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1/2017

70 SPIEGEL-Jahre

Die bunte Republik - ersehnt und verhasst

Die Neunzigerjahre gaben sich als das Jahrzehnt der Chancen - die Mauer war weg, fast alles möglich. Aber dann: Balkan-Krieg und in Deutschland der Hass derer, die sie nicht wollen, die bunte Republik.

Frank Höhne/DER SPIEGEL
Von
Freitag, 30.12.2016   00:00 Uhr

Das Jahrzehnt beginnt in Bonn und endet in Berlin. Aber es muss fast über die gesamte Länge gehen, bevor die Deutschen sich vom "ewigen Kanzler" lösen können. Dann verschwindet Helmut Kohl so leise, wie das ganze Jahrhundert sich auflöst, ohne Millenniums-Blackout und als ob nichts geschehen sei.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2017
70 Jahre SPIEGEL
Wut kann man sich erarbeiten

Dabei ist die Republik im mächtigen Schatten Kohls in ein buntes Durcheinander geraten. Und wenn sich in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen noch andere Schatten zeigen, dann sind das wohl nur Überbleibsel, keine Menetekel.

Die Mauern sind weg, und das ist auch gut so. So das Grundgefühl. Es lässt sich noch weitgehend ungestört wirtschaften im D-Mark-Land. Von Chinas Macht ist noch wenig zu spüren. Wirtschaftlich sind die Neunziger das, was der AfD viele Jahre später einmal als Zukunft vorschweben wird.

Irgendwann werden auch die Landschaften im Osten schon noch blühen, und die Kriege weit hinten auf dem Balkan sind wie Pulverkaffee, unappetitlich, aber lösbar. In den USA beantragt Donald J. Trump Gläubigerschutz.

Als die Neunziger zu Ende gehen, sitzt im Amt des Äußeren als Minister ein Frankfurter Straßenkämpfer a.D. Der Bundeskanzler trägt kein Zirkuszelt mehr, sondern italienische Anzüge, und hat als Kind selbst einmal in einer Baracke gelebt. Alles geht. Rot-Grün wurde halb freiwillig, meist jedoch gezwungenermaßen zur ersten globalen Regierung in Deutschland. In den Neunzigerjahren ist es so, als würde das Land noch einmal tief einatmen, bevor sich an einem 11. September des folgenden Jahrzehnts alles zum Schlechteren wendet.

SPIEGEL-Quiz "7 mal 10"

1. Januar 1990, Berlin, 1.30 Uhr. Alles ist offen. Während am Brandenburger Tor die Einheit gefeiert wird, ziehen einige Hundert Kambodschaner und Vietnamesen, Vertragsarbeiter, aus Ostberlin nach Westen. Man kann nie wissen. Über der Quadriga hängt zerzaust die DDR-Flagge, daneben hat jemand die Fahne Europas gehisst. Und die Bundestrikolore ist sowieso überall.

Alles geht. Es beginnt ein Jahrzehnt, in dem Nationen noch ihre Restbedeutung haben. Und wenn wir jetzt "ein ganz normales Volk" wären, wie Martin Walser es bald fragen wird? Prompt bricht eine Videowand zusammen, als zu viele vereint zur Quadriga hochklettern wollen.

Die Westberliner Bundessenatorin hat erklärt, jetzt brauchte man eigentlich auch keine Turnhallen mehr für die Flüchtlinge zweckentfremden - sie redet von DDR-Bürgern.

Der beliebteste Politiker der Deutschen ist Hans-Dietrich Genscher, der ewige Außenminister. Es folgen Rita Süssmuth, Lothar Späth und Hans-Jochen Vogel. Von Merkel, Gabriel, Seehofer etc. ist noch keine Spur in der SPIEGEL-Liste derjenigen, denen in Zukunft "eine wichtige Rolle" gewünscht wird.

6. Januar 1990, Suhl, Stadthalle. Mit einem dahingenuschelten "Hallo Suhl" startet Udo Lindenberg seine erste DDR-Tournee. Für 20.000 Ostmark Gage pro Auftritt. "Träg kreisende Hüften und trüb verklärter Blick, so schmachtet er los, der erotische Imperialist aus dem goldenen Westen", mäkelt der Feuilletonist des SPIEGEL.

