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einestages

Claudia Roth über Rio Reiser

Das alles - und noch viel mehr...

Er war Sänger der Band Ton Steine Scherben und ernannte sich zum "König von Deutschland". Rio Reiser starb im August 1996. Grünen-Politikerin Claudia Roth denkt zurück an die gemeinsamen Jahre.

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Freitag, 12.08.2016   11:00 Uhr

Zur Autorin

Vor 20 Jahren ist Rio gestorben. Mein Rio. Unser aller Rio. König von Deutschland - und Königin. Ich erinnere mich an ihn natürlich mit Wehmut, mit Traurigkeit darüber, dass er schon so lange nicht mehr da ist. Er würde uns noch immer gut tun, uns Menschen in seinem Königreich. Gerade jetzt.

Was würde er wohl denken über all die Verrücktheiten dieser Welt? Was über all die Gewalt, die Not, die Furcht? Über den Hass der Menschenverachter, über die Macht neuer Medien? Darüber, dass wir es in vielen Bereichen geschafft haben, den Staat auf unsere Seite zu ziehen - auf die Seite der Freiheit, der Bürgerrechte, der Vielfalt? Was würde er sagen zu unserem immer noch täglichen Kampf, all diese Freiheiten zu erhalten und weiter auszubauen, wie überrascht wäre er über unsere Feinde?

Ich habe Rio Mitte der Siebzigerjahre kennengelernt. Zu dieser Zeit arbeitete ich als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen in Dortmund und später am "Hoffmans Comic Teater" in Unna. Zu beiden Spielstätten hatten Rio und seine Band Ton Steine Scherben persönliche Verbindungen, arbeiteten immer wieder selbst an Produktionen mit.

Die Exil-Berliner-WG im Nirgendwo von Fresenhagen

Im Winter 1976, nach der letzten Aufführung der "Struwwelpeter Revue" in Dortmund, für die Rio die Musik komponiert und bei der er als Schauspieler mitgespielt hatte, fuhr ich ihn nach Hause nach Fresenhagen, Kreis Nordfriesland. Es war das erste Mal, dass ich dort war.

Rio lebte mit der Band seit einem Jahr in einem alten Bauernhaus, knapp unterhalb der dänischen Grenze, mitten auf der Geest, in der Mitte von Nirgendwo. Ein Haufen langhaariger Berliner in dieser Ödnis des Nordens.

Mir gefiel es sofort, die Abgeschiedenheit, das Familiäre, dieses Leben mit der Kunst. Ich fuhr also regelmäßig hin und organisierte, wo ich schon mal da war, kleinere Auftritte für die Band oder half ein wenig bei der Pressearbeit. Ich blieb länger und länger, schließlich zog ich Anfang der Achtzigerjahre ganz nach Fresenhagen. Aus ein paar Besuchstagen wurden mehrere Jahre in der spannendsten WG dieser Zeit.

Für mich war die entscheidende Erfahrung die enge Verbindung von Arbeiten und Leben. Arbeit in Fresenhagen war nicht nur im kapitalismuskritischen, sondern auch in einem ganz persönlichen Sinn nicht-entfremdete Arbeit. Die Menschen, die hier gemeinsam etwas erschufen, waren auch die vertrautesten Freunde. Und Rio war in der Scherben-Familie der, der die besten Suppen kochte.

Wir legten stets Wert auf ein gemeinsames Essen am Tag und auf einen schön gedeckten Tisch. Durch das Essen wurden wir von einer Kommune zu einer Familie. Das Geschirr war zusammengeschustert und nicht besonders ansehnlich, aber wenn es Blumen im Garten gab, gab es auch welche auf dem Tisch und, wenn sie sauber war, auch eine Tischdecke.

Einmischung in die eigenen inneren Angelegenheiten

Der Lebensrhythmus mit Rio und den Scherben war jenseits der Mahlzeiten schnell und hart - und gerade in dieser Intensität unendlich reich. Ich hab immer gedacht und gefühlt, dass es nichts Besseres gibt, als mit Rio, als mit dieser Band zusammen zu arbeiten. Und wenn Rio nochmals gerufen hätte, ich hätte alles stehen und liegen lassen, um wieder dabei zu sein.

