Schrift:
Ansicht Home:
Mobilität

Toyota-Taxi JPN

Der blaue Riese

Toyota macht Tokio fit für die Olympischen Spiele im Sommer 2020. Ein neues Taxi soll bis dahin das Stadtbild prägen. Schade nur, dass die ganz große Innovation im Crown-Nachfolger fehlt.

Tsuno Yoshikazu
Von
Sonntag, 10.06.2018   12:41 Uhr

Wer am Flughafen von Tokio an den Taxistand tritt, ist irritiert. Dort, wo jahrzehntelang barocke Limousinen in altmodischen Farben auf Fahrgäste gewartet haben, stehen plötzlich Dutzende Taxen, wie man sie aus London kennt: hohes Dach, steiles Heck und dunkler Lack.

Die rollenden Riesen sind in einem dunkelblauen und damit typisch japanischen Indigo lackiert, und sie kommen von Toyota. Zwei Jahre vor den Olympischen Spielen im Sommer 2020 hat der Konzern begonnen, den von ihm zu 80 Prozent dominierten Taxi-Fuhrpark in Japan zu erneuern und den altehrwürdigen Crown durch das sogenannte JPN-Taxi zu ersetzen. Tokio soll den Anfang machen.

Fotostrecke

Toyota-Taxi JPN: Der fährt Blau

"Dieses Auto soll bei den Spielen das Bild unserer Stadt prägen und zu einer Ikone werden wie das Yellow Cab in New York oder eben das Black Cab in London", sagt Projektleiter Hiroshi Kayukawa. Den Modellwechsel sieht er nicht nur als Werbung für seinen Arbeitgeber, sondern für das ganze Land.

Schneeweiße Häkeldeckchen erinnern an die alte Taxi-Ära

Die Zeiten, in denen Autohersteller mit Taxis gutes Geld machen konnten, sind vorbei. Fahrzeuge wie das JPN Taxi oder das London Cab der nächsten Generation sind maßgeschneiderte Autos für den kommerziellen Personentransport und lassen sich nicht an Privatkunden verkaufen, der Markt ist somit überschaubar. Doch oftmals bringen Sonderfahrzeuge einen erheblichen Imagegewinn. So verdanken etwa die Mercedes-Diesel ihren Ruf der Unverwüstlichkeit dem Einsatz im Standardtaxi der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Beim JPN-Taxi war Omotenashi, die japanische Willkommenskultur, eines der zentralen Motive bei der Entwicklung, sagt Kayukawa. Bei einer ersten Testfahrt in Tokio wird das herzliche Willkommen spürbar. Auf Knopfdruck öffnen sich eine große, elektrische Schiebetür. Wo man sich früher mühsam auf den Rücksitz ducken und über den Mitteltunnel klettern musste, kann man den Wagen jetzt beinahe erhobenen Hauptes betreten. Allein wegen der Beinfreiheit fühlt sich der Unterschied zwischen Crown und JPN-Taxi an wie zwischen Economy und Business-Class - dabei ist der neue Koloss sogar einen halben Meter kürzer als das traditionelle Tokio-Taxi. Dazu gibt es größere Fenster für einen besseren Ausblick, USB-Ladebuchsen, beleuchtete Gurtschlösser und in den gehobenen Modellvarianten sogar Sitzheizung und -lüftung für den Fond. Selbst eine ausfahrbare Rollstuhlrampe hat Toyota im Wagenboden untergebracht und den Zuschnitt des Kofferraums mit seinen eher mageren 401 Litern so optimiert, dass zwei große Hartschalen oder vier Golfbags hinein passen.

Das einzige, was da noch an die alte Taxi-Ära erinnert, sind die schneeweißen Häkeldeckchen, die auch in den meisten neuen Taxis Sitze und Kopfstützen zieren und wunderbar mit den blütenweißen Handschuhen des Fahrers korrespondieren.

"Der Crown war eine Luxuslimousine, das hier ist ein Nutzfahrzeug"

Den Platz, den die Passagiere gewinnen, verliert der Fahrer. Obwohl die Schichten in Tokio in der Regel 20 Stunden dauern, sitzt er ziemlich eingequetscht hinter dem Lenkrad und hat nur wenig Bewegungsfreiheit. Dabei fehlt in Japan sogar noch die Trennscheibe, die in vielen anderen Ländern zusätzlichen Platz kostet. Nur gut, dass die Taxifahrer angesichts ihrer langen Arbeitszeiten jeden zweiten Tag frei haben und viele von ihnen ergonomische Sitzkissen ins Auto legen.

