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einestages

Deutschlands erster Bankomat

Geld aus der Wand holen - wie alles begann

Als Maschinen das Geldgeben lernten: Vor 50 Jahren ging es in Tübingen los. Der Bankomat war eine grandiose Idee, die Bedienung allerdings vertrackt. Lange mieden Kunden den stummen Diener.

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Samstag, 26.05.2018   08:46 Uhr

Die Jugend rebellierte, experimentierte mit Drogen, feierte den freien Sex und stürmte renommierte Unis wie in Paris, da vollzog sich im Mai 1968 im beschaulichen Tübingen still eine kaum beachtete Revolution. Sie lieferte keine dieser ikonischen, emotionalen Bilder der 68er und elektrisierte auch nicht die Massen. Und doch veränderte sie unseren Alltag.

Der Kern dieser Revolution vom 27. Mai 1968 war ein klobiger Metallkasten, den die Kreissparkasse Tübingen in die Außenmauer ihrer Zentrale einbauen ließ - wie ein Banktresor, der sich nach draußen verirrt hatte. Darauf stand nur ein Wort: "Geldausgabe".

"Diese Einrichtung", berichtete das örtliche "Schwäbische Tagblatt" in einem nüchternen Zweispalter, sei "die erste ihrer Art in der Bundesrepublik". Sie diene dem Zweck, den Bankkunden bei der Geldbeschaffung "größtmögliche Bequemlichkeit" zu bieten.

Eine schöne, technisch durchaus kühne Vision. Wäre da nicht diese komplizierte Bedienung gewesen. Lichtjahre war man damals entfernt vom bargeldlosen Abheben und Bezahlen per Smartphone-App. Auch ein Magnetstreifen, der Informationen auf einer EC-Karte speichert, war noch längst nicht erfunden.

Schluss mit Lohntüten und Schecks

Und so brauchten die Kunden - neben Geduld und Geschicklichkeit - gleich drei Dinge, um an Deutschlands erstem Geldautomaten Bargeld zu erhalten: einen Doppelbartschlüssel, einen gelochten Plastikausweis und einen Lochkartenscheck.

Mit dem Spezialschlüssel wurde zunächst die gepanzerte Fronttür geöffnet. Dann schob der Kunde die gelochte Ausweiskarte, mit den Maßen 10,4 mal 5,7 Zentimeter etwas größer als heutige Scheckkarten, in einen Schlitz. Ein zweiter Schlitz wartete auf den Lochkartenscheck aus leichtem Karton, in dem Kontonummer sowie der Auszahlungsbetrag von 100 Mark eingestanzt waren. Ein technisch altes Prinzip: 1888 hatte der US-Ingenieur Herman Hollerith die Lochkarte erfunden; sie avancierte dann zum gebräuchlichen Medium zur Datenspeicherung bei Computern.

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Deutschlands erster Geldautomat: Her mit der Kohle!

Der Tübinger Bankomat prüfte nun elektronisch, ob gelochter Ausweis und Scheck demselben Kunden gehörten. Dann wurde der Scheck über eine Lichtschranke geschoben und löste den Befehl aus, einen Schein aus einer mit 100-Mark-Noten bestückten Kassette freizugeben und zur Ausgabe-Öffnung zu befördern. Magisch!

In dieser schönen neuen Welt konnten die Kunden rund um die Uhr bis zu 400 Mark abheben. Das war, heute kaum vorstellbar, ein großer Schritt raus aus der Steinzeit des Zahlungsverkehrs. Denn in den Sechzigerjahren erhielten Arbeitnehmer noch Lohntüten mit Banknoten und Münzen. Erst allmählich setzten sich bargeldlose Überweisungen auf Girokonten durch. Um an Bargeld zu kommen, musste man Schecks am Kassenschalter einlösen. Viele Arbeitnehmer konnten ihre Bank jedoch nicht während der Schalterstunden aufsuchen.

Ein Schotte machte den Anfang

Daher zermarterten sich schwäbische Tüftler den Kopf, um Bargeldbeschaffung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich zu machen. Im Februar 1968 stellte die Aalener Tresorbaufirma Ostertag ihren Bankomat vor, den sie zusammen mit dem Elektronikriesen AEG-Telefunken entwickelt hatte. "Unbestechlich" seien die Konstruktion und das elektronische Sicherheitssystem, rühmten die Hersteller ihren Apparat.

