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einestages

Martin Dibobe, preußischer Afro-Sozi

Black Power im Kaiserreich

Dem Häuptlingssohn, bestaunt im kolonialen Menschenzoo, gelang ein rasanter Aufstieg. Martin Dibobe kam 1896 aus Kamerun nach Berlin. Er wurde Schlosser, Zugführer, Beamter. Und Vorkämpfer für die Rechte der Afrikaner.

BVG Archiv
Von
Montag, 06.02.2017   10:32 Uhr

Der Afrikaner, der später als Ikone gilt, wird anfangs zum Objekt degradiert. Er sei "groß, kräftig, gut genährt", sein Haar "glänzend braunschwarz, fast ganz in kleine enge Spiralen geordnet", die Unterlippe "etwas rötlich". So verbucht ihn ein amtlicher Bericht, nachdem ein Anthropologe den Mann aus Übersee untersucht hat. "No. 76" prangt über dem Vermerk, bebildert mit Aufnahmen seines Kopfes, von der Seite, von vorn. Preußische Pedanterie.

Im Sommer 1896 soll Martin Dibobe, Sohn eines Duala-Häuptlings in Kamerun, mit etwa hundert anderen Afrikanern einen Menschenzoo im Treptower Park besiedeln. Auf einem Dampfer der Woermann-Linie, deren Kolosse zwischen Kaiserreich und Kolonien verkehren, hat man den 19-Jährigen nach Berlin verschifft.

Seine Leidensgenossen sind auch aus Schutzgebieten beordert worden, die preußische Militärs erobert hatten, aus Kamerun, Togo, Tansania und Namibia. Darunter sind Suaheli, Massai und Ewe, Herero und Nama. Man begrüßt sie mit Leibesvisitationen im Dienste der Rasseforschung.

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Schwarzer Preuße Martin Dibobe: Ein Mustermigrant, aber kein braver Untertan

Die Berliner Völkerschau heißt staatstragend "Deutsche Colonial-Ausstellung" und soll die Deutschen in imperialistisches Fieber versetzen. Die verspätete Nation ist mächtig stolz auf ihre Kolonien und will ihre Kräfte messen mit prosperierenden Großmächten wie Großbritannien oder Frankreich. Gut sieben Millionen Besucher begaffen schließlich "Schauneger", die in einem Hüttendorf aus Holz und Stroh hausen und tagsüber "Hottentotten-Karawanen" inszenieren.

Auch "No. 76" muss afrikanisches Alltagsleben vorgaukeln, missbraucht als exotisches Exponat einer Freakshow. Es ist Martin Dibobes Initiationserlebnis - danach geht er einen außergewöhnlichen Weg. Der "Schauneger" schlägt Wurzeln. In der Hauptstadt des rassistischen Reiches entwickelt er sich zu einer Persönlichkeit, die heute als Pionier schwarzer Selbstermächtigung gefeiert wird.

Schneller Aufstieg zum Zugführer 1. Klasse

Martin Dibobe steigt auf, beruflich und sozial. Er wird erst Handwerker, dann Zugführer der Berliner U-Bahn. Später streitet er als politischer Avantgardist für die Emanzipation seines Heimatlandes und heiratet zwischendurch eine deutsche Frau. Als "Vorbild und Inspiration" preist ihn Katharina Oguntoye, Berliner Historikerin und Aktivistin, die afrikanische Migration erforscht.

Sein Lebensweg: eine Entdeckung. Mittlerweile ist die Inventur kolonialer Vergangenheit zum Trend in der Geschichtswissenschaft geworden. So erinnert derzeit, mit Nilpferdpeitsche und Maschinengewehr als Mahnmalen, eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum an die Verbrechen deutscher Kolonialherren, etwa den Völkermord an Herero und Nama. Die Nachfahren dieser beiden Völker im heutigen Namibia haben die deutsche Bundesregierung auf Entschädigungszahlungen verklagt, wegen der Massaker im Jahr 1904.

Als Dibobe 1896 im Reich von Wilhelm II. eintrifft, hat er Lesen und Schreiben schon gelernt, in einer Missionsschule in seiner Heimat. Ein Pastor hat ihn getauft, statt Quane mit Vornamen heißt er fortan Martin.

Eine Reportage der "Berliner Illustrierten Zeitung", erschienen 1902, registriert Zuversicht nach der Völkerschau in Treptow: "Es gefiel ihm so gut in Berlin, daß er darum bat, hier bleiben zu dürfen, und so brachte man ihn zu einem Schlosser in die Lehre." Die doppeldeutige Überschrift: "Dunkle Existenzen - Aus dem Berufsleben Berliner Neger." Eine Kostprobe des Alltagsrassismus im Obrigkeitsstaat.

