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einestages

"Lunochod I"-Jubiläum

Mit der Badewanne auf den Mond

Die Amerikaner schickten Menschen auf den Mond - die Sowjets ein ferngesteuertes Auto: 1970 landete mit "Lunochod" zum ersten Mal ein Vehikel auf dem Erdtrabanten. Der Erfolg möbelte das angeknackste Selbstbewusstsein der UdSSR wieder auf. Auch wenn im Westen kaum jemand davon wusste.

NASA
Von
Dienstag, 16.11.2010   12:49 Uhr

Als am 10. November 1970 die Proton-Rakete in den Himmel über Baikonur in Richtung Mond donnerte, lief endlich mal alles wie geplant. Viereinhalb Tage später war die Umlaufbahn des Erdtrabanten erreicht und am Morgen des 17. November, genau um 6.47 Uhr Moskauer Zeit, legte die Landesonde mit "Lunochod", dem ersten Mondauto an Bord, im Staub des "Mare Imbirum" eine Bilderbuchlandung hin.

Um 8.31 Uhr erreichten die ersten Fernsehbilder die Kontrollwarte auf der Krim: "Ich sehe die Mondoberfläche", rief der Fahrer aufgeregt. "Die Oberfläche ist flach - und wunderschön." So schildert Wiatscheslav Dovgan vom "Lunochod"-Team in der TV-Dokumentation "A Tank on the Moon" die historische Szene. Obwohl der Pilot viele tausend Kilometer vom Mond entfernt das Mondmobil nur per Joystick-Fernsteuerung von der Rampe bugsierte, schnellte sein Puls bei der wundersamen Jungfernfahrt auf 140.

Der Druck war verständlich, immerhin konnte das sowjetische Raumfahrtprogramm endlich wieder einen Erfolg vermelden. Zuvor hatten die Sowjets herbe Rückschläge erlitten. 1969, das Jahr in dem die amerikanische Nasa erstmals Menschen auf den Mond geschickt hatte, bescherte der Konkurrenz aus der Sowjetunion eine Reihe von Hiobsbotschaften.

Rückschlag auf Rückschlag

Immer wieder hatte es Probleme mit den "Sojus"-Raumschiffen gegeben. Diese waren als Teil des geheimen bemannten Mondprogramms entwickelt worden, doch schon zu Jahresbeginn zeigten sich enorme Schwierigkeiten: Nachdem "Sojus 4" und "Sojus 5" parallel ins All gestartet waren, um die erste Kopplung zweier bemannter Raumschiffe durchzuführen, trennte sich beim Rückflug zur Erde das Antriebsmodul von "Sojus 5" nicht von der Landekapsel. Im unkontrollierten Flug kam die Kapsel deshalb weit vom Kurs ab und schlug hart nahe der Stadt Orenburg im Ural auf. Mit gebrochenem Kiefer marschierte Kosmonaut Wolynow kilometerweit durch die bittere Januarkälte, bis er schließlich Schutz in einem Bauernhaus fand.

Im Herbst das nächste Desaster: Drei "Sojus"-Kapseln starteten zu einem Rendezvous in der Umlaufbahn, sie sollten sich im All zur Mondumrundungsfähre verbinden. Doch die Kopplungsmanöver misslangen. Seit Ende der fünfziger Jahre war die sowjetische Raumfahrt von Erfolg zu Erfolg geeilt, galt als sicherer Favorit beim "Space Race", dem Wettrennen zwischen Ost und West ins All, doch davon war nun keine Rede mehr.

Als im Herbst 1969 auch noch die Mannschaft von "Apollo 12" als zweites amerikanisches Team nach Spaziergängen auf dem Mond sicher im Pazifik landete, zogen die Sowjets einen Schlussstrich: Alle Versuche, mit eigenen Kosmonauten den Mond zu erreichen, wurden abgesagt. Im Jahr 1970 startete nur eine einzige "Sojus"-Mission. Der Flug markiert mit seiner rekordreifen Dauer von fast drei Wochen eine strategische Wende: weg vom bemannten Mondflug und hin zur Raumstation in der Erdumlaufbahn.

Eine Wanne auf acht Rädern

Doch die Russen hatten immer noch einen Trumpf im Ärmel, und der kam ohne Kosmonauten aus: "Lunochod". Seit Jahren schon hatten die Ingenieure fieberhaft das Mondauto-Projekt vorangetrieben. Geleitet wurde es von Alexander Kemurdjian, der ansonsten in der Rüstungsschmiede NPO Lawotschkin Waffen konstruierte. Das Projekt war hochgeheim, nicht einmal seine eigene Familie wusste, woran Kemurdjian arbeitete.

Dabei sahen sich die "Lunochod"-Konstrukteure Anfang der sechziger Jahre bei ihren ersten Planungen mit einem großen Problem konfrontiert: Kein Mondexperte konnte ihnen sagen, wie der Boden des Erdtrabanten tatsächlich beschaffen sei. War es eine staubige Wüste, in der die Räder ihres Autos einsinken würden? Oder konnten sie mit tragfähigem Gestein rechnen? Nach endlosen hitzigen Debatten der Wissenschaftler soll Sergeij Koroljow der Geduldsfaden gerissen sein. Der einflussreiche Chefkonstrukteur der sowjetischen Raumfahrt entschied höchstpersönlich: Die Mondoberfläche sei fest - entsprechend wurde "Lunochod" konstruiert. Eine richtige Entscheidung, wie sich 1966 herausstellte, als unbemannte sowjetische und US-Sonden sanft landeten, ohne einzusinken.