Dennoch ist Lindenberg einer der ersten gesamtdeutschen Künstler - und es bis heute geblieben. Seine Tournee heißt: "Bunte Republik Deutschland".

Es gibt Handys, aber sie sind noch nicht smarter als ihre Besitzer. Zeitungen und Verlage verdienen noch viel Geld mit Papier. Es gibt die D-Mark, aber eingebunden in das Europäische Währungssystem. Hinterm Horizont geht's weiter. Das kann nie zu Ende sein. Das ist die Stimmung dieser Jahre. Wird schon, Deutschland.

25. Juli 1991. Aber wie kann es weitergehen, wenn welthistorisch Happy End angesagt ist? Francis Fukuyama hat gerade das "Ende der Geschichte" ausgerufen. Es gebe keine Gegensätze mehr, keine Dramen zwischen Ost und West. Ein sozialdemokratischer Mainstream von Parlamentarismus und Marktwirtschaft hat gesiegt, und noch im letzten Winkel setzt sich eine schlecht gewürzte Form von Liberalismus durch.

Und schlimmer noch: "Es gibt keine Literatur mehr", schreibt der junge Literat Maxim Biller in einem Manifest. "Das, was heute in Deutschland so heißt, wird von niemandem gekauft und gelesen, außer von Lektoren und Rezensenten."

Ihren Hunger nach dem, was passiert, stillen die Leute im Kino, im Fernsehen, in den Reportagen der Zeitungen.

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Titelbilder: SPIEGEL-Titel - die besten Cover des fünften Jahrzehnts

Die Geschichte mag zu Ende sein, aber die Geschichten liegen gleich hinter der Wohnungstür, auf der Straße. Es wird wieder frisch erzählt werden, in den Neunzigern. Judith Hermann, Karen Duve, Feridun Zaimoglu, Ingo Schulze machen sich an die Wiederentdeckung der Wirklichkeit, Felicitas Hoppe geht an Bord eines Containerschiffs. Als hätte Billers Text sie aufgeweckt.

Mitte der Neunziger haben Lesungen von Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Rainald Goetz Ähnlichkeit mit Popkonzerten. In Hollywood erhält Donald Trump die Goldene Himbeere als schlechtester Nebendarsteller des Jahres. In Hannover hat die Ärztin Ursula von der Leyen promoviert, ihr Thema: "C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung". Und wo sehen Sie sich in 25 Jahren, Frau Doktor?

30. März 1992, Ulm. Am frühen Morgen kaufen Mitglieder des türkisch-islamischen Kulturvereins in Ulm knapp tausend druckfrische Exemplare des SPIEGEL auf. Man wolle "Lügen" über die Situation im kurdischen Teil der Türkei verhindern. Anlass ist ein Bericht über das Vorgehen des türkischen Militärs gegen die Kurden. Auf eine geplante öffentliche Verbrennung der Hefte wird verzichtet.

Die Neunziger sind das letzte Jahrzehnt vor dem Globalisierungsschub. Eine "Scharnierzeit", schreibt der Historiker Edgar Wolfrum, in der Tabus gebrochen werden und große Veränderungen in Gang kommen. Ein Innehalten, bevor Finanzkrise, Weltklima, Krieg und Frieden sich nach vorn schieben, Probleme, die national nicht mehr zu bewältigen sind, wenn überhaupt.

26. Mai 1992, Köln, Standesamt. Die "lesbische Ulknudel" (SPIEGEL) Hella von Sinnen und Cornelia Scheel, die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten, versuchen, in einer "Aktion Standesamt", das Aufgebot zu bestellen. Hape Kerkeling, Alfred Biolek werden geoutet, und die Welt bricht nicht zusammen. Die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth denkt laut über steuerliche Gleichberechtigung von Homo-Beziehungen nach.