40.000 Mark ließ sich die Tübinger Sparkasse diesen stummen Diener kosten. Maximal 1000 Kunden wählte sie für den Service aus; tatsächlich nutzten den Automaten aber lediglich etwa 150 Menschen. Im Durchschnitt wurden im ersten Jahr täglich nur rund 2000 Mark abgehoben.

1968 hieß es im Geschäftsbericht der Kreissparkasse, das neue Angebot sei "dankbar begrüßt" worden, besonders von zeitlich sehr eingespannten Arbeitnehmern; nach ersten Schwierigkeiten seien auch kaum mehr Störungen aufgetreten. Und doch fanden sich wegen der umständlichen Bedienung jahrelang kaum Nachahmer.

Kennen Sie sich aus mit Geldautomaten?

Die Deutschen waren nicht die alleinigen Pioniere der anfangs ungeliebten Geldautomaten. Schon elf Monate vor der Tübinger Premiere, am 27. Juni 1967, hatte ein Robot Cashier der Barclays Bank in der Kleinstadt Enfield nördlich von London den Betrieb aufgenommen.

Den Anstoß gab der Schotte John Shepherd-Barron. Der Manager einer Firma, die Banknotenzählautomaten herstellte, wollte im Frühjahr 1965 einen Scheck gegen etwas Bargeld fürs Wochenende einlösen. Seine Bankfiliale hatte jedoch gerade geschlossen. Shepherd-Barron geriet ins Grübeln: Wenn es Automaten gab, aus denen man Schokoriegel, Nylonstrümpfe der Nudelsuppe ziehen konnte - warum sollte das nicht mit Geld möglich sein?

"Genug für ein wildes Wochenende"

Shepherd-Barrons Konstruktion funktionierte etwas anders als das deutsche Gerät. Die Schecks, mit denen der Automat gefüttert wurde, waren mit dem schwach radioaktiven Kohlenstoff-Isotop 14C behandelt, um darauf Informationen zu speichern - gesundheitlich völlig unbedenklich, versicherte der Erfinder. Die Kunden identifizierten sich mit einer vierstelligen Geheimzahl. Der Automat prüfte die Schecks, behielt sie ein, entwertete sie. Dafür bekam der Kunde pro Scheck maximal zehn britische Pfund (etwa 55 Euro). Das war "damals mehr als genug für ein wildes Wochenende", erzählte Shepherd-Barron später der BBC.

Die Geldautomaten der ersten Generation hatten jedoch deutliche Schwächen: Ihre Bedienung war viel zu vertrackt, ihre Verwendung auf die jeweilige Bankfiliale beschränkt und für die Banken trotzdem zu unsicher. Es existierte kein Speichermedium, das man bei sich führen und mit dem man sich per persönlicher Identifikations-Nummer (PIN) ausweisen konnte. Zudem gab es keine Verbindung zu einem Zentralcomputer, um etwa Kontensperrungen oder Auszahlungslimits abzugleichen.

So nahm erst Ende 1978 in Deutschland der erste vernetzte Geldautomat in der Kreissparkasse Köln den Betrieb auf. Wenig sinnvoll stand das Gerät der Paderborner Firma Nixdorf aber im Schalterraum, war also nur in den Öffnungszeiten zugänglich. "Den Kunden erschloss sich die Nutzung deshalb nur zögernd", räumte selbst Wincor Nixdorf, Nachfolger der Herstellerfirma, 2003 zum 25. Jubiläum des Automaten ein.

Durchbruch erst mit EC-Karten

So ging es schleppend voran: 1982 gab es bundesweit erst 134 Geldautomaten - in den USA und Japan waren es da bereits jeweils rund 12.000. Erst als die EC-Karten, die ursprünglich lediglich als Berechtigungsausweise zur Scheckausstellung dienten, mit Magnetstreifen versehen wurden, stieg die Zahl der Automaten rasant.

Damit hängte die Bundesrepublik auch die DDR ab, wo sich die neue Technik noch langsamer verbreitete. Der erste Geldautomat, entwickelt vom Maschinenbau-Kombinat Nagema, wurde 1987 in Dresden aufgestellt. Kurz vor dem Mauerfall gab es in der DDR nur 274 Geldautomaten - im Westen dagegen mehr als 20.000.

Der Zenit scheint inzwischen überschritten. 2015 zählte man 61.100 Geldautomaten, seitdem sinkt ihre Zahl langsam. Zu teuer im Unterhalt, zu viel Betrug und Zerstörungswut, klagen die Betreiber. Vor allem aber nehmen Onlinehandel und bargeldloses Zahlen per Smartphone zu, außerdem bieten immer mehr Geschäfte das Geldabheben an der Ladenkasse an.

