Schrift:
Ansicht Home:
Auto
Radel verpflichtet

Pedelec-Nachrüstung Copenhagen Wheel

Schön rot, aber...

Von
Samstag, 04.11.2017   07:43 Uhr

Elektrofahrräder sind oft hässlich. Das Copenhagen Wheel löst dieses Problem. Doch es gibt einen gravierenden Abtörner.

Meine Fahrt mit dem Copenhagen Wheel dauerte keine fünf Minuten, dann wurde ich an einer Ampel das erste Mal angesprochen. "Hat das eine Funktion, oder sieht das nur gut aus?", fragte eine Radfahrerin und zeigte auf mein Hinterrad. So sollte es in den kommenden Tagen ständig gehen. Ich bin noch nie so oft wegen eines Fahrrads in Gespräche verwickelt worden.

Zum Autor

Beim Copenhagen Wheel handelt es sich um ein Hinterrad mit fest verbautem Akku und E-Motor - eine Nachrüstlösung, um ein normales Fahrrad in ein Pedelec zu verwandeln. Solche Nachrüstsätze gibt es mittlerweile en masse, aber keiner sieht so gut aus wie das Copenhagen Wheel. Die rote Abdeckung des Akkus erinnert mich an die Scheibenräder der Zeitfahrmaschinen, mit denen Profis bei Rennen an den Start gehen.

Aber um auf die Frage der oben erwähnten Radfahrerin zurückzukommen: Sieht das Ganze nur gut aus - oder ist es auch wirklich nützlich?

Die Montage ist kinderleicht

Der Reihe nach. In einem wichtigen Aspekt punktet das Copenhagen Wheel sofort: Die Umrüstung meines Stadtrads war ganz einfach. Hinterrad raus, Copenhagen Wheel rein, fertig. Lediglich eine Drehmomentstütze muss zusätzlich verschraubt werden, das ist eine Sache von zwei Minuten.

Der E-Motor wird nicht über einen Schalter am Lenker oder am Akku gesteuert, sondern über das Handy. Ich habe die dazu nötige App heruntergeladen und das Smartphone über Bluetooth mit dem Rad verbunden. Das ging schnell und unkompliziert. Wer das Copenhagen Wheel in sein Fahrrad einbauen will, ist in weniger als 15 Minuten startklar.

Fotostrecke

Copenhagen Wheel: Beim Laden hört der Spaß auf

Das Copenhagen Wheel lässt sich in die meisten Fahrräder einbauen, die Felgenbremsen und eine Kettenschaltung haben. Auch für Räder ohne Gangschaltung, sogenannte Single Speeds, ist es geeignet. Allerdings sollte man darauf achten, dass der Rahmen ausreichend stabil ist und die Bremsen kräftig zupacken.

Natürlich war ich vor allem gespannt, ob das Fahrgefühl so gut ist wie versprochen. Laut Eigenwerbung ist der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte Motor ein lernendes System, das über 100 Mal pro Sekunde verschiedene Parameter wie Drehmoment, Geschwindigkeit und Pedalposition erfasst und sich nach einiger Zeit dem Stil des Fahrers anpasst. Na ja. Im Laufe der einen Woche, in der ich das Copenhagen Wheel an drei verschiedenen Rädern getestet habe, konnte ich keinen spürbaren Lerneffekt feststellen.

Das fand ich aber unproblematisch, weil ich mit den Fahreigenschaften von Anfang an sehr zufrieden war. Der Motor unterstützt das Fahrrad nahezu verzögerungsfrei und zieht kräftig an. Die Kraft entfaltet sich gleichmäßig ohne Ruckeln. An Steigungen stellt der Motor umstandslos zusätzlichen Schub bereit. Der Standard-Modus ist für den Stadtverkehr völlig ausreichend. Selbst im akkuschonenden Eco-Modus hat man noch spürbare Unterstützung. Wer etwas schneller anfahren möchte, schaltet auf Turbo.

