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einestages

Wrestling-Legende André the Giant

Der weiche Riese

Fans staunten über das "achte Weltwunder", im Ring erbleichten Gegner, beim Zechen schaffte er 100 Bier. André the Giant prägte mit Getöse das Wrestling - doch er litt sehr unter seinem Riesenwuchs.

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Mittwoch, 01.06.2016   11:37 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Der Wind peitscht eiskalt durch den Wald von Burnham Beeches. Robin Wright zittert in ihrem roten Kleid. Immer wieder muss sie vor die Kamera, die Szene neu drehen. Plötzlich stülpt sich etwas über den Kopf der jungen Schauspielerin. Was da ihr Haupt bedeckt, oder eher ganz umschließt, ist eine menschliche Hand. Eine Pranke. Wright erschrickt nicht, sie kennt das schon. "Seine Hand reichte von meiner Nase bis in meinen Nacken", sagte sie später in einem Interview. "Sie hielt mich warm."

Der Riese, der die bibbernde Robin Wright 1987 in Drehpausen vor der englischen Witterung schützte, überragte alle. Kameraleute, Tontechniker und Maskenbildner, auch die anderen Schauspieler wirkten neben ihm wie Zwerge. "The Princess Bride" hieß der Film, nach einem Märchenroman von William Goldman. Einer der Charaktere: Fezzik, der Riese.

Wer den Giganten spiele, hatte Hauptdarsteller Cary Elwes beim ersten Treffen des Filmteams gefragt. "Sein Name ist André the Giant", erklärte ihm Regisseur Rob Reiner. Und Autor Goldman ergänzte: "Er ist fantastisch. Ein weltberühmter Wrestler!"

In Samuel Becketts Pickup zur Schule

Dieser Riese namens André, 2,24 Meter groß und 240 Kilo schwer, war in der Tat weltberühmt. Seine Co-Stars im Märchenfilm kannten ihn vor dem Dreh nicht, aber André begeisterte Woche um Woche ein Millionenpublikum in Wrestling-Arenen rund um die Welt. Besonders in den USA und Japan war der Hüne eine Attraktion; seinetwegen waren binnen Minuten ganze Stadien ausverkauft. Ein Gigant, um dessen Leben sich Legenden rankten.

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André the Giant gegen Killer Khan, 1981

Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war André René Roussimoff im französischen Grenoble zur Welt gekommen. Schon als Zwölfjähriger überragte er mit 1,91 Metern seine Eltern und seine vier Geschwister. Das Kind litt unter einer Hormonstörung, die zu exzessivem Wachstum führte.

Nachdem Familie Roussimoff - ihre Vorfahren kamen aus Polen und Bulgarien - in die Nähe von Paris zog, erwarb ein Ire ein Nachbargrundstück und baute einen kleinen Landsitz. Da André wegen seiner Größe nur noch unter Schmerzen im Bus zur Schule fahren konnte, übernahm der Nachbar den Fahrdienst mit seinem überdimensionalen Pickup. Sein Name: Samuel Beckett, Autor von "Warten auf Godot".

Dass solche Details aus André Roussimoffs Leben wie ausgedacht klingen, ist seinem Beruf geschuldet. Schon als Teenager begann er eine Karriere in dem Geschäft, das wie kaum ein anderes von Übertreibungen und Erfindungen lebt.

André konnte nicht aufhören zu wachsen

Mit 17 Jahren hielt André sich in Paris mit Gelegenheitsjobs über Wasser, etwa als Möbelpacker. Der riesige Junge zog Aufmerksamkeit auf sich - von Wrestling-Promotern.

Schon bald absolvierte er seine ersten Kämpfe. "Dédé" hatte ihn seine Familie gerufen, nun war er "Géant Ferré", ein Riese, benannt nach einem französischen Nationalhelden.

Ob in England, Afrika oder Australien, Mitte der Sechzigerjahre flog das Show-Schwergewicht zu Einsätzen weltweit. Gerade das japanische Publikum konnte sich nicht sattsehen am Riesen, der seine Gegner zu Dutzenden auf die Matte schickte - und den Veranstaltern das Geld in die Kassen spülte.


André The Giant - die frühen Jahre eines großen Wrestlers


Immer größer und größer zu werden schien der "Monster Eiffel Tower", die "Giant Machine", das "achte Weltwunder". Und wirklich: Bei einer Routineuntersuchung in Japan attestierten Ärzte Akromegalie. Diese Hormonstörung führt zu starker Ausdehnung der Gliedmaßen - André konnte nicht aufhören zu wachsen.

Nun überragte er mit 2,24 Meter alle Gegner um mehrere Köpfe. Seine Markenzeichen: das gutmütige Lächeln selbst bei den schlimmsten Klammergriffen und Hieben. Die riesige Pranke, mit der er Bierdosen und Weinflaschen umklammerte, als wären sie aus einem Puppenhaus.

"André the Giant" nannte ihn Vincent J. McMahon Sr., Herr der größten Wrestlingliga der USA. McMahon holte den Giganten 1972 nach New York - um fortan bei Touren ganze Stadien auszuverkaufen.

Großer Durst und starke Schmerzen

Abend für Abend berauschte André sein Publikum. Und danach sich selbst. Mit Unmengen von Alkohol. In der Biografie "A Legendary Life" lässt Autor Michael Krugman viele Weggefährten der Wrestling-Ikone zu Wort kommen. Beinah jeder von ihnen berichtet von Andrés unglaublichem Konsum: japanischer Pflaumwein - eine ganze Kiste vor einem Match. Gelage mit über 100 Bier binnen weniger Stunden. Ein riesiger Bierpitcher, in dem wahllos harter Alkohol gemischt wurde.

