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einestages

Zweiter Weltkrieg

Wie Luther den deutschen Widerstand spaltete

Der Reformator habe die Deutschen zu devoten Duckmäusern erzogen, so lautete eine gängige These nach dem Zweiten Weltkrieg. In Chicago traf Journalist und Theologe Uwe Siemon-Netto eine Frau, die ihn vom Gegenteil überzeugte.

Goerdeler 1944 vor dem Volksgerichtshof.

Sonntag, 30.10.2016   09:31 Uhr

Zur Person

"Sie stammen aus Leipzig, nicht wahr?", fragte die hochgewachsene Dame, die vor knapp 30 Jahren an die Tür meiner Chicagoer Wohnung klopfte. Es war der Reformationstag. Ich hatte gerade jenseits der Lebensmitte meine Magisterarbeit beendet und arbeitete nun am Entwurf einer Promotionsstudie über das Klischee vom "Fürstenknecht Luther".

"Mein Vater war vor dem Krieg Ihr Oberbürgermeister", fuhr die Frau fort.

"Sie sind also Carl Goerdelers Tochter?", fragte ich, ein gebürtiger Leipziger.

Carl Friedrich Goerdeler

Sie war es. Carl Friedrich Goerdeler war das zivile Oberhaupt des deutschen Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime gewesen. 1937 als Leipzigs Stadtoberhaupt zurückgetreten war er für den Fall eines gelungenen Putsches gegen Hitler als neuer Reichskanzler vorgesehen. Es kam anders: Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 zum Tode verurteilt, starb Goerdeler im Februar 1945 am Galgen.

Nun stand also seine Tochter Marianne Meyer-Krahmer Jahrzehnte später vor mir. Sie blieb zum Abendessen. Ich erzählte ihr, dass ich die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs im Luftschutzkeller in den Armen meiner Großmutter verbracht hatte. Sie schilderte hingegen, wie die Nationalsozialisten ihre Familie in Sippenhaft genommen hatten: "Als die Gestapo kam, bellte unser schwarzer Hund so wütend wie nie zuvor." Monate später habe ein Nazi-Scherge grinsend eine Zeitung in ihre Zelle geworfen. "Strang für Goerdeler", habe die Schlagzeile gelautet.

Mit diesem Treffen begann ein jahrelanger Dialog zwischen Marianne Meyer-Krahmer und mir. Unser Dauerthema war das Widerstandsdenken des Reformators Martin Luther, der als junger und als alter Mann unterschiedliche Positionen dazu vertreten hatte. Diese Divergenz spiegelte sich auch in den Ansichten der deutschen Gegner des Nationalsozialismus wider. Als junger Mann plädierte Luther dafür, Despoten ohne Blutvergießen abzusetzen. Im Alter hieß er hingegen auch ein gewaltsames Vorgehen gegen Tyrannen gut.

Dietrich Bonhoeffer

So dachte auch der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, den die Nazis wie Goerdeler erhängten: Bonhoeffer hielt den Tyrannenmord für gerechtfertigt, weil ihn die Vernunft gebiete. Gleichwohl müsse der Christ diese Tat hernach reumütig vor Christus tragen.

"Mein Vater folgte hingegen dem jungen Luther", erklärte Meyer-Krahmer, die nach dem 20. Juli 1944 die letzten Kriegsmonate in Sippenhaft in den Konzentrationslager Buchenwald und Dachau verbracht hatte. "Er hielt es für unchristlich, einen Menschen ohne ein rechtmäßiges Urteil zu töten. Und wollte Hitler auf geordnete Weise stürzen - nicht durch Aufruhr, sondern durch einen militärischen Staatsstreich, nach dem der Diktator vor ein ordentliches deutsches Gericht gestellt werden sollte", fuhr sie fort.

Unermüdlich reiste Marianne Meyer-Krahmer um die Welt, um das Handeln ihres Vaters gegen Vorwürfe linker Historiker zu verteidigen. Immer wieder besuchte sie dabei auch mich. Ich wollte meinerseits den Vorwurf widerlegen, dass Luther mit seiner Zwei-Reiche-Lehre die Deutschen zu devoten Duckmäusern erzogen habe. Und folglich ein Wegbereiter Hitlers gewesen sei.

Martin Luther

Wir fuhren zusammen zu amerikanischen Historikern, gemeinsam durchforschten wir in ihrem zauberhaften kleinen Haus in Heidelberg das Familienarchiv nach theologischen Anhaltspunkten für Goerdelers Handeln. Einmal zitierte ich den jungen Luther: "Das ist wohl billig, wo etwa ein Fürst, König oder Herr wahnsinnig würde, dass man den absetzte und in Gewahrsam nähme. Denn der ist nun nicht mehr für einen Menschen zu halten, weil die Vernunft dahin ist."

Da rief Marianne Meyer-Krahmer: "...in Gewahrsam nähme: Das ist genau, was mein Vater mit Hitler vorhatte!"

"War er ein bekennender Lutheraner?" fragte ich sie.

"Er war ein Jurist, kein Theologe. Er hat wohl nie gefragt: Wie würde Luther wohl in dieser oder jener Situation handeln? Theologen haben Luther im Kopf, aber mein Vater hatte Luther im Blut", antwortete sie.

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Was sie dann sagte, wirkt heute angesichts der Entwicklungen im Irak und in Libyen prophetisch: "Der konservative Ordnungssinn meines Vaters hatte ihn zum Gegner von Attentatsplänen gemacht, weil ein Attentat wahrscheinlich einen Bürgerkrieg ausgelöst hätte. Der Bürgerkrieg hätte Chaos zur Folge gehabt. Mein Vater glaubte, dieses Chaos könnte vermieden werden, wenn Hitlers Verbrechen in einem ordentlichen Verfahren der Öffentlichkeit bekannt geworden wären."