Diese Republik wird manchem zu bunt. Da könne er ja gleich "über Teufelsanbetung diskutieren", entgegnet Edmund Stoiber, Bayerns Innenminister. Es wird noch bis 2007 dauern, bis sich mit Marcus Urban ein deutscher Fußballspieler outet. Aber Grenzen werden schon mal durchlöchert, und vielleicht nährt sich auch der spätere Populismus von den kulturellen und politischen Wagnissen dieser Jahre.

24. August 1992, Rostock-Lichtenhagen, 21.40 Uhr. Der Ausländerbeauftragte der Stadt, Wolfgang Richter, ruft die Feuerwehr an:

"Ja, passen Sie auf, ich erkläre es Ihnen ganz in Ruhe. Mecklenburger Allee 19, das Wohnheim der Vietnamesen, dort sind 150 Menschen drin, 150 Vietnamesen. Die Polizei hat sich zurückgezogen."
"Ja."
"Die Chaoten haben unten das Haus angesteckt."
"Ja."
"Die Gase kommen schon hoch, und sie kämpfen sich Stockwerk um Stockwerk hoch. Die Menschen sterben hier. Ich habe vor einer Dreiviertelstunde die Polizeiinspektion Lütten-Klein informiert."
"Ja."
"Es tut sich nichts."
"Ja, wir versuchen, alle Maßnahmen einzuleiten, die wir hier können."

Im Hintergrund der Tonaufnahme sind "Sieg Heil"-Rufe zu hören. Es sind die wohl dunkelsten Stunden in diesem bunten Jahrzehnt. "Ein Pogrom", sagt Wolfgang Richter noch heute. Das ist "Dunkeldeutschland", wie Joachim Gauck es später nennt. Gauck, der ehemalige Pfarrer aus Rostock, meldet sich in jenen Tagen nicht zu Wort. Er ist beschäftigt mit Stasiakten, über Heinrich Fink, Manfred Stolpe und andere vergessene Namen.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Die Vietnamesen aus Lichtenhagen sind fast alle in Rostock geblieben und betreiben Nagelstudios, Nähereien, Chinarestaurants. "Dass die Angegriffenen wenige Tage danach einen Verein zur Aussöhnung gegründet haben, den es heute noch gibt, ist eine der emotionalsten Erfahrungen meines politischen Lebens", sagt, wieder per Telefon, Wolfgang Richter heute.

12. Oktober 1993, Bocholt, Jugendhaus Ewaldi. Zwei Jugendgangs, Skinheads und Türken, haben einen Waffenstillstand geschlossen, aus dem noch Frieden werden soll. "Aus dem Kreislauf der Gewalt herauszukommen" lohne sich immer, sagt die anwesende Ministerin für Frauen und Jugend, Angela Merkel. Sie sei hierhergereist, "um ein bisschen Hoffnung für die eigene Arbeit zu bekommen".

Die damalige Sozialarbeiterin Monika Pacho trifft einige der Jugendlichen bisweilen wieder, bei Aldi an der Kasse oder auf Elternabenden. "Das Abkommen hat gehalten. Auch wenn die nationalistischen Tendenzen jetzt wieder auftauchen, bei den Kindern der Kids von damals."

25. Februar 1994, Bonn. Der Bundestag stimmt über die Verhüllung des Reichstags ab und befürwortet sie mit 292 Jastimmen (bei 223 Neinstimmen, 9 Enthaltungen und einer ungültigen Stimme). Ausgerechnet eine Verhüllung wird zum Emblem dieses Jahrzehnts der Öffnungen. Mit der Aktion rückt Berlin ins Zentrum der Republik, am Ende des Jahrzehnts rückt dann auch die Republik ins Zentrum von Berlin.

REUTERS

Verhüllter Reichstag (1995)

23. November 1994, Wien. Am Anfang ist das Wort. Deswegen ist auch die Schlussempfehlung der "3. Wiener Gespräche" zur Rechtschreibreform erst der Anfang eines Kulturkampfs, an dessen Ende niemand mehr weiß, wie "weiß" denn nun geschrieben wird.

9. Nissan, 5755, Berlin, Palace-Hotel (in christlicher Zeitrechnung 9. April 1995). Es heiraten Myriam Steinmaus und Andreas Schlesinger, eine der jüdischen Hochzeiten, die in Berlin wieder gefeiert werden. Seit dem Mauerfall sind Tausende Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hierhergezogen. Berlin als Zufluchtsort für Juden aus Osteuropa. Heute ist Berlin der Sehnsuchtsort Nummer eins für junge Israelis. Nur vor den Synagogen stehen weiterhin Polizisten Wache, mit Maschinenpistolen.

18. Juni 1995, Berlin. Während in Bremen der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde mit Umweltministerin Angela Merkel als Festrednerin tagt, geht die Verhüllung des Reichstags voran. Der SPIEGEL schreibt: "Während die Bundesregierung in Bonn mit dem ,Tornado'-Einsatz die Remilitarisierung Deutschlands besiegelt, zeigt sich in Berlin das Gesicht einer friedlichen postnationalen Gesellschaft." Im Tierpark von Osnabrück brüten unterdessen zwei männliche Störche ein Pinguinei erfolgreich aus. Die Schwulenbewegung adoptiert "Pingu" als Beweis: Wir können's auch.

Eine Energiekonsensrunde zwischen Regierung und Opposition scheitert in diesem Sommer, auch am Widerstand der Umweltministerin: Was die Atomenergie angeht, ist Angela Merkel strikt gegen den "Einstieg in den Ausstieg", wie ihn Niedersachsens Ministerpräsident Schröder vorschlägt.

3. Juli 1995. Fünf Jahre nach dem Einheitstaumel am Brandenburger Tor wächst die "Mauer in den Köpfen": Das finden zwei Drittel aller Ostdeutschen, und 15 Prozent wünschen sich auch die DDR zurück. So eine Umfrage im SPIEGEL. In Berlin laufen die letzten Vorbereitungen für die Love Parade: Niemand rechnet damit, dass eine halbe Million Besucher kommen werden. Techno ist der Soundtrack der Neunziger. Seit Kraftwerk und den "99 Luftballons" wieder ein global erfolgreicher Musikstil, der mit Germany verbunden wird. Diese schönen, in sich versunkenen jungen Menschen jeder Haut- und Haarfarbe - sind wir das?


Auszug aus dem SPIEGEL vom 15. Juli 1996

DER SPIEGEL

"Der pure Sex. Nur besser" hieß die Geschichte, in der sechs SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter, darunter der Schriftsteller Christian Kracht, das Phänomen Love Parade beschrieben, den jährlich in Berlin stattfindenden Straßenumzug der Technoszene: "Für die einen ist es die härteste Party der Welt, für die anderen ist es die Versammlung einer schnell wachsenden Jugendbewegung." Die hellorangefarbene Schriftart der Zwischentitel heißt Serpentine, sie wurde im Technoumfeld häufig verwendet. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


16. November 1995, Mannheim. Den Tränen nahe sitzt Johannes Rau, der Patriarch der SPD, auf der Tribüne. Oskar Lafontaine hat mit seiner Parteitagsrede die Parteispitze übernommen und Rudolf Scharping gestürzt. In seiner Rede hatte er gerufen: "Wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern. In diesem Sinne: Glück auf!" Von Befreiungsschlag ist die Rede.

17. August 1996, Worms. Zu Ehren des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heßtreffen sich junge Neonazis. Darunter, aus den neuen Bundesländern, Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Bis 2007 wird der "Nationalsozialistische Untergrund" Mordanschläge gegen Migranten, Bombenattentate und einen Polizistenmord begehen.

11. Dezember 1996, Wiesbaden. Die "Gesellschaft für deutsche Sprache" erklärt "Sparpaket" zum Wort des Jahres, gefolgt von "Haushaltslöcher", "Lohnfortzahlung" und "Globalisierung". Das Unwort ist "Rentnerschwemme", aber das versickert auch schnell wieder aus dem Gebrauch.

Die Wörter des Jahrzehnts sind, in Deutschland und in dieser Folge: Besserwessi und Politikverdrossenheit, Sozialabbau und Superwahljahr, Multimedia, Sparpaket, Reformstau, Rot-Grün, Millennium, Schwarzgeldaffäre.

