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Method-Acting

Knochenbrüche für den Oscar

Sie lebten in der Wildnis, schlugen sich oder magerten bis auf die Knochen ab: Um eins mit ihren Rollen zu werden, gingen viele berühmte Schauspieler bis zum Äußersten. Manche fanden nach dem Dreh nur schwer zu sich selbst zurück.

imago
Von
Dienstag, 09.06.2015   09:09 Uhr

Als Daniel Day-Lewis sich 2011 an die Dreharbeiten zu "Mein linker Fuß" von 1989 erinnerte, blitzten seine Augen auf: "Die Arbeit war eine wunderbare Erfahrung." Eine interessante Wortwahl - schließlich war er für den Dreh monatelang gelähmt gewesen.

Der britisch-irische Schauspieler hatte beschlossen, auch während der Pausen der zerebral gelähmte Maler Christy Brown zu bleiben, den er verkörperte. Der Künstler konnte ausschließlich seinen linken Fuß koordiniert bewegen. Viele der Crewmitglieder wunderten sich zunächst - und ärgerten sich bald gewaltig. Doch Lewis verharrte partout in seinem Rollstuhl, und so blieb ihnen keine Wahl, als bei seinem Theater mitzumachen. Widerwillig schoben sie ihn kreuz und quer über den Set. Aß Day-Lewis beim Catering mit, hatte man ihn zu füttern wie ein Kleinkind. "Es war Wahnsinn. Daniel blieb die ganze Zeit im Charakter, wollte nur als Christy angesprochen werden und sprach die Schauspieler mit ihren Filmnamen an, verriet Kristen Sheridan, die Tochter des Regisseurs Jim Sheridan, die im Film eine Schwester Browns spielt, 2001 dem "Guardian". Aufgrund seiner verdrehten Sitzposition brach sich Day-Lewis zwei Rippen - und blieb doch stur seiner Linie treu.

Ein unfassbarer Aufwand, der sich für den Schauspieler am Ende jedoch auszahlte: Am 26. März 1990, knapp ein Jahr nach der Filmpremiere, konnte Day-Lewis seinen ersten Oscar als bester Hauptdarsteller entgegennehmen.

Vom Profisportler zum Fettwanst

Day-Lewis wird heute wie kein zweiter Darsteller mit dem Begriff Method-Acting verbunden, einer Technik, mit der der Mime so tief in seine Figur eintaucht, dass er sie nicht mehr spielt, sondern wortwörtlich verkörpert. Als Geburtshelfer des Method-Actings taten sich in den Vierzigerjahren die US-Schauspiellehrer Lee Strasberg und Stella Adler hervor. Beide bezogen sich auf die Theorien des russischen Schauspielers und Regisseurs Konstantin Stanislawski, interpretierten diese aber unterschiedlich. Gemeinsam aber war beiden Konzepten eine ungeheuer starke Identifizierung mit der darzustellenden Person.

Marlon Brando war der erste große Meister des Method-Actings. Seine Verkörperung des Stanley Kowalski in "Endstation Sehnsucht" im Jahre 1951 besaß eine Natürlichkeit und Authentizität, die man zuvor noch nicht im Kino gesehen hatte. Davor war Überhöhung nach dem Vorbild des Theaters auch unter Filmdarstellern weithin üblich gewesen. Brando war ein Schüler Adlers und tauchte tief ein in den Charakter, den er eigentlich überhaupt nicht ausstehen konnte. Er ließ seinen Kowalski murmeln und schreien, ihn schroff agieren und möglichst rohe Männlichkeit ausstrahlen. Um diese zu verstärken, hatte sich Brando Bewegungen von Affen abgeschaut.

Es war jedoch erst die zweite Method-Actor-Generation um Robert De Niro, Al Pacino und Dustin Hoffman, die diese Technik in den Siebzigerjahren weiter perfektionierte, etwa durch die Intensivierung der Vorbereitungen bis ins Extreme. Dazu gehörten etwa Schlafentzug oder auch starke körperliche Transformationen. Ein berühmtes Beispiel dafür wurde De Niros Verkörperung des ehemaligen Box-Champions Jake LaMotta in "Wie ein wilder Stier" (1980). Fast ein Jahr lang schuftete der "Taxi Driver"-Star im Trainingsraum, um dem wahren LaMotta körperlich so nahe wie möglich zu kommen. Trainiert wurde er vom Porträtierten selbst, dem De Niro in Probekämpfen auch mal einen Zahn ausschlug und Rippen anknackste. Um sicherzugehen, dass er den Level eines Boxers erreicht hatte, bestritt der Schauspieler sogar drei professionelle Kämpfe, von denen er zwei gewann, wie Robert Parker in seiner De-Niro-Biografie schreibt. LaMotta war erstaunt: "Er war einer der besten 20 Mittelgewichtler, die ich je gesehen habe", erinnerte er sich später an De Niros Boxfähigkeiten zurück.

Kaum waren die Szenen aus der Glanzzeit LaMottas im Kasten, nahm sich De Niro einer entgegengesetzten Herausforderung an: Innerhalb von vier Monaten legte er satte 27 Kilogramm an Fett zu, um nun den tief gefallenen Ex-Boxer mit jeder Faser seines Körpers glaubhaft wiederzugeben. Als Regisseur Martin Scorsese den "neuen" LaMotta sah, aufgedunsen und schwer schnaufend, geriet er in große Sorge um De Niros Gesundheit. Der Schauspieler war dem echten LaMotta bedrohlich nahegekommen.