Schweißfrei angekommen

Es war erstaunlich, wie das Copenhagen Wheel das Fahrgefühl auf meinem Fahrrad verändert hat. Die (zugegebenermaßen bescheidenen) Steigungen auf meinem Pendelweg bin ich lässig hochgecruist. Beim Ampelstart habe ich die Mitradler auf ihren konventionellen Rädern hinter mir gelassen. Normalerweise dusche ich morgens im Büro, wenn ich die 15 Kilometer von zu Hause zurückgelegt habe. Mit dem Copenhagen Wheel war das nicht mehr nötig, ich musste mich kaum anstrengen.

Die mühelose Fahrt war allerdings mit ein paar Einschränkungen verbunden. Wegen des Mehrgewichts von etwa 5,5 Kilogramm musste ich mein Hinterrad härter aufpumpen als gewöhnlich. Darunter litt der Komfort: Vor allem Schlaglöcher habe ich stärker gespürt als sonst.

Copenhagen Wheel

Das Copenhagen Wheel wurde von dem US-Start-Up Superpedestrian entwickelt, einem Team aus Designern und Ingeneuren

Außerdem erlebte ich mit dem Copenhagen Wheel den gleichen Effekt wie bei allen E-Bikes, deren Trethilfe nur bis 25 km/h zugelassen ist: Setzt die Unterstützung des Motors aus, fühlt es sich wie ein kräftige Bremsung an. Die Leichtigkeit ist auf einen Schlag weg, das Fahren wird mühsam. Nach ein paar Tagen bin ich meist intuitiv unter der 25-km/h-Marke geblieben.

Das Konzept des Copenhagen Wheel bringt aber noch weitere Nachteile mit sich. Zu den kleinsten zählte da ein Softwarefehler. So soll der Motor eigentlich nicht mehr funktionieren, wenn man sich mit dem Handy außer Reichweite des Fahrrads befindet. Ich konnte aber problemlos ins Büro radeln, obwohl ich mein Smartphone zu Hause vergessen hatte.

Die App nervt

Doch an einem Tag streikte der Motor komplett. Meine App meldete, der Anschluss für das Ladekabel sei verschmutzt. Ich hatte das Rad gerade erst abgeholt. Schmutzig war da nichts. Mehrere Neustarts der App halfen nicht - ich musste das Rad austauschen.

Solche Probleme mögen bei einem neuen Produkt vorkommen, und sie lassen sich beheben. Aber die Handy-Steuerung hat per se Nachteile. So kann man nur in der App von einem Fahrmodus in den anderen wechseln. Entweder man hat eine Handyhalterung am Rad oder man muss - so wie ich - anhalten, um etwa von Standard auf Eco zu wechseln. Außerdem saugt der Bluetooth-Betrieb den Akku des Handys schnell leer.

Gravierender als die leere Handy-Batterie fand ich aber die mangelnde Leistungsfähigkeit des Akkus im Rad. Im

Fotostrecke

Copenhagen Wheel: Beim Laden hört der Spaß auf

Standardbetrieb soll man mit den Copenhagen Wheel etwa 40 Kilometer weit fahren können. Ich bin nie über 33 Kilometer hinausgekommen. Das ist zu wenig, damit komme ich gerade von der Arbeit nach Hause und zurück. Termine außerhalb des Büros sind nicht mehr drin. Ohne Unterstützung kann man das Copenhagen Wheel natürlich auch fahren. Weil das Gewicht in der rotierenden Masse steckt, ist aber vor allem das Anfahren sehr schwierig. Ist das Rad erst einmal in Schwung, fährt es sich auch ohne Motor erstaunlich leicht.

