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Zeitzeugen des Hungerwinters 1946/47

"Die Moral geht zum Teufel"

Abfall essen, betteln, "fringsen" - im Extremwinter vor 70 Jahren starben viele tausend Menschen in Deutschland an den Folgen von Hunger und Frost. Fünf Zeitzeugen erzählen von arktischer Kälte, Diebestouren und Madensuppe.

ullstein bild
Von , und (Video)
Montag, 20.02.2017   10:19 Uhr

Hans-Jürgen Schmidt wundert sich, warum bei der Schulspeisung so viel übrig bleibt. Überglücklich nimmt der Sechsjährige die von älteren Kindern verschmähte Erbsensuppe mit nach Hause. Bis seine Mutter ihn darauf hinweist, dass die grünliche Pampe lebt: Die Suppe wimmelt nur so vor Maden.

"Wir haben sie trotzdem gegessen und versucht, die Maden außen vorzulassen", sagt Schmidt, heute 77 Jahre alt. "Wir hätten so etwas mit Freuden verzehrt", unterbricht ihn Wilhelm Simonsohn, 97 - "die Tierchen enthalten doch überlebenswichtige Proteine".

Schmidt und Simonsohn sind zwei von fünf Mitgliedern der Hamburger Zeitzeugenbörse. Im einestages-Gespräch erinnern sie sich an den sogenannten Hungerwinter 1946/47. Eine Zeit, die nicht für Heldengeschichten taugt, lange Tabuthema war, noch immer schambesetzt ist.

Wie viele Menschen in der Kälteperiode vor 70 Jahren an den Folgen von Mangel und Frost starben, bleibt unklar. Laut Schätzungen könnten es allein in Deutschland mehrere Hunderttausend Tote gewesen sein. Ein "äußerst grober und vager Richtwert, der jedoch wahrscheinlich ist", sagt Historiker Wolfgang Benz. Die Misere war selbst verschuldet - eine direkte Folge des von Nazi-Deutschland losgetretenen Weltkriegs-Infernos.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Bis zu minus 20 Grad

In den deutschen Städten war nach 1945 mehr als die Hälfte des Wohnraums zerbombt; aus den abgetrennten Ostgebieten suchten rund zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in den vier Besatzungszonen ein neues Zuhause. Die Verkehrsverbindungen waren zu rund 40 Prozent zerstört, die Kriegsvorräte 1946 aufgebraucht.

In Landwirtschaft und Industrie fehlte es an Arbeitskräften, die Sieger demontierten vielerorts Maschinen und forderten Reparationen ein. Die Felder waren verwüstet; wegen des heißen, trockenen Sommers und zu wenig Dünger fiel die Ernte 1946 spärlich aus. Zudem mangelte es an Kohle, dem wichtigsten Rohstoff der Industrie.

Und dann brach über Europa einer der strengsten Winter des 20. Jahrhunderts herein. Zwischen November 1946 und März 1947 sanken die Temperaturen auf bis zu minus 20 Grad. Die Elbe war komplett vereist, der Rhein auf einer Länge von 60 Kilometern. Damit war die Binnenschifffahrt lahmgelegt - die Versorgung mit Rohstoffen und Nahrung kollabierte.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral

"Jeder besaß das nackte Leben und außerdem, was ihm gerade unter die Hände geriet. Kohlen, Holz, Baumaterialien. Jeder hätte mit Recht jeden des Diebstahls bezichtigen können. Wer in einer zerstörten Großstadt nicht erfror, musste sein Holz oder seine Kohlen gestohlen haben, und wer nicht verhungerte, musste auf irgendeine gesetzwidrige Weise sich Nahrung verschafft oder verschafft haben lassen."

So beschrieb der aus Köln stammende Schriftsteller Heinrich Böll den Alltag im zweiten Nachkriegswinter: die Deutschen als "Gesellschaft von Besitzlosen und potenziellen Dieben" im täglichen Überlebenskampf.

"Die Moral geht zum Teufel, wenn du hungerst oder frierst", sagt der Hamburger Claus Günther, Jahrgang 1931. Als er 15 war, ging er erstmals stehlen. Mit der Ausbeute von 48 Stück Harzer Käse und einer saftigen Ohrfeige:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch die anderen klauten, wann und wo sie konnten - Essen, Kohle, Holz, Baumaterial. "Organisieren" oder "fringsen" hieß das damals, benannt nach dem Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, der in der Silvesterpredigt 1946/47 den Diebstahl moralisch gerechtfertigt hatte:

"Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann."

