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einestages

Augen auf bei der Haustierwahl

Ich bin ein Affe, ich will hier rein

John Daniel wuchs vor 100 Jahren in England auf, machte sein Bett, spielte mit Kindern - dabei war er ein Gorilla. Etliche Experimente mit Wildtieren im Haus endeten allerdings tragisch.

South West News Service/ Bulls Press
Von und
Sonntag, 29.01.2017   13:01 Uhr

Er musste damit rechnen aufzufallen, auch wenn er jeden Nachmittag friedlich seinen Tee trank und dann und wann etwas Cider. Schließlich lebte John Daniel in Uley im Südwesten Englands, wo das wohl Aufregendste neben ein paar Bars ein Grabhügel aus der Jungsteinzeit nördlich der Dorfgrenze war.

Hier in der Grafschaft Gloucestershire konnte er nicht unerkannt leben. Denn John Daniel war schwarz, in einem Dorf von Weißen. Ziemlich schwarz sogar. Und muskulös. Und sehr, sehr haarig.

John Daniel war ein Gorilla. Der berühmteste Bewohner, den Uley je hatte und den das sterbende Dorf - heute gibt es nur noch eine Bar - wohl je haben wird.

Und doch war seine Geschichte, die vor 100 Jahren begann, lange vergessen. Bis Margaret Groom, rührige Lokalhistorikerin, Archivarin und dreifache Großmutter, ein paar alte Aufnahmen von John fand und in ihrem Buch über die Dorfgeschichte veröffentlichte.

Gerettet in Gabun, aufgezogen als Brite

Seitdem ist John Daniel präsent wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Der "Telegraph" berichtete, danach andere britische Zeitungen und Blogs. Die Aufmerksamkeit wurde so groß, dass die Webseite der 1100-Seelen-Gemeinde nicht mehr zu erreichen war.

South West News Service/ Bulls Press

John Daniel, Brite

Wer also war dieser John Daniel? Und wie kam er in das Kaff, das viel zu kalt und baumlos für ihn gewesen sein dürfte - Tausende Kilometer von seinem natürlichen Habitat entfernt?

Laut Margaret Groom wurde John 1917 in Westafrika von einem Einwohner Uleys adoptiert. Soldaten in der damaligen Kolonie Französisch-Äquatorialafrika (heute Gabun) hatten die Eltern des jungen Gorillas erschossen und den Waisen gefangen. In einem Londoner Kaufhaus legte der britische Major Rupert Penny aus Mitleid eine horrende Summe hin: 300 britische Pfund, was heute etwa dem Wert von 20.000 Pfund entspräche.

Penny taufte das Tier auf den Allerweltsnamen John Daniel und zog sich dann, ganz nach dem Geiste der Zeit, diskret aus der Erziehung zurück. Fortan kümmerte seine Schwester Alyce Cunningham sich um den Gorilla und zog ihn wie einen Menschen auf.

Er liebte Apfelwein und den Dorfschuster

John Daniel hatte sein eigenes Schlafzimmer samt Bett; seine Ziehmutter ging mit ihm regelmäßig spazieren, mit den Schulkindern des Dorfes.

"Die Kinder schoben ihn gewöhnlich mit einer Schubkarre herum", berichtete Archivarin Groom dem "Telegraph". Der Affe habe genau gewusst, wo er Apfelwein bekam: "Er ging dann zu diesem Haus, um einen Krug Cider zu trinken." Zudem habe er es geliebt, dem Dorfschuster bei seiner Arbeit zuzuschauen.

Fotostrecke

Gefährliche Wohngemeinschaften: Mit Gorilla, Grizzly, Löwe beim Frühstück

Der Affe lernte, sich menschenähnlich zu verhalten: "Er konnte den Lichtschalter und die Toilette benutzen, machte selbst sein Bett, half beim Abwasch", so Groom. Und manchmal nahm ihn seine Ziehmutter mit hinaus in die weite Welt - zu Essenspartys nach London, in ihre Zweitwohnung.

John Daniel wuchs in einer Zeit auf, als der Erste Weltkrieg Europa verwüstete und Tierschützer, die heute zu Recht über einen domestizierten Gorilla entsetzt wären, noch keine Lobby hatten. Doch so absurd seine Geschichte auch klingt - sie war bei Weitem kein Einzelfall.

Hilfe, der Schimpanse ist schlauer als unser Kind!