Im Laufe der Jahre nahm "Lunochod" Gestalt an: Schließlich ähnelte er einer Wanne auf acht Rädern. Mehr als 750 Kilogramm brachte der "Mondgänger" auf die Waage, deutlich mehr als ursprünglich geplant. Kein Wunder - denn "Lunochod" war ein rollendes Labor, das eigenständig den Mond erforschen und die Daten an die Bodenstation übertragen konnte. So befand sich an Bord zum Beispiel auch ein Röntgengerät, das in stundenlangen Messungen die chemischen Elemente im Boden analysieren konnte. Außerdem ein sogenannter Laserreflektor zur zentimetergenauen Bestimmung der Distanz der Erde zum Mond. Kameras übertrugen zudem mehr als 20.000 Bilder und mehr als 200 Panoramaaufnahmen zur Erde.

Der erste "Lunochod" verglüht am Himmel

Angetrieben wurde das kleinwagengroße Gefährt mit Sonnenstrom, die Solarzellen waren auf der Innenseite eines großen Deckels untergebracht. Während der Mondnacht, die immerhin zwei Wochen dauert, sollte dieser geschlossen werden. Dann würde, so der Plan, die Zerfallswärme einer radioaktiven Quelle an Bord reichen, um ihn vor dem Erfrieren zu schützen - Nachttemperaturen von unter minus 160 Grad Celsius hätte die sensible Bordelektronik nicht überlebt.

Prototypen hatten auf der Kamtschatka-Halbinsel erfolgreich Geländefahrten absolviert, alle Bordsysteme waren getestet, Spezialisten für die Fernsteuerung waren gründlich ausgebildet worden - dem Start der Mission stand nichts mehr im Wege. Doch als es losging, ging wieder einmal alles schief: Im Februar 1969 explodierte kurz nach dem Start die Rakete, die "Lunochod" auf den Mond bringen sollte. Der erste Mond-Rover der Geschichte war verglüht, bevor er überhaupt einen Meter auf dem Mond zurückgelegt hatte - das Projekt schien am Ende.

Doch weil zu diesem Zeitpunkt noch unklar war, ob die "Apollo"-Konkurrenz tatsächlich ihre Mission erfüllen konnte, machten sich die Sowjets unter Hochdruck an den Bau eines Ersatz-"Lunochod". Der Einsatz machte sich bezahlt: Die UdSSR hatte zwar nicht die ersten Menschen auf den Mond gebracht - dafür aber das erste unbemannte Mondfahrzeug.

Im Schneckentempo durch die Kraterlandschaft

Ein Erfolg, den auch die sozialistischen Bruderstaaten begeistert feierten. "Lunochod" war in aller Munde, Kinder bastelten das Mondmobil nach, obwoh siel, um die korrekten Größenverhältnisse zu ermitteln, zunächst Fotos und Abbildungen des Mondautos genau vermessen und dann per Dreisatz umrechnen mussten - die Sowjets hielten sich nach wie vor an die höchste Geheimhaltung.

Während die Massen staunten, fuhr das fünfköpfige Pilotenteam im sowjetischen Kommandozentrum auf der Halbinsel Krim "Lunochod" im Schneckentempo durch die Kraterlandschaft, ferngesteuert mit Hilfe der TV-Bilder seiner Bordkameras. Die Piloten kämpften gegen schwache Funksignale, Zeitverzögerung bei der Bildübertragung und mäßige Orientierung. Mehrfach kam ihr Schützling in schwieriges Gelände und musste umständlich aus tückischen Kratern manövriert werden. Insbesondere bei hohem Sonnenstand, wenn kaum Schatten dem Gelände Konturen gaben, war es für die Fahrer schwierig, Hindernisse rechtzeitig zu erkennen.

Trotzdem fuhr "Lunochod" viel länger als erwartet, mehr als zehn Kilometer hatte er am Ende unter die Räder gebracht. Mit seinen Instrumenten für Bodenanalysen konnten 25 Bodenproben untersucht werden. Immer wieder war er intakt aus der bitterkalten Mondnacht erwacht, insgesamt elfmal, meldete die Nachrichtenagentur TASS stolz im Oktober 1971. Nach der elften Mondnacht war dann aber endgültig Schluss, die Strahlenquelle hatte sich mittlerweile so weit abgeschwächt, dass sie nicht mehr gegen die Kälte anheizen konnte. Der Funkkontakt verstummte. Im Jahr 1973 konnten Alexander Kemurdjian und sein Team mit einem verbesserten "Lunochod II" ihren Erfolg noch einmal toppen, diesmal kam ihr Marathon-Mobil erstaunliche 37 Kilometer weit.

Erst 27 Jahre nach der Pionierleistung von "Lunochod I" gelang der US-Weltraumbehörde etwas Vergleichbares. Mit ihren "Pathfinder"-Marsmobilen sind sie allen Konkurrenten längst davon gefahren. Die beiden russischen Oldtimer schafften es zuletzt im vergangenen Frühjahr in die Schlagzeilen: Auf den Fotos eines Mondsatelliten sind sie samt ihrer Fahrspuren wieder aufgetaucht.

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