"Die Milch ist für die Schweine"

Der frisch verheiratete, völlig untergewichtige Wilhelm Simonsohn schleppte vier Zementsäcke von einer Baustelle, um die ausgebombte Wohnung zu renovieren. Der aus Danzig stammende Richard Hensel, Jahrgang 1933, zog gemeinsam mit Vater und Bruder los, um bei der Lebensmittelhändlerin Hafermehl zu stibitzen:

"Mein Vater verwickelte die Frau im Laden in ein Gespräch, derweil machten wir uns vor dem Geschäft daran, so viel Mehl wie möglich aus den Säcken in unsere Taschen zu füllen. Ein anderes Mal wurde ich zu einem Bauern geschickt, um nach einem Liter Milch für meine zwei kleinen Brüder zu fragen. 'Milch haben wir nicht. Die ist für die Schweine', entgegnete die Bäuerin."

Hensels Zwillingsbrüder starben mit 15 Monaten an Unterernährung und Brechdurchfall - wie so viele Kinder damals. 1947 lag die Säuglingssterblichkeit doppelt so hoch wie 1939; Krankheiten wie Rachitis und Tuberkulose grassierten in allen vier Besatzungszonen.

Nur noch 770 Kalorien pro Tag

1936 hatte der durchschnittliche Kalorienverbrauch in Deutschland noch 3113 Kalorien pro Tag betragen. Ende 1946 lag die vorgesehene Tagesration für erwachsene Normalverbraucher bei lediglich 1550 Kalorien.

Trotz der Nahrungsimporte durch die Besatzungsmächte, trotz Schulspeisungen und Care-Paketen sank die Kalorienmenge im Hungerwinter weiter ab: Anfang 1947 erhielten die Bewohner in Hamburg nur noch 770, in Hannover 740, in Essen 720 Kalorien pro Tag - ein doppelter Hamburger Royal hat heute mehr.

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Hungerwinter: "Fringsen" gegen den weißen Tod

"Die große Masse des deutschen Volkes ist, was Ernährung, Heizung und Wohnung anbelangt, auf den niedrigsten Stand gekommen, den man seit hundert Jahren in der westlichen Zivilisation kennt", schrieb der einstige US-Präsident Herbert C. Hoover nach zwei Deutschlandbesuchen im Frühjahr 1946 und Februar 1947.

Regional seien bis zu 80 Prozent der Bevölkerung unterernährt, so die deutsche Ärzteschaft in einer Denkschrift vom Sommer 1947. "Wir bekamen einen Tunnelblick, waren permanent müde und apathisch. Die Jagd auf Essbares dominierte unser ganzes Leben", sagt Zeitzeuge Schmidt.

Hamstern, betteln, klauen

Dafür trugen die Menschen ihr Erspartes zum Schwarzmarkt. Dort musste auch die damals elfjährige Hamburgerin Irmgard Schulz, geborene Niemeyer, als ältestes von vier Kindern einkaufen gehen:

"Das Fachwerkhaus, in das ich geschickt wurde, direkt hinter der Katharinenkirche, hat mir große Angst gemacht. Es war krumm, schief, ohne Licht. Ein Brot kostete dort 190 Reichsmark, das Pfund Butter 360 Reichsmark. Zu Hause saßen wir zu acht um den Esstisch. Wenn es Suppe gab, sagte meine Mutter stets: 'Hier gucken mehr Augen rein als Fettaugen raus'."

Die überlebenswichtigen Lebensmittelkarten stahlen sich die Hungernden oft gegenseitig und fuhren in Scharen aufs Land, um ihr Habe gegen Schinken, Eier, Milch zu tauschen. Wer nicht "hamsterte", ging betteln, sagt Claus Günther:

"Trotz Ausgangssperre machte ich mich mit meiner Mutter nachts um vier auf den Weg zum Harburger Bahnhof. Wir hatten Glück, die dort ankommenden Engländer warfen mehrere Pakete aus dem Zug: Weißbrot, dick mit Butter beschmiert. Auf dem Rückweg gerieten wir in eine Polizeikontrolle und mussten alles wieder abgeben. Erst betteln, dann dafür bestraft werden: Ich habe mich so geschämt."

Andere Ordnungskräfte drückten ein Auge zu oder halfen den Räubern sogar, erzählt Simonsohn. Ihn erwischten zwei Bahnpolizisten beim Kohleklau am Bahnhof Hamburg-Altona:

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Warum sie den Hungerwinter überlebt haben? Die fünf Zeitzeugen sind sich einig: "Es war pures Glück. Und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Schlechter konnte es nicht werden", sagt Wilhelm Simonsohn, mit 97 Jahren der älteste.