Einem Jungpolitiker von Bündnis 90/Die Grünen gelingt es, das Wort "getürkt" aus Verlautbarungen der Partei zu entfernen: 20 Jahre später ist dieser Cem Özdemir einer der beliebtesten Politiker des Landes.

14. März 1997, Tirana, kurz vor 16 Uhr. Oberst Henning Glawatz gibt Feuerbefehl. Es sind nur 188 Patronen, die verschossen werden, ein Albaner wird verletzt beim ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenige Stunden zuvor hatte es im Bundestag eine sehr emotionale Aussprache über die Verbrechen der Wehrmacht gegeben. Verteidigungsminister Volker Rühe hatte die "Operation Libelle", die Evakuierung von mehr als 100 Zivilisten aus der deutschen Botschaft, beordert. In der albanischen Hauptstadt war nach dem Zusammenbruch etlicher Pyramidenspiele auch die staatliche Ordnung zerfallen.

14. April 1997. Der SPIEGEL druckt ein Titelbild, das schon damals auch in der Redaktion sehr umstritten ist: "Gefährlich fremd". Es verkündet das Ende der multikulturellen Gesellschaft. Vor allem seien es die Konflikte mit Russlanddeutschen und Türken.

"Aufgeschreckte Bürger verlangen nach Polizeischutz und verbarrikadieren sich in ihren Wohnungen", heißt es. "Die lokalen Kriegshandlungen könnten sich zu einem Flächenbrand ausweiten."

Eine Umfrage aus NRW wird zitiert. Demnach seien mehr als 40 Prozent der Bewohner der Ansicht, dass "sich die Deutschen im eigenen Land gegen die vielen Ausländer wehren müssen". Aber wer ist deutsch? Die Zugezogenen aus Kasachstan oder die Ruhrpöttler mit türkischem Opa?

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Titelbilder: SPIEGEL-Titel - die besten Cover des sechsten Jahrzehnts

Interviewt wird Hakan Durmu, ehemaliges Mitglied der Gang "36 Boys" und auf Knasturlaub. Er sagt: "Wenn ich in der Türkei aufgewachsen wäre, wäre ich heute bestimmt nicht so. Dann wäre ich ganz anders. Die zwei Kulturen, die Spannung, das hat uns total fertiggemacht."

Frage: Hatten Sie einen Spitznamen?
Durmu: Ja, Killa Hakan.

Inzwischen hat er seinen Gangnamen wieder angenommen und damit Karriere als Rapper gemacht. Er sagt: "Sie haben die Seele von Kreuzberg gefickt." Und meint die Touristen, die Drogen, die Zugezogenen.

Aus einigen "36 Boys" sind später Streetworker geworden. Aus einem, Tim Raue, ein Sternekoch mit Restaurant in Kreuzberg. Kulturübergreifende Küche. Denis Cuspert alias "Deso Dogg" tauchte plötzlich als islamistischer Prediger auf, verschwand nach Syrien und wurde auf einem Video gesehen, mit einem abgetrennten menschlichen Kopf in der Hand.

Hakan sagt: "Die deutsche Polizei ist die beste Polizei überhaupt auf der Welt. Die lassen nichts durchgehen. Wenn du da einmal gemeldet bist, hast du verloren. Du darfst nie mit ihnen in einen Konflikt kommen. Wenn die dich einmal erwischen, bist du für dein Leben gefickt."

31. Dezember 1997, Bonn. Der Bundeskanzler ahnt nichts Gutes. In seiner Neujahrsansprache sagt er: "Die Welt verändert sich weiterhin - und zwar dramatisch. Für Deutschland geht es um Aufbruch oder Abstieg." Und für ihn sowieso. Überall sind jetzt Sprechchöre zu hören: "Helmut weg! Helmut weg!" "Kanzlerdämmerung" titelt der SPIEGEL einmal mehr und präsentiert die Kronprinzen: Volker Rühe, Wolfgang Schäuble, Edmund Stoiber, Theo Waigel.