Kafkaeske Szenen bei der Ehe-Anbahnung

Um die Jahrhundertwende befindet sich die Metropole Berlin im Umbruch zur Moderne, mit Myriaden von Laternen und leuchtenden Schaufenstern, mit Bars und Kinos. Indes sind Schwarze aus den Kolonien rar, überall im Kaiserreich. Sie drücken Schulbänke, um zu Missionaren in ihren Heimatländern ausgebildet zu werden; sie assistieren Afrikaforschern als Sprachgehilfen. Die Afrikaner, die nach der Berliner Völkerschau bleiben, gehen ins Handwerk, so wie Martin Dibobe zunächst.

Im Siemenswerk arbeitet er als Schlosser, wohnt in der Nähe des Rosenthaler Platzes und verliebt sich in die Tochter des Vermieters. Die Anbahnung der Ehe mit Helene wird kafkaesk: Das Standesamt, das Kolonialamt, das Auswärtige Amt verweigern dem Papierlosen die Trauung.

Als Heiratsvermittler dient schließlich die Basler Mission in Kamerun, deren Pfaffe ihn einst aus dem Taufwasser gehoben hatte. Sie beglaubigt Dibobes Identität. Der Bittsteller ist nun Bräutigam; mit seiner Frau soll er zwei Kinder gehabt haben.

Nicht alles in Dibobes Biografie ist präzise belegt. Klar ist: Außerhalb des familiären Kokons wird er zur Symbolfigur des technologischen Fortschritts. Man befördert den Siemens-Arbeiter zu einem Fahrer der U1, der ersten unterirdischen Bahn im Kaiserreich; mehr als fünf Jahre Bauzeit hatte die Strecke beansprucht.

"Durch Fleiß und einwandfreies Betragen habe ich mir eine Vertrauensstellung erworben und bin seit dem Jahr 1902 in ungekündigter Stellung als Zugführer 1. Classe thätig", notiert Dibobe später. Seine Stelle ist so zeitgemäß wie heute die eines IT-Fachmannes in einem Start-up. Willenskraft, Können, Glück und die Courage seiner Chefs lassen das Aufsteigermärchen wahr werden.

Sozi in Berlin, Aufrührer in Afrika

Mit Lokführermütze und Mantel ist der schwarze Preuße ein Mustermigrant. Aber kein braver Untertan: Auf einem Trip in die Täler seiner Heimat wird er zum Exporteur revolutionärer Ideen. 1907, davon gehen Historiker aus, hilft der von der Reichsregierung entsandte Martin Dibobe beim Bau einer Bahntrasse im Norden Kameruns. Einheimische schlagen Schneisen durch die Urwälder - unter haarsträubenden Bedingungen.

Dibobe öffnet den Chiefs die Augen, "welche Macht der Sozialismus besitzt". In einer Versammlung predigt er Selbstbestimmung, wie er sich später in einem Brief erinnert. Der Aufrührer, entflammt von der Arbeiterbewegung im roten Berlin, trägt den Klassenkampf in den Dschungel.

Den Widerspruchsgeist wahrt er auch in seiner Wahlheimat. Dibobes Vermächtnis ist eine Petition vom Juni 1919, frühe Weimarer Republik. Mit 17 anderen Deutsch-Kamerunern knallt er sie auf die Tische von Reichspräsident Ebert, der Nationalversammlung, des Reichskolonialamtes.

Im Namen der Unterzeichner versichert Dibobe Deutschland "unverbrüchliche, feste Treue" und wendet sich "gegen den Raub der Kolonien", wohl aus Sorge, unter den Engländern oder Franzosen könnte es noch schlimmer kommen. Ansonsten liest sich die Petition wie ein Best-of afrikanischer Befreiungsrethorik. Erster und wichtigster Punkt: "Die Eingeborenen verlangen Selbstständigkeit und Gleichberechtigung."

In Liberia verliert sich seine Spur

Es folgen 31 weitere Forderungen wie ein Ende von Prügelstrafen und Zwangsarbeit, von Misshandlungen und Beschimpfungen; außerdem gerechte Löhne, die Schulpflicht, das Recht zum Studium sowie zur Ehe zwischen Eingeborenen und Weißen. Punkt 31: Ein "ständiger Vertreter unserer Rasse" solle in den Reichstag oder die Nationalversammlung einziehen - und zwar "unser Dualamann Martin Dibobe, der uns als umsichtig und verständig bekannt ist".

Mitstreiter aus der afrodeutschen Szene unterschreiben. Das Manifest zählt zu den wichtigsten politischen Dokumenten afrikanischer Migranten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Dibobe ersehnt ein sozialdemokratisches Utopia im früheren Deutsch-Westafrika, miterrichtet von der Ebert-Regierung. Doch seine Rufe verhallen. Die Kolonien, nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten entrissen, sind kein Thema mehr für die Machthaber.

