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einestages

26 Jahre um die Welt

Reisen, bis der Tod euch scheidet

Zwei Fremde fahren im selben Auto rund 900.000 Kilometer, sie durchqueren fast alle Länder der Welt, überstehen Wildnis und Malaria - und verlieben sich. Doch nur einer überlebt. Die Geschichte einer unglaublichen Reise.

Gunther Holtorf
Von
Dienstag, 12.04.2016   11:55 Uhr

Sieben Jahre, zehn Monate und vier Tage reisten Gunther Holtorf und seine Freundin Christine Boehme schon um die Welt, als sie zum ersten Mal in ein Restaurant wollten. Es war Weihnachten 1999, dieses eine Mal sollte es statt Selbstgekochtem auf der Rückbank ihres Geländewagens etwas Luxus geben: einen gefüllten Truthahn. In Südamerika, so glaubten sie, gebe es das wohl nur in Georgetown, Hauptstadt der ehemals britischen Kolonie Guyana.

"Christine hatte sich schon wahnsinnig gefreut", erzählt Holtorf 16 Jahre später. Er macht eine Pause, seine blauen Augen funkeln. Der kleine Mann wirkt jetzt nicht wie ein 78-Jähriger, sondern verschmitzt wie ein Junge. Denn da war dieses kleine Hindernis: eine Dschungelstraße von Nordbrasilien nach Guyana, von Ausländern noch nie passiert. "Natürlich blieben wir tief im Schlamm stecken", sagt Holtorf und lacht. Kein Fortkommen. Stundenlang.

Sie saßen noch fest, als es stockfinster war. In Hängematten schlafen? Das wäre zu gefährlich gewesen. Also verbrachten sie Weihnachten in Schräglage, denn der Wagen steckte schief im Dreck. Statt Truthahn gab es Nudeln mit Tomatensoße. "Symbolisch haben wir uns eine Kerze angezündet", sagt Holtorf. Erst am nächsten Morgen bekamen sie den Wagen frei, mussten aber nach Brasilien zurückkehren.

Gunther Holtorf

Durch den Schlamm nach Guyana

Es hätte einer dieser Momente werden können, die feste Beziehungen ins Wanken bringen. Und selbst die größten Reisenarren zum Fluchen.

Gunther und Christine aber tourten unverdrossen weiter. Jahrelang, durch fast alle Länder der Welt, ohne sich ernsthaft zu streiten, obwohl sie "zusammenlebten wie siamesische Zwillinge", wie Holtorf sagt. Restaurants blieben sie fern, ein Truthahn-Essen gab es nicht mehr. Dafür stießen sie in der kasachischen Einöde nach 500.000 Kilometern mit Krimsekt auf ihre Reise an, die längst zum Selbstzweck geworden war: Sie fuhren und fuhren - bis der Tod sie trennte.

Kein Rückzugsraum, keine Privatsphäre. Die Dusche: ein umgestülpter Wassertank. Das Wohnzimmer: eine drei Quadratmeter kleine, umgebaute Rückbank mit dünnen Matratzen. Das hält wohl nur echte Liebe aus.

Mauerfall - raus in die Welt!

Dabei hatte ihre Beziehung mit einem großen Zufall begonnen. Holtorf hatte für die Lufthansa als Landeschef in Südamerika und Indonesien gearbeitet, später auch für Hapag Lloyd. Bei vielen Flüge starrte er sehnsüchtig aus dem Fenster und nahm sich vor: Da unten will ich mal hinfahren!

Andere träumen, wenn sie in den Himmel schauen. Holtorfs Traum begann, als er vom Himmel auf die Erde blickte. 1988, mit 50, stieg er aus. Er kaufte sich einen Mercedes der G-Klasse, den er banal "Otto" taufte und heute manchmal zärtlich "Ottilein" nennt. Er ließ den Geländewagen nach Nairobi fliegen, unternahm ein paar Testfahrten. Dann gab er zum 17. November 1989 eine Kontaktanzeige in der "Zeit" auf, die sein Leben veränderte.

"Interessieren Sie fremde Länder jenseits des Massentourismus?", fragte er. "Fühlen Sie sich in freier Natur wohl? Sind Sie sportlich-aktiv, schlank, unkompliziert, offen für Interessantes dieser Welt?" Wenn ja, dann könne man sich ja mal bei einer Flasche Wein kennenlernen. Sich selbst beschrieb Holtorf als "sportlich-schlanken" Optimisten, "räumlich und finanziell unabhängig".

Die Berliner Mauer war erst eine Woche gefallen, als Christine Boehme diese Anzeige las, auf dem Weg von Dresden nach West-Berlin, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Es war ihre erste West-Zeitung. Schon immer hatte sie reisen wollen. Mit dem Ende der DDR war sie endlich frei und meldete sich.

