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einestages

Käfig-Kinder

Schatz, häng mal das Baby zum Lüften raus

Ein Zwerg hinter Gittern, das wirkt befremdlich. In den USA wurde ein "tragbarer Baby-Käfig" sogar zum Patent angemeldet. Und Mütter, die ihre Kinder hineinsetzten, meinten es nur gut. Wirklich.

Getty Images
Von
Donnerstag, 26.01.2017   14:34 Uhr

Eine Unterbringung im Käfig, das erinnert an Legehennen. Oder an Knast. Das Foto oben gibt auf den ersten Blick Rätsel auf: Wieso musste dieses Kleinkind seine Umgebung durch ein Drahtgeflecht betrachten?

Die Aufnahme ist bereits gut 80 Jahre alt, sie zeigt einen kleinen Londoner 1936. Damals gab es weder Legebatterien noch eine Diskussion über die Vor- und Nachteile der Käfighaltung. Und Mütter, die ihre Kinder einst auf diese Weise aus dem Fenster hängten, galten nicht als herzlos - sondern als modern. Sie wollten nur das Beste für ihren Nachwuchs.

Im Grunde aber hatte die Käfigbox auch damals schon mit Effizienz zu tun, dem rationalen Umgang mit knappen Ressourcen. In diesem Fall: von Raum und Zeit.

Fotostrecke

Babys gut durchlüften: Irrwege der Käfighaltung

Für die Landbevölkerung war der Aufenthalt an frischer Luft selbstverständlich. In den wachsenden Industriestädten des 19. Jahrhunderts jedoch galten die Vorstellungen des US-Arztes Luther Emmett Holt als geradezu revolutionär. Der New Yorker Klinikdirektor, ein Pionier auf dem Gebiet der Kinderheilkunde, hatte 1894 das Buch "The Care and Feeding of Children" herausgebracht - eigentlich eine Anleitung zur Ausbildung von Kinderkrankenschwestern. Es wurde ein Bestseller und erschien in mehreren Auflagen in New York und London.

Eine von Holts Empfehlungen betraf: das "Lüften". Frische Luft, so schrieb der Doktor, sei "erforderlich, um das Blut zu erneuern und zu reinigen, und das ist für die Gesundheit und das Wachstum genauso notwendig wie gutes Essen". Ein wertvoller Tipp für junge Mütter.

"Ich wusste absolut nichts über Babys"

Holt beschrieb, zu welchen Zeiten und bei welcher Witterung einem Kind der Aufenthalt an frischer Luft zumutbar sei. Als Bekleidung empfahl er eine "Haube und einen leichten Mantel wie für die Straße", während das Kind bei weit geöffneten Fenstern und geschlossenen Türen in Wiege oder Kinderwagen liegen sollte.

Auf detailliertere Angaben zum räumlichen Belüftungsaufbau verzichtete Holt. Vielleicht hielt er das nicht für nötig, vielleicht konnte er sich die Wohnverhältnisse einer durchschnittlichen Londoner oder New Yorker Familie nicht vorstellen.

An genau an dieser Stelle setzte die Kreativität junger Mütter ein - wie bei Eleanor Roosevelt, später bekannt als Uno-Diplomatin, Menschenrechtsaktivistin und Ehefrau von US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes 1906 kaufte die 21-Jährige einen Hühnerdrahtkäfig, hängte ihn ans Fenster ihres New Yorker Stadthauses an der East 36th Street und legte die kleine Anna hinein.

Sie hatte gehört, so schrieb Eleanor Roosevelt später in ihrer Biografie, wie gut frische Luft für Babys sei. Für Hinweise dieser Art war sie sehr dankbar. "Ich habe mich nie für Puppen oder kleine Kinder interessiert", bekannte Roosevelt freimütig, "ich wusste absolut nichts über den Umgang mit Babys oder das Füttern."

Ein Nachbar drohte, Roosevelt zu verpetzen

Die kleine Anna goutierte den Frischluftkäfig nicht wirklich. Möglicherweise lag es daran, dass der ausgerechnet an einem Fenster an der Nordseite hing, wo es immer kalt und schattig war. Das Kind schrie oft, Eleanor ließ es schreien - bis ein Nachbar eingriff. Er drohte der jungen Mutter, sie bei der New Yorker Kinderschutzorganisation Society for the Prevention of Cruelty to Children zu melden. "Das war ein Schock für mich", erinnerte sich Eleanor Roosevelt später, "ich dachte, ich sei eine sehr moderne Mutter."

Patentskizze

Mit ihrer Idee war Eleanor nicht allein. Aus Spokane im US-Bundesstaat Washington meldete die Bürgerin Emma Read 1922 das Patent für einen "tragbaren Baby-Käfig" an; im Jahr darauf wurde es erteilt. In ihrem Antrag beschrieb Read einen "herzustellenden Artikel für Babys und Kleinkinder", der "an der Außenseite eines Gebäudes angrenzend an ein offenes Fenster aufgehängt" werden könne. Er umfasse "ein Gehäuse oder einen Käfig, in den das Baby oder Kleinkind zusammen mit geeignetem Spielzeug platziert werden kann".

Wie verbreitet die Konstruktion in den USA war, ist nicht bekannt. Erhalten geblieben sind indes Aufnahmen, die ganz ähnliche Anbauten wie von Emma Read beschrieben an Londoner Mietshäusern zeigen. Das Royal Institute of British Architects hatte solche "Babybalkone" 1935 als "notwendigen Bestandteil jeder Mittelklasse-Wohnsiedlung" empfohlen, unter Berufung auf die Erfahrungen des Chelsea Babies' Club, einer Art Wohlfahrtszentrum für Mittelstandsmütter.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und den verheerenden deutschen Luftangriffen verschwanden Babykäfige aus Londons Stadtbild. Ein Werbefilm von 1953 sollte die Konstruktion danach aber offenbar wieder populär machen.

Die Verbreitung hielt sich in Grenzen. Verdichtet hatte sich hingegen der Autoverkehr in den Innenstädten. Da war ein luftiger Platz direkt über der Straße vermutlich auch bald nicht mehr so begehrenswert.

Library of Congress

Nationaal Archief/Collectie Spaarnestad/Het Leven

Burton Historical Collection, Detroit Public Library

Stanford University

Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz

insgesamt 8 Beiträge
Klaus Rose 26.01.2017
1. von wegen eines tages
Gitterbetten sind heute noch in allgemeinem Gebrauch.
Gitterbetten sind heute noch in allgemeinem Gebrauch.
Sabin Chen 26.01.2017
2. grusel..
dass die keine Angst hatten, das schmiert nach unten ab..also mir wär das mulmig
dass die keine Angst hatten, das schmiert nach unten ab..also mir wär das mulmig
Kurt Prions 26.01.2017
3. Das Laufgeschirr gabs wirklich
Da gab es ein Bild, aufgenommen im Ruhrgebiet bei meiner Oma! Kommentar meiner Mutter: So etwas wollte man für dich (Jahrgang 1959) auch kaufen, war aber zu teuer! Außerdem hätten wir uns ja im Dorf (800 Einwohner, BW), glaube [...]
Da gab es ein Bild, aufgenommen im Ruhrgebiet bei meiner Oma! Kommentar meiner Mutter: So etwas wollte man für dich (Jahrgang 1959) auch kaufen, war aber zu teuer! Außerdem hätten wir uns ja im Dorf (800 Einwohner, BW), glaube ich, damit schämen müssen!
Kathrin Schmidt 26.01.2017
4.
.... lass ich mir ja gefallen, aber "Irrweg"??? Und warum sollten die Angst gehabt haben, das die Balkone abschmieren?.. Können Sie sich nicht vorstellen, das die Konstruktionen solide waren? Die Konstrukteure damals [...]
.... lass ich mir ja gefallen, aber "Irrweg"??? Und warum sollten die Angst gehabt haben, das die Balkone abschmieren?.. Können Sie sich nicht vorstellen, das die Konstruktionen solide waren? Die Konstrukteure damals waren auch nicht doof. Mich gruselt es eher. wenn ich 2 jährige an der Straßenbahnhaltestelle auf dem Bordstein sitzen sehe und die Mütter stehen ungerührt daneben. Übrigens, heute heißt der "Käfig" Babybox ... oder... Fernseher...
Stefan Immanuel 27.01.2017
5.
Euch ist schon klar, dass es auch heute noch "Laufställe" gibt, oder?
Euch ist schon klar, dass es auch heute noch "Laufställe" gibt, oder?

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