Tsuno Yoshikazu

Den Platz, den die Passagiere gewinnen, verliert der Fahrer

Mehr als der enge Arbeitsplatz nervt Männer wie Kenichiro Morioka von Nihon-Kotsu, mit 4500 Autos eine der größten Taxi-Gesellschaften in Tokio, der Abschied vom alten Status: "Der Crown war eine Luxuslimousine, das hier ist ein Nutzfahrzeug", sagt Morioka. Doch der Taxifahrer ist zu höflich, um sich ernsthaft zu beschweren und lässt sich kein schlechtes Wort entlocken über die triste Plastiklandschaft, in der er seine Tage fristen muss. Stattdessen schwärmt er von der langen Haltbarkeit, schließlich spult er Tausende von Kilometer im Monat ab, und den Kosten: Selbst wenn das komplett neu entwickelte und nur für eine vergleichsweise kleine Serie geplante JPN-Taxi rund 50 Prozent teurer ist als der über Jahrzehnte nahezu unverändert gebaute Crown - mit seinen umgerechnet 25.000 Euro ist der blaue Riese gemessen an den E-Klassen deutscher Taxifahrer ein Schnäppchen.

"Vor allem sparen wir gewaltig beim Unterhalt", sagt Morioka und schätzt den Kostenvorteil auf etwa 50 Prozent. Das liegt vor allem am Antrieb, der gleichermaßen typisch Toyota und typisch Taxi ist. Denn wie man es von Toyota erwartet, fährt das JPN-Taxi mit Hybridtechnik. Und wie es sich für ein Taxi in Tokio gehört, tankt es Flüssiggas. Die Ingenieure adaptierten den Antrieb aus dem Prius und kombinieren so einen E-Motor mit einem Verbrenner von 1,5 Litern und bescheidenen 74 PS. Nennenswerte Strecken im rein elektrischen Betrieb sind damit zwar nicht drin, räumt Morioka ein. Doch im Dauerstau von Tokio läppert sich die Strecke unter Strom trotzdem. Das senkt den Verbrauch, und es schafft vor allem eine himmlische Ruhe an Bord, sagt der Taxifahrer und wirkt plötzlich wieder versöhnt mit seinem neuen Dienstwagen.

Tsuno Yoshikazu

Motor des JPN-Taxis

Selten über gehobenem Schritttempo Diese Zufriedenheit wird auch nicht durch die mäßigen Fahrleistungen geschmälert. Dem Wagen fehlt es an Spritzigkeit, dafür fährt es sich bei einer von Toyota ermöglichten Testfahrt überraschend handlich. Doch weil es in den Straßen von Tokio nie leer ist, spielt Tempo eigentlich keine Rolle. Denn bis auf einen kleinen Neubauabschnitt der Autobahn mit einem Tempolimit von 110 km/h darf man nirgends im Land mehr als 100 fahren. In der Stadt kommt der Verkehr selten über gehobenes Schritttempo hinaus.

Zwar ist das Hybrid-Taxi laut Morioka viel sparsamer als der Crown, und der Taxi-Fahrer schätzt, dass er nur noch halb so oft tanken muss. Doch hätte Toyota es ernst gemeint mit dem alternativen Antrieb, dann hätten sie wie in ihrem Öko-Flaggschiff Mirai eine Brennstoffzelle montieren müssen. Das weiß auch Chefingenieur Kayukawa. Doch während das Taxi jetzt für läppische 3,3 Millionen Yen (gut 25.000 Euro) verkauft wird, wäre es dann nicht mehr bezahlbar gewesen. Und an eine Produktion von 1000 Einheiten im Monat hätte Toyota nicht einmal im Traum denken können.