Mehr als 50 Antworten bekam Holtorf, mit drei Frauen traf er sich, nur Christine blieb in Erinnerung: "Es war zwar nicht die halsbrecherische Liebe auf den ersten Blick. Aber sie wirkte sehr unkompliziert, sympathisch, belastbar. Anfangs war sie noch schüchtern. Als Westdeutscher war ich für sie ja ein bisschen wie der reiche Onkel aus Amerika."

27 Löwen neben dem Auto

Dass Christine alleinerziehende Mutter eines Zehnjährigen war, verheimlichte sie bis zum zweiten Treffen. Zu sehr fürchtete sie eine Absage, auch wenn es ursprünglich ja nur um eine kurze Afrikareise ging. Nach zwei Jahren Planung konnte es 1992 losgehen. Der inzwischen zwölfjährige Sohn wurde zunächst von Verwandten betreut und ging später auf ein Internat - und freute sich, dass seine Mutter sich den Traum ihres Lebens erfüllen konnte, wie er heute erzählt.

Erst verliebten sich die Reisenden in dieses Gefühl der absoluten Freiheit, dann ineinander. Am besten gefiel es ihnen in der tiefsten Wildnis. Einmal riss ein Riesenrudel aus 27 Löwen einen Kaffernbüffel direkt neben ihrem Wagen. "Wir sahen, wie sich die Löwen in den Darm des Büffels verbissen, der noch lebte und zuckte", erinnert sich Holtorf. "Christine weinte, aber das ist die Natur."

Einen Tag lang beobachten sie die Fressorgie, ihre Notdurft verrichteten sie in einem Behälter im Wagen. Sie übernachteten etwas entfernt und kehrten am nächsten Morgen zu den Löwen zurück, die nun tagelang verdauten: "Im Grunde haben wir mit dem Rudel gelebt".

Gunther Holtorf

In Papua Neuguinea, 2011

Ungefährlich war so etwas nicht. Da war etwa dieses laute Knacken, das Holtorf vielleicht das Leben rettete. Eine Hyäne hatte sein Seifenschälchen zerbissen. Das Geräusch weckte Holtorf, der abends in seiner Hängematte eingeschlafen war. Die Hyäne stand fast direkt neben ihm, hätte ihn wohl für Aas gehalten und bald zugebissen. Ein anderes Mal lockte Apfelsinenduft einen Elefanten an. "Der Kofferraum stand noch offen, ich saß auf dem Fahrersitz, die Rüsselspitze glitt an meinem rechten Ohr vorbei." Das Tier nahm den Kofferraum auseinander, bis es endlich die Früchte fand.

Am heikelsten aber war ein Höllenritt mit zuvor ausgekugelter Schulter und tiefrotem Tropengeschwür von Äthiopien nach Kenia. Holtorf fuhr nach Kompass durch offenes Gelände, es ging um jede Minute - womöglich würde er seinen entzündeten Fuß verlieren. Gerade noch rechtzeitig erreichte er ein Hospital in Nairobi.

Mit Akribie und Penetranz: Als Erste in Kuba

Verblüffender aber ist: In all der Zeit ist den beiden nichts Schlimmeres widerfahren als insgesamt neun Malariaerkrankungen. Sie durchfuhren die Sahara, kurz bevor dort Touristen entführt wurden. Sie ließen in Gaddafis Libyen ihre staatlichen Aufpasser einfach stehen und nannten das einen "Sieg der Frechheit". Und sie fuhren als erste Touristen durch Afghanistan, als dort schon Krieg herrschte. Trotzdem sagt Holtorf: "Wir haben uns selbst in Kabul sicher gefühlt."

Naiv wirkt er nicht. Eher akribisch. Er kann Statistiken zu nahezu jedem Land vortragen. Er ist kein einziges Mal ausgeraubt worden. Er blieb selten zwei Nächte am selben Ort, befuhr in gefährlichen Metropolen fast nie zweimal dieselbe Straße.

Holtorf ist der Gegenentwurf zum kiffenden Klischee-Aussteiger. Seine Reise finanzierte er mit der ersten detaillierten Straßenkarte von Jakarta, die er schon 1980 nach dreijähriger Feldarbeit fertiggestellt hatte. Seitdem hatte sie sich millionenfach verkauft, und so lohnte es sich, sie zu aktualisieren und dafür ab und an die Reise zu unterbrechen.