26. März 1998, Bonn. "Die Sprache gehört dem Volk", beschließt der Bundestag in einer Resolution und erklärt die neue Rechtschreibung verbindlich für Beamte, Schüler und Soldaten. Die bunte Republik gibt sich einem Kulturkampf hin, bei dem in apokalyptischem Ton um Interpunktion und Worttrennung gestritten wird. Es folgt eine orthografische Kleinstaaterei, jeder Verlag pflegt seine Hausrechtschreibung.

Heute sind die Helden des Widerstands in die innere Emigration gegangen, treiben im Netz "grammatikalische Exerzitien", verlegen Anti-Duden und haben recht. Dank der Reform sind sich heute 80 Prozent der Deutschen bei vielen Wörtern nicht mehr sicher, wie man sie schreibt. Was dank Rechtschreibprogrammen im Computer sowieso egal ist.

Manche Existenzängste der Neunzigerjahre erledigen sich auch von selbst. Anderes liest sich wie ein umgekehrtes Déjà-vu: falsche Gewehre für die Bundeswehr (1995), Islamistenanschlag in Ägypten (1997), Flüchtlinge, Populisten rechts von der CDU (1990ff), Kanzlerdämmerung (1991, 1992, 1993, 1994 ...).

15. Mai 1997, Bonn: Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar, so beschließt es der Bundestag - auf Drängen von Parlamentarierinnen aller Fraktionen. Ein Vierteljahrhundert hat dieses Reförmchen gedauert. Nun ist das eheliche Schlafzimmer keine rechtlose Zone mehr.

15. Juli 1997, Frankfurt an der Oder beziehungsweise unter der Oder. Es nähert sich der Scheitelpunkt der Flut. Das Hochwasser löst eine Solidaritätswelle aus. Wie Christo mit seiner Reichstagsverpackung schafft auch die Oder starke Bilder und lässt Ost und West, die beiden zusammengewachsenen Geschwister, auch emotional etwas zusammenrücken. Wir schaffen das. So wie Jan Ullrich.

Der streift sich in den Pyrenäen das Gelbe Trikot über. Aus dem Wasserträger im Telekom-Team wird "Il Kaiser". Jan Ullrich gewinnt die Tour de France mit 9.09 Minuten Vorsprung. Wir sind Jan. Den Titel kann uns niemand nehmen. Die Enthüllungen über sein Doping, seine Alkoholfahrten und Abstürze bleiben dem nächsten Jahrzehnt vorbehalten. In diesem Sommer ist nichts unmöglich.

16. April 1998, Leipzig. Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder hält seine Rede auf dem Parteitag der SPD. Die Neue Mitte ist da. Die Ehe mit der Journalistin Doris Köpf, Schröders vierte, hält weitaus länger als die Rede von der Neuen Mitte.

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70 Jahre: Der SPIEGEL in Zahlen

27. September 1998, Bonn, 18.46 Uhr. "So", sagt Helmut Kohl. Er sieht alt aus. Das Kinn hängt ihm schwer am Gesicht, und als sie jetzt im Konrad-Adenauer-Haus "Helmut, Helmut!" rufen, schimmert es in seinen Augen. "So", sagt der neue Altkanzler. Er klappt seine Redemappe zu, dreht sich und schaut auf dem Boden herum, als habe er etwas verloren.

Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte ist eine amtierende Regierung vollständig abgewählt worden.

10. September 1998, Quellendorf. Im Klassenzimmer der Grundschule trifft sich der Gemeinderat. Beschlossen wird die Abwahl des Bürgermeisters Norbert Lindner. Mitte Mai war er geschminkt und in Frauenkleidern zum Dienst erschienen. "Ich bin transsexuell", erklärt er dem Gemeinderat, und heiße jetzt Michaela. Sie lebt heute als Theatermanagerin in Erfurt.

Der neue FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, der Abgeordnete Klaus Wowereit, die Bundesschatzmeisterin Barbara Hendricks, Ole von Beust und ein weiterer guter Teil der späteren Bundespolitik warten noch ein wenig mit dem Coming-out.

