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einestages

Türkische Ruinenstadt Kayaköy

Das verlorene Paradies

Einst war das türkische Kayaköy ein lebendiger Ort, heute pfeift dort der Wind durch die leeren Gassen einer Geisterstadt. Schuld ist ein Abkommen zwischen Athen und Ankara, das Tausenden ihre Heimat nahm.

Christoph Gunkel
Von
Donnerstag, 19.05.2016   10:58 Uhr

Ihren Kindern und Enkeln erzählten die Bewohner von Livissi später, sie hätten im Paradies gelebt. In einer antiken Stadt, 5000 Jahre alt. Mit weiß-blau getünchten Steinhäusern, zwei Kirchen, 14 Kapellen und zwei Windmühlen, umgeben von fruchtbaren Hügeln und Tälern. Sie bauten Oliven und Tabak an. Und diese wunderbaren Feigen - die besten der Welt!

Lange war Livissi, das in der Antike Karmylassos hieß, ein griechisches Idyll inmitten des Osmanischen Reichs. Eine kleine Stadt, bewohnt von 6500 Menschen, fast alle griechisch-orthodoxe Christen. Sie lebten mit ihren wenigen muslimischen Nachbarn friedlich zusammen.

"Wir liehen uns gegenseitig Geld. Wir ernteten gemeinsam und besuchten uns während der religiösen Feiern", erinnerte sich Mehmet Gökce, einer der muslimischen Bewohner von Livissi 1999 im Gespräch mit dem Soziologen Barbaros Tanc, der eine Feldstudie über den Ort schrieb. "Da gab es so viel Vertrauen, damals."

Bis der Krieg kam. Und mit dem Krieg der Hass, der Livissi 1922 in eine Geisterstadt verwandelte - bis heute. Hunderte Häuser, seit fast einem Jahrhundert unbewohnt. Ein Ruinenmeer, so brüchig wie die Beziehungen zwischen Türken und Griechen, deren Verhältnis der aktuelle Flüchtlingsdeal gerade wieder auf eine harte Probe stellt.

Gräuel gegen Zivilisten

Längst heißt Livissi Kayaköy. Der Ort liegt nicht weit von der Touristenhochburg Fethiye im Südwesten der Türkei, einst ebenfalls eine griechische Enklave. Wanderwege führen Touristen in ein paar Stunden von der azurblauen Mittelmeerküste durch dichte Kiefernwälder auf die Hügel von Kayaköy. Wer mit dem Auto anreist, passiert ein paar Restaurants und Imbissbuden, die versuchen, vom morbiden Charme der Ruinenstadt zu profitieren. Sonst ist es still geblieben in Kayaköy.

Zu still. Zwar ist der Ort ein Traum für Fotografen: grob gepflasterte Wege, die sich entlang der Ruinen die Hänge hochziehen. Ein prächtiger Quellbrunnen. Abblätternde Farbreste, Spuren von Öfen und eine schöne Gewölbekirche, deren Gemeinde längst verschwunden ist.

Doch verschwunden ist auch die Erinnerung, warum Kayaköy einst verlassen wurde. Ein Schild am Ortseingang verweist kryptisch auf einen "Bevölkerungsaustausch" zwischen Griechen und Türken, vereinbart 1923 im Vertrag von Lausanne. Der Begriff ist zwar nicht falsch, verschweigt und beschönigt aber vieles: massive Verfolgungen der Griechen vor 1923, Kriegsverbrechen, das Leid der Zivilisten.

Getty Images/National Geographic

Verlassene Straßen in Kayaköy.

Historiker wie Michael Schwartz vom Münchner Institut für Zeitgeschichte halten den "Bevölkerungsaustausch" für eine groß angelegte "ethnische Säuberung", abgesegnet vom Völkerbund: Etwa 1,5 Millionen griechisch-orthodoxe Christen mussten damals das Osmanische Reich verlassen. Sie wurden gegen knapp 400.000 Muslime aus Griechenland ausgetauscht. Einziges Kriterium war die Religion.

Das Ganze wirkt heute wie ein gigantischer Feldversuch im Zeitalter des Nationalismus: "Ethnische Entmischung" galt damals als Zauberformel zur Lösung von Minderheitenproblemen. Die in Lausanne versammelten Diplomaten glaubten, das Leid der Deportationen werde wettgemacht durch eine "größere Homogenität der Bevölkerung", die "tiefverwurzelte Streitfragen" dauerhaft beseitige. Selbst der skeptische britische Außenminister Lord Curzon unterschrieb am Ende - nicht ohne den Vertrag als "durch und durch schlechte und verwerfliche Lösung" zu geißeln: Dafür werde "die Welt in den nächsten hundert Jahren schwer büßen".

Die Regelung traf mit Ausnahme Istanbuls alle griechischen Gemeinden, unter ihnen Livissi. Seit der Antike hatten Griechen dort gelebt. Sie waren geblieben, selbst nachdem ihr kulturelles Zentrum Byzanz 1453 von den Osmanen erobert worden war. Viele sprachen kein Wort Griechisch. Sie empfanden sich als christliche Ottomanen. Jetzt mussten sie gehen.

