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einestages

Operndiva Lina Cavalieri

Die schöne Gefangene

Um 1900 galt Lina Cavalieri als "schönste Frau der Welt". Nach ihrem Tod entwickelte ein Designer eine schräge Obsession: Piero Fornasetti verewigte sie in Hunderten Variationen - mit Bart, zerstückelt, im Taucheranzug.

INTERFOTO / Bildarchiv Hansmann/ Fornasetti
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Mittwoch, 08.02.2017   11:09 Uhr

Grafen, Prinzen, Millionäre - in Scharen lagen ihr die Männer zu Füßen, doch für die meisten blieb Lina Cavalieri unerreichbar. Anfang des 20. Jahrhunderts galt die italienische Opernsängerin als anmutig und betörend wie keine Zweite auf der Welt. Mehr als tausend Rosen und Orchideen täglich soll sie erhalten haben, 870 Verehrer hätten um ihre Hand angehalten, munkelte man. Und sieben sollen aus Enttäuschung sogar Selbstmord begangen haben.

Davide Campari, dessen Familie den berühmten Bitterlikör erfand, folgte der Diva auf Schritt und Tritt. Ebenso ein sizilianischer Graf, der bei ihr als Chauffeur anheuerte. Mit dem Komponisten Giacomo Puccini verband sie eine Affäre. Und dem legendären Tenor Enrico Caruso kam sie mit einem Bühnenkuss an der Metropolitan Opera in New York so leidenschaftlich nahe, dass die Presse sie zur kissing primadonna kürte.

Unzähligen Liebhabern, etwa dem Radiopionier Guglielmo Marconi, brach Lina Cavalieri das Herz. Nur einem ihrer zahlreichen Bewunderer vermochte sie kein Leid zuzufügen - weil er für Lina entflammte, als sie schon längt tot war.

Vollkommen wie eine griechische Statue

Piero Fornasetti verfiel der engelsgleichen Sopranistin erst posthum, es war Liebe auf den ersten Blick. Der italienische Designer entdeckte die Muse seines Lebens im Jahr 1952 per Zufall, in einem französischen Magazin aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Fornasetti war ein Multitalent: Maler, Bildhauer und Objektdesigner, Innenausstatter und Kunstbuchdrucker und Objektdesigner. Rastlos durchforstete er alte Bücher und Zeitschriften. Der manische Sammler hatte ein besonderes Faible für ulkige Meeresungeheuer, Spielkarten, Sonnen, Harlekine und Hände. Diese Motive tauchen immer wieder in seinen Werken auf.

Am meisten hatte es ihm die betörende Lina Cavalieri angetan: Sie sei der Inbegriff klassischer Schönheit, erklärte Fornasetti einmal verzückt. So vollkommen wie eine griechische Statue, geheimnisvoll wie Leonardo da Vincis "Mona Lisa". Die Sängerin mit den großen Augen und dem feingeschwungenen Mund geriet für ihn zur Obsession, die ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr loslassen sollte.

In mehr als 330 Varianten huldigte Fornasetti der Operndiva. Ihre ebenmäßigen Gesichtszüge ließ er auf Tassen und Aschenbecher, Buchstützen und Schachbretter, Lampenschirme und Dutzende weitere Alltagsobjekte drucken und von Hand bearbeiten.

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Fornasettis Obsession: Die Tellerdame

Zweites Leben auf Keramiktellern

Mit seiner Fantasie gab er Lina Cavalieri immer wieder eine neue Gestalt. Und befeuerte damit den Mythos der donna più bella del mondo, der schönsten Frau der Welt, so der Titel eines italienischen Kinofilms von 1955. Schauspielerin Gina Lollobrigida schlüpfte in die Rolle jener Frau, die der Dichter Gabriele D'Annunzio einst als "höchste Offenbarung der Venus auf Erden" pries. Eine Frau, die klein anfing - um weltweit durchzustarten.

INTERFOTO / Mary Evans

Lina Cavalieri (1907), Sopranistin und Herzensbrecherin

An Weihnachten 1874 wurde Lina Cavalieri in einfachen Verhältnissen nahe Rom geboren und musste schon als Kind arbeiten, ihr Geld verdiente sie zunächst als Floristin und Schneiderin. Ihre Stimme und ihr Charisma jedoch öffneten ihr bald schon die Türen der renommiertesten Theater in Europa und Amerika. In Paris triumphierte sie auf der Bühne der Folies Bérgères, in New York hatte sie einen fixen Vertrag beim Ensemble der Metropolitan Opera.

Fünf Ehemänner verschliss die schöne Sopranistin, darunter ein russischer Prinz und ein Rennfahrer. Vom steinreichen Amerikaner Robert Winthrop Chanler trennte sie sich gleich nach den Flitterwochen und kehrte nach Italien zurück - nicht ohne sich vorher einen Teil seines Vermögens überschreiben zu lassen. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Cavalieri als freiwillige Krankenschwester, 1944 starb sie bei einem Bombenangriff auf ihr Haus in Florenz.

Surreale Visionen eines Designers

Ein Jahrzehnt später ließ Piero Fornasetti die Diva auferstehen, vielhundertfach. "Thema und Variationen" nannte er die Serie, die vor allem durch die surreal wirkenden Wandteller weltweit bekannt wurde. Fotos vom Designer vor Dutzenden seiner Kreationen lassen das ganze Ausmaß seiner bizarren Passion für die Dame mit dem hypnotischen Blick erahnen.

Lina Cavalieri wird zur Sonne mit geometrisch abgezirkelten Strahlen, zum Medusenhaupt, zur Maske. Oder sie blickt dem Betrachter aus einem Teller entgegen, neben ihr ein Essbesteck.

Auf anderen Objekten ist Lina Cavalieri wie ein Paket verschnürt, durch ein riesiges Pflaster auf dem Gesicht zum Schweigen gebracht, in Einzelteile zerstückelt, mit einem Charlie-Chaplin-Bärtchen verziert oder hat ein Krokodil im Schlund. Wenn sie als griechische Statue dargestellt ist, wird der Einfluss der metaphysischen Malerei Giorgio De Chiricos deutlich erkennbar. Ihre riesigen Augen erinnern an die suggestiven Frauenporträts des avantgardistischen Fotografen Man Ray.

Pate gestanden hat auch der Surrealist René Magritte, wenn etwa Cavalieris ausgestanztes Gesicht wie ein Himmelskörper hinter ihrem Kopf schwebt: An der Stelle von Augen, Nase, Mund klafft nun eine kreisrunde Lücke, wie durch ein Fenster sind im Hintergrund Himmel und Meer zu sehen.

"Wie ein heutiger Rockstar"

Auf Magrittes Gemälde "Die schöne Gefangene" enttarnt eine Staffelei mit dem Gemälde einer Landschaft vor einer Landschaft Kunst als Illusion. Bei Fornasetti verblüfft vor allem, wie absurd verfremdet ein täuschend echtes menschliches Gesicht auf alltäglichen Gebrauchsgegenständen wirkt. Die schöne Lina Cavalieri - sie wird hier zu einer ewigen Gefangenen der Vorstellungskraft des Künstlers.

Seit dem Tod des Designers 1988 setzt Sohn Barnaba sein Werk fort. Gut 40 neue Variationen von Cavalieris Gesicht sind hinzugekommen. Das Triennale Design Museum in Mailand und das Pariser Museum "Les Arts Décoratifs" haben Piero Fornasetti große Retrospektiven gewidmet.

Lina trägt nun auch einen nach oben gezwirbelten Schnurrbart im Stil von Salvador Dalí und eine Pilotenbrille, in der sich die Silhouette von Paris spiegelt. Und als französische Nationalfigur "Marianne" trägt sie eine Jakobinermütze auf dem Kopf.

"Schon zu ihrer Zeit war sie eine Ikone, eine Diva, so etwas wie ein heutiger Rockstar", sagte Barnaba Fornasetti 2016 der Zeitung "Corriere della Sera" und beschrieb Lina Cavalieri als "antikonformistisch und revolutionär. Ohne es zu wissen, ist sie zum Spiegel all dessen geworden, was mein Vater geschaffen hat. Dabei hat er ihr Bild gar nicht selbst erfunden, sondern es bearbeitet, indem er seiner Fantasie freien Lauf ließ. So wie Andy Warhol es bei Marilyn Monroe und den Campbell-Suppendosen getan hat."

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