"Mein schönster Tag war der, an dem mein Bruder Friedrich starb"

Ihnen allen ist bewusst, dass die Deutschen für die erlittene Not selbst verantwortlich waren. "Was wir den anderen im Krieg angetan hatten", resümiert Richard Hensel, "war doch noch hunderttausendfach schlimmer als alles, was danach kam."

Im März 1947 begann es nach vier Monaten arktischer Kälte endlich zu tauen - die Not jedoch war noch lange nicht vorbei. Im November des Jahres zitierte die "Zeit" den Aufsatz einer Viertklässlerin, das Thema lautete "Mein schönster Tag".

Das Mädchen schrieb: "Mein schönster Tag war der, an dem mein Bruder Friedrich starb. Seitdem habe ich einen Mantel und Schuhe und Strümpfe und eine gestrickte Weste."

Zum Weiterlesen: Alexander Häusser/Gordian Maugg: Hungerwinter. Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47, Bonn 2010

insgesamt 21 Beiträge
Dirk Oetzmann 20.02.2017
1. Ob
der Vergleich mit einem doppelten Hamburger Royal jetzt so passend ist, weiß ich nicht. Der Satz der Viertklässlerin ist jedenfalls ein Schlag in die Magengrube.
der Vergleich mit einem doppelten Hamburger Royal jetzt so passend ist, weiß ich nicht. Der Satz der Viertklässlerin ist jedenfalls ein Schlag in die Magengrube.
Richard Kotlarski 20.02.2017
2. Auch heute hungern Menschen
Ohne die Hilfe damals vor allem der Amerikaner, hätten noch weit weniger Deutsche überlebt. Und das, obwohl wir im Krieg ihre Gegner waren. Daran sollten wir heute denken, wenn wir Menschen in Not unterstützen.
Ohne die Hilfe damals vor allem der Amerikaner, hätten noch weit weniger Deutsche überlebt. Und das, obwohl wir im Krieg ihre Gegner waren. Daran sollten wir heute denken, wenn wir Menschen in Not unterstützen.
Stefan Jäger 20.02.2017
3. Wahnsinn
"1936 hatte der durchschnittliche Kalorienverbrauch in Deutschland noch 3113 Kalorien pro Tag betragen. Ende 1946 lag die vorgesehene Tagesration für erwachsene Normalverbraucher bei lediglich 1550 Kalorien." Wenn man [...]
"1936 hatte der durchschnittliche Kalorienverbrauch in Deutschland noch 3113 Kalorien pro Tag betragen. Ende 1946 lag die vorgesehene Tagesration für erwachsene Normalverbraucher bei lediglich 1550 Kalorien." Wenn man bedenkt, dass eine Banane schon ca. 115.000 Kalorien hat, also 115 kcal, müssen die Menschen im III. Reich schlimmer gelebt habe als im hungersnotgeplagten Afrika. Man will den Journalisten ja nicht unterstellen, dass sie zu dusselig sind Kilokalorien von Kalorien zu unterscheiden. :-)
Michael Schnickers 20.02.2017
4. Moral
Was vollkommen in diesem ansonsten sehr guten Artikel fehlt, sind die vielen deutschen "Frauleins", die dank eines Techtelmechtels an gutes Geld und Lebensmittel kamen. Davon lebten oft ganze Familien. Die Männer waren [...]
Was vollkommen in diesem ansonsten sehr guten Artikel fehlt, sind die vielen deutschen "Frauleins", die dank eines Techtelmechtels an gutes Geld und Lebensmittel kamen. Davon lebten oft ganze Familien. Die Männer waren an der Front geblieben oder noch in Kriegsgefangenschaft und wenn man hungernde Kinder zu Hause hat, dann pfeift man auf die Moral. Oft war es Liebe, oft Berechnung. Das gibt die Generation von damals aber wohl nicht so gerne zu... Dabei ist es nur menschlich.
Thomas Schäfer 20.02.2017
5. Care-Pakete
Mein Vater, Jahrgang 1938, gerät beim Erwähnen der Care-Pakete immer leicht ins Grübeln. Gehört hatte er damals von diesen Paketen, gesehen oder gar davon profitiert nie. Die Menschen in meiner Region versuchten ihr Glück [...]
Mein Vater, Jahrgang 1938, gerät beim Erwähnen der Care-Pakete immer leicht ins Grübeln. Gehört hatte er damals von diesen Paketen, gesehen oder gar davon profitiert nie. Die Menschen in meiner Region versuchten ihr Glück beim Hamstern
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