11. Oktober 1998, Frankfurt, Paulskirche. Der Schriftsteller Martin Walser bekommt den Friedenspreis und kritisiert das einfache Moralisieren und den aufgezwungenen Meinungsdienst des Intellektuellen. Walser bezieht sich auf Jürgen Habermas, der von "Würstchenbuden vor brennenden Asylantenheimen" in Rostock-Lichtenhagen geschrieben hatte. "Die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient." Er spricht von der "Banalität des Guten" und sagt: "Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung."

13. Mai 1999, Bielefeld, Seidensticker-Halle. Ein nur mit einer Brille bekleideter Pazifist ruft: "Kriegstreiber!". Andere Grüne haben Bettlaken gegen die Parteiführung entfaltet und ganz besonders gegen ihren Minister Joschka Fischer. Es ist der Sonderparteitag der Grünen. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele verlangt ein sofortiges Ende des Kosovoeinsatzes, was er auch heute noch tut. Da wirft Samir F., ein Autonomer aus Berlin, einen Farbbeutel und trifft Fischer mit Wucht am Ohr.

DPA

Joschka Fischer nach dem Farbbeutelwurf (1999)

Er habe demonstrieren wollen, dass an Fischers Händen das "Blut des Kosovokrieges" klebe, sagt der Aktivist. Es gehe ihm um Krieg und Frieden. Allen geht es darum. "Ich war bei Miloševi ", sagt Fischer in seiner Rede. "Ich habe mit ihm zweieinhalb Stunden diskutiert, ich habe ihn angefleht, drauf zu verzichten, dass die Gewalt eingesetzt wird im Kosovo."

Der kunstblutbefleckte Anzug Fischers liegt heute im Bonner Haus der Geschichte. Der Beutelwerfer hat sein Outfit gewechselt, nicht aber die Weltanschauung, und kämpft als Samira F. gegen Berliner Baulöwen.

20. Juli 1999, Stuttgart. Angela Merkel beklagt das "antiquierte Rollenbild", mit der Frau zu Hause und dem Ehemann im Büro. "Dieses Bild müssen wir aufheben", und sie wird dafür ihren Beitrag leisten.

Gegen Ende des Jahrzehnts ist schon eine neue Unruhe zu spüren. Die Schönwetterzeiten sind vorbei. Hinter der Jahrtausendwende liegt unkartografiertes Terrain, es müssen neue Gleise gelegt werden. Das Personal steht in den Startlöchern. Merkel, die mit einer Art offenem Brief in der "FAZ" im Dezember 1999 den Abschied von Helmut Kohl einleitet, wird dann im April 2000 zur CDU-Vorsitzenden gewählt werden. Wladimir Putin hat kurz zuvor in Russland sein Amt als Präsident angetreten, George W. Bush in den USA. Von anderen heute erfolgreichen Populisten ist noch nichts zu sehen.

3. August 1999, Brandenburg. Das Oberlandesgericht stellt Rechtswidrigkeiten bei der Auftragserteilung für den Berliner Flughafen fest. Die Eröffnung für 2007 ist gefährdet.

11. August 1999, 12.30 Uhr. Eine totale Sonnenfinsternis legt sich über den Süden des Landes, der Himmel verdunkelt sich. Die Rechtschreibreform ist wenige Tage zuvor in Kraft getreten. Ihr Kernschatten trifft alle Klassenzimmer.

12. Oktober 1999, Sarajevo, Kosevo-Krankenhaus, 00.01 Uhr. Der Säugling Adnan Mevi wird zur Nummer 6000000000 in der Uno-Zählung der Erdenbürger ernannt. Generalsekretär Kofi Annan gratuliert persönlich. Adnans Eltern sind heute arbeitslos. Bei der siebten Milliarde, 2012, gab es keinen Besuch des Uno-Generalsekretärs mehr. Es reicht. Steffi Graf und Boris Becker beenden in diesem Jahr ihre Karriere als Tennisprofis. Der Schlagersänger Rex Gildo stürzt sich aus dem Fenster in den Tod. Zeit für einen Neuanfang.