Die eigenen Töchter zurückgelassen

"Sie packte ihren Haustürschlüssel, ihren Hostienstempel und ein paar Kleider in ein Bündel", erinnerte sich Despina Mavrikou 2014 in der griechischen Tageszeitung "Kathimerini" an das Schicksal ihrer verstorbenen Großmutter. Der verwitweten Mutter von fünf Kindern sei es streng verboten gewesen, Wertsachen mitzunehmen. Also habe sie ihr Gold und ihren Schmuck einem türkischen Nachbarn gegeben und ihm sogar zwei ihrer Töchter anvertraut. "Der Nachbar versprach, auf sie aufzupassen, als seien es seine eigenen Kinder. Er kleidete sie (zur Tarnung) wie türkische Mädchen." Monate später konnte Mavrikous Großmutter ihre Töchter nach Griechenland nachholen; auch ihren Schmuck bekam sie über Umwege zurück.

Getty Images/ Flickr RM

Ruinen einer ehemaligen Gewölbekirche in Kayaköy.

Nur selten ging die Zwangsumsiedlung so glimpflich aus. Die Feindseligkeiten hatten schon Jahre zuvor begonnen. Im Weltkrieg hatte Griechenland ab 1917 gegen das mit dem deutschen Kaiserreich verbündete Osmanische Reich gekämpft. Dahinter stand die "Megali Idea", die "große Idee": der Traum griechischer Nationalisten, jene Gebiete zurückzuerobern, die in der Antike griechisch waren - inklusive dem einstigen Byzanz.

Als das Osmanische Reich nach dem verlorenen Weltkrieg im Vertrag von Sèvres Teile seines Territoriums abgeben sollte, schien dieser griechische Traum greifbar nahe: Große Gebiete westlich des Bosporus sollten von den Griechen verwaltet werden, bis eine Volksabstimmung endgültig über den Verbleib zu Griechenland oder zum Osmanischen Reich entscheiden würde. In Großstädten wie Smyrna, dem heutigen Izmir, zog die griechische Armee ein.

Massaker und Propaganda

Das Osmanische Reich, selbst von nationalistischen Strömungen erfasst, akzeptierte den Vertrag nicht. So brach 1919 ein Krieg zwischen Griechen und Türken aus, begleitet von Massakern auf beiden Seiten. Viele griechischstämmige Christen flohen schon jetzt, um Lynchjustiz oder Zwangsarbeit in der türkischen Armee zu entkommen.

Die griechischen Truppen eilten derweil von Sieg zu Sieg und standen schon bald kurz vor Ankara. Doch im Herbst 1921 konnte Mustafa Kemal, Oberbefehlshaber der türkischen Armee und später Volksheld, die Angreifer am Fluss Sakarya zum Rückzug zwingen. Die Sieger rächten sich: Als die türkischen Truppen ein Jahr später Smyrna eroberten, ermordeten sie Zehntausende in den griechischen und armenischen Vierteln. Unzählige weitere Griechen im ganzen Osmanischen Reich starben auf der Flucht. Die Griechen nannten ihre Niederlage nur noch die "kleinasiatische Katastrophe".

Christoph Gunkel

Aufnahme der Gassen Kayaköys am Hang.

Die Spannungen dürften auch in Livissi zu spüren gewesen sein. Ein "Schwarzbuch von Kleinasien", verfasst 1919 von Exil-Griechen in Paris, listet sogar schon für die Zeit des Weltkriegs zahlreiche vermeintliche türkische Gräueltaten wie Morde und Vertreibungen auf. "Im April 1918 war Livissi entvölkert", heißt es in dem "Schwarzbuch". "Von 900 Familien blieben lediglich 25 zurück."

Der Bericht könnte zwar einen wahren Kern enthalten, dürfte aber übertrieben sein und in "einem propagandistischen Kontext" stehen, so die Einschätzung von Historiker Schwartz. Zudem deckt er sich nicht mit den Erinnerungen der Zeitzeugen, die Soziologe Tanc für seine Studie befragte. Tanc vermutet, dass erst "um 1922" die "meisten männlichen Christen" aus Livissi das Land verlassen hatten oder in Arbeitsbataillonen der türkischen Armee dienen mussten.

"Wir waren verrückt vor Freude"

Der ab Dezember 1922 in Lausanne ausgehandelte Bevölkerungsaustausch besiegelte also wohl nur das Schicksal eines längst verlorenen Ortes. Schon bald, so berichteten Zeitzeugen, wurden die leeren Häuser geplündert. Möbel wurden herausgetragen und Türen, Schlösser und Fliesen als Baumaterial verwendet.

Die Muslime aus Griechenland mussten ihre Heimat dagegen erst etwas später verlassen. Das erste Schiff mit den Flüchtlingen verließ Thessaloniki im Mai 1923. Viele zogen in jene Häuser, die noch vor Kurzem von den nun vertriebenen Griechen bewohnt worden waren.

