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einestages

Erwachsenenwitze in Kinderfilmen

Bei Brüsten hört der Spaß auf

Angetörnte Computer, ein Weihnachtsmann mit Drogenerfahrung und Sexscherze von Mrs Doubtfire: Viele Kinderfilme enthalten Witze, die nur Erwachsene verstehen. Bei einem Busenbild zog Disney jedoch die Reißleine.

Disney
Von
Montag, 20.03.2017   17:16 Uhr

Die nackte Frau war für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen, doch das genügte, um beim Disney-Konzern Panik auszulösen. Am 8. Januar 1999 schickte das US-Unternehmen eine dringende Mitteilung an alle Supermärkte der Vereinigten Staaten. Sämtliche neu aufgelegte VHS-Kassetten des Klassikers "Bernhard und Bianca" müssten umgehend zurückgenommen werden - wegen "fragwürdigen Materials, das nicht auf dem Film hätte sein dürfen".

Drei Tage zuvor erst hatte der Animationsgigant die Neuauflage des Mäuse-Agenten-Films auf den Markt gebracht. Nun musste Disney 3,4 Millionen Exemplare einsammeln und einstampfen. Dabei konnte man die fraglichen Bilder mit bloßem Auge gar nicht erkennen. Der Zuschauer musste die Kassette an der richtigen Stelle anhalten, um zu verstehen, was das Filmstudio so in Angst versetzt hatte.

Da sitzen die beiden Mäuse Bernhard und Bianca in einer Sardinendose auf dem Rücken von Albatros Orville, um ihre Suche nach dem entführten Waisenmädchen Penny zu beginnen. Gerade als das ungewöhnliche Flugzeug im Sturzflug an einem Hochhaus vorbeirast, ist in einem Fenster eine Frau mit blankem Busen zu sehen. Ein Scherz, den sich ein Mitarbeiter angeblich bei der Nachbearbeitung 1977 geleistet hatte.

In den USA ein Skandal

Lediglich zwei Einzelbilder zeigen die Frau - in einem Film mit rund 110.000 gemalten Aufnahmen. Weil die korrumpierten Frames zusammengenommen nur für eine Fünfzehntelsekunde zu sehen waren, wurden in den USA Stimmen laut, ob Disney diese millionenschwere Rückholaktion - die erste in der Geschichte des Unternehmens - überhaupt hätte durchführen müssen. Zumal die Aufnahmen seit dem Kinostart 1977 im Film enthalten waren.

Doch das Studio wusste: Blanke Brüste in einem Kinderfilm sind in den Vereinigten Staaten ein Skandal. Und auf VHS-Kassetten kann man die Filme stoppen, um jede Szene zu überprüfen.

Schon 1995 hatte die christlich-erzkonservative Organisation American Life League aus dem Bundesstaat Virginia zu einem Boykott des Disney-Studios aufgerufen. Andere Sittenwächter schlossen sich der Forderung an. Ihr Vorwurf: Der Konzern würde geheime Sexbotschaften in seinen Filmen verstecken - ob bei "Aladdin" oder bei "Arielle".

Zeichen im Staub

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Der angeblich offensichtlichste Fall betraf den "König der Löwen". In einer Szene blickt der erwachsene Löwe Simba mit Warzenschwein Pumbaa und Erdmännchen Timon in den Nachthimmel. Als sie über die Bedeutung von Sternen sprechen, steht Simba plötzlich auf und lässt sich am Rand einer Klippe auf den Boden fallen. Der aufgewirbelte Staub - so die US-Sittenwächter - soll dabei das Wort "SEX" formen.

Disney reagierte umgehend. Das Unternehmen gab zu, dass Buchstaben in der Staubwolke zu sehen seien. Dabei solle es sich aber um die Zeichenfolge "SFX" handeln - ein gängiges lautmalerisches Kürzel für "special effects". Ein Animationsteam des Films habe sich in dem mit zwei Oscars ausgezeichneten Kinderwerk verewigen wollen.

Dennoch halten sich die Mythen von den geheimen Botschaften in Disney-Filmen bis zum heutigen Tag, Verschwörungsseiten im Internet sind voll mit "Aufdeckungen". Auch der Symbol-Thriller-Bestseller "Sakrileg" von Dan Brown geht auf die Staubszene im "König der Löwen" ein. 1997 sah sich Disney-Chef Michael Eisner sogar dazu gezwungen, im Fernsehsender CBS zu erklären, dass bei einer Szene von "Arielle" ein Pfarrer nur spitze Knie habe - die American Life League hatte erklärt, der Geistliche sei sexuell erregt.

Um die Wogen zu glätten, ließ der Konzern fragliche Szenen umarbeiten: Auf neuen DVD-Versionen sind die Aufnahmen gar nicht mehr zu finden. Auch bei "Bernhard und Bianca" kam einige Monate nach der Rückholaktion eine übermalte Version in die Läden - nachdem Mitarbeiter den Film Frame für Frame durchgeschaut hatten.

Selbstzensur und stachelige Kindermädchen

Die Frage, wie schädlich Filme für Kinder sein könnten, stellte sich schon in den frühen Jahren des Kinos. Zwar gab es unter anderem in England schon um 1900 einige Lichtspielhäuser, die spezielle Vorführungen für Minderjährige anboten. Filmwissenschaftler Ian Wojcik-Andrews erwähnt in seinem Buch "Children's Films" die Gemeinde Mickleover in Derbyshire, in der es zu Stummfilmzeiten bereits einmal wöchentlich Kinderprogramme mit kurzen Sketchen und Verfolgungsjagden gab.

Doch fast ebenso schnell formierten sich Gruppierungen, die vor sittlichem und moralischem Verfall durch Filme warnten - und diese vor allem für Kinder als unangemessen ansahen. In der goldenen Hollywoodstudio-Ära ab den Dreißigerjahren legten sich die Filmfirmen selbst eine strenge Zensur auf, um diesen Vorwürfen entgegenzuwirken. Flüche oder obszöne Andeutungen waren verboten.

Erst in den Neunzigerjahren wurden die Studios sichtlich mutiger: 1993 brachte 20th Century Fox die Komödie "Mrs Doubtfire" mit Robin Williams raus. In der Verkleidung des titelgebenden Kindermädchens versuchte dieser, seiner Familie nahe zu bleiben - obwohl Ehefrau Miranda (Sally Field) die Scheidung eingereicht hatte. Schließlich traf er im Restaurant auf Mirandas neue Flamme Stu Dunmeyer (Pierce Brosnan). Während die Kinder mit am Tisch saßen, flüsterte er Stu in süßlichem Mrs-Doubtfire-Singsang zu, dass dieser doch bestimmt "sein Rohr verlegen" wolle und welche "elektrischen Dinge" Miranda in ihrem Schlafzimmer verstecke. Sexanspielungen, die viele Kinder nicht verstanden haben dürften - die für Erwachsene allerdings eindeutig waren.

Santa im Höhenrausch

Verdeckte Anspielungen finden sich noch in weiteren Werken, die offiziell für Sechsjährige freigegeben waren: In "Santa Claus - Eine schöne Bescherung" (1994) verwandelte sich Komiker Tim Allen vom spießigen Bürohengst in den Weihnachtsmann. Auf den faszinierten Ausruf seines Sohnes, dass er fliegen könne, antwortete Allen: "Das kenne ich schon, ich habe in den Sechzigerjahren gelebt."

Und selbst in Animationsfilmen konnte man den neuen Trend zum versteckten Erwachsenenwitz entdecken. Vor allem bei Sequels, die direkt auf VHS-Kassetten herausgebracht wurden. So erklärte der Dschinni in "Aladdin und der König der Diebe" (1996), dass "sich die Erde erst in den Flitterwochen bewegt". Und in "Der tapfere kleine Toaster als Retter in der Not" (1999) wird ein Computer von einem Virus befallen, der ihn nach eigenen Worten in Wallungen versetzt und bewirkt, dass er einen Schwall weißen Papiers auswirft.

Mittlerweile ist so gut wie jeder Kinderfilm mit einer zweiten Bedeutungsebene versehen. Die "Shrek"- oder "Ice Age"-Reihen beziehen sich auf andere Filme oder lassen zum Teil offensichtliche Sexwitze einfließen. Wie das US-Magazin "The Atlantic" im September 2016 in seiner Rezension des Kinderfilms "Störche" schrieb: "Es sind die Erwachsenen, die die Kinotickets kaufen. Es sind die Erwachsenen, die die DVDs für ihre Kinder besorgen." Deshalb müssten die Filme auch Scherze enthalten, die für ältere Zuschauer erheiternd seien.

Angesichts dieser Entwicklung steht zu vermuten, dass Disney heute seine Videokassetten nicht zurückholen würde.

insgesamt 11 Beiträge
Gernot Spelsberg 20.03.2017
1. Falsches Spiel mit Roger Rabbit
War Rogers Ehefrau nicht in einigen Szenen nackt? Nur bei einigen Einzelbildern sichtbar.
War Rogers Ehefrau nicht in einigen Szenen nackt? Nur bei einigen Einzelbildern sichtbar.
Klaus Wachtler 20.03.2017
2. Vollkommen richtig!
Gerade kleine Kinder, eben noch Säugling, wissen ja gar wie ein Busen aussieht! Die könnten ja einen Schock bekommen.
Gerade kleine Kinder, eben noch Säugling, wissen ja gar wie ein Busen aussieht! Die könnten ja einen Schock bekommen.
Viktor Meyer 20.03.2017
3. Ich habe mit 11 Jahren....
...schon das MAD-Magazin gelesen und heute weder ballerballer noch ein Paria der Gesellschaft. Habe ich oder meine Eltern, die mich nicht in Watte gepackt haben, etwas falsch gemacht?
...schon das MAD-Magazin gelesen und heute weder ballerballer noch ein Paria der Gesellschaft. Habe ich oder meine Eltern, die mich nicht in Watte gepackt haben, etwas falsch gemacht?
Justus Meyser 20.03.2017
4.
Eingeschlagene Schädel, abgetrennte Gliedmaßen, fliegende Gedärme, misshandelte Frauen und Kinder, alles ok bei den Puritanern. - Hauptsache keine Busen. Kranke Gesellschaft.
Eingeschlagene Schädel, abgetrennte Gliedmaßen, fliegende Gedärme, misshandelte Frauen und Kinder, alles ok bei den Puritanern. - Hauptsache keine Busen. Kranke Gesellschaft.
Robert Wagner 20.03.2017
5. Nachdenken und mitzählen!
Ok, wenn's ein Disney-Film ist, dann ists sofort ein Skandälchen. Aber Erwachsenenwitze bei der Dreamworks- oder BlueSky-Konkurrenz? Das ist doch echt nichts neues! Und soo schlimm finde ich die meisten Witze jetzt nicht. [...]
Ok, wenn's ein Disney-Film ist, dann ists sofort ein Skandälchen. Aber Erwachsenenwitze bei der Dreamworks- oder BlueSky-Konkurrenz? Das ist doch echt nichts neues! Und soo schlimm finde ich die meisten Witze jetzt nicht. Wenn man in der Fotostrecke zählt, sind die Disney-Filme eindeutig in der Minderheit. (als Robots rauskam, war Pixar noch unabhängig!) Und man sollte sich da noch einmal "Rango" vornehmen! Ok das ist zwar kein Kinderfilm (und die Werbung damals war komplett fürn Eimer!) aber der Film selbst - eine derbe Parodie! Und wer Trickfilme /-serien (egal ob CGI oder klassisch gezeichnet) stets mit "Kinderkram" gleichsetzt, dem rate ich mal die dritte und vierte Staffel von Star Wars -The Clone Wars anzusehen! P.S. für den UK-Markt wurden sogar Szenen in "Shrek" geändert! checkts mal auf schnittberichte dot com!

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