Eine Faustregel des jungen Luthers ist fast identisch mit Carl Goerdelers heute hoch aktuellen Prinzipien für einen Machtwechsel. Luther sagte, ein wahnsinnig gewordener Fürst dürfe erst dann von seinem Thron geholt werden, wenn man einen fähigen Nachfolger für ihn habe. "Genauso dachte mein Vater", berichtete Marianne Meyer-Krahmer. "Seine Parole war: Was immer du auch tust, bedenke die Folgen deines Handelns. Mein Vater fand, dass es nicht ausreiche, einfach zu handeln. Man müsse immer den nächsten Schritt vorbereiten und dann den nächsten - und dann den nächsten. So stellte er sich verantwortliches Handeln vor, und diese Idee machte mindestens fünfzig Prozent seiner Gedanken zum Thema Widerstand aus."

Getreu diesem Prinzip entwarf Goerdeler damals Kabinettslisten und entwickelte ein Programm für die von ihm geführte Regierung, die nach Hitlers Sturz die Macht übernehmen sollte. "Selbst noch in der Todeszelle entwickelte er Wiederaufbaupläne für die bombenzerstörten deutschen Städte. In Europas schwärzester Stunde entwarf er Pläne für eine europäische Wirtschaftsunion. Diese Pläne sahen ein europäisches Außenministerium, ein europäisches Wirtschaftsministerium und sogar eine europäische Armee vor."

Marianne Meyer-Krahmer starb im Alter von fast 92 Jahren am 7. Dezember 2011. Sie war eine der eindrucksvollsten Frauen, denen ich jemals begegnet bin - gläubige Christin und ein Vernunftmensch zugleich. Wie ihr Vater. Lutherisch gesehen, liegt zwischen diesen beiden Eigenschaften kein Widerspruch. Luther sagte: "Die Vernunft [ist] das Haupt aller Dinge,- gemessen an den übrigen Dingen des Lebens das Allerbeste, ja, etwas Göttliches."

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insgesamt 19 Beiträge
lore heitmann 30.10.2016
1.
Was soll so ein Unsinn? Etwas derart albernes wie Religion krampfhaft mit dem Widerstand im WK2 zu verbinden ist echt hart. Das nächste ist dann ein Streitgespräch mit einem Donaldisten zum gleichen Themenkomplex!
Was soll so ein Unsinn? Etwas derart albernes wie Religion krampfhaft mit dem Widerstand im WK2 zu verbinden ist echt hart. Das nächste ist dann ein Streitgespräch mit einem Donaldisten zum gleichen Themenkomplex!
Poli Tophy 30.10.2016
2. Das war Luther?
Finde es bemerkenswert, dass der Author eine sehr alte philosophische Frage nun an Luther abarbeitet. Klingt wenig plausibel. Und Goerdelers Tochter sagte ja auch folgerichtig, ihr Vater habe sicherlich nicht an Luther gedacht, [...]
Finde es bemerkenswert, dass der Author eine sehr alte philosophische Frage nun an Luther abarbeitet. Klingt wenig plausibel. Und Goerdelers Tochter sagte ja auch folgerichtig, ihr Vater habe sicherlich nicht an Luther gedacht, als er über die moralischen Fragen seiner Umsturzplänen gearbeitet hatte.
Roland K. 30.10.2016
3.
Wie schon der Alte Fritz sagte, soll jeder nach seiner Fasson selig werden, nach christlicher, jüdischer, islamischer, buddhistischer Meinung. Glauben hat jedoch nichts mit Wissenschaft zu tun, sonst gäbe es ja viele sich [...]
Wie schon der Alte Fritz sagte, soll jeder nach seiner Fasson selig werden, nach christlicher, jüdischer, islamischer, buddhistischer Meinung. Glauben hat jedoch nichts mit Wissenschaft zu tun, sonst gäbe es ja viele sich widersprechende Wissenschaften.
Hans-Gerd Wendt 30.10.2016
4. Friede auf Erden
Viel Lob für einen Mann, der alles andere als ein Demokrat und Friedensfreund war. Goerdeler ging es nur um die Brechung der Hitlerschen Macht, weil er einen ganz ähnlichen Unterdrückungsstaat wollte, der allerdings von einer [...]
Viel Lob für einen Mann, der alles andere als ein Demokrat und Friedensfreund war. Goerdeler ging es nur um die Brechung der Hitlerschen Macht, weil er einen ganz ähnlichen Unterdrückungsstaat wollte, der allerdings von einer Mehrzahl elitärer Herrscher gelenkt werden sollte. Selbst die Beendigung des Krieges dachte er sich nur unter Einbehalt besetzter Gebiete und vor allem nicht gegen die UdSSR. Das Programm der Widerständler des 20. Juli sah entsprechend aus.
Ulrich Hartmann 30.10.2016
5. @ 1. lore heitmann
Wer sich gegen die Verbindung des Widerstands mit Religion wehrt, müsste sich zuerst an die Widerstandskämpfer selbst wenden, denn ein großer Teil von ihnen hatte für seinen Widerstand religiöse Motive.
Wer sich gegen die Verbindung des Widerstands mit Religion wehrt, müsste sich zuerst an die Widerstandskämpfer selbst wenden, denn ein großer Teil von ihnen hatte für seinen Widerstand religiöse Motive.

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