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einestages

Hit "Der Nippel"

Als Mike Krüger Deutschland flachlegte

Er zog für die Nation den Nippel durch die Lasche: Mike Krügers Blödel-Hit läutete 1980 eine Dekade voller pubertärer Witze ein. Ohne ihn wäre der Humor der Deutschen wohl nie erwachsen geworden.

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Donnerstag, 23.02.2017   11:04 Uhr

Zur Autorin

1980, Montagabend, Dieter Thomas Heck. Das war ein Dreiklang, den ich schon mit fünfeinhalb Jahren kannte. Er moderierte aus dem Studio vier der Berliner Union Film die beliebte "ZDF-Hitparade". Meine Eltern hatten mir erlaubt aufzubleiben, sie hielten Hecks Musiksendung für jugendfrei. Zumindest, bis Mike Krüger am 19. Mai 1980 im weißen Hemd zur Bluejeans samt Klampfe ans Mikro trat und mit unschuldiger Miene von Nippeln zu singen begann. Das Publikum klatschte sofort begeistert mit. Die deutschen Wohnzimmer erreichte ein Hit, der das Juxjahrzehnt einleitete.

Wenige Wochen nach Krügers Auftritt bemerkte der SPIEGEL, dass eine neue Epoche begonnen habe, und schrieb von der "Nippelierung des musikalischen Unterhaltungswesens der Bundesrepublik". Der Artikel bescheinigte dem Sänger, er treffe "zwei Seelen in der Brust des Deutschen: das katastrophengeplagte HB-Männchen und den Schweinigel" und habe sich auf "den kleinsten gemeinen Nenner deutscher Unterhaltungsbedürfnisse eingepegelt".

Sprich: Flacher ging es ja wohl nun wirklich nicht mehr.

Obwohl Krüger schon 1975 mit dem Song "Mein Gott, Walther" vorgelegt hatte und in den Siebzigern auch Otto Waalkes und Didi Hallervorden schon den Klamauk pflegten, wurde mit diesem Song das Blödeln flächendeckend. Die Single schoss in Windeseile auf Platz eins der Charts.

Vor Friseuren getestet

Die Idee war Krüger eher zufällig gekommen, als er beim Essen seinen Nachbarn mit Senf bekleckerte, weil er die Tube nicht aufbekam. Und so handelte sein Song, passend zum kommenden Konsumjahrzehnt, von Verpackungen: "Fast alles ist heut eingepackt, man kriegt es sehr schlecht auf", sang er. Das betraf die Senftube genauso wie den Kaffeeautomaten, den BH der Freundin und sogar das Himmelstor.

Dabei war doch eigentlich alles ganz leicht: "Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben drehn. Da erscheint sofort ein Pfeil, und da drücken Sie dann drauf, und schon geht die Tube auf."

Der Komiker ahnte, dass er mit solchem Nonsens den Nerv der Zeit treffen würde - er hatte das Lied bei einer Gala in Darmstadt vor 1500 Friseuren getestet. "Ich dachte: Wenn jemand alle schlechten Witze kennt, dann Friseure", sagte er später. "Und wenn die den Song lustig fanden, dann war er lustig. Sie standen auf den Bänken."

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Blödelbarde Mike Krüger: Der mit dem Nippel baggerte

Deutschland war bereit, humoristisch flachgelegt zu werden. Mike Krüger bahnte mit seinem Song den Wechsel vom Harmlosen zum Anzüglichen, vom Spaßigen zum Blödsinnigen.

Dass dies nicht jedem recht war, erlebte ich an jenem Abend 1980 im Wohnzimmer meiner Eltern. Obwohl sie auf dem Sofa automatisch mitklatschten, wirkten sie seltsam irritiert. Gerade war noch alles so schön stubenrein gewesen. Sie selbst waren in den Nachkriegsjahren großgeworden, als die hiesigen Komiker der Welt zeigten, dass sich niemand mehr vor den Deutschen fürchten musste. Und so standen im heimischen Plattenschrank neben ABBA und Reinhard Mey allenfalls die harmlosen Schelmereien eines Heinz Erhardt.