Da war etwa 1931 das fragwürdige Experiment eines US-Tierpsychologen: Winthrop Niles Kellogg und seine Frau zogen ihr Kleinkind Donald zusammen mit dem fast gleichaltrigen Schimpansenbaby Gua auf. Gua sollte wie ein Kleinkind erzogen werden, wurde gewickelt und in Kinderschuhe gesteckt. Kellogg wollte herausfinden, wie groß die Unterschiede in der Entwicklung waren - und ob der Affe sich am Ende wie ein Mensch verhielt.

Also setzten die Eltern erst ihren Donald in einen Babystuhl und ließen ihn mit einem Löffel herumfingern. Und dann Gua, der ebenfalls mit dem Löffel spielte, im Stuhl aber zappeliger war. Sie rannten aus dem Sichtfeld, Donald folgte ihnen sofort mit dem Laufwagen. Dann rannten sie aus dem Sichtfeld von Gua, der ihnen ebenfalls gleich nacheilte. Sie verglichen, wer kitzeliger war (eindeutig der Affe) und wer gelassener auf eine Knallpistole reagierte (der Mensch).

Trotz vieler Ähnlichkeiten verlief der Versuch nicht nach den Erwartungen der Kelloggs: Gua lernte schneller als ihr eigenes Kind, machte jedoch keine Anstalten zu sprechen. Ihr Sohn aber auch nicht.

Als Donald sich dann plötzlich wie ein Schimpanse benahm, im wiegenden Affengang herumtollte, Schimpansenlaute von sich gab und an seinen Schuhen herumkaute, brachen die Eltern ihr Experiment lieber ab: Am Ende hatte der Affe den Menschen erzogen statt umgekehrt.

Masturbation per Staubsauger

Andere Tiere wurden durch ähnliche Versuche weltberühmt. So wurde die Schimpansin Lucy 1964 gleich nach ihrer Geburt dem US-Psychotherapeuten Maurice Temerlin und dessen Frau übergeben. Sie brachten Lucy bei, mit Besteck zu essen, zu angeln, sich anzuziehen (sie wählte gern Röcke).

Das "Life"-Magazin berichtete über Lucy, die gern Gin trank, sich um eine Katze kümmerte und aus dem eigenen Kot menschliche Köpfe modellierte. Der Affe habe sogar das "Playgirl" und einen Staubsauger zur sexuellen Befriedigung genutzt, berichtete Forscher Temerlin.

Längst nicht alle Tiere wuchsen bei Forschern auf, auch das Fernsehen und Hollywood dürsteten nach gefährlich aussehenden Wildtieren, die in Wahrheit kuschelig-wohlerzogen waren.

Der Umgang mit Raubtieren war zeitweise so leichtsinnig, dass zwei australische Hippies 1969 im Londoner Kaufhaus Harrods sogar einen Löwenwelpen kaufen konnten. "Christian the lion" wurde schnell zum Liebling der Briten - mit Auftritten im BBC-Studio und Besuchen von Filmgrößen wie Mia Farrow und Diana Rigg.

Ein Grizzly bei der Wahl zur Miss World

Auch der Grizzlybär Hercules aus einem Wildpark in den schottischen Highlands avancierte in den Achtzigern zu einem Medienstar. Sein menschlicher Ziehvater Andy Robin war Wrestler, rang mit dem Bären und trainierte ihn, bis er so zahm war, dass beide zusammen durch belebte Einkaufzonen flanieren konnte.

Hercules trat regelmäßig im Kinderfernsehen auf, er war 1983 an der Seite von James Bond in "Octopussy" zu sehen, posierte mit Models bei der Wahl zur Miss World und schaffte es auf das Titelblatt der "Time".

Und doch: Wildtiere bleiben Wildtiere. Der Schimpanse Nim etwa war in den Siebzigerjahren zwar in einer New Yorker Familie mit sieben Kindern aufgewachsen und durchaus auch den Konsum von Marihuana gewöhnt. Im Alter indes wurde der Affe zusehends gewalttätiger.

Grizzly Hercules flüchtete bei Dreharbeiten für einen Kleenex-Fernsehspot. Erst nach 24 Tagen wurde er wieder eingefangen - abgemagert um 127 Kilo. Hercules, das war die Tragik, konnte nicht mit, aber auch nicht mehr ohne den Menschen. Beim Dreh einer Doku stürzte er so unglücklich auf den Rücken, dass er gelähmt war und sich davon nie wieder erholte.

Gorilla John bekommt Heimweh

Viele der Adoptiveltern unterschätzten zudem etwas ganz Wesentliches: Ihre anfangs kuscheligen Wildtierbabys wuchsen. Und zwar sehr schnell.