"Wie rohes Fleisch essen"

Abnehmen, zunehmen, nur für eine Rolle: Die Filmwelt war über so viel Hingabe perplex. Doch inzwischen ist die Anpassung des Körpers an die dargestellte Figur längst üblich geworden. Charlize Theron, Natalie Portman, Anne Hathaway, Christian Bale oder Matthew McConaughey veränderten ihre Körper für einzelne Filme auf extreme Art und Weise - und holten sich so ihre Oscars. Genau wie Robert De Niro, der die Trophäe für "Wie ein wilder Stier" übrigens in alter Schlankheit verliehen bekam.

Auch der australische Darsteller Heath Ledger gewann 2009 einen Oscar für eine Rolle, mit der er sich vollständig identifiziert hatte. Als bizarrer Bösewicht Joker hatte Ledger in "The Dark Knight" das Publikum begeistert. Weniger angetan waren seine Kollegen von Ledger am Set gewesen: Während des Drehs ignorierte er konsequent diejenigen, die ihn nicht als Joker ansprachen. Vor den Aufnahmen hatte sich der Schauspieler einen Monat lang in die Wohnung eingeschlossen, um das Gefühl der Isolation und Misanthropie hautnah zu erleben. Während der Dreharbeiten wiederum konnte Ledger kaum schlafen, weil er ständig über seine Rolle nachdachte. "Den Joker zu spielen, war wie rohes Fleisch zu essen", blickte er nach dem Dreh in einem Interview 2007 mit der "FHM" zurück. Den Ruhm für seinen außergewöhnlichen Einsatz konnte Ledger jedoch nicht mehr ernten: Bevor er den Oscar als bester Nebendarsteller verliehen bekam, war der 28-jährige am 22. Januar 2008 an der Einnahme von Schmerz-, Beruhigungs- und Schlafmitteln gestorben.

Das Method-Acting war sicher nicht der Grund für Ledgers Tod. Die bedingungslose Hingabe kann dagegen durchaus die Psyche von Schauspielern beeinflussen. Nachdem Philipp Seymour Hoffman Anfang 2014 verstorben war, erschien im "New Yorker" ein Artikel mit dem Titel "Zerstörte Method-Acting den Schauspieler?". Darin wurde vermutet, dass Hoffman womöglich stets zu viel von sich selbst in eine Rolle hineingab - und so seine Grenzen überschritt.

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Method-Acting: Knochenbrüche für den Oscar

An sein Limit kam auch Daniel Day-Lewis 1992 in "Der letzte Mohikaner". Er hatte Monate in der Wildnis gelebt und nur das Fleisch von Tieren gegessen, die er selbst erlegt hatte. Nach dem Dreh hielt er es kaum länger als eine Stunde in einem geschlossenen Raum aus. Dazu litt er unter leichten Halluzinationen. "Ich weiß nicht, wie ich nicht Hawkeye sein kann", gestand er Regisseur Michael Mann verzweifelt nach Drehende. Doch das hielt ihn nicht davon ab, in seinen nächsten Rollen erneut alles zu geben. Beim Dreh zu dem Historienfilm "Gangs of New York" holte er sich 2002 eine Lungenentzündung, weil er sich beim winterlichen Dreh weigerte, warme Kleider anzuziehen. Und für "Lincoln" (2012) blieb er erneut stets im Charakter - und wollte selbst von Steven Spielberg nur mit "Mr. President" angesprochen werden.

Für diese Rolle erhielt Daniel Day-Lewis seinen dritten Hauptdarsteller-Oscar. Geschafft hat das vor ihm kein anderer Schauspieler.

insgesamt 18 Beiträge
Sylke Baumann-Faeth  09.06.2015
1. Profi
Was macht einen Weltklasseschauspieler aus ? EINSWERDEN mit der Rolle!
Was macht einen Weltklasseschauspieler aus ? EINSWERDEN mit der Rolle!
Jonas Bülling 09.06.2015
2. Einer fehlt
Wenn die krasse Transformation des eigenen Körpers schon als Method Acting zählen soll, dann fehlt mir hier klar Jared Leto. Ansonsten eine nette Liste.
Wenn die krasse Transformation des eigenen Körpers schon als Method Acting zählen soll, dann fehlt mir hier klar Jared Leto. Ansonsten eine nette Liste.
Jürgen Kura 09.06.2015
3. Respekt!
Und so sieht man mal wieder, warum der deutsche Film es nicht weit bringt, wobei ich den Schauspielern nichts vorwerfe. Es gibt nur selten relevante Rollen. In der letzten Zeit glänzte einzig Didi Hallervorden in "Honig im [...]
Und so sieht man mal wieder, warum der deutsche Film es nicht weit bringt, wobei ich den Schauspielern nichts vorwerfe. Es gibt nur selten relevante Rollen. In der letzten Zeit glänzte einzig Didi Hallervorden in "Honig im Kopf" - da fiel es nicht mal auf, dass Til Schweiger in seiner Rolle noch nicht mal den Brandgeruch wahrnahm, als er nach Hause kam. Aber egal, wenigstens hat er die Hauptrolle mit einem Perfektionisten besetzt.
Istvan Toth 09.06.2015
4. Ein feines Beispiel..
...ist Joaquin Phoenix: fuer "Walking the line" hat er Gitarrespielen gelernt aug eine unglaubliche weise...
...ist Joaquin Phoenix: fuer "Walking the line" hat er Gitarrespielen gelernt aug eine unglaubliche weise...
Niklas Hini 09.06.2015
5. Bezeichnend
Wieder einmal überwiegt das männliche Geschlecht - wie in allen Bereichen wo extreme, von Besessenheit gekennzeichnete Hingabe gefragt ist.
Wieder einmal überwiegt das männliche Geschlecht - wie in allen Bereichen wo extreme, von Besessenheit gekennzeichnete Hingabe gefragt ist.

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