Für einen Abgesang ist es zu früh. Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise äußerte Paul Volcker, ehemalige Chef der US-Notenbank, 2009 ein sarkastisches Lob: Der Geldautomat sei "die einzige nützliche Innovation, die die Finanzbranche in den vergangenen Jahrzehnten zustande gebracht hat".

insgesamt 10 Beiträge
Frank Engel 26.05.2018
1. Der Zahlungsverkehr in den USA
wurde erst in den letzten Jahren vermehrt elektrifiziert. Grosse Firmen zahlen Gehälter direkt auf Bankkonten, kleine geben immer noch Lohnschecks aus. Letztes Jahr in Nashville war ich in einer Bank. Vor mir haben ca. 50% der [...]
wurde erst in den letzten Jahren vermehrt elektrifiziert. Grosse Firmen zahlen Gehälter direkt auf Bankkonten, kleine geben immer noch Lohnschecks aus. Letztes Jahr in Nashville war ich in einer Bank. Vor mir haben ca. 50% der Kunden Lohnschecks auf ein Konto eingezahlt....Auch Zahlungen an Behörden etc: alles per Scheck
Christoph Riecker 26.05.2018
2.
Ende 1992, als ich nach Südafrika ging, wurde ich dort von ATM Tellern ( Bankautomaten) überrascht, in die man seine elektronische Karte steckte und mit einer Pinnummer Geld erhalten konnte. Ebenso gab es kleine Geräte, die man [...]
Ende 1992, als ich nach Südafrika ging, wurde ich dort von ATM Tellern ( Bankautomaten) überrascht, in die man seine elektronische Karte steckte und mit einer Pinnummer Geld erhalten konnte. Ebenso gab es kleine Geräte, die man am Schlüsselbung mit sich führte, womit man sich per Telefon bei der Bank einloggen konnte um 10 verschiedene vorher festgelegte Überweisungen tätigen konnte. Das Gerät gab elektronisch verschiedene Töne aus, man hielt das Gerät an die Sprechmuschel. Ebenso gab es in Südafrika Beaper, die fünf Empfangsfrequenzen enthielten, wo man sehen konnte, wer von den 5 Auserwählten anrief und um Rückruf bat. 1995 dann in Malaysia gab es schon preiswerte Nokiahandys und relativ schnelles Internet. Da war Deutschland jeweils weit hinterher.
Tomas Murks 26.05.2018
3. Evpo
Ich war um die Jahrtausendwende mehrmals in Moskau und in anderen russischen Städten. Zumindest in Moskau wurden meine russischen Kollegen zu dieser Zeit beim Abheben an Bankatomaten gefragt, ob sie den gewünschten Betrag in [...]
Ich war um die Jahrtausendwende mehrmals in Moskau und in anderen russischen Städten. Zumindest in Moskau wurden meine russischen Kollegen zu dieser Zeit beim Abheben an Bankatomaten gefragt, ob sie den gewünschten Betrag in Rubel oder in Euro ausbezahlt zu haben wünschten.
Ingo Henseke 26.05.2018
4. Viel Spaß
Einige aus unserem Studienjahr haben sich in der späten DDR eine solche "Geldkarte" von der Sparkasse ausstellen lassen. Und auch wenn wir kaum Geld hatten - das Abheben mit dieser Karte war jedes Mal ein Erlebnis. Es [...]
Einige aus unserem Studienjahr haben sich in der späten DDR eine solche "Geldkarte" von der Sparkasse ausstellen lassen. Und auch wenn wir kaum Geld hatten - das Abheben mit dieser Karte war jedes Mal ein Erlebnis. Es hat funktioniert! - Wie so vieles aus den Jugendjahren ist das Ding leider heute verschollen...
Ulrich Hartmann 26.05.2018
5.
So beschaulich war Tübingen 1968 nicht; jedenfalls ging es dort so zu, daß ein gewisser Professor Josef Ratzinger veranlaßt wurde, nach Regensburg und in den Konservatismus zu flüchten. Übrigens: Welchen Sinn hat es, den [...]
So beschaulich war Tübingen 1968 nicht; jedenfalls ging es dort so zu, daß ein gewisser Professor Josef Ratzinger veranlaßt wurde, nach Regensburg und in den Konservatismus zu flüchten. Übrigens: Welchen Sinn hat es, den damaligen Wert von zehn Pfund mit "55 Euro" anzugeben. Diese Währung existierte noch gar nicht, und der Kaufkraft entspricht es auch nicht.

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