29. November 1999, Berlin, "Bar jeder Vernunft". Als fünf Popliteraten in Wilmersdorf zur Lesung antreten, fühlt sich der SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder wie beim Teenie-Konzert: Er spürt einen "Hauch von Backstreet Boys" in der vollgequalmten Luft, spottet über die "parfümierten Popschnösel" und nennt sie "faselnde Fünf".

Das Jahrzehnt faselt langsam aus. Und dann wird's ernst.

Mit dem SPIEGEL durch die Jahrzehnte

insgesamt 5 Beiträge
Edgard L. Fuß 18.02.2017
1. 15. Mai 1997, Bonn: Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar, ...
.... so beschließt es der Bundestag - auf Drängen von Parlamentarierinnen aller Fraktionen. Doch nicht alle finden das gut. Gegen dieses Gesetz stimmen vor allem die christlich-konservativen Hardliner, unter ihnen eine [...]
.... so beschließt es der Bundestag - auf Drängen von Parlamentarierinnen aller Fraktionen. Doch nicht alle finden das gut. Gegen dieses Gesetz stimmen vor allem die christlich-konservativen Hardliner, unter ihnen eine Parlamentarierin die sich Jahre später vehement für ein Kopftuchverbot einsetzen wird - zum "Schutz der Würde der Frau". Sie stimmt auch gegen das Ende des Abtreibungsverbots. Ihr Name: Erika Steinbach...
Sebastian Gauswadl 18.02.2017
2. Straffreie Vergewaltiger
"in Deutschland der Hass derer, die sie nicht wollen, die bunte Republik." Das Nichtwollen einer anderen -verfassungswidrigen- Republik als Hass zu bezeichnen, ist wie die Beschwerde eines Vergewaltigers bei der [...]
"in Deutschland der Hass derer, die sie nicht wollen, die bunte Republik." Das Nichtwollen einer anderen -verfassungswidrigen- Republik als Hass zu bezeichnen, ist wie die Beschwerde eines Vergewaltigers bei der Polizei, dass die Frau sich nicht vergewaltigen lassen wollte.
Edgard L. Fuß 19.02.2017
3. Hass und Dummheit liegen meist dicht beieinander...
... wie man an "Das Nichtwollen einer anderen -verfassungswidrigen- Republik" gut erkennen kann. Warum diese Bundesrepublik "verfassungswidrig" sein soll wird uns Herr Gauswadl aber bestimmt noch schlüssig [...]
... wie man an "Das Nichtwollen einer anderen -verfassungswidrigen- Republik" gut erkennen kann. Warum diese Bundesrepublik "verfassungswidrig" sein soll wird uns Herr Gauswadl aber bestimmt noch schlüssig erklären.
Karl-Werner Bluhm 20.02.2017
4. Hass und Dummheit
Hass und Dummheit sind Geschwister im Geiste. Die deutsche Sprache unterscheidet aber auch noch zwischen Hass und Dagegensein. Nicht alles was die "bunte" Republik ausmacht findet meine Zustimmung - ich bin schlicht [...]
Hass und Dummheit sind Geschwister im Geiste. Die deutsche Sprache unterscheidet aber auch noch zwischen Hass und Dagegensein. Nicht alles was die "bunte" Republik ausmacht findet meine Zustimmung - ich bin schlicht dagegen - aber ich hasse das nicht.
Peter Thomsen 20.02.2017
5. Zahlenakrobatik
Fängt der SPIEGEL eine Aufzählung mit der Zahl null an? So macht er es jedenfalls bei den Jahrzehnten. Ich fange immer mit eins an. Ein Jahrzehnt müsste also beispielsweise mit 1991 anfangen und logischerweise mit 2000 [...]
Fängt der SPIEGEL eine Aufzählung mit der Zahl null an? So macht er es jedenfalls bei den Jahrzehnten. Ich fange immer mit eins an. Ein Jahrzehnt müsste also beispielsweise mit 1991 anfangen und logischerweise mit 2000 aufhören. Das ist eine merkwürdige Zahlenakrobatik, was der SPIEGEL betreibt! Peter Thomsen, Hamburg

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