Auf zum Blödsinn

Als Kind liebte ich Erhardts Platten, später stellte ich wie viele Altersgenossen die Alben "Otto versaut Hamburg" und "Der Nippel" daneben. Man könnte sagen, ich kam gemeinsam mit Deutschland in die Pubertät. Selbst wenn ich viele der anzüglichen Witze meiner Lieblingskomiker erst später verstand, hörte ich Platten der Blödelbarden mit den flattrigen Frisuren, den großen Nasen oder hängenden Augenlidern rauf und runter.

Ulk wurde der große Renner der neonbunten Zeit. Die seit den Siebzigerjahren aktiven Spaßmacher Otto Waalkes, Didi Hallervorden, Jürgen von der Lippe und Karl Dall warfen in den Achtzigern den Turbo an. Die Deutschen schienen genug zu haben von der Harmlosigkeit der Fünfziger und der Rebellion der 68er. Die neuen deutschen Blödeltexte crashten auch mitten in eine heile Schlagerwelt, die bis dato Udo Jürgens, Gitte und Roland Kaiser regiert hatten, und sie wirbelten deutsches Liedgut gemeinsam mit der NDW auf.

Mike Krüger hatte mit "Der Nippel" damals vor allem eines: das richtige Timing. "Im Showgeschäft hängt der Erfolg nicht nur von einem selbst ab", befand er später im einestages-Interview, "sondern davon, ob man das Richtige zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten tut."

Zwei goldene Schallplatten wurden ihm für das Album "Der Nippel" verliehen, das sich 900.000 Mal verkaufte, weil es perfekt in die Zeit passte. Mit Thomas Gottschalk spielte er in vier Kino-Kassenschlagern eine Supernase, gerade als die deutsche Komödie richtig in Schwung kam, und erhielt dafür mit Gottschalk 1984 den Bambi als "Spaßmacher des Jahres". 1986 übernahm er drei Jahre lang die Moderation von "Vier gegen Willi" für die ARD und war mit mehreren Shows im Privatfernsehen, als das durchstartete.

Der Nippel entwickelte sich in den Achtzigerjahren zu einer Art Nationalhymne, wie der SPIEGEL 1983 einräumte, und der Refrain wurde zur ständig zitierten Redewendung: Wenn jemand mal wieder irgendwas nicht geschafft hatte, witzelten wir in Familie und Freundeskreis oft, er müsse halt nur den Nippel durch die Lasche ziehen.

Die Entdeckung des Fremdschämens

Wir Deutschen brauchten diese Pubertät des Humors, das Alberne, das Über-die-Stränge-Schlagen. Erstens, weil das Juxjahrzehnt trotz der bunten Spaßkultur aus Spritzblumen, Ententanz, Spaßbrillen und "Polonäse Blankenese" zwischen Kaltem Krieg, Tschernobyl und Dioxineiern bedrohlich genug war.

Zweitens, weil man auch in humoristischer Hinsicht einfach durch die Pubertät muss, um erwachsen zu werden. Wir mussten also durch viele hohle Ph(r)asen gehen, die zwischen dem Nippel und dem erotischen Knie des Mannes pendelten, um als junge Erwachsene in den Neunzigerjahren über den rüden Witz von "Schmidteinander", die groben Späße von "Beavis and Butt-Head" und die schrägen Scherze bei "RTL Samstag Nacht" lachen zu können.

Wenn ich mir heute alte Videos von Mike Krüger, der singenden Supernase - inzwischen als "Showlegende" geadelt - auf YouTube ansehe, ist mein erster Impuls etwas, für das es in den Achtzigern noch nicht mal ein Wort gab: Fremdscham. So, wie ich mich manchmal der eigenen Pubertätssünden schäme.

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Der zweite Blick ist milder: Vieles erscheint mir heute, da ich erwachsen bin, komplizierter als in den Achtzigern - egal, ob es um die Verpackung von Produkten, das Handy, das Auto oder die Politik und den Klimawandel geht.

Dabei liegt die Lösung doch ganz nahe. Präsentiert im Mai 1980, in der "Z-D-F-Hitparade", wie Heck sie immer anmoderierte. Hier Nippel, da Lasche. Durchziehen. Fertig!

insgesamt 28 Beiträge
G Cell 23.02.2017
1. Childhood memories
Das erste Gerät, das ich sicher bedienen konnte war der Plattenspieler meines Vaters. Erste Platten: Ottocolor, Gebrüder Blattschuss, Mike Krüger, Beatles, Kraftwerk und Supertramp. Und Star Wars IV als Hörspiel. - Ja Fritz [...]
Das erste Gerät, das ich sicher bedienen konnte war der Plattenspieler meines Vaters. Erste Platten: Ottocolor, Gebrüder Blattschuss, Mike Krüger, Beatles, Kraftwerk und Supertramp. Und Star Wars IV als Hörspiel. - Ja Fritz der Flitzer war da - Nackedi Nackeda! -
Ralf Grim 23.02.2017
2. Mike Krüger ...
... war schon damals peinlich. Den Nippel-Lasche-Song mal außen vor. Ansonsten meist vom Humor deutsch-dumpf. "Die Griechen? Sind das die, die so riechen?" - War schon in den 80ern daneben.
... war schon damals peinlich. Den Nippel-Lasche-Song mal außen vor. Ansonsten meist vom Humor deutsch-dumpf. "Die Griechen? Sind das die, die so riechen?" - War schon in den 80ern daneben.
Peter van Kust 23.02.2017
3. Nö
"Wir Deutschen brauchten diese Pubertät des Humors, das Alberne, das Über-die-Stränge-Schlagen" Das mag für die Autorin gelten, ist ansonsten natürlich selbst absoluter Blödsinn. Verallgemeinerung scheint ihr aber [...]
"Wir Deutschen brauchten diese Pubertät des Humors, das Alberne, das Über-die-Stränge-Schlagen" Das mag für die Autorin gelten, ist ansonsten natürlich selbst absoluter Blödsinn. Verallgemeinerung scheint ihr aber eine Berufung zu sein.
Ulrich Hartmann 23.02.2017
4.
Es muß wohl am Jahrgang der Autorin liegen - in meiner Sicht markiert 1980 eher das Ende einer großen Zeit des Humors in Deutschland, und Mike Krüger war mehr ein Nachklapp. Loriot, Insterburg & Co, Klimbim, Ein Herz und [...]
Es muß wohl am Jahrgang der Autorin liegen - in meiner Sicht markiert 1980 eher das Ende einer großen Zeit des Humors in Deutschland, und Mike Krüger war mehr ein Nachklapp. Loriot, Insterburg & Co, Klimbim, Ein Herz und eine Seele, die Lach- und Schießgesellschaft, Schobert und Black, Liedermacher wie Reinhard Mey und Ulrich Roski, selbst die Späße von Showmastern wie Frankenfeld und Kulenkampff - egal wie man das alles heute finden mag, bloß harmlos-spaßig waren sie alle nicht. Eher schon das, was ab den 80ern kam, auch wenn es sich anarchisch gab.
Hendrik Schmidt 23.02.2017
5. Dabei nicht vergessen
Jürgen von der Lippe - Der Blumenmann, Beamtenrap Mike Krüger - Alle sprechen davon Bürger Lars Dietrich - Sexy Eis
Jürgen von der Lippe - Der Blumenmann, Beamtenrap Mike Krüger - Alle sprechen davon Bürger Lars Dietrich - Sexy Eis

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