In Livissi wurde eine verlassene Kirche zeitweise in eine Moschee umgewandelt. Doch die Neuankömmlinge aus Griechenland fassten in dem Ort keinen Fuß. Sie waren Muslime, doch sonst einte sie nichts mit den Türken der Umgebung, die sie abschätzig behandelt haben sollen. Livissi blieb unbewohnt. Bald munkelte man, dort spuke es.

Für ihre ehemaligen Bewohner wurde die Geisterstadt dagegen zum Sehnsuchtsort. Unter den Touristen sind heute noch viele Griechen. Manche weinen, wenn sie die Heimat ihrer Vorfahren sehen. Despina Mavrikou aber war überglücklich.

"Ich lief nicht, ich flog. Mein Rücken und meine Füße hörten auf zu schmerzen", erzählte sie über ihre Reise im Jahr 2009. Zusammen mit ihrem Enkel fand sie den alten Quellbrunnen, von dem ihre Großmutter so geschwärmt hatte. "Wir wuschen uns und tranken. Wir waren verrückt vor Freude." Endlich hatte sie ein altes Versprechen eingelöst - und das verlorene Paradies ihrer Großmutter besucht.

insgesamt 13 Beiträge
T. Franz 19.05.2016
1. Flucht und Vertreibung
Wir Deutschen kennen uns damit gut aus. Als Täter und auch als Opfer. Unselige Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Schlimme ist, ich bin nicht wirklich zuversichtlich, dass die Menschheit aus ihren Fehlern gelernt hat.
Wir Deutschen kennen uns damit gut aus. Als Täter und auch als Opfer. Unselige Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Schlimme ist, ich bin nicht wirklich zuversichtlich, dass die Menschheit aus ihren Fehlern gelernt hat.
Rainer Hackenberg 19.05.2016
2. Buch über Kayaköy
Mehr über Kayaköy findet man im historischen Roman von Louis de Bernieres, "Traum aus Stein und Federn",
Mehr über Kayaköy findet man im historischen Roman von Louis de Bernieres, "Traum aus Stein und Federn",
Bernhard Richert 19.05.2016
3. Kann so etwas wieder passieren? Auch in Europa?
Leider muß man diese Fragen klar bejahen. Wir haben es in den 90gern in Jugoslawien gesehen. Nach dem Zerfall des Sozialistischen Lagers zerfiel auch Jugoslawien. Verantwortungslose Politiker hetzten die Völker gegeneinander [...]
Leider muß man diese Fragen klar bejahen. Wir haben es in den 90gern in Jugoslawien gesehen. Nach dem Zerfall des Sozialistischen Lagers zerfiel auch Jugoslawien. Verantwortungslose Politiker hetzten die Völker gegeneinander auf. Mit dem Slogan, daß es uns alleine besser geht, entstanden europäische Kleinstaaten, die die assimilierten Minderheiten mißachteten. Diese wiederum bildeten noch kleinere Enklaven, z. B. die Republik Srpska in Bosnien-Herzegowina oder den Kosovo in Serbien. In Georgien, Aserbaidshan, Armenien und zuletzt in der Ukraine laufen ähnliche Entwicklungen ab. Die häufige Verletzung des Internationalen Rechts, insbesondere des Gewaltverbotes aus Artikel 2 der UN Charta durch die USA und andere Nato-Staaten führte dazu, daß jeder, der sich stark genug fühlt, seine tatsächlichen oder vermeintlichen Rechte militärisch durchsetzt. Die Lösung dieser Probleme besteht in der Rückkehr zum Völkerrecht, der Auflösung der Militärbündnisse, dem Verbot des Waffenexportes und der Beschränkung der Aufgaben der Armeen auf die Verteidigung des eigenen Landes. Dazu brauchen wir aber zuerst Friedenspolitiker.
Oliver Mohr 19.05.2016
4. ?
Heißt das wirklich "christliche Ottomanen" oder soll es nicht "christliche Osmanen" heißen?
Heißt das wirklich "christliche Ottomanen" oder soll es nicht "christliche Osmanen" heißen?
Siegfried Wittenburg 19.05.2016
5. Gefahr
"Mit dem Slogan, daß es uns alleine besser geht, entstanden europäische Kleinstaaten, die die assimilierten Minderheiten mißachteten. Diese wiederum bildeten noch kleinere Enklaven..." - Richtig. Diese Gefahr besteht [...]
"Mit dem Slogan, daß es uns alleine besser geht, entstanden europäische Kleinstaaten, die die assimilierten Minderheiten mißachteten. Diese wiederum bildeten noch kleinere Enklaven..." - Richtig. Diese Gefahr besteht heute wieder. Siehe "Kleinbritannien", Schottland, Katalonien... Der meiner Meinung nach aus der Geschichte heraus verstandene bessere Weg zeigt in eine entwickelte Europäische Gemeinschaft mit einer Integration, die bis in die letzten Winkel reicht. Das ist eine gewaltige Aufgabe und die Gefahr besteht, dass die Menschen diesen Weg nicht durchhalten. Doch auch die Entwicklung von Demokratien erhielt Rückschläge - und es gibt sie doch.

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