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Kohl-Karikaturen

Die Rache der Birne

Kein anderer Kanzler wurde so gern, so oft und so hämisch karikiert wie Helmut Kohl. Den Dauerspott ertrug er mit stoischer Gelassenheit - und schlug daraus geschickt Kapital.

DPA
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Freitag, 16.06.2017   21:46 Uhr

Da schwebt er durch die Lüfte mit ausgebreiteten Armen, der Kanzler der Einheit, hinweg über die Köpfe seines Volkes, in einem riesigen, schwarzen Umhang. Es ist die Wendezeit 1989, unten stehen DDR-Bürgerrechtler mit ihren Friedenskerzen und "Wir sind das Volk!"-Transparenten.

Dann unterläuft dem Politiker ein peinliches Missgeschick.

Helmut Kohl fliegt so dicht über die Menge hinweg, dass der Windzug seines flatternden Mantels die brennenden Kerzen der Bürgerrechtler löscht. Zurück bleiben etwas ratlose, traurige Aktivisten. Einer von ihnen, ein bärtiger Typ in buntem Wollpulli, sagt: "Oh schade! Das war der Mantel der Geschichte!"

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Helmut Kohl in Karikaturen: Die Bergamotte-Birne und der Mantel der Geschichte

Ausgerechnet der Kanzler der Einheit hat soeben unfreiwillig der DDR-Bürgerbewegung das Licht ausgeblasen - mit jenem "Mantel der Geschichte", den er nach eigenem Bekunden während des friedlichen Umbruchs 1989 so beherzt ergriffen hatte wie vor ihm nur Bismarck.

Die Karikatur der langjährigen "Eulenspiegel"-Illustratorin Barbara Henniger hebt sich wohltuend von vielen gehässigen Kohl-Zeichnungen ab, die überwiegend auf die unvorteilhafte Physiognomie des Politikers abzielten. Mit Ironie statt Häme deckt Henniger eine Schwäche auf: Der promovierte Historiker Kohl war so sehr auf seinen Platz in den Geschichtsbüchern bedacht, dass er die Wiedervereinigung mit historischem Pathos überfrachtete - und dabei mitunter sein Volk und dessen Probleme aus den Augen verlor.

Mitleidiger Spott, boshafte Häme

Nun ist Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren gestorben und damit endgültig zu einer der wichtigsten Figuren deutscher Zeitgeschichte geworden. Sein Tod ändert in einer Hinsicht aber wenig - als monumentale Figur der Geschichte dürften die meisten Bürger Kohl wohl schon zu Lebzeiten empfunden haben.

Das spiegelt sich besonders in unzähligen Karikaturen über den langjährigen Regierungschef wider. Nach Kohls politischem Aufstieg in den Siebzigerjahren arbeiteten sich Generationen von Zeichnern an diesem lebenden Denkmal ab. Kein anderer Bundeskanzler wurde von ihnen dabei derart massiv mit einer Mischung aus mitleidigem Spott und boshafter Häme überzogen - und doch so oft so grandios unterschätzt.

Kohl, das war für viele Karikaturisten nämlich zunächst einmal nur das Naheliegendste: das Massige, das Provinzielle, das Tölpelhafte. Etliche Karikaturen zeigen den Politiker, wie er versucht, das zu machen, was er seinen Bürgern stets abverlangte - den Gürtel enger zu schnallen. Es scheitert regelmäßig an seiner Leibesfülle. Die Varianten dieses Grundmotivs sind fast grenzenlos.

Saumagen, Oggersheim, Übergewicht. Das alles schien irgendwie wunderbar zusammenzupassen. Solche vermeintlichen Steilvorlagen wollte sich kaum ein Karikaturist entgehen lassen: Kohl sprengte in ihren Zeichnungen mit seinem massigen Leib Felsen, er brachte Boote zum Sinken und füllte Fußballtore derart aus, dass kein noch so begnadeter Stürmer der Welt je einen Treffer erzielen könnte.

So ging es weiter, Jahr für Jahr: Kohl als schwergewichtiger Kaiser, der aus einem Füllhorn Geldbündel für die marode DDR ausschüttete. Kohl mit eindrucksvollem Bauch, darüber der plumpe Text: "Airbag neu erfunden."

Der Kanzler sei in den Augen seiner Gegner "die Verkörperung des Peinlichen und Banalen" gewesen, schrieb die "Zeit" im Jahr 2010. Zu Recht beklagte sie die Überheblichkeit der Deutschen, die den Kanzler stets nur als bloße Karikatur begriffen hätten. "Kohl wurde nicht gehasst, er wurde verachtet. Man sah in ihm nicht den gerissenen Schurken, sondern den fatalen Tölpel." Und in der Tat wirkte Kohl im Vergleich zu seinem weltgewandten Vorgänger Helmut Schmidt oder seinem aufbrausenden Parteigenossen Franz Josef Strauß auf viele Bürger einfach nur heimelig, harmlos und humorlos.

Gigantische Erinnerungslücke

Der Pfälzer ertrug den zeichnerischen Dauerspott, zumindest nach außen, mit stoischer Gelassenheit und führte das auf seine "unbezwingliche Ochsennatur" zurück. Als gewiefter Polit-Stratege mag er sich im Grunde aber sogar gefreut haben, dass viele Karikaturen lediglich auf Äußerlichkeiten abzielten - und damit politisch ungefährlich blieben. So etwas konnte er leicht als unwürdige Beleidigung abtun.

Erst als Kohl immer mehr begann, politische Probleme wie den CDU-Spendenskandal mit beispielloser Sturheit auszusitzen, konnten Karikaturisten die körperliche Massigkeit sehr überzeugend als Symbol für eine degenerierte politische Kultur darstellen: Eine Zeichnung etwa zeigt staunende Bürger vor einer riesigen Erdspalte, die ein Schild als "Helmut-Kohl-Gedächtnislücke" ausweist. Darunter der Text: "Wie alles bei ihm: gigantisch und grandios!"

