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1/2017

70 SPIEGEL-Jahre

Utopien - was von den Träumen übrig blieb

Die Sechzigerjahre waren ein Jahrzehnt des Aufbruchs. Gibt es ein Leben jenseits der Profitmaximierung? Auch im 21. Jahrhundert sind die Menschen noch auf der Suche - die Sehnsucht nach Utopien lebt weiter.

Frank Höhne/DER SPIEGEL
Von Elke Schmitter
Freitag, 30.12.2016   00:00 Uhr

Im Juli 1967 kam Herbert Marcuse aus Kalifornien nach Berlin. Ein Philosoph der Hoffnung, ein jüdischer Emigrant, der mit Freud und Marx im Kopf und der Liebe zur Revolution in der Seele für eine utopische Zukunft stritt, strikt ausgehend von der Gegenwart: Längst sind wir so weit, so sein Argument, die Menschheit aus dem Zeitalter der Notwendigkeit in das der Freiheit zu führen. Der wissenschaftliche Fortschritt und der entwickelte Kapitalismus schufen Verhältnisse, in denen das materielle Elend abgeschafft werden kann. In denen kein Erdenbewohner mehr hungern oder an heilbaren Krankheiten sterben müsste. In denen außerdem die Produktion der notwendigen Güter sich so weit rationalisieren ließe, dass das Leben des durchschnittlichen Menschen endlich mehr sein könnte als Schufterei, um zu überleben, und seine Kinder vorzubereiten, unter demselben Schicksal zu leiden.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2017
70 Jahre SPIEGEL
Wut kann man sich erarbeiten

Marcuse war von den Studenten, so der SPIEGEL 1969, "geradezu triumphal empfangen worden. Dem Verlangen nach schnell wirkenden Revolutionsrezepten hatte er allerdings nicht entsprochen". Stattdessen erinnerte er an die marxsche Vision der Freiheit, in der es dem Einzelnen möglich ist, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden", weil die gesellschaftliche Produktion nicht die Profitmaximierung, sondern die Zufriedenheit ihrer Mitglieder zum höchsten Ziele hat. Dieses Reich der Freiheit könnte nun angebrochen sein, meinte Marcuse. Die Verwirklichung der allerschönsten Utopie.

Sie ist das Reich des Konjunktivs. Einmal verwirklicht, schwindet ihr Zauber dahin; das Selbstverständliche ist kein Grund zum Glücklichsein. 100 Jahre vor dem Besuch Marcuses in Berlin - auf Einladung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), um über Utopie, die außerparlamentarische Opposition und den Krieg in Vietnam zu diskutieren -, 100 Jahre vor diesem Besuch wären sehr viele Selbstverständlichkeiten der späten Sechzigerjahre utopisch erschienen.

Nicht nur das Flugzeug, mit dem er ankam, nicht nur das Fernsehen, das über die utopieverliebte und gegenwartsvergrimmte Apo berichtete. Sondern die schlichte Tatsache, dass gute Ernährung, eine professionelle Gesundheitsversorgung und kostenlose Bildung für alle bereits Gewohnheit waren. Von Antibabypillen, bezahlten Urlaubstagen und Penicillin gar nicht zu reden, auch nicht von einem westlichen Europa der vertraglich friedvollen Nachbarschaft.

Auf Utopia gibt es keinen Privatbesitz

Vor 500 Jahren, 1516, erschien in der flämischen Stadt Leuven der Roman "Utopia" des englischen Staatsmannes und Philosophen Thomas Morus, die genaue Beschreibung seines Traums: des Lebens auf einer Insel, geformt wie das Britannien seiner Zeit, bewohnt von normalen Menschen, allerdings in einem politischen System, das sich zu den Verhältnissen seiner Zeit wie eine Umkehrung verhält. Es gibt weder Religionskriege noch Willkürherrschaft, weder Armut der vielen noch Prachtentfaltung der wenigen. Es herrscht Ruhe im Lande, die Politiker werden basisdemokratisch gewählt; oligarchische Strukturen, Erbhöfe und aristokratische Fehden sind ausgeschlossen.