Doch ganz ohne Wasserstoff in Toyota-Motoren müssen die Olympia-Gäste nicht auskommen, sagt Kayukawa wie zum Trost: Denn bis die Spiele beginnen, sollen über 100 Stadtbusse mit Brennstoffzelle durch Tokio surren und für Funktionäre, Sportler und VIP werden 6000 Mirai den Shuttledienst übernehmen.

insgesamt 14 Beiträge
chrismuc2011 10.06.2018
1.
Es ist erstaunlich, was andere Länder so hinbekommen. Digitalisierung, Elektroautos, Brennstoffzellen. sinnvolle Taxis etc. pp. Und Deutschland? Nichts passiert. Eine Modernisierungswüste. Hauptsache Reibach machen. [...]
Es ist erstaunlich, was andere Länder so hinbekommen. Digitalisierung, Elektroautos, Brennstoffzellen. sinnvolle Taxis etc. pp. Und Deutschland? Nichts passiert. Eine Modernisierungswüste. Hauptsache Reibach machen. Riesengewinne, aber für die Forschung soll der Steuerzahler zahlen. Nur eine Ministerin träumt von einem elektrischen Flugtaxi.
Sixpack, Joe 10.06.2018
2. Die ganz grosse Innovation fehlt...
Na ja, ich glaube das kann nur ein deutscher Journalist schreiben. Versuch mal in Deutschland ein Hybrid oder E-Taxi zu bekommen. Fehlanzeige! Nur die nicht so sauberen Diesel aus Stuttgart. Dauerbrenner die meist nicht im Einsatz [...]
Na ja, ich glaube das kann nur ein deutscher Journalist schreiben. Versuch mal in Deutschland ein Hybrid oder E-Taxi zu bekommen. Fehlanzeige! Nur die nicht so sauberen Diesel aus Stuttgart. Dauerbrenner die meist nicht im Einsatz sind und nur rumstehen. Toyota hybridtechnik ist sauber und in der Zwischenzeit ausgereift und sehr zuverlässig, also ideal für eine Riesenmetropole wie Tokyo. Wer mal in Tokyo unterwegs war, weiss es zu schätzen!
Sandbänker 10.06.2018
3. Mehr Raum und Flexibilität ...
... bieten VW Caddy, Renault Kangoo, Peugeot Partner und deren Derivate. Zumal es diese Fahrzeuge auch in zwei Längen gibt.
... bieten VW Caddy, Renault Kangoo, Peugeot Partner und deren Derivate. Zumal es diese Fahrzeuge auch in zwei Längen gibt.
postmaterialist2011 10.06.2018
4. Mal sehen !
Bisher war Taxifahren in Japan ja meist nicht der grosse Hit. Kaum Platz für Gepäck wegen eines Gastanks im Kofferraum, enge Rücksitzbank, extrem teuer ( Minimumtarif zwischen 4 und 5 Euro). Taxifahrer die die Stadt so gar [...]
Bisher war Taxifahren in Japan ja meist nicht der grosse Hit. Kaum Platz für Gepäck wegen eines Gastanks im Kofferraum, enge Rücksitzbank, extrem teuer ( Minimumtarif zwischen 4 und 5 Euro). Taxifahrer die die Stadt so gar nicht kennen und meist auch nicht in der Lage sind die Navigation sinnvoll zu bedienen. So gut wie kein Taxifahrer spricht Englisch, etc. etc. Ich habe übrigens 8 Jahre in Japan gelebt und bin Hunderte Male mit dem Taxi gefahren, spreche Japanisch und hatte mich im Voraus informiert wohin ich wollte und bin deswegen sehr häufig stressfrei angekommen ( man übernimmt einfach das Kommando und dirigiert das Taxi). Mal gespannt wie es den vielen Touristen 2020 gehen, die ohne jegliche Japanischkenntnisse das Land besuchen.
arr68 10.06.2018
5. Ich liebe
die Fixiertheit des Autors auf den Wasserstoffantrieb, eine Technik, die er wahrscheinlich nur ansatzweise versteht und deren Nachteile er nicht versteht. Ein Erdgasantrieb, bei dem vielleicht das Gas auch noch aus Bioreaktoren [...]
die Fixiertheit des Autors auf den Wasserstoffantrieb, eine Technik, die er wahrscheinlich nur ansatzweise versteht und deren Nachteile er nicht versteht. Ein Erdgasantrieb, bei dem vielleicht das Gas auch noch aus Bioreaktoren stammt ist wesentlich günstiger und problemloser im Betrieb. Wasserstoff braucht extrem stabile Tanks und beim Betankungsvorgang auf einer belebten Tankstelle kann extrem unangenehmes passieren. Vielleicht wird Wasserstoff irgendwann praktikabel, vielleicht wird es aber auch bis dahin obsolet, denn von der Energiebilanz ist selbst künstlich hergestelltes Gas besser geschweige denn Gas aus den Gärbottichen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP