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einestages

US-Aktivist W. E. B. Du Bois

Wie ein schwarzer Bürgerrechtler zum Bismarck-Fan wurde

Für gleiche Rechte und gegen Rassenhass kämpften viele Generationen von Afroamerikanern. Zu ihren Köpfen zählte W. E. B. Du Bois, Intellektueller mit Studienzeit in Deutschland. Seine Ideen wirken bis heute fort.

University of Massachusetts Amherst Libraries
Von
Donnerstag, 06.04.2017   10:35 Uhr

Den Spott gab es gratis, als das US-Bildungsministerium sich vertwitterte und am 12. Februar "W.E.B. DeBois" als Quelle eines Zitates nannte. Der korrekte Name lautet anders: W. E. B. Du Bois war beileibe kein Unbekannter, sondern ein herausragender Kopf der Bürgerrechtsbewegung. Über viele Jahrzehnte prägte er den Kampf der schwarzen Minderheit um gleiche Rechte - und um Bildungschancen für alle.

Die neue US-Bildungsministerin steht fürs glatte Gegenteil, Milliardärin Betsy DeVos unterstützt nach Kräften Privatschulen. Prompt verunstalteten Spötter ihren Namen auf Twitter zu "Du Vos", in Anlehnung an Du Bois. Auch Chelsea Clinton, Tochter des früheren Präsidenten, reagierte prompt auf den Schreibfehler: "Ist das komisch traurig oder traurig komisch?"

Der Name von William Edward Burghardt Du Bois mag der Trump-Regierung wenig sagen, doch seine Bedeutung als stimmgewaltiger Vordenker und intellektuelles Schwergewicht der Afroamerikaner ist ungebrochen. International bekannt machte ihn die Weltausstellung von Paris. Die Eröffnung am 14. April 1900 war ein großer Tag für Du Bois. Der 32-jährige Soziologieprofessor hatte gut 500 Fotos und 60 Tafeln zusammengestellt, sie wurden zur Sensation: Porträts zeigten elegante junge Afroamerikaner, Musiker mit klassischen Instrumenten, Studenten, Handwerker bei der Ausbildung. Poppige Schaubilder informierten über Wohnsituation, Einkommen und Schulbesuch von Schwarzen.

Die Wand zum Glück

Zentrale Botschaft: Bildung bringt Fortschritt; die schwarzen Schulen und Universitäten, die seit Abschaffung der Sklaverei 35 Jahre zuvor gegründet wurden, tragen Früchte. Der Ausstellungserfolg bestätigte Du Bois in seinem Einsatz gegen die "Color Line", die Rassenschranke, die er als das Problem des 20. Jahrhunderts sah. Diesen Kampf führte er über sechs Jahrzehnte weiter, in den USA, in Europa, weltweit.

Geboren wurde W. E. B. Du Bois (spricht sich wie auf "new toys" gereimt) am 23. Februar 1868. Er wuchs in Massachusetts auf und war das einzige Kind einer armen schwarzen Familie in einer weitgehend weißen Umgebung: "unter Menschen, die stolz darauf waren, dass sie dabei mitgeholfen hatten, eine bösartige Rebellion niederzuschlagen und vier Millionen Sklaven zu befreien", wie er in seiner Autobiografie schrieb.

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W.E.B. Du Bois: Ein Mann mit Mission

Es war die "Reconstruction"-Phase nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs zwischen den Nord- und Südstaaten 1865. Die Sklaven hatten ihre Freiheit erlangt, Schwarze fortan per Verfassungszusatz die gleichen Rechte wie Weißen, jedenfalls formal, real noch längst nicht.

Lehrer ermutigten den wissbegierigen Jungen zum Studium. Du Bois studierte an der schwarzen Fisk University in Nashville (Tennessee) - und lernte als Lehrer auf dem Land die soziale Realität kennen. In den Südstaaten lebten Afroamerikaner ohne jede Perspektive auf einen Platz in der Gesellschaft: Es gab nichts außer "der Wand, die sich zwischen ihnen und dem Glück erhob". Du Bois beschloss, ein Anführer der Afroamerikaner zu werden.