SPIEGEL-Quiz "7 mal 10"

Vor allem aber sind die beiden elementaren Ursachen für Zwist im Kleinen und Grausamkeit im Großen systemisch eliminiert: Auf Utopia gibt es keinen Privatbesitz, und das Staatswesen ist nicht religiös verfasst. Alle Güter werden gerecht verteilt, das kollektiv Erwirtschaftete kommt allen gleichermaßen zugute. Alle arbeiten, aber keiner muss schuften. Die Städte und die Häuser sehen überall gleich aus, auch sind die Bürger alle gleich gekleidet: Weder Entwicklung noch Vielfalt sind Ideale; das Leben ist so stabil wie übersichtlich, ein säkularer Kibbuz. Es handelt sich um ein etwas bürokratisches Paradies, eine wunschlose, unendliche Gegenwart.

Seit jener Schrift des Mannes, der 19 Jahre später unter Heinrich dem XIII. als Staats- und Religionsverräter enthauptet werden sollte, ist die Utopie ein strittiger Begriff: für die einen die totalitäre Verführung schlechthin, ein gefährlich funkelnder Stern des Unmöglichen, der Zorn schürt und die Menschen zu Geiseln unverwirklichbarer Programme macht. Für die anderen die Entwicklung jenes genuin menschlichen "Möglichkeitssinns" - so Robert Musils Wortschöpfung in seinem Monumentalroman "Der Mann ohne Eigenschaften" -, ohne den wir alle die Beute des Tatsächlichen wären, hoffnungslos dem ausgeliefert, was ohnehin der Fall ist.

Utopie. Der Klang dieses Wortes ändert sich unaufhörlich, er passt sich den Verhältnissen an. Gegenwärtig sind weit ausspannende Visionen eher gesucht als aufdringlich. Noch immer scheint das visionäre Denken unter der Lähmung zu leiden, die nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter der Losung vom "Ende der Geschichte" um sich griff. Demokratie und Marktwirtschaft, so hatte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 in seinem berühmten Aufsatz prophezeit, wären die bleibenden Sieger im Kampf der Systeme.

Die infantile Fröhlichkeit der Visionäre

Was ist geblieben von den Utopien der Sechzigerjahre, von den radikalen Hoffnungen auf den befreiten Menschen und von den Vorhersagen jener Institute, die, beauftragt von der Regierung, die Politik in die erwartbare Zukunft lenken sollten?

Mit Letzterem ist man schnell fertig. Das meiste gehört in die Abteilung Kabarett; es zeigt, dass der musilsche Möglichkeitssinn wie eine Wünschelrute zuckt, seine Ausschläge aber weit weniger verlässlich sind. Der damals so prominente wie geschätzte Professor Wagenführ, Chef des Tübinger Wickert-Instituts für Zukunftsforschung, sagte 1968 voraus, schon im Jahr 2000 würden die Deutschen nur noch drei Tage in der Woche arbeiten, und mithilfe "elektronischer Stimulierung menschlicher Gehirnzentren" oder auch durch Drogen würde die Bevölkerung intelligenter. Der SPIEGEL war von dieser "grobmaschigen Prophetie" damals nicht überzeugt. Aber nicht nur Wagenführ, sondern vielen sogenannten Zukunftsforschern schien das Leben in unterirdischen Städten etwa von der Jahrtausendwende an selbstverständlich; britische Ingenieure befassten sich mit Erschließungsplänen bis zu 150 Metern unter der Erdoberfläche.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Ob das Leben unter der Erde, in unterirdischen Blasen in den Ozeanen oder im Raumfahrtanzug auf anderen Himmelskörpern - im technisch-visionären Denken zeigt sich im Rückblick eine so infantile Fröhlichkeit, als hätte Jules Verne den Herren die Feder geführt. Doch auch die düsteren Vorhersagen des Club of Rome haben sich, glücklicherweise, zum großen Teil nicht erfüllt: Der Menschheit geht es insgesamt nicht schlechter, sondern besser, was Ernährung, medizinische Versorgung und Bevölkerungswachstum betrifft. Bei den Rohstoffen sieht es besser aus als damals angenommen. Und der deutsche Wald, dessen Sterben auch der SPIEGEL prophezeit hat, lebt immer noch. Wobei natürlich niemals genau zu entscheiden ist, wie weit die apokalyptische Warnung ebenjene Kräfte in Gang setzt, die zu einer Verhinderung von Katastrophen führen. Ob aus dem Schwarzseher im Nachhinein ein Hysteriker wird, entscheidet ja eben die Zukunft, an deren Gestaltung er seinen Anteil hat.

Für das utopische Denken ist aber ohnehin nicht die Vorhersage das Entscheidende. Sie krankt nicht nur an den so schwierig zu beantwortenden Fragen, welche Daten man als Basis für die Hochrechnung nimmt und welche Entwicklungen man als wahrscheinliche zugrunde legt. Sie krankt vor allem an einem erkenntnistheoretisch blinden Fleck: Denn selbst wenn man die Probleme vorhersagen kann - deren Lösungen lassen sich eben nicht imaginieren. Zu oft sind technische Entwicklungen nicht Ergebnis gezielter Forschung, sondern ihr Abfallprodukt oder ihr ganz unbeabsichtigter Effekt. Die Mikrowelle, die Teflonbeschichtung und Viagra sind die bekanntesten Beispiele, aber auch Penicillin und LSD waren Überraschungen - keine Antworten auf bohrende Fragen, sondern mehr oder minder zweifelhafte Geschenke. Innovationen lassen sich nicht verordnen, technische Entwicklungen nur lückenhaft und ungenau imaginieren - und keine menschliche Vorstellungskraft reichte aus, das Aidsvirus zu prophezeien.

Wo sind sie hin, die utopischen Impulse?

Nein, das utopische Denken ist von jeher am produktivsten, wenn es sich mit sozialphilosophischen Fragen befasst. Wie Thomas Morus mit seiner radikalen Vision einer Welt ohne Eigentum und Bürgerkrieg, wie Herbert Marcuse mit seinem Appell an den Möglichkeitssinn, der von den Ressourcen Ausgang nimmt, die es bereits gibt. Nichts davon hat sich erledigt, im Gegenteil: Die Landwirtschaft ist noch effizienter geworden, die Welt wächst zusammen in ihren internationalen Organisationen, es gibt weniger Sterblichkeit aufgrund von Seuchen und weniger Opfer der Armut denn je. Und doch erscheint die Gegenwart vielen beklagenswert, und vorherrschend scheint ein Gefühl von Erschöpfung und von zielarmer Durchwurstelei. Wo sind sie also hin, die utopischen Impulse aus den Sechzigern?

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Jetzt auch schon 70: Uschi Obermaier, Partygirl der Apo

Das berühmte Bild der Berliner Kommune 1, sieben nackte Rücken und ein kleiner Junge, der interessiert in die Kamera guckt, es ist das ikonische Synonym geworden für den Ausbruch aus der bürgerlichen Kleinfamilienordnung, die da hieß: Sex nur unter Verlobten oder Ehepaaren, das Heterosexuelle als Norm, die Kindererziehung eine Privatangelegenheit auf repressiver Grundlage. Auch Uschi Obermaier trug als Kommunardin zur Verbreitung dieser Ideen bei (und zeigte außerdem 1969 dem geneigten SPIEGEL-Leser in einer Bastelanleitung in acht Schritten, wie man einen Joint baut).

Die Wohngemeinschaft ist ein Erfolgsmodell, sie hat sich längst als Lebensform etabliert, nicht nur für das studentische Leben, sondern auch als progressives Modell für das Zusammenleben von Senioren. Die Erziehung hat normativ das Kindeswohl zur Hauptsache gemacht; nicht nur Kinder körperlich zu züchtigen ist so verboten wie geächtet - die freie Entwicklung der Persönlichkeit ist das häufig unerreichte, aber anerkannte Ziel in der familiären Pädagogik wie in den Institutionen. Dass dies auch die funktional passende Antwort auf eine Wirtschaftsentwicklung ist, die elterliche Erwartungen an die Karrieren ihrer Kinder (Opa Schreiner, Vater Schreiner und der Sohn natürlich auch, und das Mädchen heiratet ja sowieso) weitgehend zerschreddert hat - geschenkt.

Sexualität und Repression sind kein auf ewig versprochenes Paar mehr

Das heterosexuelle Leben ist statistisch vorherrschend, aber als eine natürliche Einstellung, die alles andere zur Abweichung macht, zur klandestinen, schamerfüllten, als pervers geächteten, auch strafbaren "Handlung", hat es sich erledigt. Nicht in allen Versammlungen, Bundestagsfraktionen, Schulkonferenzen, Unternehmen und Kneipen. Aber als eine alles beherrschende Norm. Stattdessen lebt die sexuelle Befreiung ihre Lust an der Demonstration beim Christopher Street Dayaus und hat in den leicht zugänglichen Nischen der Kontakthöfe in der virtuellen wie der realen Welt für jede libidinöse Fantasie die passende Erfüllung im Angebot. Dass die Verbindung von Geld und Sex in der erlaubten Prostitution nach wie vor verbrecherische Strukturen zulässt oder gar unabsichtlich befördert, ist so bitter wie unstrittig, aber keine Folge dieser Befreiung. Und dass die frühere Bückware nun im Netz für jeden, also auch für Kinder, zugänglich ist, schafft neue Beunruhigungen und Probleme.

Doch ein offen schwuler Außenminister, eine mit einer Frau verheiratete Umweltministerin, die Patchworkfamilie als statistische Häufigkeit sind nur einige weithin sichtbare Zeichen dafür, dass Sexualität und Repression, wie Marcuse es genannt hätte, kein sich auf ewig versprochenes Paar mehr sind.

Entschieden nüchterner sieht die Bilanz der Frauenbewegungaus. Ende der Sechzigerjahre fiel es den Veranstaltern der Diskussionstage an der Freien Universität offenbar nicht unangenehm auf, dass über die progressive Gesellschaft allein ältere und jüngere Männer diskutierten. Der sogenannte Nebenwiderspruch war ein lästiges, unangenehm kläffendes Wesen, das sich in die Hosenbeine des Fortschritts verbiss, unbelehrbar über die großen Fragen. Die feministische Blüte der Siebzigerjahre ist allein den Frauen selbst zu verdanken, jenem unermüdlichen Zusammenwirken in den Selbsterfahrungsgruppen und den Kinderläden, in den Archiven und Betrieben, in Frauenuniversitäten und Gleichstellungsinitiativen.

Inzwischen sind Frauen gebildeter und besser für ein selbstständiges Leben gerüstet als jemals in der westlichen Geschichte. "Die Alpha-Mädchen - wie eine neue Generation von Frauen die Männer überholt", titelte der SPIEGEL 2007. Doch die Frauen werden nicht nur im Durchschnitt immer noch schlechter bezahlt, sie stoßen nicht nur, je weiter sie aufsteigen, immer noch und immer wieder an die berüchtigte "gläserne Decke" - sie tragen vor allem weiterhin in ihren Biografien die ungelösten Widersprüche der Gesellschaft als Einzelkämpferinnen aus.

Sanft vom Sockel der Selbstverständlichkeit geschubst

Wer Kinder erziehen und außerdem anspruchsvoll oder auch nur mit ordentlicher Rentenaussicht arbeiten will, hat nach wie vor nicht nur schlechte Aussichten - erst recht, wenn zu pflegende ältere Familienmitglieder in der Nähe sind. Vor allem ist dieses biografische Kunststück in aller Regel nur zu bewerkstelligen, wenn die Frau andere, dürftig bezahlte, häufig ihrerseits ihre Kinder zurücklassende Frauen beschäftigt, um "das bisschen Haushalt", wie Johanna von Koczian Ende der Siebzigerjahre sang, und die viele Pflege erledigen zu lassen - schlechtes Gewissen, schlechte Nerven und einsame Überforderung inklusive.

Und schließlich hat das Erreichte auch dazu geführt, dass die Lage komplexer geworden ist. "Die" Frauenbewegung gibt es weniger denn je, sie scheint einstweilen zerfallen in institutionelle oder gewerkschaftliche Ämterarbeit und Erfahrungsberichte der Frustration, in denen sich die Generationen selten treffen. Ihre ideologiekritische Wahrnehmung geht im Gender Mainstreaming auf - in der Sprache der EU: "geschlechtersensible Folgenabschätzung" - was einerseits ein ungeheurer Fortschritt ist, tatsächlich eine realisierte Utopie. Denn dass bei Vermögenspolitik, bei Bildung und Chancenverteilung mitgedacht wird, wie sich das auf die Geschlechter auswirkt, nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in den internationalen Organisationen, ist ein wirklicher Gewinn.


DER SPIEGEL

Auszug aus dem SPIEGEL vom 19. September 1966

"Gammler" waren 1966 ein neues Phänomen auf den Straßen westdeutscher Großstädte: "Langhaarig, trinkfest, schmuddelig, gleichgültig", so beschrieb der SPIEGEL die jungen Menschen, für die es Wichtigeres gab als materiellen Wohlstand. "Sie verstehen es, auf jede Weise nichts zu tun", hieß es in der Titelgeschichte. Ein Dutzend SPIEGEL-Leute war mit der Recherche über die Jugendbewegung befasst, sie redeten zuallererst mit den jungen Leuten selbst: "Nils von der Heyde", so wird über einen Redakteur in der Hausmitteilung berichtet, "rechnete über eine Hamburger Reeperbahn-Bewirtung des Gammlers Stein DM 4,50 ab." Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


So ist es der Frauenbewegung gelungen, den heterosexuellen, gesunden Mann mittleren Alters als Maß des Denkens und als ideelles Gesamtsubjekt sanft von seinem Sockel der Selbstverständlichkeit zu schubsen. So hat sie auch zu jener Zurücknahme von Gewalt beigetragen, auf den Straßen und in innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die sich seit den Sechzigerjahren grosso modo durchgesetzt hat. Wir leben, auch wenn wir es nicht immer glauben wollen, friedlicher denn je.

Und doch, und doch ...

Die utopischen Ressourcen der Sechzigerjahre harren, was das solidarische Handeln betrifft, mehr denn je der Erfüllung. Vielleicht am wenigsten bei jenem Thema, das durch die Flüge zum Mond eine ikonische Fassung bekam, auch so eine "Nebenfolge" ( Ulrich Beck) des wissenschaftlichen Fortschritts: Die Fotos des Planeten Erde, die ihn in seiner Schönheit und Verletzlichkeit zeigen, nicht als Masse, sondern als schwebende Kugel mit einer zarten, fragilen Oberfläche, haben der Umweltbewegung ein emotionales Bildmotiv geliefert, das neben versteppten Brachen, abgeholzten Regenwäldern und Plastikschwemmen in den Ozeanen besteht - als Erinnerung an eine Gegenwart, die wir bis dahin nicht sehen konnten, und als Appell an die gemeinsame Verantwortung für das fragile Ökosystem, in und von dem wir leben.

Die Bewahrung der Natur, in den Sechzigern noch das Anliegen einer konservativen Minderheit und einer aufbrechenden Jugendbewegung, ist zu einem elementaren Programmteil der Politik geworden. Und wo die sich uneinsichtig zeigt beziehungsweise den Kapitalinteressen in allem den Vorzug gibt, wie im neuen Kabinett der USA unter der Führung Donald Trumps, findet sich eine Initiative Superreicher zusammen, die zwar ihr Geld nicht umweltschonend verdient haben, aber es nun teilweise in die Umweltschonung investieren wollen.

Anstelle der solidarischen Idee: Selbstoptimierung

Professionalisierung allenthalben. Gigantische Stiftungen wie die von Bill Gates oder die Soros-Foundation sind zu machtvollen Akteuren geworden - kein Ausgleich für die immer weiter sich aufspreizende weltweite Verteilung des Vermögens, aber eine philanthropische Antwort auf eine politische Lage, in welcher der Neoliberalismus und die Geldwirtschaft die Aushöhlung sozialer Institutionen immer weiter betreiben.

Mit der kommunistischen Utopie scheint auch das Programm der Sozialdemokratie einer Art von Ächtung anheimgefallen zu sein - ihre Siege wurden zur Selbstverständlichkeit, aber ihr größtes Potenzial, die solidarische Idee, liegt brach. An die Stelle des gemeinschaftlich agierenden Subjekts, das bei den 68ern, in der Frauen- und der Umweltbewegung zumindest als Idealtypus fungierte, ist der um sich selbst besorgte Selbstoptimierer getreten. Statt zum Sportverein oder in die Volkshochschule geht er ins Fitnesscenter oder bucht einen Coach, um Körper und Geist zu bilden, statt der Selbsterfahrungsgruppe ist der Psychologe die seelische Rettungsstation, und zu der Frage, ob Quinoa oder Gojibeeren den eigenen Säure-Basen-Haushalt besser ausgleichen, fällt ihm vermutlich mehr ein als zur Lebensmittelausgabe für Bedürftige gleich um die Ecke.

Aber es kann auch derselbe sein, der ebenda jeden Sonntag hinter der Theke steht, für Wikipedia oder die Einführung einer internationalen Finanztransaktionsteuer aktiv ist und dessen Facebook-Gruppe Fahrräder für Flüchtlinge sammelt. In der Generation nach ihm, bei den noch nicht Berufstätigen, fällt eine Trennung ins Auge zwischen den vielen polizeilich Unauffälligen, die in Parteien oder anderen sozialen Gruppierungen vor allem lösungsorientiert aktiv sind, und jenen wenigen, die - wie die radikale und nicht pazifistischen Nach-68er-Bewegungen - "das System", das große Ganze, als ihren persönlichen Feind betrachten. Die der weitgehende Zerfall der Occupy-Bewegung ratlos zurückgelassen hat und denen die kleinen Schritte im beschleunigten Kapitalismus als Rückschritt erscheinen.

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70 Jahre: Der SPIEGEL in Zahlen

In Zeiten, da man auf die Straße ging, um etwas zu erreichen, waren kollektive Bewegungen leichter zu erkennen als in der vernetzten Gegenwart. Utopisches Denken rumort nach wie vor. Es hält sich einerseits in den sozialen Nischen auf. Und es trägt auf der anderen Seite jene still wachsenden Bewegungen, die, im besten Sinne visionär, elementare Kategorien der Geschichte ablösen wollen: das zu beschulende Kind durch das aktiv lernende, wie beispielsweise bei der "Schule im Aufbruch" um den Neurobiologen Gerald Hüther. Die Nation durch eine Europäische Republik der Regionen, wie in der EUtopie-Bewegung um die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gúerot. Den Sozialhilfeempfänger durch den Bezieher eines Grundeinkommens, wie in diversen Programmen nicht nur in Europa. Den passiven Wähler durch den per Losverfahren bestimmten Mitgestalter der Demokratie, wie in der Initiative um den Flamen David Van Reybrouck. Das utopische Denken selbst, das in der "Futur Zwei"-Stiftung des Sozialwissenschaftlers Harald Welzer von einer radikalen Geste zu einer Transformation werden soll - indem eine bessere Welt von morgen an vielen Beispielen im Heute demonstriert wird.

Und schließlich den Staatsangehörigen durch den Weltbürger - wie in den zahllosen Graswurzel- und Großinitiativen, die das Netz ermöglicht, und in den internationalen Organisationen. Die beharrlich darauf hinarbeiten, dass die allgemeinen Menschenrechte von einer radikalen Utopie zu einer Realität werden, die sich in allen Nationen einklagen lässt: als das Recht auf den Zugang zu sauberem Wasser, als das Recht, auf unverseuchtem Boden zu leben. Als das Recht auf Bildung und körperliche Unversehrtheit, auf die Freiheit von Diskriminierung, auf Pressefreiheit und soziale Gerechtigkeit.

Ein Prozess, der von zahllosen Rückschlägen begleitet ist, von realpolitischen Machtmanövern, von Ignoranz, Korruption und dem menschlichen Makel in jeder Form; wie sollte es anders sein?

Aber eben eine fortlaufende Bewegung, ins Werk gesetzt von Institutionen, die selbst schon so etwas sind wie die Verwirklichung einer Utopie: ein weites Feld für den Möglichkeitssinn, der sich nicht nur auf die Zukunft richtet, sondern auch in der Gegenwart trainiert.

insgesamt 2 Beiträge
Julia Sanders 30.01.2017
1. froh...
Ich bin froh, dass ich heute lebe und nicht in den 70er Jahren! Das ist doch heute alles so offen in der Gesellschaft! Frauen sind gut ausgebildet, verdienen eigenes Geld! Man kann schwul, hetoreo, geschieden oder alleinstehend [...]
Ich bin froh, dass ich heute lebe und nicht in den 70er Jahren! Das ist doch heute alles so offen in der Gesellschaft! Frauen sind gut ausgebildet, verdienen eigenes Geld! Man kann schwul, hetoreo, geschieden oder alleinstehend sein. Ich finde das heute eine tolle Zeit und: In Deutschland haben wir das alles unter einer CDU-Kanzlerin, die linke Politik macht! Wer hätte das gedacht?
Hansdieter Vergib 01.02.2017
2. Utopien - was von den Träumen übrig blieb.
„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Mahatma Gandhi.
„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Mahatma Gandhi.

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