In der U-Bahn wird Dibobe unterdessen vom Bock gestoßen. Er gilt als zu aufsässig; den Job kostet ihn vermutlich die Teilnahme an einer Arbeiterdemo. 1922 nimmt er Reißaus, ohne seine Familie, auf einem Dampfer nach Kamerun. Vor dem Hafen von Duala verweigern Franzosen ihm die Einreise. Die neuen Kolonialbesatzer befürchten, er könne eine Revolte anzetteln. Dibobe reist weiter nach Liberia, wo sich seine Spur verliert. Wahrscheinlich kommt er dort ums Leben.

Seit dem vergangenen Herbst erinnert eine Gedenktafel an Martin Dibobe, in der Kuglerstraße 44 in Prenzlauer Berg, 1918 seine Adresse, ein weißer, gepflegter Altbau. Sie ehrt einen Weltbürger, der den schwarzen Unabhängigkeitskampf im frühen 20. Jahrhundert vorweggenommen hat - als wohl erster afrodeutscher Sozialdemokrat der Geschichte.

insgesamt 23 Beiträge
Emanuel Gold 06.02.2017
1.
Die Bilder zeigen es sehr schön und deutlich: Das Zeitalter des Kolonialismus war ein weltweites Phänomen und Diskriminierung gab es in jedem Land, völlig egal ob es Kolonien hatte oder nicht. Man sollte nicht vergessen, dass [...]
Die Bilder zeigen es sehr schön und deutlich: Das Zeitalter des Kolonialismus war ein weltweites Phänomen und Diskriminierung gab es in jedem Land, völlig egal ob es Kolonien hatte oder nicht. Man sollte nicht vergessen, dass zur gleichen Zeit in den USA Schwarze noch tausendfach gelyncht wurden.
Oli Swien 06.02.2017
2. Geiler Artikel ...
Geiler Artikel, zeitgerecht! Danke
Geiler Artikel, zeitgerecht! Danke
Andres Loretta 06.02.2017
3. Spannend
Wichtiger Artikel, auch im Kontext der Bilder von der kolonialen Unterdrückung. Was wurde aus seinen Kindern? Viele Deutsch-Afrikanische Kinder wurden im NS zwangssterilisiert auf besondere Anweisung Görings, dessen Vater [...]
Wichtiger Artikel, auch im Kontext der Bilder von der kolonialen Unterdrückung. Was wurde aus seinen Kindern? Viele Deutsch-Afrikanische Kinder wurden im NS zwangssterilisiert auf besondere Anweisung Görings, dessen Vater bereits Kolonialiffizier in Namibia war.
Karl Dieter 06.02.2017
4. Interessante Biografie
Wenn man sich die Karriere des Kameruners ansieht, kommen einem Zweifel, ob die deutsche Gesellschaft tatsächlich so rassistisch war wie im Artikel suggeriert wird. Auch über eine Völkerschau kann man die Nase rümpfen - das [...]
Wenn man sich die Karriere des Kameruners ansieht, kommen einem Zweifel, ob die deutsche Gesellschaft tatsächlich so rassistisch war wie im Artikel suggeriert wird. Auch über eine Völkerschau kann man die Nase rümpfen - das war zu derzeit aber die einzige Möglichkeit für normale Bürger auch mal Menschen anderer Völker zu sehen.
Ulf Lautenbach 06.02.2017
5. Rassismus?
Wo ist in diesem Fall Rassismus zu finden? In unseren heutigen Welt wäre ein "Menschenzoo" natürlich ein Unding, aber zur damaligen Zeit spricht es für mich eher für eine Befriedigung des Interesses an den Kulturen [...]
Wo ist in diesem Fall Rassismus zu finden? In unseren heutigen Welt wäre ein "Menschenzoo" natürlich ein Unding, aber zur damaligen Zeit spricht es für mich eher für eine Befriedigung des Interesses an den Kulturen anderer Länder, Fernsehen und Kino mit wissenschaftlichen Filmen gab es ja nicht.Dass man den Afrikanern Kulturlosigkeit attestiert hat, war ja bis in die 50iger Jahre eher ein englisches Phänomen. Vor allem scheint es einigen Kamerunern ja auch so gut gefallen zu haben, dass sie in Deutschland bleiben wollten, und dann wurde für eine Ausbildung gesorgt. Die ja auch an den Fähigkeiten der Menschen anscheinend angepasst war, und ihnen zu Karrieren verholfen hatten. Dass eine Person ohne Papiere nicht heiraten durfte, war in Preußen auch bei nicht Migranten usus, es war ein sehr bürokratischer Staat, aber anscheinend war es ja möglich an die nötigen Papiere zu kommen. Politische Aktivitäten waren erlaubt, und im Jahre 22 gab es Entlassungen an allen Stellen...

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