Gunther Holtorf

Holtorf und "Otto" 2008 auf Kuba

Mit derselben Geduld, mit der er unbekannte Seitenstraßen vermaß, plante er seine Reise. So bewarb er sich jahrelang auf Visa für Kuba und Nordkorea: Länder, die kein Ausländer aus dem westen zuvor mit eigenem Auto bereist hatte. Holtorf aber bekam irgendwann die Papiere durch Penetranz, Glück und Kontakte - etwa dank eines Bekannten, der in einer Autowerkstatt mit einem Sohn von Fidel Castro zusammenarbeitete. "Wahnsinn, Kuba!", sagt Holtorf und klingt, als habe er eben erst die Zusage bekommen.

Am Ende stoppte das Paar keine Tropenkrankheit, kein Zöllner, keine gebrochene Achse. Sondern ein Tumor hinter Christines Ohr. Zur Chemo- und Strahlentherapie waren sie in Deutschland. "Dazwischen aber bestand sie darauf, weiterzureisen", so Holtorf. 2008 ging es in die Karibik, 2009 nach Frankreich. Als die Dresdnerin spürte, dass sie den Krebs nicht besiegen würde, wollte sie ihren Reisepartner wenigstens noch heiraten. Geplant war das eigentlich für das Ende der Reise. Nun mussten sie sich beeilen.

Traurige Weiterreise

"Sie hat sich das so gewünscht, dass ihr Körper sich noch einmal aufbäumte", sagt Holtorf spürbar berührt. Die Todkranke nahm es mit Galgenhumor: Sie wisse gar nicht, ob sie Ja sagen werde, witzelte sie noch im Standesamt.

Das war im Sommer 2010. Zwei Wochen später war sie tot, begraben keine 30 Meter neben dem Standesamt in einem Dorf am Chiemsee.

An ihren Mann hatte sie nur eine Bitte. "Sie sagte mir: Wenn ich auf Wolke 13 sitze, möchte ich sehen, was du und Ottilein machen." Also fuhr Holtorf weiter. Zeitweise begleitete ihn Martin, Christines inzwischen erwachsener Sohn, den er adoptiert hatte. Mit ihm durchquerte er Nordkorea und fuhr zum Mount Everest.

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Mehr Infos zu Holtorfs Tour hier: http://www.ottosreise.de/


Erst vier Jahre nach Christines Tod beendete Gunther Holtorf seine Reise. Er hatte fast alle Länder im selben Wagen befahren und wurde dafür kürzlich ins Guinnessbuch aufgenommen. Um Rekorde sei es aber nie gegangen: "Wir haben diese Reise nur für uns gemacht."

Nach 899.592 Kilometern und 26 Jahren schlief er am 6. Oktober 2014 das letzte Mal in Breslau auf "Ottos" Rückbank. Dann übergab er den immer noch fahrtüchtigen Geländewagen Daimler-Chef Zetsche, der ihn für Werbezwecken nutzen wollte.

Holtorf aber möchte weiterreisen, wenn auch mit dem Zug. "Warum nicht Interrail?", fragt der alte Herr. Und klingt wie ein Teenager, der erst noch die Welt entdecken muss.

insgesamt 60 Beiträge
Jan Lehmann 12.04.2016
1. Wundervoll
Das ist einfach nur schön.
Das ist einfach nur schön.
Gaby Dohm 12.04.2016
2. Ein Beispiel dafür
wie das Leben auch sein könnte, ohne Egomanen und Fanatiker. Ein Leben wie es sich viele wünschen bis zum Schluss. Schade das die Meisten (mich eingeschlossen) dann doch ein bisschen zuviel Angst haben, es wirklich [...]
wie das Leben auch sein könnte, ohne Egomanen und Fanatiker. Ein Leben wie es sich viele wünschen bis zum Schluss. Schade das die Meisten (mich eingeschlossen) dann doch ein bisschen zuviel Angst haben, es wirklich durchzuziehen.
Maxim Dudek 12.04.2016
3. Einfach nur toll!
Ein Mensch der wirklich was vom Leben hat, beneidens und bewundernswert. Sehr schön
Ein Mensch der wirklich was vom Leben hat, beneidens und bewundernswert. Sehr schön
Martin Bischoff 12.04.2016
4.
Die Tigerschlange auf Bild 25 ist tot. Ihre Muskulatur ist offensichtlich erschlafft und ihre Haltung unnatürlich.
Die Tigerschlange auf Bild 25 ist tot. Ihre Muskulatur ist offensichtlich erschlafft und ihre Haltung unnatürlich.
Thomas Güttler 12.04.2016
5. Schön und gut...
...auch mir hat diese Geschichte gefallen. Meinen Respekt haben sie trotzdem nicht. Was mag der 10-jährige über seine Mutter gedacht haben, die ihn im Internat und bei Verwandten hat sitzen lassen?
...auch mir hat diese Geschichte gefallen. Meinen Respekt haben sie trotzdem nicht. Was mag der 10-jährige über seine Mutter gedacht haben, die ihn im Internat und bei Verwandten hat sitzen lassen?

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