Stadtlöwe Christian musste schon nach einem Jahr nach Afrika ausgewildert werden. Er hatte rasant an Gewicht und Kraft zugelegt, seine Adoptiveltern entschieden sich für eine Auswilderung in Kenia. Im Jahr darauf kam es zu einer verblüffenden, überaus herzlichen Begrüßung:

Christian, der Löwe: Wiedersehen in Afrika

Auch Gorilla John Daniel konnte nicht ewig in Uley bleiben. Binnen vier Jahren hatte er von 14 auf fast 100 Kilogramm zugenommen. Seine Ziehmutter sah sich nicht mehr in der Lage, weiter für ihn zu sorgen, berichtet Margaret Groom. Also habe sie ihn an einen Amerikaner verkauft, der vorgab, das Tier bei sich zu Hause in Florida aufzunehmen.

In Wahrheit aber landete John Daniel bei "Ringling Brothers and Barnum & Bailey", dem damals größten Zirkusunternehmen der Welt, und wurde zeitweise auch im Zoo am Madison Square Garden vorgeführt. Offenbar verspürte der Gorilla bald Heimweh. Vielleicht vermisste er das beschauliche Dorfleben von Uley, sicher aber Alyce Cunningham.

Als sich seine Gesundheit verschlechterte, rief der Zoo bei ihr an. Schockiert machte Cunningham sich sofort auf den Weg. Doch als sie New York mit dem Schiff erreichte, war der berühmteste Sohn von Uley bereits an einer Lungenentzündung gestorben.

insgesamt 4 Beiträge
Gerhard Dünnhaupt 29.01.2017
1. Hängematte
Im TV sah ich einen Schimpansen, der zwei Knoten an den Enden einer Wolldecke anbrachte, diese dann an zwei Haken befestigte, und sich in dieser Hängematte schlafen legte.
Im TV sah ich einen Schimpansen, der zwei Knoten an den Enden einer Wolldecke anbrachte, diese dann an zwei Haken befestigte, und sich in dieser Hängematte schlafen legte.
David Müller 29.01.2017
2. Charlie?
Ein klassisches Beispiel wäre doch Charlie. Jedoch gibts denke / hoffe ich einen großen Unterschied in den Lebensbedingungen der Tiere.
Ein klassisches Beispiel wäre doch Charlie. Jedoch gibts denke / hoffe ich einen großen Unterschied in den Lebensbedingungen der Tiere.
Carlito Brigante 29.01.2017
3. Ein Gorilla ist schwarz?
Ich finde die Formulierung "Denn John Daniel war schwarz, in einem Dorf von Weißen. Ziemlich schwarz sogar." missverständlich. Im Allgemeinen wird die Eigenschaft "schwarz" bzw. "schwarzsein" von [...]
Ich finde die Formulierung "Denn John Daniel war schwarz, in einem Dorf von Weißen. Ziemlich schwarz sogar." missverständlich. Im Allgemeinen wird die Eigenschaft "schwarz" bzw. "schwarzsein" von Personen mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethno-kulturellen Gruppe, insbesondere afrikanischer Herkunft, als Selbstbezeichnung verwendet. Dabei ist jedoch nicht lediglich die Hautfarbe gemeint, was häufig falsch angenommen wird, sondern die Zugehörigkeit zu einem Kulturraum. Indem der Gorilla in dem Artikel als schwarz betitelt wird, wird dem Leser beabsichtigt die Vorstellung vermittelt, dass es sich um einen Angehörigen der schwarzen ethno-kulturellen Gruppe handelt. Der Autor mag dies als eine Art stilistisches Mittel verwendet haben, jedoch in Anbetracht der sehr langen und rassistischen Tradition, dass Weiße, Menschen schwarzer Herkunft mit Tieren, insbesondere Affen, gleichsetzen, um sie zu unterdrücken, finde ich diese Formulierung unangebracht. "John Daniel hatte schwarzes Fell" wäre eine bessere Formulierung, ohne eine rassistische Konnotation zu verwenden, die schwarze Menschen stören könnte.
Adolf Schnabel 30.01.2017
4. @3.
... die zudem ja auch gar nicht schwarz von der Hautfarbe sind und sich - sofern Afrikaner und nicht Afroamerikaner - nur gegenüber "Weißen" als "Schwarze" bezeichnen, ansonsten als Dunkle. Die anderen sind [...]
... die zudem ja auch gar nicht schwarz von der Hautfarbe sind und sich - sofern Afrikaner und nicht Afroamerikaner - nur gegenüber "Weißen" als "Schwarze" bezeichnen, ansonsten als Dunkle. Die anderen sind dann die Hellen. Eher eine gemeinsame Herkunft betonend als einen Gegensatz herstellend.

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