Für die größte Aufregung aber sorgte eine sehr frühe Karikatur des Franzosen Jean Mulatier. Unmittelbar vor der Bundestagswahl 1976, bei der Kohl Bundeskanzler Schmidt herausforderte, zeichnete Mulatier für den SPIEGEL Kohls Kopf in der Form einer prächtigen Birne. Damit war ein später fast schon ikonisches Motiv geschaffen, das den CDU-Politiker zeitlebens verfolgen sollte. Kohl war, besonders in der Satirezeitschrift "Titanic", irgendwann nur noch "Birne". Selbst wer sich überhaupt nicht für Politik interessierte, verstand das.

Geburt der Birne

Das "Birnen"-Motiv ist heute so sehr Allgemeingut geworden, dass man sich die wütenden Leserzuschriften von 1976 kaum noch vorstellen kann: "Die Karikatur ist widerlich und infam. Ich habe mich für den SPIEGEL geschämt", schrieb damals etwa ein Mann aus Tübingen. "Haut dem Kohl einen auf die Birne; so soll das wohl verstanden werden. Das ist fast kriminell", empörte sich ein weiterer Leser.

Andere nahmen die Karikatur dankbar auf, witzelten über die neue Gemüsezüchtung "Birnenkohl" oder schrieben: "Das Titelbild ist vielsagend, nämlich "oben" wenig, sehr wenig, und das Wenige noch in Falten. "Unten": "viel, sehr viel, außerordentlich viel bla, bla, bla, bla…".

Natürlich schmeckte dem Kanzler der neue Spitzname nicht. Gekonnt rächte er sich elf Jahre später aber auf seine Weise: Bei der Bundestagswahl 1987 verteilten Kohls PR-Strategen überall "I like Birne"-Anstecker. Die Selbstironie kam offenbar an: Die "Birne" triumphierte und wurde zum zweiten Mal zum Bundeskanzler gewählt.

Zwei Jahre später fiel die Berliner Mauer, und der lange verlachte Politiker aus Oggersheim nutzte seine Chance - und schrieb Weltgeschichte.

insgesamt 18 Beiträge
micschue 16.06.2017
1. Natürlich
Hat Herr Kohl Weltgeschichte geschrieben in dem er sich in die Reihe der größten Politversager eingereiht hat. Den Versuch 2 Länder wieder zusammenzuführen, die sich fast 45 Jahre grundverschieden entwickelt haben war für [...]
Hat Herr Kohl Weltgeschichte geschrieben in dem er sich in die Reihe der größten Politversager eingereiht hat. Den Versuch 2 Länder wieder zusammenzuführen, die sich fast 45 Jahre grundverschieden entwickelt haben war für jeden politisch denkenden Menschen per se Wahnsinn. Die Folgen sind für die Menschen in beiden Ländern verheerend. Auch hätte Kohl niemals zulassen dürfen die ehemalige Reichshauptstadt zur Bundeshauptstadt zu mache. Das war das Ende der gut funktionierenden Bonner Republik. Auch wurde der DDR die Chance genommen unterstützt durch Hilfe von Europa ein gesundes Staatswesen aufzubauen.
Robert Gieth 16.06.2017
2. schöne Auswahl an Karikaturen
Aber ich vermisse die "Es ist Montag, Herr Bundeskanzler"-Anzeige des Spiegels vom Ende der 80er
Aber ich vermisse die "Es ist Montag, Herr Bundeskanzler"-Anzeige des Spiegels vom Ende der 80er
Boris Fuge 16.06.2017
3. König Birne
Das "ikonische Motiv" Mulatiers war so originell nun auch wieder nicht; als Franzose war ihm zweifellos die berühmte Karikatur von Philipon und Daumier von 1831 "Les Poires" vertraut, in der König [...]
Das "ikonische Motiv" Mulatiers war so originell nun auch wieder nicht; als Franzose war ihm zweifellos die berühmte Karikatur von Philipon und Daumier von 1831 "Les Poires" vertraut, in der König Louis-Philippes Kopf sich schrittweise in eine Birne verwandelt.
Jörg Lanksweirt 16.06.2017
4. Kohlwitze waren damals..
...ebenfalls verbreitet. Einen lieferte er selbst, als er nach Datenautobahnen gefragt wurde und daraufhin über die Autobahnverwaltung fabulierte.
...ebenfalls verbreitet. Einen lieferte er selbst, als er nach Datenautobahnen gefragt wurde und daraufhin über die Autobahnverwaltung fabulierte.
Johannes Bachmann 17.06.2017
5. Das ist albern - und geschichtesvergessen
Kohl war seinerzeit überhaupt nicht um die Geschichtsbücher besorgt - die sogenannte "Bürgerbewegung" (tatsächlich ein Sektiererclub von Neosozialisten) die einen "neuen Sozialismus" wollte hatte zwar die [...]
Kohl war seinerzeit überhaupt nicht um die Geschichtsbücher besorgt - die sogenannte "Bürgerbewegung" (tatsächlich ein Sektiererclub von Neosozialisten) die einen "neuen Sozialismus" wollte hatte zwar die Zustimmung der Mehrheit der DDR-Bürger, aber die betrachteten sie nur als Vehikel hin zu einer Einheit ohne Sozialismus. Deshalb haben sie in der ersten DEMOKRATISCHEN Wahl der DDR klar die CDU - und damit indirekt Kohl - gewählt. Die Mission war erfüllt, die "Bürgerbewegung" obsolet.

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