Ich bekam den Titel "Managerin", tatsächlich sollte ich ums Überleben der Scherben kämpfen und zusehen, dass Geld reinkam. Rio und die anderen nannten mich "Schneewittchen", weil sie die "sieben Scherben" waren - "Sterntaler" wäre jedoch angebrachter gewesen.

Von Rio habe ich in dieser Zeit unendlich viel gelernt: Die Kraft der Bühne und die Magie der Emotionen. Rio war echt, authentisch, war der laute Schrei "Ich will ich sein!" Er konnte seine Gefühle, sein Leiden, seine Wut, seine Sehnsucht, seine Liebe übertragen: von der Bühne auf das Publikum, von der Vinyl-Rille auf die Zuhörer, er konnte Emotionen im wahrsten Sinne rüberbringen und anderen schenken. Damit brachte er die Menschen dazu, sich einzumischen in die eigenen inneren Angelegenheiten.

Von Rio konnte man das akribische Arbeiten, das Schreiben von Texten, das Durchleben eines künstlerischen Prozesses lernen. Rio hat laufend Assoziationen, Gedanken, Inspirationen gesammelt und sie ständig notiert. Er hat unendlich lange und präzise an seinen Texten und Melodien gefeilt. Er hat mir vermittelt, dass ein guter Text, ein guter Song, ein guter Auftritt nicht mal eben so vom Himmel fallen, sondern die volle Hingabe benötigen - und echte, harte Arbeit sind.

Die Bibel und Karl May - Rio hatte beides dabei

Rio hat mir auch gezeigt, dass es wichtig ist, für jede Performance das richtige Kostüm und die richtige Maske zu auszuwählen. Er hatte für jede Tour die eine Jacke, das eine Tuch, die eine Hose. Variationen ausgeschlossen. Denn nur so, aus Tour, Songs, Kostüm, Maske, Performance ergab sich erst jeweils das notwendige große Ganze. Eben das, was ausgedrückt werden musste in diesem Moment.

Diese Erfahrung, einen Künstler in einer Phase seines Schaffens begleitet zu haben, macht mich unendlich reich. Seine harte Arbeit zu sehen, seine Inspirationen, sein Kämpfen mit der inneren und äußeren Welt. Um es für ihn einfacher zu machen, hatte Rio immer zwei Bücher an seiner Seite: die Bibel, aus der er viel zitiert hat, und immer Karl May - auf jeder Platte findet sich ein Titel ihm zu Ehren.

Dass Rio auch Liebeslieder schrieb und gerade er das Private politisch verstand, wurde aus der linken Anarchoszene mitunter heftig kritisiert. Wie kann jemand sein Schwulsein als wichtig darstellen und von Eifersucht singen, wenn wir doch die Revolution vor uns haben und Häuser besetzen müssen? Klang das nicht nach Rückzug und Müdigkeit?

Der erste schwule König von Deutschland

Doch für Rio war es weder das eine noch das andere, sondern es kam einer Revolution gleich. Als 1986 sein "König von Deutschland" die Charts stürmte, verkündete er, dass er der erste schwule König von Deutschland werden wolle - nach Friedrich dem Großen und Ludwig II. Er erklärte, er wolle dafür sorgen, dass sich niemand für seine Gefühle und für sein Begehren schämen oder gar verstecken müsse. Das provozierte Protest und Empörung. Dass ein Popstar seine Homosexualität öffentlich machte, das war damals ein Skandal.

Rio lebte schwul, sang schwul, dachte schwul, war öffentlich und offensichtlich schwul - und stellte sich damit ganz konkret in den Wind und außerhalb jeder Erwartung, sowohl in der Gesellschaft als auch im eigenen, doch so rebellischen Milieu. Durch ihn erst wurde mir klar, wie politisch auch Privates ist, und dass diese Einstellung das beste, vielleicht einzige Rezept gegen Diskriminierung ist.

Auf einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen am 6. März 1985 spielten die Scherben ihr letztes Konzert. Danach verstreuten sie sich in alle Welt. Ich heuerte in Bonn als Pressesprecherin der ersten Bundestagsfraktion der Grünen an. Rio landete seinen Hit mit "König von Deutschland". Zehn Jahre später starb er in Fresenhagen, mit nur 46 Jahren.