Sie erzählten auch von gestohlenen Kutschen am Central Park und Verfolgungsjagden durch die Straßen von Manhattan. "Es braucht normalerweise zwei Liter Wodka, damit ich überhaupt was merke", sagte der Wrestler in einem Interview.

Mit Andrés ständigen Eskapaden gut vertraut war ein aufstrebender Ringer namens Terrence Gene Bollea, heute viel besser bekannt als Hulk Hogan. Nach anfänglicher Abneigung wurde er zum Protegé des Riesen. Trotzdem war Hogan vor seinen Matches mit André so aufgeregt, dass er sich regelmäßig übergeben musste. Auf Japanreisen habe er den speziell für André angefertigten Bus gefahren, immer wieder angehalten und für Alkoholnachschub gesorgt, erklärte Hogan.

Als Grund für die Exzesse vermuteten Freunde und Weggefährten die enormen Schmerzen aufgrund von André Erkrankung. Vor allem sein Rücken plagte den Riesen, als er 1987, auf dem Höhepunkt seiner Wrestling-Karriere, einen Anruf von Rob Reiner und William Goldman erhielt.

Sie hatten für den Film "The Princess Bride" mehrere Schauspieler für die Rolle des Riesen Fezzik erwogen, darunter Richard Kiel, der als "Beißer" gegen James Bond antrat. Doch niemand fesselte sie so wie André. "Ich ging in den Madison Square Garden, sah ihn und verliebte mich in ihn, wie jeder andere auch", erklärte William Goldman im Buch "As You Wish" über die Dreharbeiten. "Er war perfekt für uns."

"Er war so sanft und lieb"

Auch die Schauspielkollegen schlossen ihn sofort ins Herz. Den Giganten, der jede Anweisung mit einem sanften "Okay, Boss" befolgte. Der wegen seiner Rückenprobleme mit einem Trike übers Set raste, für fünf Leute aß und abends drei Flaschen Cognac nebst zwölf Flaschen Wein trank. Der in der Hotel-Lobby betrunken auf dem Boden einschlief - und weil niemand ihn bewegen konnte, errichtete das Personal um ihn herum eine Absperrung aus Samtkordel.

"Alle versammelten sich ständig um ihn. Wir liebten ihn einfach. Er war so sanft und lieb", so Rob Reiner in einem Interview. "Ich schüttelte ihm jeden Tag die Hand", sagte Darsteller Christopher Guest. "Nur um dieses Gefühl zu haben, wie meine in seiner verschwand." Und sein Kollege Mandy Patinkin: "Er war einfach ein Riesentyp, in jeder Beziehung, aber besonders in seinem Herzen."

Kurz nach dem Filmdreh kam es zum Höhepunkt von Andrés Wrestlingkarriere. Gut 90.000 Zuschauer sahen im Pontiac Silverdome in Michigan zu, wie "The Giant" von Hulk Hogan in einer inszenierten Staffelübergabe auf die Matte gelegt wurde. Doch die üblen Rückenschmerzen forderten ihren Tribut. Immer seltener stand André im Ring, zog sich auf seine Farm in North Carolina zurück und musste die meiste Zeit in einem speziellen Rollstuhl verbringen.

Der sanfte Riese wurde nur 46 Jahre alt. Am 27. Januar 1993 starb er in Paris; dorthin war er zur Beerdigung seines Vaters gereist. Seine Asche wurde auf der Ranch verstreut, auf der er Pferde und Rinder gezüchtet hatte. "Ich liebe es, bei meinen Tieren zu sein", hatte André Roussimoff einmal erklärt. "Sie schauen mich nicht so komisch an."

insgesamt 4 Beiträge
Jack Torrance 01.06.2016
1. Kleiner Hinweis
Der zitierte Hauptdarsteller heißt Cary Elwes.
Der zitierte Hauptdarsteller heißt Cary Elwes.
Kris Mandusic 01.06.2016
2. Obey the giant!
Fairey hat ihm ein kleines Denkmal gesetzt und viel Geld damit geschaufelt. Ihr kennt den Sticker, also gehorcht!
Fairey hat ihm ein kleines Denkmal gesetzt und viel Geld damit geschaufelt. Ihr kennt den Sticker, also gehorcht!
Christian Krause 01.06.2016
3.
Der Kommentar zu Cary Elwes' korrekter Schreibweise ist richtig. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Darsteller des Inigo Montoya nicht Mandy Patkin, sondern Mandy Patinkin heißt. Das kann man wissen, [...]
Der Kommentar zu Cary Elwes' korrekter Schreibweise ist richtig. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Darsteller des Inigo Montoya nicht Mandy Patkin, sondern Mandy Patinkin heißt. Das kann man wissen, schließlich ist er unter anderem in der Serie "Homeland" sehr präsent.
Mathias Eichler 02.06.2016
4. damals...
Ich habe André the Giant im Madison Square Garden gegen Killer Khan gesehen. Ich war 8 Jahre alt und dachte damals noch, das sei alles echt. Ich habe aber mitgekriegt, wie sehr der Mann dort verehrt wurde, das ist mir unbewusst [...]
Ich habe André the Giant im Madison Square Garden gegen Killer Khan gesehen. Ich war 8 Jahre alt und dachte damals noch, das sei alles echt. Ich habe aber mitgekriegt, wie sehr der Mann dort verehrt wurde, das ist mir unbewusst im Gedächtnis geblieben und ich war noch jahrelang ein Fan von ihm, die Nachricht von seinem frühen Tod hatte mich dann auch traurig gestimmt. The Princess Bride war sozusagen die Rolle seines Lebens, der gutmütige Riese mit der großen Kraft, der aber keiner Fliege was zu Leide tun kann. Man sollte nicht unterschlagen, dass er noch einige weitere Film- und Fernsehauftritte hatte in kleineren Rollen.

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