederschlag mehr, die Straße ist trocken und bleibt griffig. Das ist auch gut so. Denn der Allradantrieb hat sich schon wieder verabschiedet. "Elektrisches Fahren ist erst wieder verfügbar, wenn es die Umgebungsbedingungen zulassen", zeigt das Display. So langsam wird klar, dass der Mini ein Schönwetter-Hybrid ist. Er mag offenbar keine tiefen Temperaturen.

Meile 1661, Rapid City, South Dakota: Elektrische Revolution in Amerika? Dass ich nicht lache. Aber hier im Wheat Belt, der Agrarregion der USA schlechthin, auf den schmalen Straßen zwischen den endlosen Kornfeldern, sind selbst konventionell angetriebene Limousinen die Ausnahme. Staaten wie Montana, South Dakota oder Iowa sind Pick-up-Zone. Der Mini wirkt hier wie ein Ufo auf Abwegen.

Meile 2091, Sioux City, Iowa: Ja, der Plug-in ist nicht die beste Wahl. Aber sonst erweist sich der kleine Brite als überraschend erwachsenes Auto auf dieser großen Fahrt. Die Sitze sind so bequem, dass man auch nach Stunden noch entspannt aussteigt, zumindest in der ersten Reihe mangelt es nicht an Platz, das Infotainment unterhält und informiert vorzüglich, das Navigationssystem kennt neben den Highways auch alle Byways nebst den abgelegensten Sonderzielen - und selbst mit ein paar elektrischen Details kann der Countryman punkten: Die Sitzheizung zum Beispiel ist eine Wucht. Und das ist bei diesen Temperaturen viel wichtiger als der der E-Motor.

Meile 2445, Moline, Illinois: Noch zwei Stunden bis Chicago und wir stehen - mal wieder - an der Tankstelle. Mindestens zwei, eher drei oder vier Boxenstopps gönnt sich der Mini am Tag. Und weil ich es irgendwann selbst nicht mehr glauben will, rechne ich mal nach. Nein, das liegt nicht nur am kleinen Tank, sondern auch am großen Durst: 9,2 Liter beträgt der Durchschnitt nach 80 Prozent der Reise. Und selbst wenn niemand auch nur im Traum die von der widersinnigen Norm geschönten 2,1 Liter des vom Hersteller angegebenen Durchschnittsverbrauchs glaubt: Das ist heftig. Kaltstartphasen, die sonst den Verbrauch vor allem im Winter hochtreiben: Gab es auf der Reise kaum, ich bin jeweils sehr lange Touren gefahren. Geschwindigkeitsexzesse, die den Verbrauch in die Höhe getrieben hätten: Fehlanzeige. Die 198 km/h jedenfalls, die Mini als Höchstgeschwindigkeit auslobt, haben wir auf der gesamten Strecke nie erreicht, stattdessen fuhr ich wegen des Tempolimits lange Zeit mit konstant gemäßigter Geschwindigkeit. Und voll beladen war der Wagen auch nicht..

Meile 2996, Detroit, Michigan: Noch ein letztes Mal tanken, dann rollt der Mini nach fünf Tagen, und 2996 Meilen durch zehn Bundesstaaten pünktlich zur Motorshow in Motown ein. Auf dieser Tour mit knapp zwei Dutzend Tankstopps hat er 115 Gallonen Benzin verbraucht und über eine Tonne CO2 verblasen. So richtig sauber ist das natürlich nicht.

Auch das Versprechen, über den Umweg Plug-in-Hybrid zu einem Allrad-Auto zu kommen, hat sich nur eingeschränkt bewahrheitet. Zumindest in dieser Umgebung des rauen Wetters und der langen Strecken kam das Konzept des Mini schnell an seine Grenzen. Aber ein Trost bleibt: Beim Flieger hätte die Umweltbilanz noch viel schlechter ausgesehen - und bei etlichen anderen Autos auf dieser Distanz übrigens auch.

insgesamt 152 Beiträge
spon-facebook-10000154386 13.02.2018
1. unnützer Ballast
Ohne Elektromotoren und Batterien würde die Ökobilanz besser aussehen.
Ohne Elektromotoren und Batterien würde die Ökobilanz besser aussehen.
eastvannic 13.02.2018
2. Kein Niederschlag bei -12
Also ich bin diesen Januar mehrere Male zwischen Ottawa und Toronto gependelt und es hat bei -24 Grad noch ganz schön geschneit. Der Schnee ist sehr fein und man kann sehr gut auf ihm fahren, er hat hervorragend Gip uns quietscht [...]
Also ich bin diesen Januar mehrere Male zwischen Ottawa und Toronto gependelt und es hat bei -24 Grad noch ganz schön geschneit. Der Schnee ist sehr fein und man kann sehr gut auf ihm fahren, er hat hervorragend Gip uns quietscht wenn man über ihn läuft. Auch ist Eis bei diesen Temperaturen nicht mehr sehr rutschig da es ein Wasserfilm ist der Eis rutschig macht. Aber schneien kann es sehr wohl.
oli h 13.02.2018
3. Sorry...
Warum wird hier ein Hybrid und kein E-Auto mit Range-Extender genommen wenn man elektrisch unterwegs sein will? Und was ist jetzt die große Erkentnis die die eine Tonne CO2 rechtfertigt? Zuzüglich wahrscheinlich noch dem Flug in [...]
Warum wird hier ein Hybrid und kein E-Auto mit Range-Extender genommen wenn man elektrisch unterwegs sein will? Und was ist jetzt die große Erkentnis die die eine Tonne CO2 rechtfertigt? Zuzüglich wahrscheinlich noch dem Flug in die USA.
Kinderwunsch 13.02.2018
4. Diesel?
Hmm, ist der (saubere) Diesel auf diesen Strecken doch am besten? Ich dachte immer, die Hybriden laden sich durch Bremsen am Berg runter immer soweit selbst auf, dass es im Schnitt doch positiv für die Kraftstoffbilanz ist. Das [...]
Hmm, ist der (saubere) Diesel auf diesen Strecken doch am besten? Ich dachte immer, die Hybriden laden sich durch Bremsen am Berg runter immer soweit selbst auf, dass es im Schnitt doch positiv für die Kraftstoffbilanz ist. Das scheint aber Fehlanzeige zu sein. Also doch nur ein gutes Konzept für täglichen Verkehr im Ballungsraum, aber nicht für lange Strecken?
ulrics 13.02.2018
5.
Sollte nicht im Fahrzeug alle Ladestationen gespeichert sein?
Sollte nicht im Fahrzeug alle Ladestationen gespeichert sein?
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