Noch heute lächele ich vor Freude, wenn ich an ihn - Somewhere over the Rainbow - denke.

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insgesamt 26 Beiträge
Jean Pierre Hintze 12.08.2016
1. Quark
Dass die Roth jetzt einige Zusammenhänge glorifiziert und zu mystifizieren versucht, ist verständlich, dient aber weniger der Wahrheitsfindung. Die Scherben wurden nicht von der linksradikalen Szene kritisiert oder gar [...]
Dass die Roth jetzt einige Zusammenhänge glorifiziert und zu mystifizieren versucht, ist verständlich, dient aber weniger der Wahrheitsfindung. Die Scherben wurden nicht von der linksradikalen Szene kritisiert oder gar angefeindet; in Fresenhagen fanden selbst Flüchtige RAF´ler Unterschlupf. Die Scherben lieferte den Soundtrack für Straßengewalt und linksextremen Dogmatismus. Einige Linksextreme wandten sich Anfang der Achtziger von Reiser und den Scherben ab, weil diese - wie andere Popularkünstler auch - gerne Geld verdienten und es auch ausgeben wollten. Dafür diente man sich auch gerne den etablierten Labeln und Medien an - gegen Kohle. Das passte eben einigen Aktivisten und vielen Fans nicht - was dann schließlich zur Bedeutungslosigkeit und Auflösung der Band führte. Schrecklich, wie manche instrumentalisiert werden, nur damit sich andere glorifizieren können...
Stefan Raab 12.08.2016
2. Danke
Ich kenne eigentlich nur das Lied vom König der Deutschen- habe es hunderte Male auf Parties mitgesungen. Danke, Claudia Roth, dass Sie mir den Menschen näher gebracht haben.
Ich kenne eigentlich nur das Lied vom König der Deutschen- habe es hunderte Male auf Parties mitgesungen. Danke, Claudia Roth, dass Sie mir den Menschen näher gebracht haben.
Peter Halberg 12.08.2016
3. @1
"Die Scherben lieferte den Soundtrack für Straßengewalt und linksextremen Dogmatismus. " Bitte was? Schonmal ein paar Alben von denen gehört? Quark! Das mag vielleicht auf einige stumpfe linke Punkbands [...]
"Die Scherben lieferte den Soundtrack für Straßengewalt und linksextremen Dogmatismus. " Bitte was? Schonmal ein paar Alben von denen gehört? Quark! Das mag vielleicht auf einige stumpfe linke Punkbands zutreffen, ansonsten sind das nur irgendwelche Klischees und Schubladen eines Unwissenden.
T.h. Wolff 12.08.2016
4.
Was hätte Rio wohl zum grünen Hartz IV-Projekt gesagt? Und zur Agenda 2010? Da wird einem ganz warm ums Herz.
Was hätte Rio wohl zum grünen Hartz IV-Projekt gesagt? Und zur Agenda 2010? Da wird einem ganz warm ums Herz.
Lars Gerloff 12.08.2016
5. Sehr persönliche Sicht
Claudia Roth beschreibt eine sehr persönliche Sicht auf den Künstler Rio Reiser, den sie in einer späten Phase der Scherben kennengelernt hat. Ich selbst konnte als "Spätgeborener" die Scherben nur einmal live [...]
Claudia Roth beschreibt eine sehr persönliche Sicht auf den Künstler Rio Reiser, den sie in einer späten Phase der Scherben kennengelernt hat. Ich selbst konnte als "Spätgeborener" die Scherben nur einmal live erleben. Da es mein erstes Live-Rock-Konzert war, ist mir vor allem die Atmosphäre und die teilweise immer noch barfuß tanzenden Besucher in Erinnerung geblieben. Später habe ich die Begabung Rio Reisers für die deutsche Sprache entdeckt. Ich bewundere ihn immer noch, wie gut Rio Gefühle ausdrücken konnte, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Er und seine Texte schienen authentisch und sprechen mich immer noch an. Und ein wenig hänge ich auch den Träumen nach, die Rio (und Teile der bundesdeutschen Gesellschaft) damals bewegten, die mittlerweile von der Realität überholt worden sind. Die Besten sterben jung, sagt man. Rio gehörte für mich zu den besten deutschsprachigen Künstlern.

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