Ein Fan von Bismarck

Seinen Fisk-Abschlussvortrag hielt Du Bois über Otto von Bismarck, den er später als "meinen Helden" bezeichnete - weil der deutsche Reichskanzler aus "einer Masse sich zankender Völker eine Nation" geformt habe. Mit ähnlicher "Kraft und Entschlossenheit" wollte Du Bois die amerikanischen Schwarzen vereinen.

So verschlug es ihn nach Berlin. Ab 1892 studierte er für drei Semester an der Friedrich-Wilhelm-Universität und begann in Vorlesungen bei Gustav Schmoller und Max Weber, die Rassenproblematik im Zusammenspiel von Ökonomie und Politik zu verstehen. Bisweilen vergaß er seine Hautfarbe: "Neben mir lebten Weiße - Studenten, Bekannte, Dozenten -, die ebenso empfanden wie ich."

Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Du Bois sich nicht diskriminiert: "Tief bewegte mich der Gedanke der Einheit der Menschheit." Dass er als Schwarzer auffiel, wurde ihm nur einmal lästig. "Was sind die Lübecker doch neugierig", notierte er nach einem Besuch in der Hansestadt. Auf dem Marktplatz hatten ihn die Leute angestarrt und getuschelt.

Über die Umgangsformen an der Berliner Uni staunte Du Bois. "In den Hörsälen nehmen die Studenten zum Inhalt der Vorlesungen hauptsächlich mithilfe ihrer Füße Stellung: Scharren bedeutet Missbilligung, Trampeln bedeutet Beifall." Und Professoren kamen zu spät zu den eigenen Veranstaltungen. "Seine für 10 Uhr angesetzte Vorlesung über Politik beginnt häufig erst um 10.30 Uhr", so Du Bois über den Historiker Heinrich von Treitschke.

Lynchmorde an Schwarzen

1895 promovierte er über den transatlantischen Sklavenhandel - als erster Afroamerikaner in Harvard. Danach forschte und veröffentlichte der Soziologe an den Unis von Philadelphia und Atlanta, veranstaltete Kongresse. Um die Jahrhundertwende verschlechterte sich die Lage der Afroamerikaner. Landesgesetze schränkten ihre Rechte ein, auch das Wahlrecht; "Mischehen" wurden verboten; rassistische Übergriffe mehrten sich. Du Bois suchte nach neuen Wegen: "Man konnte nicht ein ruhiger, kühler und abgeklärter Wissenschaftler sein, während Schwarze gelyncht, ermordet und ausgehungert wurden."

1903 erschien "The Souls of Black Folk", das der britische "Guardian" kürzlich als eines der 100 wichtigsten Sachbücher aller Zeiten einstufte. Du Bois identifizierte das Dilemma der Schwarzen in ihrem "doppelten Bewusstsein" - als Schwarze und als US-Amerikaner. Mit dieser Schrift ging er auch Booker T. Washington an: Der damals führende Vertreter der Schwarzen hatte einer Verschlechterung ihrer Ausbildung zugestimmt, gegen die Zusicherung von Industrie-Arbeitsplätzen - Verrat an den kommenden Generationen, so Du Bois; Washington sei für eine künftige "Katastrophenernte" verantwortlich.

Mit anderen Aktivisten gründete Du Bois 1909 die Bürgerrechtsorganisation NAACP und wurde zu ihrer intellektuellen Stimme. Als Chefredakteur des Monatsblatts "The Crisis", das auch viele liberale Weiße lasen, prangerte er die Entrechtung der Afroamerikaner an, ebenso die Diskriminierung von Iren, Italienern, Asiaten nach dem Ersten Weltkrieg oder den Ausschluss der Juden aus Harvard.

Zum Ende des Ersten Weltkriegs war Du Bois 50 Jahre alt - und seine Mission nahm neue Fahrt auf, mit globalem Engagement gegen Kolonialismus und Imperialismus, Ausbeutung und Unterdrückung. Bis 1945 organisierte er fünf Panafrikanische Kongresse für die Selbstständigkeit der afrikanischen Völker. Neben Jean-Paul Sartre war er einer der Redner auf der Pariser Weltfriedenskonferenz 1949, für die Pablo Picasso die berühmte Friedenstaube entworfen hatte.

Welt-Tournee mit 90

Seine pazifistischen und radikal antikapitalistischen Überzeugungen brachten Du Bois 1951 fast ins Gefängnis. Wegen seiner Sympathien für die Sowjetunion geriet er ins Visier der berüchtigten Kommunistenjäger unter McCarthy und durfte jahrelang die USA nicht verlassen.

Kaum hatte er seinen Reisepass zurück, begab Du Bois sich mit seiner Frau Shirley auf eine mehrmonatige Weltreise, erhielt an seiner früheren Berliner Hochschule (nunmehr Humboldt-Universität) die Ehrendoktorwürde, sprach in Moskau mit Chruschtschow. Seinen 91. Geburtstag feierte er 1959 als Maos Gast in Peking und begrüßte in einer Radioansprache Chinas Abkehr vom Westen. Kurz zuvor hatte er afrikanische Staaten in einer Rede gewarnt: "Lehnt es ab, Kakao, Kaffee, Palmöl und Früchte für lächerlich niedrige Preise abzugeben, während ihr für die alkoholischen Getränke, die Kühlschränke und die Automobile, die ihr einführt, ungeheuerliche Preise zahlen müsst."

Seiner Heimat kehrte er 1961 endgültig den Rücken und ging ins Exil nach Ghana. All das, wofür W. E. B. Du Bois in den USA fast ein Jahrhundert lang gekämpft hatte, sollte er selbst nicht mehr erleben. Am 27. August 1963 starb er im Alter von 95 Jahren. Nur einen Tag später hielt Martin Luther King beim Marsch auf Washington seine legendäre "I have a dream"-Rede". Es war ein weiterer Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung - in den folgenden zwei Jahren wurde die gesetzliche Diskriminierung von Afroamerikanern beendet.

insgesamt 2 Beiträge
Wilfried Huthmacher 07.04.2017
1. Unerwartete Erfahrungen für einen schwarzen Studenten: ....
"Ab 1892 studierte er für drei Semester an der Friedrich-Wilhelm-Universität und begann in Vorlesungen bei Gustav Schmoller und Max Weber, die Rassenproblematik im Zusammenspiel von Ökonomie und Politik zu verstehen. [...]
"Ab 1892 studierte er für drei Semester an der Friedrich-Wilhelm-Universität und begann in Vorlesungen bei Gustav Schmoller und Max Weber, die Rassenproblematik im Zusammenspiel von Ökonomie und Politik zu verstehen. Bisweilen vergaß er seine Hautfarbe: "Neben mir lebten Weiße - Studenten, Bekannte, Dozenten -, die ebenso empfanden wie ich." Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Du Bois sich nicht diskriminiert: "Tief bewegte mich der Gedanke der Einheit der Menschheit." Dass er als Schwarzer auffiel, wurde ihm nur einmal lästig. "Was sind die Lübecker doch neugierig", notierte er nach einem Besuch in der Hansestadt. Auf dem Marktplatz hatten ihn die Leute angestarrt und getuschelt. " ....im 19. Jahrhundert war man anscheinend weniger rassistisch eingestellt als heutzutage. Ich glaube, viele der im Deutschland des 21. -Jhdts. lebenden Schwarzen würden gerne diese Erfahrungen wie der Afro-Amerikaner Du Bois, der in seiner Heimat wohl mehr diskriminiert wurde als in der Fremde - obwohl er gerade dort noch weniger Schwarze antreffen konnte als heutzutage. Die Völkerschauen und Koloniepostkarten hatten wohl noch nicht zu dem Dünkel germanischer ÜBerheblichkeit beigetragen wie er später üblich wurde - und auch heute noch ist.
Joseph Klas 09.04.2017
2. Ungewohnt
Was? Irgendeine führende politische Figur des Kaiserreich wird in einem positiven Kontext erwähnt? Bin ich noch auf Spiegel Online?
Was? Irgendeine führende politische Figur des Kaiserreich wird in einem positiven Kontext erwähnt? Bin ich noch auf Spiegel Online?

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