Der Abtörner beim Copenhagen Wheel

Ich bin sicher, dass es in Zukunft leistungsstärkere Akkus auch für das Copenhagen Wheel geben wird. Der für mich gravierendste Nachteil lässt sich aber nicht beseitigen, weil er konstruktionsbedingt ist: Anders als bei einem herkömmlichen Elektrorad lässt sich der Akku nicht entfernen. Er sitzt im Hinterrad und muss an diesem aufgeladen werden. Ich habe weder Lust, mein Fahrrad jeden Tag zum Aufladen ins Wohnzimmer oder Büro zu stellen, noch will ich das Hinterrad ausbauen. Für die rund 1750 Euro Grundpreis ist eigentlich eine weniger umständliche Lösung zu erwarten.

Mit anderen Worten: Für mich ist das Copenhagen Wheel leider nichts.

Das ist schade: Einen so leicht zu montierenden, gut aussehenden Nachrüstsatz gab es noch nicht. Schon aus ästhetischen Gründen würde ich mich also freuen, das Copenhagen Wheel künftig öfter im Straßenverkehr zu sehen.

insgesamt 64 Beiträge
ansv 04.11.2017
1.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wer Akku und Motor hässlich findet, muss halt ein normales Rad fahren. Und dieser Artikel bestätigt alle meine Vorurteile gegenüber App-Steuerungen.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wer Akku und Motor hässlich findet, muss halt ein normales Rad fahren. Und dieser Artikel bestätigt alle meine Vorurteile gegenüber App-Steuerungen.
jufo 04.11.2017
2.
Es ist eine Geschmacksfrage aber ich finde das klobige Ding an einem schlanken Stahlrahmen hässlich und einen rotierenden Akku aus fahrdynamischer Sicht doof. Danke aber nichts für mich.
Es ist eine Geschmacksfrage aber ich finde das klobige Ding an einem schlanken Stahlrahmen hässlich und einen rotierenden Akku aus fahrdynamischer Sicht doof. Danke aber nichts für mich.
kabeljau2 04.11.2017
3. über Geschmack lässt sich bekanntlich
nicht streiten, aber was an diesem kit gut aussehen soll erschließt sich mir nicht wirklich. Es mag das am wenigsten hässlich aussehende sein, ok. Bei dem Preis ist es vermutlich sowieso nur das neue gadget einiger urbaner [...]
nicht streiten, aber was an diesem kit gut aussehen soll erschließt sich mir nicht wirklich. Es mag das am wenigsten hässlich aussehende sein, ok. Bei dem Preis ist es vermutlich sowieso nur das neue gadget einiger urbaner hipster. Mein pedelec war ein paar hundert Euro teurer, aber dafür ist es auch keine Kompromisslösung. Wem pedelecs zu hässlich sind der holt sich halt noch ein Zweirad für die anerkennenden Blicke an der Ampel.
omguruji 04.11.2017
4. Why not
Ich trage mein Rad eh täglich in die Wohnung..
Ich trage mein Rad eh täglich in die Wohnung..
Papazaca 04.11.2017
5.
So ein Bericht hebt die Laune ... Also, als erstes muß man feststellen, Sie brauchen keinen Hund, um viele neue Bekanntschaften zu machen. Das Copenhagen-Wheel sorgt für viele neue Bekannte und Freunde. Das ist sehr schön. [...]
So ein Bericht hebt die Laune ... Also, als erstes muß man feststellen, Sie brauchen keinen Hund, um viele neue Bekanntschaften zu machen. Das Copenhagen-Wheel sorgt für viele neue Bekannte und Freunde. Das ist sehr schön. Ich will jetzt nicht auf die Kinderkrankheiten des Bikes eingehen, die haben sie ja schon beschrieben und die sind nicht ganz ohne. Für mich wären zwei Punkte kritisch. Die meisten Rahmen sind in der Regel nicht für soviel zusätzliches Gewicht und Belastung konstruiert (locker 10 Kilo +mehr). Und logischerweise müßten auch die Bremsen angepasst werden. Mit Felgenbremsen?? Also, halten wir fest, durch das Bike haben sie viele neue Freunde gewonnen. Und viele von denen lesen jetzt auch SPON. Und das alles zum Fest. Schöner Artikel.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP