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einestages

Denkwürdige Amtseinführungen

Glückwunsch, Mr President - die Pannenparade

Nicht immer gilt dem neuen US-Präsidenten zum Machtwechsel die volle Aufmerksamkeit. Donald Trumps Vorgänger wurden oft böse überrascht - von berittenen Suffragetten, Schneestürmen, einem lallenden Vize.

REUTERS/ Library of Congress
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Donnerstag, 19.01.2017   12:19 Uhr

Armer Woodrow Wilson. Fast niemand interessierte sich für den künftigen US-Präsidenten, als er am 3. März 1913 in Washington, D.C. eintraf. Es war der Tag vor seiner feierlichen Amtseinführung. "Kaum 20 Personen nahmen Notiz von seinem Automobil, als es durch die stillen Straßen brauste, und nur wenige applaudierten, als er sein Hotel erreichte", schrieb die "New York Times". Enttäuscht habe Wilson gefragt: "Wo sind all die Leute?"

Ja, wo? Bei der Konkurrenzveranstaltung: Zornige Frauen toppten die Ankunft des Pfarrerssohns aus Virginia. Sie machten sich dafür stark, dass politische Macht nicht länger den Männern vorbehalten blieb. Und so zogen mehr als 5000 Suffragetten - inklusive neun Bands, vier berittenen Brigaden und zwei Dutzend Festwagen - durch die Hauptstadt, vom Kapitol bis zu den Stufen des Finanzministeriums.

Ihr Ziel: das Frauenwahlrecht. Zwar war Feministin Victoria Woodhull bereits 1872 die erste Präsidentschaftskandidatin der USA - aber nicht einmal sie selbst durfte sich wählen. Das volle Wahlrecht auf allen Ebenen erhielten Frauen in den Vereinigten Staaten erst 1920 per Verfassungszusatz (noch über Jahrzehnte verhinderten einige Bundesstaaten allerdings, mit Tricks von Schreibtests bis zu Wahlsteuern, die Wahlteilnahme von Afroamerikanern).

An jenem 3. März 1913 waren die Schaulustigen besonders verblüfft, als eine Schönheit mit langen, dunklen Locken an ihnen vorbei galoppierte: Frauenrechtlerin Inez Milholland Boissevain, 27, führte den Zug auf einem Schimmel an (siehe Fotostrecke). Die Sternenkrone und der weiße Umhang verliehen der Juristin die Aura einer Jeanne d'Arc.

Begrabscht, geschubst, bespuckt

"Dies ist die wichtigste Demonstration, die jemals in diesem Land von Suffragetten ausging", schwärmte die Frauenorganisation NAWSA (National American Woman Suffrage Association). Zum Marsch waren manche bereits am 12. Februar von New York aus gestartet. In 17 Tagen bewältigten Wahlrechtswanderinnen die rund 380 Kilometer bis in die Hauptstadt; weniger sportliche schlossen sich erst dort an.

Gentlemanlike wurden die Frauenrechtlerinnen nicht empfangen: Die überwiegend männlichen Passanten stellten sich in den Weg, verspotteten sie, schubsten und bespuckten sie. Rund hundert Suffragetten mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus.

Statt die Frauenparade zu schützen, schauten viele Gesetzeshüter den Übergriffen tatenlos zu, amüsierten sich oder machten gar mit. Daher kam es später zu Anhörungen im Kongress - der Polizeichef musste seinen Hut nehmen.

Whiskey gegen Lampenfieber

Zu Donald Trumps Amtseinführung machen sich erneut Frauen auf den Weg, um mit dem Women's March on Washington Zeichen zu setzen: für Gleichberechtigung, gegen Intoleranz und Hassparolen, diesmal am Tag nach der Amtseinführung. Für den kommenden Samstag erwarten die Veranstalterinnen 200.000 Teilnehmerinnen, weltweit finden 386 "Schwesternmärsche" statt, etwa in Berlin, Sydney, Paris und London.

Die marschierenden Frauen und all die anderen Gegner werden Trump kaum die Show stehlen - wer könnte das schon? Aber wieder ist Washington im Ausnahmezustand. Und häufig in der Geschichte waren Episoden am Rande des Inauguration Day spannender als die Zeremonie selbst.

So sorgte 1865 nicht etwa Abraham Lincoln für Furore, sondern sein Vizepräsident - Andrew Johnson, sternhagelvoll. Um sich nach einer Typhuserkrankung in Form zu bringen, kippte er kurz vor seiner Festrede drei Gläser Whiskey. Der Politiker lallte, dass sich die Anwesenden vor Scham krümmten: "Ich war noch nie in meinem Leben so peinlich berührt, am liebsten hätte ich mich in einem Loch versteckt", klagte US-Senator Zachariah Chandler.

Feuer, Eis und ein Patzer beim Eid

Knapp hundert Jahre später, bei der Amtseinführung von John F. Kennedy 1961, ging so ziemlich alles schief, wie Historiker Jim Bendat in seinem amüsanten Buch "Democracy's Big Day" über Amtseinführungen von 1789 bis 2009 schrieb.

Erst legte ein Schneesturm die Stadt lahm, mit Flammenwerfern mussten Soldaten die Strecke zwischen Kongress und Weißem Haus freibrennen. Dann stieg wegen eines Kurzschlusses just in dem Moment Rauch von der Rednertribüne auf, als ein Erzbischof zum Bittgebet anhob.

Als wäre das nicht genug, patzte auch noch Kennedys Vize Lyndon B. Johnson: Statt einfach den Eid nachzubeten, verhedderte sich Johnson, stockte - und schloss mit einem hilflosen "...whatever". Was auch immer er sich dabei gedacht haben mag.

Fotostrecke

Amtseinführungen in den USA: Zornige Frauen, tote Tauben, Diarrhöe

Und das war noch längst nicht alles: Gigantische Erdnüsse, vergiftete Vögel und ein Cowboy, der den mächtigsten Mann der Welt per Lasso fing - die schrägsten Episoden rund um den Amtsantritt von US-Präsidenten in der Fotostrecke

insgesamt 8 Beiträge
Werner Brach 19.01.2017
1.
Wenn Herr Trump das Verhältnis zu Russland verbessert hat er schon mehr getan als Obama der illegale Kriege geführt hat und auch den Sturz der legitimen Regierung in der Ukraine zu verantworten hat. Außerdem haben wir Obama die [...]
Wenn Herr Trump das Verhältnis zu Russland verbessert hat er schon mehr getan als Obama der illegale Kriege geführt hat und auch den Sturz der legitimen Regierung in der Ukraine zu verantworten hat. Außerdem haben wir Obama die Flüchtlingskrise zu verdanken.
Siegfried Luef 19.01.2017
2. dass die freien Radikalen
eine weibliche Art in Victoria Woodhull hatten, ist doch ein wenig überraschend.
eine weibliche Art in Victoria Woodhull hatten, ist doch ein wenig überraschend.
Christoph Große Ahlert 19.01.2017
3. @Werner brach #1
was hat ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun? egal. So war es wirklich: wenn überhaupt, dann war Bush schuld. aber man kann auch den IS, assad und Putin nennen. sogar GB und Frankreich haben mehr damit zu tun als Obama. schauen [...]
was hat ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun? egal. So war es wirklich: wenn überhaupt, dann war Bush schuld. aber man kann auch den IS, assad und Putin nennen. sogar GB und Frankreich haben mehr damit zu tun als Obama. schauen sie mal in die Geschichte. ach und die Regierung in der Ukraine wurde vom Volk weggeputscht, nicht von Obama. troll aus Russland?
Marcus Straub 19.01.2017
4. Interessant, der erste Beitrag geht gleich gegen Obama
Und dabei geht's hier doch nur um denkwürde Amtseinführungen. Und interessant sicher auch, wer von den typischen SPON-Foristen hier NICHT auftaucht, da ja der Klarname genannt wird. Aber um darauf zu antworten, Herr Brach: wenn [...]
Und dabei geht's hier doch nur um denkwürde Amtseinführungen. Und interessant sicher auch, wer von den typischen SPON-Foristen hier NICHT auftaucht, da ja der Klarname genannt wird. Aber um darauf zu antworten, Herr Brach: wenn Donald Trump das Verhältnis zu Russland erkennbar verbessert, so wird er das Verhältnis zur EU verschlechtern. Wenn Ihnen das recht ist?
Angelika Weiss 19.01.2017
5. Inauguration
Etwas für Vogelliebhaber. Zum Beispiel: Der Geier. Er ist ein Name einer Reihe großer Greifvögel. Zum Beispiel: Ein Adler. Ein Adler habe sich im Fluge die Mütze von Lucumo (Sd Demaratus v. Korinthos) geschnappt und sie [...]
Etwas für Vogelliebhaber. Zum Beispiel: Der Geier. Er ist ein Name einer Reihe großer Greifvögel. Zum Beispiel: Ein Adler. Ein Adler habe sich im Fluge die Mütze von Lucumo (Sd Demaratus v. Korinthos) geschnappt und sie ihm nach einiger Zeit wieder aufgesetzt. Tanaquil, die mit Lucomo verheiratet war, meinte, dieser Vorgang sei ein Zeichen der Götter ... Er nahm es ernst und wurde König. Lucomo habe als König den Namen Lucius Tarquinius Priscus (s.a. Tarquinii) getragen und griechischen Geist in Kunst und Sitte des damaligen Italien verwoben. Tanaquil, die fortan Geia Caecilia geheißen habe, sei die erste bekannte Caecilia. ... Du webst die Welt bis ans Ende der Zeit. Das ist aus einem aktuellen heidnischen Hit, aber s.a. Ps. 24:1-2. Danke für die Anregung.

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